Christoph Keller: Mut zum Nicht-Glauben

"Übersinnliche Erfahrungen"

Zu dieser letzten Frage von Vaters Brief möchte ich nun ausführlicher Stellung nehmen. Es geht also jetzt um das dubiose Gebiet der sogenannten "übersinnlichen", das heißt nicht durch unsere Sinne wahrnehmbaren "Erscheinungen" wie "Gedankenübertragung", "Seelenwanderung", "Hellsichtigkeit", "Phänomene", denen normale Sterbliche recht hilflos gegenüberstehen, weil sie aus Mangel an eigener Erfahrung im Grunde nicht wissen, wovon eigentlich die Rede ist.
Zunächst einmal folgender Hinweis: Wer sich die "Seele" als raum- und zeitloses Etwas vorstellt, möge sich klarmachen, daß eine "Trennung" vom Körper oder eine "Wanderung" zu einem anderen Menschen ein rein räumlicher Vorgang wäre. Entweder eine Sache ist hier auf der Erde und ein Stück Raum wie der Leib, oder sie ist eben nicht hier und in einer vorgestellten anderen Welt. Unsere Wirklichkeit ist ein abgeschlossenes, vollkommenes Sein, außerhalb dessen es nichts geben kann. Die Vorstellung, daß eine Sache dieses Sein so einfach mal annehmen, aber dann auch wieder verlassen und in eine "andere Welt" abschweben könnte, die doch nur wieder wie die wahre vorgestellt werden kann mit Licht und Raum und Bewegung, diese Vorstellung existiert wirklich nur in unserem Kopf. Ich halte daher präzises räumliches und substanzielles Denken, die Fähigkeit, die Dinge zu lokalisieren, für den Schlüssel für viele Rätsel.
Nehmen wir aber ruhig einmal an, das Phänomen der Gedankenübertragung gäbe es tatsächlich. Warum würde das, wie Vater meinte, beweisen, daß die "Seele" den "Körper" verlassen kann? Wenn ich jemanden direkt sehe oder höre, habe ich durch die geheimnisvollen Übertragungswege des Lichts und des Schalls Kontakt mit ihm, ohne daß er seinen "Körper verläßt". Wenn ein solcher Kontakt noch auf anderen Wegen oder über weite Entfernungen stattfinden kann, wäre das lediglich ein Hinweis auf eine weitere geheimnisvolle Art der Übertragung, und wir wissen ja durch die verschiedenen Radiowellen, daß es so etwas gibt. Wenn also ein solch neuer Übertragungsweg zwischen Menschen entdeckt werden sollte, der überprüfbar und erlebbar ist, solls mir recht sein, Aber: Wenn ich nun seit über 40 Jahren auf diesem Erdball wandle, ausgerüstet wie ein normaler Mensch, und mir etwas derartiges noch nie in Wirklichkeit begegnet ist, ich immer nur von Menschen davon berichten höre, die nicht nur bereitwillig, sondern meist begierig darauf sind, solche Dinge zu glauben, mit, wie es Jacoby in Zusammenhang mit der Vererbung von Begabung einmal so schön sagt, "geradezu lächerlich geringen Ansprüchen an eine exakte Überprüfung", dann nehme ich mir das Recht heraus, genau das zu tun, was mir Vater damals untersagen wollte: Ich glaube nicht daran.


Das Beispiel mit dem Nordpol hinkt natürlich gewaltig, denn eine solche Information fügt sich erstens problemlos in das, was ich bisher erlebt habe, und ist zweitens jederzeit nachprüfbar. Warum verlangt Vater von mir, etwas zu glauben, das in völligem Widerspruch zu meinen eigenen Erfahrungen mit der Wirklichkeit steht? Im Vergleich dazu Jacoby: "Ich möchte, daß Sie mir nichts glauben" - der einzige vernünftige Ansatz!
Es ist kein Zufall, daß in Zeiten außergewöhnlicher emotionaler Belastung sich Berichte über vermutete übersinnliche Kontakte zu anderen Menschen häufen, zu Menschen etwa, die man in unmittelbarer Todesgefahr weiß und denen man eng freundschaftlich verbunden ist. Im Krieg beispielsweise, vergehen da überhaupt fünf Minuten, ohne daß man intensiv an geliebte Freunde denkt, von denen man getrennt wurde? Vergeht eine Nacht, vorausgesetzt, man kann schlafen, in der man nicht von ihnen träumt? Hat man nun in einem Traum eine besonders realistische Vision vom Tod eines nahestehenden Menschen und erfährt daraufhin, daß dieser Mensch tatsächlich in jener Nacht gestorben ist, so legt eine solche Konstellation natürlich nahe, zwischen dem Traumerlebnis und dem realen Todesereignis einen direkten Kausalzusammenhang zu sehen. Und daß im Krieg, wo der Tod allgegenwärtig ist und die Gedanken an ihn ebenfalls, sich eine solche Konstellation zwangsläufig und in zahllosen Variationen ständig ergibt, ist wohl auch unschwer vorstellbar. So verständlich nun aus menschlicher Sicht der Glaube an einen solch letzten übersinnlichen Abschied auch sein mag, wenn es hier um eine ehrliche Prüfung dessen gehen soll, was in Wirklichkeit geschieht, so dürfen wir uns auf der Grundlage der vorliegenden Fakten noch keinesfalls gestatten, einen solchen Zusammenhang anzunehmen.


