Warum die Menschen die Rosen lieben

Aus Rudolf Steiner: Mysteriengestaltungen. Vortrag vom 25. November 1923
Neue Rechtschreibung, Zwischenüberschriften und Kursivsetzungen durch ME




Im Schlaf übergibt der Mensch seine Erinnerungen an die Natur

Aber dabei stellt sich noch ein anderes ein. Dasjenige, was da als Erinnerungen figuriert vom Einschlafen bis zum Aufwachen, was also den hauptsächlichsten Inhalt des menschlichen astralischen Seelenlebens ausmacht, das vereinigt sich während des Schlafes mit den Kräften, die hinter den Naturerscheinungen sind. So dass man sagen kann: Das alles, was da als astralischer Leib in den Erinnerungen lebt, geht eine Verbindung ein mit den Kräften, die hinter den Mineralien, eigentlich im Innern der Mineralien, im Innern der Pflanzen, hinter den Wolkenerscheinungen und so weiter sind.

Wer diese Tatsache durchschaut, für den ist es eigentlich, ich möchte sagen entsetzlich, wenn nun die Leute kommen und sagen: Hinter den Naturerscheinungen sind materielle Atome. ja, mit diesen materiellen Atomen vereinigen sich unsere Erinnerungen während des Schlafes nicht; aber mit dem, was wirklich hinter den Naturerscheinungen ist, mit den geistig wirksamen Kräften, vereinigen sich unsere Erinnerungen während des Schlafens; da drinnen ruhen unsere Erinnerungen während des Schlafens.

So dass wir wirklich sagen können: Unsere Seele taucht unter ins Innere der Natur mit ihren Erinnerungen während des Schlafens. Und Sie sagen nichts Unwahres, nichts Unwirkliches, meine lieben Freunde, wenn Sie folgendes aussprechen, wenn Sie aussprechen: Wenn ich einschlafe, da übergebe ich meine Erinnerungen den Mächten, die im Kristall, die in den Pflanzen, die in allen Naturerscheinungen geistig walten.


Warum die Menschen die Rosen lieben..

Ja, Sie können einen Spaziergang machen, am Wegesrand sehen die gelben Blüten, die blauen Blüten, das grüne Gras, die glänzende versprechende Ähre, und Sie sagen: Indem ich so während des Tages an euch vorübergehe, sehe ich euch von außen; in euer eigenes geistiges Innere werde ich versenken, während ich schlafe, meine Erinnerungen. Ihr nehmt auf dasjenige, was ich während des Lebens aus meinen Erlebnissen heraus in Erinnerungen umgewandelt habe, ihr nehmt auf diese Erinnerungen, wenn ich schlafe. Und es ist vielleicht doch das schönste Naturgefühl, zum Rosenstrauch nicht nur ein äußerliches Verhältnis zu haben, sondern sich zu sagen: Ich liebe den Rosenstrauch besonders aus dem Grunde, weil der Rosenstrauch die Eigentümlichkeit hat - Räumliches spielt ja dabei keine Rolle, die Rose mag noch so weit entfernt sein, wir finden schon im Schlafe unseren Weg zu ihr -, weil der Rosenstrauch die besondere Eigentümlichkeit hat, gerade unsere ersten Kindheitserinnerungen aufzunehmen. Die Menschen lieben die Rose aus dem Grunde - sie wissen es nur nicht - weil die Rosen die allerersten Kindheitserinnerungen aufnehmen.


..und die Disteln hassen

Mit uns waren, während wir Kind waren, andere Menschen liebevoll; sie haben uns oftmals zum Lächeln gebracht. Das haben wir vergessen. Aber wir tragen es in unserer Gemütsstimmung in uns. Und der Rosenstrauch nimmt die Erinnerung, die wir selber vergessen haben, während des nächtlichen Schlafes in sein eigenes Inneres auf Der Mensch ist eben mehr als er glaubt mit der natürlichen Außenwelt, das heißt mit dem Geist, der in der natürlichen Außenwelt waltet, verbunden. Und dieses Erinnern an die ersten Kindheitsjahre, das ist besonders noch dadurch höchst merkwürdig mit Bezug auf das menschliche Schlafen, weil aus den ersten Kindheitsjahren und aus den Jahren bis zum Zahnwechsel hin, bis zum siebenten Lebensjahr ungefähr, eigentlich während des Schlafes nur das Seelische aufgenommen wird. Wir haben wirklich das in uns als Menschen, dass das Geistige, das Innere der Natur von unserer Kindheit im Grunde gerade das Seelische aufnimmt. Es gilt natürlich auch anderes: jenes Seelische, das wir entwickelt haben während der ersten Kindheit, indem wir zum Beispiel grausam waren, das steckt auch in uns; das nimmt aber die Distel auf. Natürlich ist das alles vergleichsweise gesprochen. Aber es deutet auf eine bedeutsame Realität durchaus hin. Was vom Kinde nicht in das Innere der Natur aufgenommen wird, das wird uns gleich aus folgendem hervorgehen.


