Meine Erfahrungen mit der "dritten Nebenübung"
Vor einigen Tagen erwachte ich früh, ging hinaus und blickte erwartungsvoll in den langsam heller werdenden Himmel. Schwarze Krähen zogen krächzend ihre Bahnen, die ersten Singvögel ließen sich hören - und nach einiger Zeit blinkte es ganz unvermittelt auf über dem Horizont...
Ich fühlte diesen ersten Sonnenstrahl bis tief in mein Herz hinein. Fasziniert sah ich zu, wie die leuchtend orange Scheibe nach und nach ganz sichtbar wurde, wie die Sonne aus dem Dunkel der Erde in den Himmel aufzusteigen schien...
Es war eine solche Freude in mir über diesen Sonnenaufgang! Es wurde ein herrlicher, sonniger Tag, der Schnee auf der Wiese schmolz dahin, die ersten Knospen von Schneeglöckchen, Krokussen und Narzissen ließen sich sehen... und ich strahlte den ganzen Tag mit der Sonne um die Wette; überall fand ich neue Zeichen dafür: endlich wollte es Frühling werden!!!!!

Heut früh aber ist beim Erwachen alles dunkel, die Welt liegt im Nebel - der Teich ist wieder zugefroren, die Wiese bedeckt von einer dichten Schneedecke, die Bäume und Sträucher sehen wieder aus wie Schwarz-Weiß-Zeichnungen, und dabei schneit es immer weiter...
Das erste, was in mir aufsteigt, ist Unmut: Es war doch wirklich lang genug Winter, es soll jetzt gefälligst endlich Frühling werden, haben wir nicht ein Recht darauf, daß es endlich, endlich wieder warm und hell wird?
Aber einen Augenblick, bevor ich ein unmutiges Stöhnen herauslasse und ein muffiges Gesicht aufsetze, fällt mir die "Nebenübung zur Gelassenheit" ein, die Rudolf Steiner in seiner "Geheimwissenschaft im Umriß" schildert.
Dabei geht es darum, "daß man Lust und Leid voll miterleben kann, ohne sich dabei so zu verlieren, daß man dem, was man empfindet, einen unwillkürlichen Ausdruck gibt. Nicht den berechtigten Schmerz soll man unterdrücken, sondern das unwillkürlicheWeinen; nicht den Abscheu vor einer schlechten Handlung, sondern das blinde Wüten des Zorns; nicht das Achten auf eine Gefahr, sondern das fruchtlose «sich fürchten» und so weiter."
Erlebe, empfinde Deine Gefühle, aber äußere sie nicht...
Also nix mit Stöhnen.
Und ist nicht auch schon ein muffiges Gesicht eine Art Äußerung?
Ich folge Steiners Anregung. Zu meiner Verwunderung ist es gar nicht besonders schwierig.
Statt ein muffiges Gesicht aufzusetzen, beobachte ich, was in mir geschieht. Was ist das eigentlich, was da in mir aufsteigt?
Dieses Unbehagen, das ich empfinde, kann eigentlich nicht nur durch Kälte und Schnee verursacht sein. Denn schließlich: den allerersten Schnee in diesem Winter habe ich wirklich freudig begrüßt, und mich auch über die anhaltende Kälte gefreut, sie sogar herbeigesehnt, damit die weiße Pracht nicht allzu schnell wieder dahin ist...
Was ist es also, das mich jetzt vor demselben Anblick unmutig und ungeduldig aufstöhnen lassen will?
Es hat wohl mit Enttäuschung zu tun.
Ent-täuschung aber bedeutet, daß ich zuvor einer Täuschung erlegen war: ich hatte etwas erwartet, das nun doch noch nicht eingetreten ist. Ich hatte wohl empfunden, daß ich mir nach diesem langen Winter jetzt sofort einen hellen und warmen Frühling "verdient" hätte.
Wodurch eigentlich könnte ich einen Frühling "verdient" haben? Sollte es dazu genügen, die dunkle Jahreszeit einfach irgendwie, oft mehr schlecht als recht, zu überstehen?
Oder sollte es noch etwas geben, das ich zu "erledigen" habe, bevor es warm und hell wird? Etwas, wozu ich im Außen den Winter, die Kälte und die Dunkelheit sogar brauche?
Der aktuelle Wochenspruch des Anthroposophischen Seelenkalenders kommt mir in den Sinn:
Ich fühle Kraft des Weltenseins:
So spricht Gedankenklarheit,
Gedenkend eignen Geistes Wachsen
In finstern Weltennächten,
Und neigt dem nahen Weltentage
Des Innern Hoffnungsstrahlen.
Gedenkend eignen Geistes Wachsen in finstern Weltennächten...
Und ich denke auch an das Dunkel der Erde, in deren Inneren die Saat zunächst eine Zeitlang geborgen sein muß, bevor die Keime sich von der Sonne hervorlocken lassen...
Und ich frage mich, was es denn für ein Geschehen sein könnte, für das auch unsere Seelen das Dunkel brauchen...
Während ich solche Gedanken und Fragen in mir bewege, bemerke ich auf einmal, daß mein inneres Gefühl sich vollkommen verwandelt hat: ich fühle, wie mich etwas wie "lächelndenr Ernst" erfüllt, wie ich das auch auszustrahlen beginne... diese Empfindung hat fast etwas Feierliches.
Ich denke noch einmal zurück an den Morgen vor einiger Zeit, an dem ich voller Freude diesen wunderbaren Sonnenaufgang erlebt habe.
Und ich erkenne: das Hochgefühl angesichts dieses herrlichen Schauspiels vor meinen Augen hatte eigentlich überhaupt gar nichts mit "Gelassenheit" zu tun. Ich war in dieser Situation gar nicht auf die Idee gekommen, mich der sofortigen Äußerung meiner hellen Freude zu enthalten. Fast, als ob es bei dieser "Nebenübung" darum ginge, nur die Äußerung von Gefühlen wie Ärger, Zorn, Unmut oder auch Traurigkeit zu unterlassen, während angenehme Gefühle auch weiterhin sofort zu äußern wären... ich erkenne dieses Mißverständnis.
Und nun vergleiche ich das damalige "Hochgefühl" mit dem feierlich-lächelnden Ernst, der mich jetzt erfüllt.
Und ich empfinde: damals war ich auf das Erblicken der Sonne angewiesen, um mich tiefinnerlich freuen zu können.
Jetzt aber ist es mir fast, als hätte ich etwas von der Kraft der Sonne selbst hervorgebracht in meinem Herzen...
(Mit Dank an B. und C.)