Ingrid Haselberger: Von der Reinigung des Denkens
siehe auch unteren Text von Ingrid Haselberger zum Evidenzerlebnis*
Um nicht nur in seltenen „Sternstunden“ von „blitzartiger Erkenntnis“ überwältigt zu werden, sondern für ein solches Erleben in sich aktiv die Bahn freizumachen, sodaß schließlich ein, wie Michael bzw Georg Kühlewind es so schön beschrieben haben, „angehaltener, dauerhaft gewordener Blitz“ daraus entstehen kann - dazu mag es hilfreich sein, sich einige der „Verunreinigungsquellen“ zu vergegenwärtigen, die unser Denken so gern trüben, Hindernisse, die uns „Scheuklappen“ aufsetzen, durch die das natürliche Licht, das „lumen naturale“ (Descartes) nicht mehr zu dringen vermag.
Aus gegebenem Anlass möchte ich heute als erstes das folgende Hindernis auf dem Wege ein wenig näher betrachten:
Auctoritas (Urheberschaft)
Wir hören einen Satz.
Wir interessieren uns dafür, was dieser Satz bedeutet, wir haben Begriffe für die einzelnen Worte und können die „Aussage“ des Satzes nachvollziehen.
Und wir fragen uns nun, ob diese Aussage „wahr“ ist, ob sie der Wirk-lichkeit entspricht.
Was sind unsere Beurteilungskriterien? Wir haben uns wohl die folgenden Fragen zu stellen:
- Stimmt diese Aussage mit einer unserer bisherigen Lebenserfahrungen überein?
- Wenn wir eine solche Erfahrung bisher noch nicht gemacht haben: können wir die Aussage dieses Satzes dennoch grundsätzlich für möglich halten?
- Gibt es aus unserer bisherigen Erfahrung etwas, das sie bestätigen könnte?
- Oder etwas, das ihr zu widersprechen scheint?
- Gar beides?
- Können wir uns in einem Gedankenexperiment Klarheit verschaffen, oder müssen wir zur praktischen Überprüfung schreiten?
- Im letzteren Fall: genügt uns eine einzige „Probe“, oder müssen wir viele machen, bevor wir eine einigermaßen sichere Aussage treffen können?
- . . .
Wir fühlen: das ist eine laaange Liste, unsere Aufgaben scheinen ins Uferlose anzuwachsen... Es wird einige Zeit dauern, bis wir unseren Satz gründlich überprüft haben.
Und wir werden ungeduldig – aus den unterschiedlichsten Gründen: vielleicht benötigen wir dringend eine Grundlage für eine Entscheidung – vielleicht aber haben wir auch einfach keine Lust dazu, uns länger damit zu beschäftigen, sooo groß ist unser Interesse auch wieder nicht… oder wir haben Schwierigkeiten damit, unsere Aufmerksamkeit ausreichend lange aufrechtzuerhalten…
Aus Ungeduld oder Bequemlichkeit halten wir also Ausschau nach einer anderen Beurteilungsmöglichkeit.
Und wir finden auch eine:
Anstatt den Satz, um den es eigentlich geht, zu prüfen, fragen wir uns, wer denn das ist, der diesen Satz gesagt hat.
Wenn es jemand ist, den wir überhaupt nicht kennen, dann ist damit nichts gewonnen.
Aber wenn wir diesen Menschen kennen, zumindest seinen Namen schon des öfteren gehört haben, wenn wir frühere Aussagen dieses Urhebers, dieser Autorität, kennen und vielleicht sogar selbst überprüft haben – dann können wir leicht darauf verfallen, den Wahrheitsgehalt unseres Anlaß-Satzes nach dem Wahrheitsgehalt der früheren Aussagen dieser Autorität einzuschätzen und uns somit eine eigene Überprüfung zu ersparen.
In manchen Situationen, die Eile gebieten, kann ein derartiger „Autoritätsglaube“ eine gute Sache sein: viele Kinder werden immer wieder von ihren Eltern an der Hand geführt, und es stellt sich für sie als ganz richtig heraus, dieser Führung vertrauensvoll zu folgen. Und auch das Mißtrauen, das sie dem garstigen Onkel entgegenbringen, der sie schon öfter roh behandelt hat, kann sich als vollkommen berechtigt und sogar lebensrettend herausstellen.
Die Wahrscheinlichkeit, daß ein Mensch, der gestern „weise und gut“ oder auch „unweise und böse“ war, es auch heute noch ist, ist groß... aber es bleibt eben eine Wahr-scheinlichkeit: Man kann sich täuschen. Die Urteilsfähigkeit eines „Weisen“ kann zeitweilig getrübt sein; umgekehrt kann ein gestern noch „Unweiser“ heute neue Erkenntnisse gewonnen haben…
Solange wir uns bei dem, was wir als wahr oder falsch „erkennen“, auf eine Autorität berufen, wird das Licht der Erkenntnis uns nur als Abglanz erreichen, so wie das Licht der Sonne uns in der Nacht nur vom Mond vermittelt wird. Mondhelle Nächte sind etwas Wunderbares… aber es bleiben eben Nächte.