Daß unsere inneren Bilder oder inneren Stimmen in extremen Situationen eine Intensität erreichen können, die qualitativ nahe an ein Wirklichkeitserlebnis heranreicht, ist eine Tatsache, die aber nichts daran ändert, daß diese Bilder in unserem Kopf entstehen, Teil desselben sind (soweit man so etwas wie einen nervlichen Stromstoß als "Teil" bezeichnen kann), und diesen daher niemals verlassen können.
Wenn jemand sich in hoher Intensität vorstellt oder träumt, er würde seinen Körper verlassen, und nun glaubt, dies sei tatsächlich in Wirklichkeit geschehen, dann besitzt er entweder die Naivität eines Kindes, das glaubt, man sähe es nicht, wenn es die Augen zumacht, oder aber es handelt sich um bewußte Täuschung und Bauernfängerei.


Um beurteilen zu können, was in den anderen Fällen, die Vater anführt, wirklich geschah, bräuchte man natürlich wesentlich genauere Informationen, und um sie als Wirklichkeitsvorgänge zu bestätigen, wären duzende, hunderte von Tests, Prüfungen und Untersuchungen nötig, was meist durch die Voreingenommenheit und das persönliche Interesse der Betreffenden und durch die Unmöglichkeit, einen solch "übersinnlichen" Vorgang zu wiederholen, nicht möglich ist - (wäre es ein echter Wahrnehmungsvorgang, würde eine Wiederholung jederzeit möglich sein müssen). Ich glaube nicht, daß auch nur eines dieser "hundertfach bezeugten Phänomene" einer solchen Prüfung standhalten könnte, würde mich aber, wenn sich etwas tatsächlich als wahrnehmbare Wirklichkeit erweist, nicht gegen dessen Anerkennung sträuben. Aber auch dann ginge es noch darum, zu unterscheiden, was Phänomen ist, und wie man es sich erklärt. Wenn eine solche Prüfung aber verweigert oder als das primitive und zwecklose Vorhaben eines Blinden und Ungläubigen diffamiert wird, ist die Sache schlicht als Unfug abzulehnen. Und das gleiche gilt für den Fall, wenn von uns verlangt wird, daß wir erst eine spezielle Schulung absolvieren müssen, um die "neuen Wahrnehmungsorgane" zu entwickeln, denn spätestens seit Jacoby wissen wir, daß wir von Anfang an eine komplett ausgerüstete Organisation sind, die nicht verbesserungsbedürftig ist, sondern die es nur gilt, zweckmäßig zu gebrauchen.
Noch ein paar Sätze zum Glauben an Dinge, die andere Menschen berichten und die in Widerspruch zu unserer sinnlichen Wahrnehmung und unseren realen Erfahrungen stehen: Wenn wir einem Menschen begegnen, der angibt, er könne Dinge wahrnehmen, die man selbst nicht wahrnehmen kann, so haben wir zwei Möglichkeiten: Entweder wir glauben ihm, beenden damit das Vertrauensverhältnis zur eigenen Wahrnehmung und begeben uns in ein Hörigkeitsverhältnis, das diesen "Hellsichtigen" in die Lage versetzt, uns praktisch alles als Wirklichkeit auftischen zu können, was er will. Oder aber wir glauben ihm nicht.


