Am Menschen erwachen

garvelmann
Wie dieser Film entstanden ist.


Rudolf Steiner, der Begründer der anthroposophischen Geisteswissenschaft, hat im Juni/Juli 1924, ein knappes Jahr vor seinem Tode, den „Heilpädagogischen Kurs“ gehalten – auf Bitten einiger weniger Menschen, die sich die Hilfe für geistig-seelisch behinderte Kinder zur Aufgabe machen wollten. Damit war für die Heilpädagogik ein Entwicklungsimpuls gegeben worden ähnlich weiteren wissenschaftlich-kulturellen Anstössen, die inzwischen zu fruchtbaren Erneuerungsbewegungen geworden sind – man denke etwa an die biologisch-dynamische Landwirtschaft, die Waldorf-pädagogik, die anthroposophische Medizin und grundlegende neue Ideen für verschiedene Kunstrichtungen und zur Gestaltung des sozialen Organismus. Heute gibt es in Deutschland etwa 165 und weltweit etwa 630 in diesem Sinne arbeitende heilpädagogische Einrichtungen, als der Film geplant wurde, waren es etwa 55 in Deutschland und ca. 200 in der Welt.

Um 1970 herum entstand in der Dachorganisation, die die damaligen Heime zusammenschloss, das Bedürfnis, nach 50 Jahren einer mehrideell- internen praktischen Aufbauarbeit die Öffentlichkeit mit den Möglichkeiten und mit dem bisher Erreichten bekannt zu machen. Es wurde eine Wanderausstellung geplant mit einer Fotodokumen-tation, mit Vorträgen von Lehrern und Darbietungen von Betreuten und von Schülerarbeiten unter der Mitwirkung der nahe liegenden Institute, mit Tagen der offenen Tür usw. Gern hätte man einen Film mitlaufen lassen, aber nachdem die professionellen Kostenvor-anschläge auf dem Tisch lagen, war nur noch ein Verzicht möglich.

Da gab es dann den kecken Einwurf: „Das kann man doch billiger haben“. Dabei hatte „man“ allerdings nur an die Sachkosten gedacht und nicht daran, dass dann eine und zeitweise auch zwei Heimge-meinschaften dieses Projekt mittragen mussten, weil es doch einen sehr totalen Einsatz fordern würde. Aber das hat sich dann erst später gezeigt. - Nachdem sich der Dachverband dann von evtl. Folge-kosten freigestellt sah, hat er also praktisch risikolos dieser „Privatinitiative“ den Segen erteilt, und das Heil- und Erziehungs-institut Hohenfried in Bayerisch-Gmein – in landschaftlich herrlichster Lage gelegen – fand sich bereit, die Aufnahmen bei sich machen zu lassen.


Wie nun also praktisch vorgehen? Es lagen nur Erfahrungen aus dem 8 mm Amateurbereich vor – die heute selbstverständliche digitale Aufnahmetechnik, die Bild und Ton von Beginn an vereint, war erst ganz neu entwickelt worden und erforderte einen enormen apparativen Aufwand teuerster Technik, sodass nur, wenn man einigermassen professionell vorgehen wollte, der 16 mm Film und eine getrennte Tonaufnahme auf Band möglich war.

Es gelang, eine einigermassen preiswerte gebrauchte 16-mm-Kamera aufzutreiben, die dann allerdings nochmal repariert werden musste, und es musste eine sündhaft teure Vario-Optik angeschafft werden – Gummilinse hiess das damals und war die neueste Entwicklung auf dem Filmsektor, dazu ein bombenfestes und entsprechend schweres Stativ, Elektroantrieb, Filmmagazin für 200 Meter, mehrere 500 Watt-Lampen mit Stativ, Belichtungsmesser usw. usw. Und es musste eine ganze Heimgemeinschaft lernen, Schul- und Therapiestun-den und sogar seelenintime Vorgänge im Lichte mehrerer 500-Watt-Lampen zu verrichten. Dass das praktisch ohne Missklänge gelang, dass stille, bewegende Bilder zustande kamen, erscheint heute noch als eine Art Wunder. - Schliesslich war über die Hälfte des Filmmaterials verwendbar.


Ein festes Drehbuch gab es nicht, nur den Grundgedanken, den Tageslauf eines Kindes zu begleiten. Dazu viel Material sammeln und in mehreren Aufnahmeterminen – jeweils unterwegs vom Bodensee bis fast nach Salzburg - das Nicht-Gelungene nachzuarbeiten bzw. zu wiederholen und weitere Ideen zu sammeln und aufzunehmen. - Aus dem vorhandenen Material, scenengerecht geschnitten anhand einer Schwarz-weiss-Arbeitskopie, wurde dann ein Sozusagen-Drehbuch entwickelt und der Informationstext geformt – auch nicht ganz einfach, denn wie berichte ich z.B. Wesentliches über Rudolf Steiner, wenn gerade 35 Sekunden Steinerportraits zur Verügung stehen? Kurz und gut: Schnitt und Vertonung haben etwa ein Jahr inten-siver Arbeit gefordert. Wie, wenn der neue Tonprojektor und das Tonband nicht ganz synchron laufen?? Gern sei wenigstens einiger Hilfen gedacht:
Unser Oberstufenschüler Ralf Wettstein hat fleissig Stative geschleppt, Heilpädagoge Hans Hasler hat die Leiermusik beigetragen, der Schauspieler Hans Günther Müller, damals in Bern, hat den Text gesprochen.


Als dann der Film, noch ohne Ton, den heilpädagogischen Kollegen präsentiert wurde, fand er lebhaften Beifall und durfte die Wanderausstellung begleiten. - Dass jetzt, nach so langen Jahren, der Mut gefunden wurde, ihn als DVD heraus zubringen, danken wir dem lebhaften Interesse von Ruth Bamberg, die auch für den letzten technischen und Lay-out-Feinschliff gesorgt hat.


Wolfgang Garvelmann, im Mai 2007, Gaienhofen-Horn

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