Derjenige, der sich auf den Weg zum „Reinen Denken“, zum „andauernden Blitz“, zum „taghellen natürlichen Licht“ macht, wird die Mühe nicht scheuen, jeden einzelnen Satz, den er irgendwo hört oder liest, selbst zu überprüfen, bevor er eine Aussage über seinen Wahrheitsgehalt macht. Die Freude, die man an einem solchen selbsterrungenen „Evidenzerlebnis“ hat (Pythagoras ließ angeblich damals aus Dankbarkeit hundert Ochsen opfern), wird diese Mühe reichlich lohnen.
Für den nach wahrer Erkenntnis Strebenden wird daher keiner der beiden folgenden Glaubenssätze maß-gebend sein - an Stelle der beiden Namen lassen sich natürlich nach Belieben nicht nur andere Namen (Rudolf Steiner, Michael Eggert, Sebastian Gronbach, Massimo Scaligero, Mieke Mosmuller, Christian Grauer… nicht zu vergessen: Ingrid Haselberger ;-)) einsetzen, sondern auch Angehörige bestimmter Berufsgruppen, Religionsgemeinschaften, politischer Parteien, Altersgruppen, Rassen… Blogger, Blondinen, Bartträger, Hutträger, Brillenträger, Langhaarige, Glatzköpfige, … :
“Alles, was Paulus jemals gesagt oder getan hat oder in aller Zukunft noch sagen und tun wird, ist wahr und gut und edel und schön.“
so wenig wie:
“Alles, was Saulus jemals gesagt oder getan hat oder in aller Zukunft noch sagen oder tun wird, ist falsch und übel und verbrecherisch und häßlich.“
*Evidenzerlebnis
Nehmen wir ein mathematisches Gesetz, beispielsweise den Pythagoreischen Lehrsatz: In allen ebenen rechtwinkligen Dreiecken ist das Quadrat, das sich über der Hypotenuse errichten läßt, gleich groß (d.h. hat den gleichen Flächeninhalt) wie die beiden „Kathetenquadrate“ zusammen.
Wenn ich das lese, sind es zunächst einmal Worte. Ich kann sie, nachdem ich mir Klarheit verschafft habe über die Bedeutung von Begriffen wie „rechtwinklig“, „Dreieck“, „Hypotenuse“ oder „Quadrat“, auswendig lernen (unzählige Mittelschüler tun das), und der Satz läßt sich in all meinen künftigen Berechnungen erfolgreich anwenden, auch ohne daß ich seine Richtigkeit „begriffen“ habe.
Ich kann mir aber auch einen der Beweise dieses „Lehrsatzes“, die zum Beispiel hier angeführt sind, anschauen.
Nehmen wir den ersten, den „geometrischen Beweis durch Ergänzung“.
Ich kann auch hier bloß an der Oberfläche bleiben, mir etwa denken, „aha, das schaut auf den ersten Blick ganz vernünftig aus, es sind offenbar zwei gleich große Quadrate, die irgendwie aufgeteilt werden, na, das wird schon seine Richtigkeit haben“ – und mich damit zufriedengeben.
Ich kann aber auch mit diesem Beweis „mitdenken“. In diesem Fall werde ich dazu kommen, daß mir das zu Beweisende e-vident wird, es leuchtet aus der Zeichnung hervor, läßt sich aus ihr heraus-sehen. Und wenn ich den Beweis in dieser Weise nachvollzogen habe, dann brauche ich den Pythagoreischen Lehrsatz in Zukunft weder zu glauben noch auch auswendigzulernen: denn ich werde jederzeit in der Lage sein, ihn mir wieder e-vident zu machen.
Wenn es mir bloß darum geht, künftig voll Vertrauen mit der Formel a² + b² = c² rechnen zu können, kann ich es bei dieser Art „Evidenzerlebnis“ bewenden lassen.
Ich kann aber auch innehalten, mich vom Inhalt des „Heraus-gesehenen“ ab- und der inneren Qualität dieses Erlebens zuwenden. Damit gehe ich der Emp-findung nach, die ich immer dann habe, wenn etwas mir in dieser Weise „evident“ wird. Ich lenke meine Aufmerksamkeit auf die tiefinnerliche „Gewißheit“, „Erkenntnisfreude“, „innere Helligkeit“, „Stillung der Frage durch die ihr gewordene Antwort“ --- ich brauche viele Gänsefüßchen, weil keines dieser Worte imstande ist, ein solches Erlebnis vollkommen auszudrücken.
Diese tiefinnerliche Empfindung ist zwar von einem ganz bestimmten Gedankeninhalt veranlaßt worden, läßt sich aber dennoch isoliert von diesem Inhalt betrachten.
Und wenn ich versuche, dieses Erlebnis zu beschreiben, dann komme ich vielleicht – wie Ruth - auf Sätze wie diesen: „Wer in diesen Wahrheits- oder Ruhebereich eintritt, ist sich dessen fundamental sicher.“