Ingrid Haselberger: Von Angesicht zu Angesicht
Eigentlich hatte ich vor, die Gedanken Georg Kühlewinds zum ersten Brief des Paulus an die Korinther in meinen eigenen Worten zusammenzufassen.
Doch ich habe mich dagegen entschieden. Denn ich möchte allen, die hier mitlesen, nicht nur die Möglichkeit geben, die hier entwickelten Gedanken in logischer Folge nachzuvollziehen, sondern auch die „Melodie“ wahrzunehmen, die in der Art liegt, wie Georg Kühlewind zu seinen Seminarteilnehmern spricht.
Ich zitiere also aus dem einleitenden Vortrag des Seminars „Kunst und Erkennen“, das Georg Kühlewind vom 9.-12.September 2005 in Baruth gehalten hat:
„Sehr verehrte Anwesende,
seit vielen Jahren – ich kann gar nicht sagen, wie vielen – befassen wir uns hier in einer kleinen Gruppe mit der Frage „Kunst und Erkennen“. Ich glaube, wenn wir noch so langlebig wären, könnten wir dieses Thema nie abschließen, weil es Tiefe hat.
[…]
Also ganz kurz gesagt: Unser Alltagsbewusstsein hat zwei Charakteristiken, wenn man darauf schaut. Und das ist auch sehr merkwürdig, dass wir das können. Wir können darauf, wie unser Bewusstsein arbeitet, einen Blick haben. Das ist eine sehr interessante Sache. Denn: Was für ein Bewusstsein ist das dann, das charakterisieren kann, wie das Alltagsbewusstsein arbeitet? Diese Frage lassen wir jetzt offen. Jedenfalls kann man auf das Bewusstsein blicken, und wenn wir das tun, können wir feststellen, dieses Alltagsbewusstsein hat zwei Charakteristika: Es ist dualistisch, und es ist diskontinuierlich.
Konfrontiert mit der Welt oder mit der eigenen Vorstellung?
Dualistisch heißt, wir leben in der Überzeugung, dass ich hier bin, und die Welt ist dort. Sorgfältig voneinander getrennt. Das ist auch die Sichtweise der Naturwissenschaft. Und es ist auch ein Erfordernis der Wissenschaft, dass die Objekte, mit denen sich die Wissenschaft beschäftigt, unabhängig sein sollen von mir als Betrachter; also von meiner privaten Sympathie und Antipathie absolut unberührt.
[…]
Stückwerk: Diskontinuierliches Erkennen
Und das andere ist, dass dieses Bewusstsein diskontinuierlich ist. Das kann man daran sehen, dass wir vereinzelte Dinge wahrnehmen und den Zusammenhang zwischen diesen Dingen nicht durch unsere Sinneswahrnehmung erfahren, sondern durch das Denken. Das Denken konstruiert auch in der Wissenschaft Zusammenhänge zwischen Dingen, die nur ganz unabhängig voneinander erscheinen. Zum Beispiel: ich sehe jetzt diesen Schirm, diesen weißen Sonnenschirm, und daneben sind Stühle. Dass die irgendwie zusammenhängen könnten, das sehe ich nicht. Wenn ich nachdenke, ja dann sage ich schon, jemand hat das Arrangement gemacht, deshalb stehen sie jetzt so, wie sie stehen. Aber das sehe ich nicht. Das muss ich mit dem Denken ergänzen, und das heißt diskontinuierlich.
[…]
Keine Erfahrung ohne Aufmerksamkeit
Diskontinuierlich denken wir von Begriff zu Begriff. Denken ist ein Geschenk. Wir nennen das hier überbewusst. Das Denken bleibt überbewusst. Ebenso ist es mit dem Riechen; das Hören erleben wir nicht, das Gehörte erleben wir. Wobei es sozusagen Nuancen gibt, je nach Sinnesbereich, wie weit wir den Prozess auch noch am Rande des Bewusstseins erleben. Das sind Geschenke.
Das zentrale Geschenk heißt Aufmerksamkeit. Und Sie wissen alle: Ohne Aufmerksamkeit haben wir keine Erfahrungen. Keine einzige Erfahrung.
