"Den wachsamen Blick auf die Natur gerichtet,
erkannte ich Wesen und Ende der Einheit.
Ich sah im Erze das goldene Licht,
ich erfasste den Stoff und entdeckte den Keim".
(Saint-Germain)

Manche Dinge mag man schon deshalb nicht anfassen, weil sie durch so viele Hände gegangen sind; andere, weil die Hände sie so zerknüllt und bekleckert haben. So ist es mit dem Thema "Der Graf von Saint-Germain", ist er doch nicht nur unter die Theosophen, sondern auch unter ihre spekulativen Nachfolger, die New Age- Anhänger, gefallen. Heute findet man im Internet "gechannelte" Briefe von Saint-Germain, in denen er in Trance oder Hypnose befindlichen Jüngern des Wassermannzeitalters angeblich dermaßen grobe und platte Friedensbotschaften zukommen lässt, dass die Allgemeinplätze auch des geistlosesten Politikers unserer Tage dadurch übertroffen werden.
Auch Peter Krassa, Autor des neuesten Buchs über Saint-Germain, katapultiert sich mit seinen belanglosen Spekulationen über einen angeblichen "Zeitreisenden" zunächst aus dem Kreis derer, denen man einen Hauch seriöser Recherche zutrauen möchte. Offensichtlich biedert sich Peter Krassa damit eben bei den New-Age-Jüngern, Erich-von-Däniken-Anhängern, Ufologen und selbsternannten Okkultisten an und versucht mit dem Thema Kasse zu machen.
Dennoch entsteht zwischen den Spekulationen, den Missverständnissen und dem "esoterischen" Gestammel Peter Krassas etwas wie eine Spur des Grafen; an manchen Stellen tritt er aus dem Dickicht hervor und wird in seinen Intentionen, seinem Humor und in seiner Größe plastisch. Und an manchen Stellen bringt Krassa neues Material, das wichtig, ja unersetzlich zum Verständnis wird. Für die Mystifikationen des Grafen kann Krassa nichts; dazu hat der Graf schließlich schon selbst, wenn auch oft ironisch, beigetragen. Man kennt ja bis heute seinen Namen nicht mit Sicherheit; lediglich eine ganze Reihe von angenommenen, oft sinnbildlichen Namen und eine Reihe von Doppelgängern, die zum Teil bewusst eingesetzt worden sind, um Saint-Germain zu kompromittieren. Im folgenden möchte ich versuchen, durch das spekulative Dickicht eine halbwegs gangbare Schneise zu schlagen, um den Intentionen des Grafen von Saint-Germain und seinen geistigen Hintergründen ein Stück näher zu kommen.
"Man sagt, dass das Geheimnis des Friedens nur von einem gewissen
Herrn von Saint-Germain gekannt werde" (Voltaire)
Saint-Germain wurde –
wahrscheinlich - 1698 als ältester Sohn des
ungarischen Fürsten Franz N. Rakoczy als Leopold
Georg Rakoczy in Siebenbürgen geboren. Mit 33
Jahren erschien er am Hofe Ludwigs XV, wo er
diesen und dessen Mätresse Madame Pompadour mit
alchemistischen und chemischen Kenntnissen, vor
allem aber mit der Herstellung synthetischer
beeindruckte und bald zu einem unersetzlichen
politischen Ratgeber und Diplomaten wurde. Er
beteiligte sich angeblich an der Planung des
Suez-Kanals und war Abgesandter des Königs bei
Freimaurerkongressen.
Er war zeit seines Lebens hoch geachtetes Mitglied zahlreicher Freimaurervereinigungen und hat dort anscheinend großen politischen Einfluss im Sinne einer Liberalisierung und der Überwindung autokratischer Herrschaftssysteme ausgeübt.
Ab 1737 lebte er anscheinend als Gast des Schahs in Persien und wirkte auch hier als Ratgeber und Alchimist. Seine Reisen führten ihn bis nach China und Indien, wo er unter wechselnden Pseudonymen wirkte. Er war französischer Geheimdiplomat und beriet Elisabeth I bei deren Staatsstreich, in dessen Verlauf sie in St. Petersburg zur Zarin wurde. Auch hier hatte er weitreichenden Einfluss, vordergründig als persönlicher Arzt der Zarin, aber auch als politische graue Eminenz. Seine ärztlichen Fähigkeiten gingen so weit, dass er sie, aber auch Ludwig XV. vor Giftanschlägen schützen konnte. 1744 rettete er Ludwig anscheinend sogar das Leben.
In diesem Jahr wurde er auf einer diplomatischen Mission in England verhaftet. Hier lernte er Prinz Ferdinand von Lobkowitz kennen, der ihn für zwei Jahre nach Wien einlud. Er war hier Mittelpunkt diverser esoterischer Kreise, in denen er wie auf dem politischen Parkett "witzig und hochbegabt" brillierte.
1747 verhandelte er im Auftrag der Kaiserin Maria Theresia erfolgreich mit dem Herzog von Cumberland, um die kriegerischen Auseinandersetzungen zu beenden. Weitere Friedensverhandlungen folgten. 1749 wurde er Groß-Hospitalit des Malteser-Ordens. Nach weiteren Missionen und einer erneuten Zeit als populärer Alchimist am Hofe Ludwigs XV. nahm er Kontakt zu König Friedrich II von Preußen auf, der ihn wohl einlud, aber auf Distanz hielt.
1760 verhandelte er als Unterhändler im Krieg zwischen England und Frankreich. Aufgrund einer massiven Intrige durch Herzog de Choiseul wurde er fast verhaftet. Aber er konnte sich durch Flucht nach England entziehen. In London brillierte er als Violinvirtuose. Seine zahllosen Ortswechsel und Pseudonyme erschweren aber eindeutige Zuordnungen. Er soll ab 1762 beim Sturz des russischen Zaren Peter III mitgewirkt haben und wurde daraufhin von Katharina der Großen zum General ernannt.
Ab 1765 reiste er wahrscheinlich erneut nach Indien und durch den fernen Osten. Nach seiner Rückkehr 1773 beschäftigte er sich bis an sein Lebensende mit der Veredelung von Textilien und mit Farbstoffen.
In seiner letzten – und einflussreichsten - französischen Zeit warnte er ab 1774 den Hof, insbesondere Ludwig XVI. und Marie Antoinette vor der kommenden "Verschwörung", die ihnen den Tod bringen würde. Der König ignorierte seine Warnungen, was Marie Antoinette vor ihrem Tod 1788 in ihren Tagebüchern sehr bereute. Unter dem Anagramm Tzarogy (nach "Rakoczy") lebte er am Hof von Ansbach in Deutschland, pflegte seine politischen, aber auch freimaurerischen, rosenkreuzerischen und alchemistischen Kontakte. Er experimentierte von nun an, je mehr er sich aus der aktiven Diplomatie zurückzog, in immer intensiverer Weise, unterstützt von guten Freunden wie dem Landgrafen Karl von Hessen-Kassel. In dessen Haus verstarb er am 27. 2. 1784 in Eckernförde.
Rätsel gab er allerdings selbst bei seinem Ableben auf, da der Leichnam bei einer baldigen Obduktion nicht mehr auffindbar war - und da er angeblich ein Jahr später bei verschiedenen Gelegenheiten wieder gesehen worden sein soll.