Ich habe mich für die zweite Möglichkeit entschieden und will im folgenden einige Punkte anführen, die zu dieser Entscheidung ermutigen sollen.
Wieder einmal geht es um das Thema "Wahrnehmung". Frage: Daß es verschiedene Wege und auch verschiedene Qualitäten der Wahrnehmung gibt, heißt das, daß wir damit auch verschiedene Existenzen und Wirklichkeiten wahrnehmen? Die Antwort ist eindeutig nein. Ob über das Licht, den Schall, die Luft oder den direkten körperlichen Kontakt, wir erleben immer dieselbe Wirklichkeit, und immer erscheint sie uns als vollständige Existenz. Auch ein Blinder und ein Tauber haben die Möglichkeit, die Wirklichkeit ringsherum als Existenz zu erleben (natürlich in extrem behinderter Weise, aber sie müssen durch den Verzicht auf Licht und Schall nicht auf eine ganze Wirklichkeit verzichten, sondern nur auf Aspekte derselben, denn Licht und Schall sind ja im Grunde keine eigenständigen Existenzen, sondern mehr Reaktionsweisen, Eigenschaften von Existenzen, Bewegungen, Schwingungen, Informationsleiter innerhalb der Wirklichkeit, vergleichbar mit den Gedanken innerhalb einer menschlichen Existenz). Und wenn manche Tiere wesentlich besser sehen, hören oder riechen können als wir, so nehmen sie mit diesen Fähigkeiten aber doch nichts anderes wahr als wir, sondern genau dasselbe, nur differenzierter, genauer, auf größere Entfernungen usw. Wenn nun also ein Wesen, das dazu noch der gleichen Spezies wie man selbst angehört, behauptet, es könne andere Dinge, andere Wirklichkeiten wahrnehmen als man selbst, so ist offensichtlich mehr als nur Zweifel angebracht, zumal, wenn man weiß, wie grenzenlos die Möglichkeiten des Menschen sind, das eigene Innenleben als Wahrnehmung mißzudeuten.


Noch ein weiterer entscheidender Punkt soll uns zum Nichtglauben ermutigen: Da wir selbst eine Wirklichkeit sind, existieren, ein Stückchen Wahrheit sind, das Original sind, das vom anderen wahrgenommen wird, sind wir doch in der Lage, wenigstens in diesem Bereich die angeblichen Wahrnehmungen des "Hellsichtigen" mit dem Original zu vergleichen, und da wird die Entscheidung nicht schwerfallen, welcher Seite man bei Unstimmigkeiten das Vertrauen schenkt.
Was auch zum Nachdenken anregen sollte: warum hört man eigentlich (nach meinem Kenntnisstand) nie von Kindern Berichte über derartige Erfahrungen? Sind sie noch zu klein dafür?
Ich möchte, daß all diese Gedanken als Ermutigung verstanden werden, jenen gegenüber nicht gehorsam zu sein, die uns auffordern, ohne zu prüfen anderen Menschen zu glauben, und die den Wahrheitsgehalt von menschlichem Hörensagen über den der eigenen sinnlichen Erfahrung stellen. Eine reale Existenz kümmert sich nicht darum, ob wir an sie glauben oder nicht, sie begegnet uns in jedem Fall, und ein richtiger Glaube muß nicht bewußt herbeigeführt werden, sondern stellt sich vollkommen zwingend von selbst ein.


Jemand, der durch unsere Erziehung gegangen ist, braucht Mut, nicht zu glauben, war doch jeder, der an nichts "Höheres" glauben konnte, im Grunde "primitiv" und "beschränkt". Wurden wir nicht von Anfang an zu einer solchen Glaubensbereitschaft erzogen? Wurde es nicht sogar als Erziehungsideal betrachtet, das Kind so lange wie möglich in einer "kindgemäßen" Traum- und Phantasiewelt zu halten (natürlich auch sehr stark durch die Religion mit Christkind, Nikolaus, Osterhase, die Tiere des Adventsgartens, die sich nachts "von selbst" bewegten, daß man in den "Himmel" kommt, wenn man stirbt, usw.), und wurde der Kontakt mit der Wirklichkeit nicht fast als "schädlich" gebrandmarkt, weil man in dieser "banalen" Wirklichkeit nichts Wunderbares sehen konnte?
Ich aber möchte uns allen den Mut zum Nichtglauben wünschen!