[…]
Die Aufmerksamkeit ist also die zentrale Fähigkeit. Und das ist ein Geschenk. Wenn ich «Geschenk» sage, dann spreche ich in einer religiösen Sprache. Wenn ich in der Sprache der Psychologie spreche, dann sage ich «überbewusst». Nicht bewusst. Das Bewusstsein kommt aus diesen überbewussten Geschenken. Und wenn das Denken im Bewusstsein des Menschen so richtig entsteht, dann denken wir von Begriff zu Begriff, also diskontinuierlich. Bei jedem Begriff haben wir ein Stoppzeichen, und wir halten dieses Stoppzeichen auch ein. Das ist charakteristisch für das Alltagsbcwusstsein. Und diese Geschenke, die werden im Alltagsbewusstsein so diskontinuierlich.
Von Angesicht zu Angesicht: Die Zukunftsvision des Erkennens
Ich möchte verständlich machen, warum das so ist. Das kann man bei dem heiligen Paulus ganz gründlich lesen. Lassen Sie mich damit ein bisschen mich beschäftigen. Das ist das berühmte 13. Kapitel des I.. Korintherbriefes. Es fängt an: Wenn ich mit Menschen- und mit Engel-Zungen redete und hätte der Liebe nicht…
Ja, so fängt es an. Der 8. Vers heißt: Die Liebe höret nimmer auf, so doch die Weissagungen aufhören werden und die Sprachen aufhören werden und das Erkenntnis aufhören wird. Das ist schon eine sehr merkwürdige Sache. Die Weissagungen, na gut, die können wir entbehren; aber dass die Sprachen aufhören werden und das Erkennen aufhören wird, das ist schon auffällig. Was ist da gemeint?
Da ist etwas gemeint, was bessere Ethnologen etwa Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckt haben, nämlich dass archaisch lebende Völker nicht in der dualistischen Welt, im dualistischen Weltbild leben. Sie empfinden nicht: Ich bin hier, und dort ist die Welt, sondern sie erleben das Ich oder Mich in Einheit mit der Welt. So ist es auch beim ganz kleinen Kind. Das sagt auch nicht: Ich bin hier, und dort ist die Welt. Es kann so etwas gar nicht sagen, sondern es ist eine Einheit da. Und wenn die Einheit da ist, dann hört das Erkennen auf, weil dieses Erkennen — das wir Erkennen nennen und das auch Paulus so nennt — heißt: Ich bin hier, und dort ist die Welt, und damit ich die Welt erkenne, muss ich etwas tun. Es ist nicht gegeben. Ich bin nicht eins. Sehr klar gesagt.
Und mit der Sprache: ja, wenn man mit der Welt eins ist, heißt es nicht: die anderen Menschen; denn die gehören auch zur Welt. Aber ich, jetzt: Ich muss zu Ihnen sprechen. Ich muss die deutsche Sprache verwenden, damit ich mitteilen kann, was ich sagen will. Es gibt auch heute Menschen, und es gab sie in der Urzeit in großem Maße, die unmittelbar, ohne Zeichen, ohne Sprache mitteilen können, was sie sagen wollen. Die Geschichte steht auch in der Bibel, sie heißt: Der Turmbau zu Babel. Wo diese stumme gemeinsame Sprache verloren gegangen ist, und es blieben die Sprachen, die wir heute Sprachen nennen. Die benutzen die Sprachorgane, die Akustik, Laute, Worte, Sätze.
[…]
Und diese Sprachen sind alle diskontinuierlich. Wort | Wort | Wort. Satz | Satz | Satz. Das nennen wir diskontinuierlich. Das ist die eine Ursache.
