Ingrid Haselberger: Offener Brief an Holger Niederhausen


Lieber Holger,

offensichtlich lesen Sie hier mit, also möchte ich mich jetzt einmal direkt an Sie wenden (und hoffe, unser Gastgeber Don Michele hat nichts dagegen).

Ich finde viele Ihrer Gedanken ganz richtig.
Ich möchte zum Beispiel aus Ihrem letzten Aufsatz herausheben:
Es geht im Grunde nicht darum, was der Einzelne beim Nachdenken einer Unwahrheit erlebt, sondern was mit dieser Unwahrheit gewissermaßen der Wahrheit an sich angetan wird.“
Ja. Sie versuchen in Ihren Aufsätzen, das bemerke ich deutlich, der „Sünde wider den Heiligen Geist“ (Matthäus 12,31) entgegenzutreten. Das ist Ihnen ein Herzensanliegen, und das findet meine Zustimmung – und einen Widerhall in meinem Herzen.

Und:
Die Herzenswärme hat auch verschiedene Ebenen. In meinen Aufsätzen geht es um Erkenntnis. Man kann die Wahrheit nicht mit Herzenswärme finden, sondern nur mit wirklicher Erkenntnis. Dieser Satz kann so gesagt hundertfach missverstanden werden. Natürlich führt gerade Herzenswärme zu gewissen Erkenntnissen. Doch die Liebe gilt immer dem, was erkannt werden will. Ich kann die Wahrheit nicht erkennen, wenn ich etwas anderes mehr liebe als sie. Ich kann das Wesen der Anthroposophie nicht erkennen, wenn es mir nicht ganz und gar um dieses Wesen geht. Man kann nicht hoffen, sich dieser Frage zu nähern, wenn man sich Sorgen machen muss, ob die eigenen Erkenntnisse vielleicht jemanden „verletzen“ könnten, der sich „Anthroposoph“ nennen möchte – oder wenn man gar dem Dogma anhängt, dass jeder, der sich selbst so nennt, es automatisch schon ist.“ [Hervorhebung I.H.]
Ja. Auch hier gebe ich Ihnen vollständig recht.

Daß ich allerdings Ihre Verurteilung des Egoisten-Blogs so nicht teile, ist ja schon daran zu erkennen, daß ich selber immer wieder gern hier kommentiere. Ich freue mich über diese Plattform und danke Michael dafür, daß er sie zur Verfügung stellt.
Wenn Sie den „Egoisten“ jede „tiefere Spiritualität“ absprechen, dann möchte ich Ihnen entgegnen:
Man muß mit den Menschen arbeiten, die da sind. Für die die Anthroposophie von Inter-esse ist.
(Ich sage bewußt nicht „Menschenmaterial“, darüber gab es vor kurzem Diskussionen. Ich verwende deshalb einen anderen Begriff, weil ich ganz klar nicht ein unpersönliches „Material“ meine, sondern die hier und jetzt inkarnierten Individualitäten – mitsamt den Persönlichkeiten, in denen sie stecken).
Wenn Sie auch nur einen einzigen dieser Menschen als hoffnungslos einstufen, wirken Sie dabei mit, ein Miteinander mit diesem Menschen unmöglich zu machen.

Sie sagen:
Ich bleibe aber bei der Behauptung, dass echte, dauerhafte, „belastbare“ Herzenswärme ebenfalls nur aus einem in meditativer Übung immer mehr sich verwirklichenden reinen Denken hervorgehen kann.
Hier stimme ich Ihnen nicht zu.
Denn diese echte Herzenswärme kann nur als ein ganz neuer Keim aus geistiger Verwandlung heraus entstehen. Solange die „Herzenswärme“ noch seelisch bleibt, bleibt sie auch anfällig gegenüber den Schwankungen des Seelischen. Ein Widerspruch zu den eigenen Urteilen, eine kleine Resonanz mit den eigenen Vorurteilen reicht schon aus, um sofort eine große Antipathie heraufzurufen und jemanden als „Inquisitor mit verknöchertem Denken“ zu verdammen... Die wahre Herzenswärme hat all dies nicht nötig, sie kann selbst Anfeindungen ertragen, ohne ihrerseits in einen solchen antipathisch-seelischen Bereich hinabzusinken.“
Ja. So ist es.
Aber: eine solche „geistige Verwandlung“ ist nicht nur durch meditative Übung möglich. Sie kann sich auch durch die Biographie ergeben. Durch das Schicksal, das man erlebt, durch Menschen, denen man begegnet – all das kann einem den „Schleier“ durchsichtig machen.
Rudolf Steiner selbst spricht (am Ende seiner „Geheimwissenschaft“) davon, daß es auch einen „Gefühlsweg“ gibt, einen Weg, der „sich unmittelbar an das bloße Gefühl“ wendet und „von diesem aus zu übersinnlichen Erkenntnissen aufzusteigen“ sucht.