Der Mensch stößt sein Materielles aus

Sehen Sie, in den ersten sieben Lebensjahren ist eigentlich alles Körperliche vererbt. Die ersten Zähne sind ja durchaus vererbte Zähne, weil überhaupt alles Materielle, das wir in uns tragen in den ersten sieben Lebensjahren, im wesentlichen Vererbtes ist. Aber nach ungefähr sieben Lebensjahren wird ja die ganze materielle Substanz ausgestoßen, fällt ab, wird neu gebildet. Der Mensch bleibt als Form, als Geistgestalt. Sein Materielles stößt er jeweils aus; nach sieben ist acht Jahren ist alles weg, was vor sieben bis acht Jahren da war. Und so ist es, dass, wenn wir neun Jahre alt geworden sind, wir unseren ganzen Menschen erneuert haben. Wir bilden dann unseren Menschen nach den äußeren Eindrücken.

Und in der Tat, es ist sehr wichtig, gerade für das Kind in den ersten Lebensepochen, dass es in die Lage kommt, seinen neuen Körper, jetzt nicht den vererbten Körper, sondern den aus dem Innern heraus gebildeten Körper, nach guten Eindrücken der Umgebung, nach einer guten Anpassung bilden zu können. Während der Körper, den das Kind hat, wenn es zur Welt kommt, davon abhängt, ob ihm die vererbten Impulse in guter oder weniger guter Weise mitgegeben werden, hängt der spätere Körper, den es an sich trägt vom siebenten bis vierzehnten Lebensjahr, ganz stark von den Eindrücken ab, die das Kind aus seiner Umgebung aufnimmt. jeweils nach sieben Jahren bilden wir unseren Körper neu.


In manchem Gesicht kann man die ganze Biografie lesen

Ja, aber sehen Sie, das ist das Ich, das da bildet. Wenn auch das Ich noch nicht einmal für die Außenwelt geboren ist beim Kinde mit dem siebenten Jahre - es wird ja erst später geboren -, so wirkt es dennoch, denn es ist natürlich verbunden mit dem Körper, und es ist das Ich, das da bildet. Und es bildet dasjenige, wovon ich gesprochen habe; es bildet das, was dann als Physiognomie und als Geste, als die äußere materielle Offenbarung des Seelisch-Geistigen beim Menschen herauskommt. Es ist ja überhaupt so, dass derjenige Mensch, der regsamen Anteil an der Welt hat, der sich für vieles interessiert, und dieses, woran e regsamen Anteil hat, innerlich auch regsam verarbeitet, dass ein solcher Mensch in seinem äußeren Gesichtsausdrucke, in seinen Gesten materiell wieder das offenbart, was er da mit Interesse aufnimmt, was er mit Interesse innerlich verarbeitet. Bei dem Menschen, der regsamstes Interesse an der Außenwelt hat, der regsam dieses Interesse an der Außenwelt innerlich verarbeitet, bei dem wird man an jeder Runzel im Gesichte im späteren Lebensalter sehen, wie er sich diese selbst geformt hat, und man wird viel lesen können, weil das Ich in der Geste, in der Physiognomie, im Ausdruck zum Vorscheine kommt. Bei einem Menschen, der blasiert oder interessenlos an der Außenwelt vorbeigeht, bei dem bleibt das ganze Leben hindurch das Gesicht mit demselben Ausdruck. Es prägen sich nicht die feineren Erlebnisse in Physiognomie und Geste ein. In manchem Gesichte kann man eine ganze Biographie lesen; in manchem kann man nicht viel mehr lesen, als dass der Mensch einmal Kind gewesen ist, was ja nichts besonderes ist.

