»Wir sind die Sklaven der Vergangenheit, aber die Herren der Zukunft«

(Rudolf Steiner, „Die Theosophie des Rosenkreuzers“, GA 99)

1464 war Agostino di Duccio gescheitert. Und auch der Versuch Antonio Rosselinos zwölf Jahre später blieb vergeblich. 40 Jahre später hatte sogar der berühmte Leonardo da Vinci abgelehnt...
Ein anderer aber verliebte sich in den „verdorbenen“ Stein und nahm den Auftrag voll Freuden an: liebevoll setzte der erst 26-jährige Michelangelo sich mit dem riesigen Marmorblock auseinander – bis er seinen „David“ darin entdeckte und daraus „befreite“.

1999, zehn Tage vor der Première, brach Cecilia Bartoli sich den Fuß und wollte absagen. Doch Nikolaus Harnoncourt entgegnete: „Wo steht geschrieben, daß Donna Elvira sich nicht gerade den Fuß gebrochen haben kann?“ – und die mit Krücken agierende Elvira wurde zum „besten Regieeinfall“ und bejubelten „Kraftzentrum“ des Zürcher „Don Giovanni“.
Wohl in jedem Leben gibt es schicksalhafte Ereignisse, die auf den ersten Blick dunkel und unbegreiflich erscheinen und uns das Gefühl geben, ihnen ganz ohnmächtig ausgeliefert zu sein. Oft erkennen wir erst in der Rückschau, wozu etwas „gut war“. Erst dann wird uns auch deutlich, wie wir selbst mitgewirkt haben an allem, was geschehen ist. Und wir begreifen, daß wir keineswegs so ohnmächtig sind, wie es uns zunächst schien.

Nah ist
Und schwer zu fassen der Gott.
Wo aber Gefahr ist, wächst Das Rettende auch.


So sagt Friedrich Hölderlin (zu Beginn seiner Dichtung „Patmos“). Ja: mit jedem „Schicksalsschlag“ erwachsen uns auch neue Kräfte.

Als ich 19 Jahre alt war, gab eine schwere Krankheit meinem Leben eine unerwartete Wendung: In den folgenden Jahren war ich „zu 100 % arbeitsunfähig wegen Körperbehinderung“, wie mir das Landesinvalidenamt bescheinigte.
Ich lernte sehr viel in dieser schwierigen Zeit. Schließlich begann ich im Scherz zu sagen: „Ich glaube, ich hab endlich begriffen, was mir meine Krankheit sagen wollte. Eigentlich ist sie jetzt nicht mehr nötig und könnte wieder gehen...“ – und ich staune noch immer darüber, daß es tatsächlich so gekommen ist: Nach 19 Jahren konnte ich sämtliche Medikamente absetzen, und meine Muskeln gehorchen mir heute wieder...

Was hat das nun mit Michelangelo oder Harnoncourt zu tun?
Den Bildhauer und den Musiker verbindet das tiefe Bejahen ihres „Stoffes“ – denn sie wissen: Er allein bildet die Grundlage für die Gestaltung ihrer Werke. Und unser Schicksal ist nichts anderes als der „Stoff“, aus dem wir unser ur-eigenes Lebens-Werk zu gestalten haben. Erst wenn wir uns diesem „Stoff“ ebenso tief einwilligend gegenüberstellen, werden die Kräfte frei, die wir sonst in – ohnehin vergeblichem – Ankämpfen dagegen vergeudet hätten. Nun erst können wir aktiv gestalten. Denn unsere Zukunft ist zwar bedingt durch alles, was in der Vergangenheit geschehen ist, aber sie ist nicht in allen Einzelheiten unausweichlich vorherbestimmt. Sie ist das Reich des noch Unverwirklichten, das Reich des Möglichen.

In seinem Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ nennt Robert Musil das Mögliche die »noch nicht erwachten Absichten Gottes. Ein mögliches Erlebnis oder eine mögliche Wahrheit [...] haben [...] etwas sehr Göttliches in sich, ein Feuer, einen Flug, einen Bauwillen und bewußten Utopismus, der die Wirklichkeit nicht scheut, wohl aber als Aufgabe und Erfindung behandelt. Schließlich ist die Erde gar nicht alt...« Wer das begreift, der fragt angesichts eines „Schicksalsschlages“ nicht: „Warum gerade ich?“ und sucht nach einer Ursache, einem „Fehler“ in der Vergangenheit. Sondern er fragt: „Wozu geschieht das gerade mir?“ und gestaltet die Zukunft – nicht trotz, sondern mithilfe des ihm Widerfahrenen.
Auf diese Weise wandeln sich schicksalhafte Beschränkungen von Hindernissen zu Wegweisern. Und wir gewinnen allmählich Vertrauen in die weise „Führung“, die sich darin zu erkennen gibt. Denn uns wird klar, wie sehr wir selbst eine Einheit bilden mit dem, was uns vom Schicksal
bereitet ist: So, wie ich jetzt bin, hätte ich nicht werden können ohne gerade mein Schicksal – und wenn ich nicht genau der Mensch wäre, der ich bin, dann hätte ich mich zu den Ereignissen in meinem Leben nicht gerade so gestellt, wie ich's getan habe...
Wir ahnen: so wie Michelangelo den Marmor für jedes seiner Werke sorgfältig ausgewählt hat; so wie Nikolaus Harnoncourt sich für jede Aufführung die „richtigen“ Sänger erwählt – so richtet sich wohl auch alles, was uns „widerfährt“, nach dem, was wir selbst uns für dieses jetzige Leben vorgenommen haben.

Und wenn wir in manchen Augenblicken ein wenig neidisch auf andere blicken und insgeheim denken: Wachs ließe sich freilich leichter formen als solch harter Stein, wie er mir beschert ist... – mit dem Gedanken, daß wir selbst es sind, die nicht nur in Freiheit unsere Zukunft gestalten wollen, sondern die – noch im Vorgeburtlichen, mithilfe der geistigen Welt – auch unser Schicksal herbeigerufen haben, wächst unser Mut, dieses unser Schicksal nun froh und aktiv zu ergreifen. Schließlich sind die herrlichsten und auch dauerhaftesten Plastiken nicht aus Wachs, sondern aus Stein... sogar dann, wenn so manches an diesem Stein uns in der Vergangenheit, durch uns selbst oder durch andere, „verdorben“ worden zu sein scheint.

Auch Bert Brecht blickt in die Zukunft:

Alles wandelt sich

Alles wandelt sich. Neu beginnen
Kannst du mit dem letzten Atemzug.
Aber was geschehen, ist geschehen. Und das Wasser
Das du in den Wein gossest, kannst du
Nicht mehr herausschütten.

Was geschehen, ist geschehen. Das Wasser
Das du in den Wein gossest, kannst du
Nicht mehr herausschütten, aber
Alles wandelt sich. Neu beginnen
Kannst du mit dem letzten Atemzug.


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Ingrid Haselberger