Und deshalb würde ich mir wünschen, daß auch Sie es für möglich halten, solchen „verwandelten“ Menschen nicht nur im Kreis der Menschen zu begegnen, die den von Rudolf Steiner beschriebenen „unmittelbaren Erkenntnisweg“ eingeschlagen haben.

Sie schreiben:
Das Internet kann nicht unmittelbar ein Bereich der Herzenswärme sein, weil es nicht der Ort der menschlichen Begegnung, des unmittelbaren Miteinanders ist. Es kann aber ein Ort sein, wo man in Form von Gedanken formulierte Erkenntnisse findet. Diese Gedanken können aus der Liebe zur Wahrheit hervorgehen – oder aus Vorurteilen. Kommentare können ebenfalls aus einer Liebe zur Wahrheit hervorgehen – oder aus Sympathien und Antipathien für bestimmte Gedanken, bis hin zum Lächerlichmachen einer Person. Insofern ist auch das Internet ein Ort, an dem sich indirekt die Realität von Herzenswärme erweisen kann oder nicht.
Ich glaube, eine der Schwierigkeiten, die Sie mit uns haben, ist die Tatsache, daß es sich hier um einen Blog handelt. Es ist sozusagen ein Tagebuch, das immer wieder auch gemeinschaftlich geführt wird. Und sowohl in die Grundbeiträge als auch in die Kommentare schlägt „Alltag“ herein, und damit „Unvollkommenes“, mehr oder weniger, je nachdem, wie sehr der jeweilige Schreiber das zuläßt.
Das hat naturgemäß einen ganz anderen Anspruch, als Sie in Ihren Aufsätzen an sich stellen.
Der Spagat zwischen „offen für alle“ und „ernst(zu)nehmend“, den Michael sich vorgenommen hat (wofür ich ihm wirklich dankbar bin! noch einmal sei es gesagt), ist nicht leicht zu vollbringen – Sie sehen hier, wie in jeglichem Alltag, das Ergebnis von Versuchen.

Es wurde in letzter Zeit ein paarmal der Wunsch nach einem „Forum“ laut – ja, es wäre schön, einen „virtuellen Ort“ zu haben, an dem man sich tatsächlich über die Wahrheit von Gedanken austauscht, und nicht bloß über ihre äußere Form oder momentane persönliche Befindlichkeiten. Einen „Ort“, der zwar prinzipiell allen offensteht, den man aber nur über eine gewisse „Schwelle“ betritt, indem man sozusagen die „Alltagsschuhe“ auszieht, bevor man das erste Wort schreibt…

Einen solchen virtuellen Ort habe ich bisher noch nicht gefunden. Hier bei den „Egoisten“ mögen die Türen vielleicht ein wenig zu offen sein… bei Ihnen (ich meine damit ausschließlich Ihre website; persönlich kenne ich Sie ja überhaupt nicht) allerdings sind sie ganz zu…

Zum Schluß noch eine kleine Nachfrage zu Ihrem:
„Erst auf dieser Ebene ist dann noch etwas anderes bedeutsam: Rudolf Steiner hat darauf hingewiesen, dass es nicht nur wichtig ist, was jemand sagt, sondern auch wer es sagt.“

Wo sagt er das? Da würde mich der Zusammenhang sehr interessieren (Dieses Thema liegt mir nämlich am Herzen).

Mit herz-lichen Grüßen

Ingrid