Das bedeutet aber außerordentlich viel, dass der Mensch also durch den Austausch des Materiellen nach jeweils sieben bis acht Jahren aus seiner Form heraus sein Aussehen erarbeitet. Das bedeutet sehr viel, dieses Arbeiten des Menschen an seinem Äußeren, an Physiognomie und Geste; das ist wiederum etwas, was der Mensch im Schlafe hineinträgt ins Innere der Natur.


Geste und Physiognomie des Menschen verbinden sich mit der Natur

Und wiederum, wenn man mit imaginativem Hellsehen hinschaut auf den Menschen und nun das Ich betrachtet, wie es draußen schlafend ist, so ist dieses Ich eigentlich bestehend aus Physiognomie und Geste. Es ist daher gerade bei denjenigen Menschen, die viel von ihrem Inneren in ihren Gesichtsausdruck oder in ihre Geste zu legen vermögen, ein glänzendes, ein strahlendes Ich da. Und- dieses Erarbeiten der Geste, der Physiognomie verbindet sich wiederum mit gewissen Kräften im Innern der Natur. Und es ist schon so: wenn wir in der Lage waren, oftmals im Leben freundlich zu sein, liebenswürdig zu sein, dann ist die Natur geneigt, sobald das Liebenswürdigsein Gesichtsausdruck geworden ist, dies während unseres Schlafes in ihr Wesenhaftes aufzunehmen. Unsere Erinnerungen nimmt sie auf in ihre Kräfte, unsere Gestenbildung nimmt sie auf in ihr Wesenhaftes, in die Naturwesen selber. So innig ist der Mensch im Zusammenhange mit der äußeren Natur, dass es für die äußere Natur eine ungeheure Bedeutung hat, was er in seinem Innern seelisch als Erinnerungen erlebt, wie er sein inneres Seelisches in Geste, in Physiognomie zum Ausdrucke bringt. Denn das lebt im Innern der Natur weiter.

Sehen Sie, ich habe im Abstrakten oftmals angeführt den Goetheschen Spruch, der eigentlich eine Kritik eines Spruches von Haller ist. Haller hat das Wort geprägt: Ins Innere der Natur dringt kein erschaffener Geist. Glückselig, wem sie nur die äußere Schale weist. Goethe sagt darauf:

O du Philister ! Ort für Ort sind wir im Innern.
Nichts ist drinnen, nichts ist draußen;
was drinnen ist, ist draußen,
was draußen ist, ist drinnen –

meint Goethe. Dich frage nur zu allermeist, ob du selbst Kern oder Schale seiest. Goethe sagt, er höre diesen Ausdruck an die sechzig Jahre und fluche darauf, aber verstohlen, weil Goethe fühlte - er kannte natürlich noch nicht Geisteswissenschaft -, aber er fühlte: Wenn da irgendeiner sagt, den er nur als einen Philister anschauen konnte: « Ins Innere der Natur ... Dringt kein erschaffner Geist », so weiß der eben nichts davon, dass der Mensch, einfach indem er ein Erinnerungswesen und ein Gesten- und Physiognomiewesen ist, fortwährend ins Innere der Natur eindringt. Wir sind nicht Wesenheiten, die nur am Tore der Natur stehen und vergebens anklopfen.

Gerade durch dasjenige, was Innerstes ist in uns, stehen wir mit dem Inneren der Natur auch in innigster Beziehung. Weil aber das Kind bis zum siebenten Jahre einen ganz vererbten Körper hat, so geht nichts von dem Ich, von Geste und Physiognomie, ins Innere der Natur über. Wir beginnen erst mit dem Zahnwechsel ins Wesenhafte der Natur einzudringen. Daher werden wir auch erst nach dem Zahnwechsel reif, nach und nach über irgend etwas in der Natur nachzudenken. Vorher sind es Willkürgedanken, die im Kinde aufsteigen, die nicht viel mit der Natur zu tun haben, die reizvoll gerade dadurch sind, dass sie nicht viel mit der Natur zu tun haben. Wir kommen am besten an das Kind heran, wenn wir neben dem Kinde dichten, wenn wir die Sterne zu Augen des Himmels machen und so weiter, wenn die Dinge, die wir mit dem Kinde besprechen, möglichst weit von der äußeren physischen Wirklichkeit entfernt sind.