Und wenn Paulus nun schreibt: Es werden die Sprachen aufhören, und das Erkennen wird aufhören, dann meint er: Einst wird die Menschheit zurückkehren in das Kindliche, in den kindlichen Zustand, wie die Menschheit einmal war, eins mit der Welt. Da gibt es kein Erkennen, da habe ich keine Fragen an die Welt, sondern ich bin eins, bewusstseinsmäßig eins mit ihr. Da brauche ich keine Sprache. Ja, wenn wir das könnten, dann würde ich hier nur so sitzen. Sie könnten nicht mitschreiben. Das wäre eigentlich bequem. Es ginge unmittelbar zu Ihnen über, was ich jetzt mit Worten sage. Natürlich braucht man da keine Fragen. Paulus zielt mit diesem Satz darauf, wie er diesen zukünftigen Zustand meint. Wir werden die Zukunftsgerichtetheit in diesem Kapitel gleich sehen. Und das heißt jetzt: Dass der Mensch nicht in denselben Zustand zurückkehrt, in diesen kindlichen Zustand, sondern mit Selbstbewusstsein, ohne das Selbstbewusstsein zu verlieren, sodass er nicht in die Kindlichkeit zurückkehrt, sondern eigentlich sein Menschwerden vervollständigt. Und da braucht er wieder keine Sprache. Und es gibt kein Erkennen, weil wir eins sind mit der Welt, mit allem. Da brauchen wir nicht noch eine extra Gebärde, um zu erkennen. Das ist hier gemeint.
Und dann geht es weiter: Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser Weissagen ist Stückwerk. «Stückwerk» heißt auf Griechisch «ek merous». Wir erkennen stückweise. «Ek» heißt «aus» und «ek merous» heißt «aus Teilen». Teile, ja, wir nehmen nicht das Ganze, den ganzen Zusammenhang wahr, sondern Teile. Wie ich gesagt habe, der Schirm und die Stühle darunter herum stückweise, und wir versuchen, manchmal verzweifelt, diese Stücke zusammenzufügen. Zu verstehen, was für Beziehungen da sind zwischen den Stücken. Die Physik ist eine typische Wissenschaft dieser Art.
Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. Das ist wieder Zukunftsvision. Einst werden wir nicht stückweise erkennen, sondern den ganzen Zusammenhang. Und dann kommt bei Paulus noch ein Satz, 12. Vers: Wir sehen jetzt durch einen Spiegel, in einem dunklen Wort — das heißt auf Griechisch «enigma» — in einem Rätselwort, in einem Rätsel; wir rätseln herum; wir sehen etwas, und wir wissen nicht, wie das in das Ganze eingefügt wird. Es ist ein Rätsel. Wie durch einen Spiegel, das möchte ich jetzt nicht erklären, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Das ist eine großartige Aussage. Auch heute schauen wir ein menschliches Gesicht nicht analytisch an. Haben Sie das schon gemerkt? Sie können es kontrollieren. Fragen Sie sich, ob Sie ganz genau wissen, wie die Nase oder das Kinn Ihres besten Freundes aussieht. Können Sie das sagen? Sie sehen, Sie wissen es gar nicht. Aber Sie erkennen ihn mit absoluter Sicherheit. Weil Sie einen, sagen wir, globalen Eindruck vom Gesicht haben, selten analysieren wir ein Gesicht. Ganz selten. Vielleicht beim Porträt. Beim Porträtieren gehen wir auf die Einzelheiten ein; aber jeder bessere Maler auch nicht. Der malt ein Porträt aus dem globalen empfindenden Eindruck. Das heißt von Angesicht zu Angesicht. So wie wir heute ein menschliches Gesicht mit einem ganz anderen Blick anschauen, als wenn wir eine Maschine anschauen […]
Also ein ganz herrlicher Ausdruck. Von Angesicht zu Angesicht heißt: nicht analytisch, nicht stückweise. Denn wenn ich Sie anschaue, schaue ich Sie nicht stückweise an. Wenn ich jetzt wissen will, wie Ihre Nase aussieht, dann geht es stückweise; aber ich werde Sie wiedererkennen, ohne dass ich das wüsste. Großartiger Text. Jetzt erkenne ich stückweise — «ek merous» aus Teilen —‚ dann aber werde ich erkennen, gleich wie ich erkannt werde. Von Angesicht zu Angesicht. Das ist das kontinuierliche Erkennen. Dieses Von-Angesicht-zu-Angesicht ist ein Schritt, und jetzt kommen wir zur Kunst.“
Weiterlesen kann man in dem im Verlag „Freies Geistesleben“ erschienenen Buch „Melodie und Stille. Kunst, Kontinuität und das leere Bewusstsein“ , das Hans-Peter Dieckmann hier bereits geschildert und warm empfohlen hat.
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