Nachtrag zum Thema Christentum

Der Glaube an Gott als ein menschenähnliches geistiges Wesen, das die Welt erschaffen hat, ist vielleicht ein noch unhaltbarerer Glaube als der an die Trennung von Geist und Körper, und das Christentum, das sich selbst ja gerne als "wahrer Glaube" vom "Aberglauben" distanziert, ist im Grunde selbst ein Aberglaube, denn es ist der Glaube an ein Phantasieprodukt. Und es ist eine traditionell überlieferte Liebe zu einem Menschen, der sicherlich außergewöhnlich war und manch richtigen Hinweis und Rat gab, aber eben doch ein Mensch war, der vor 2000 Jahren gelebt hat und gestorben ist. Daß dessen Lebensgeschichte von seinen Jüngern (bewußt oder unbewußt) dazu verwendet wurde, die durch ihn neu gewonnenen Erkenntnisse in Form von gleichnishaften Bildern festzuhalten, die, als Bildersprache verstanden, uns sicherlich auch heute noch Sinnvolles mitteilen könnten, hat dadurch, daß sie von der Kirche wörtlich genommen oder als Realitätsschilderungen mißverstanden wurden, nur verheerend auf unsere Beziehung zur Wirklichkeit wirken können. (Ähnliches gilt übrigens auch für das alte Testament mit seiner Schöpfungsgeschichte. Und all jene, die glauben, man dürfe Kindern die Wirklichkeit nur in einer "kindgemäßen" Bildersprache nahebringen, mögen sich der großen Gefahr solcher Bilder bewußt sein, denn gerade als Kind ist man völlig außer Stande, etwas als Gleichnis aufzufassen, man nimmt alles als Wirklichkeit, und eine solche Bildersprache kann daher nur große Verwirrung anrichten, wenn es sich nicht wirklich um eine verabredet erfundene Geschichte handelt.) Für mich geht ein solcher Glaube und eine solche Liebe auf Kosten des richtigen Glaubens an die Wirklichkeit und auf Kosten einer echten Liebe zu unseren realen, lebendigen Mitmenschen. Daß sich dieser Glaube so lange halten konnte und von so vielen Menschen geteilt wird, ist für mich kein Beweis für seine Richtigkeit, sondern liegt in der Tatsache begründet, daß der Mensch eben die Möglichkeit hat, seine Wahrnehmungen und sein Innenleben falsch zu interpretieren (wie lange haben wir geglaubt, die Erde sei eine flache Ebene?). Ich meine aber doch, daß wir langsam reif genug sein sollten, diesen Glauben zu korrigieren und unseren "lieben Gott" durch den Glauben an die Wirklichkeit zu ersetzen. Zumindest wäre zu hinterfragen, ob es für uns wünschenswert sein kann, uns einer Herrschaft zu unterwerfen, die Ungehorsamkeit mit blutigen Strafen und Höllenfeuer ahndet oder sogar rächt, und uns so zu ängstlichen Schäfchen erziehen will, deren Handlungen nicht mehr von sachlichen Notwendigkeiten geleitet werden, sondern von einem opportunistischen Spekulieren auf eine möglichst günstige jenseitige Karmagestaltung, auf einen "Platz im Himmel". Und wie man angesichts des unendlichen sinnlosen Leids zahlloser Menschen auf dieser Erde auch nur eine Sekunde daran glauben kann, Christus habe all unser Leid auf sich genommen, das ist mir allerdings wirklich ein Rätsel. Sicherlich, wir haben diesen Menschen, wenn die historischen Überlieferungen der Wahrheit entsprechen, vor 2000 Jahren bestialisch ermordet, aber er steht mit diesem Schicksal ja leider nicht allein da in der Geschichte. Warum mußte ausgerechnet das Kreuz, das Mordinstrument, nun zum Sinnbild unseres Glaubens werden? Man stelle sich einmal vor, man habe Jesus damals erhängt. Wäre dann jetzt ein Galgen das Symbol des Christentums?


Sicherlich gibt es nun viele Menschen, die mit dem Begriff "Gott" vielleicht etwas wirklich Richtiges und Reales verbinden, die etwa an Jacoby’s "Es" denken oder an das Dasein schlechthin. Diese Menschen sind mit meinem schrillen Angriff ausdrücklich nicht gemeint. Ihnen würde ich lediglich nahelegen wollen, neue Begriffe an Stelle von "Gott" zu entwickeln, denn dieser Begriff ist durch die Kirche einfach zu sehr vorbelastet und es gelingt doch kaum, sich dabei etwas anderes vorzustellen als das außerirdische Fabelwesen (noch mehr übrigens bei der englischen Form "Lord"). Ebensowenig gemeint sind die vielen karitativen Hilfsaktionen, die im Namen der Kirche durchgeführt werden und auf die natürlich nicht verzichtet werden soll. Verzichtbar wäre lediglich der dogmatische Glaubenshintergrund. Denn Liebe und gegenseitige Unterstützung sind keine christlichen Erfindungen, sondern seit Urbeginn als Verhaltensmöglichkeit in der menschlichen Ausrüstung verankert.
Meine große Glaubensfrage würde folgendermaßen lauten: Warum können wir an das Wunder des Lebens, an das Wunder jeden Daseins, nicht in der Form glauben, in der es uns tatsächlich begegnet, sondern erst in einer abstrakt losgelösten "geistigen" Form, die in Wirklichkeit nur in unserem Kopf existiert? Und wäre ein solcher Glaube nicht auch die Voraussetzung für das Entstehen von echter Achtung und Liebe?


Nachtrag zum Thema Naziverbrechen

Da ich aus einer Familie stamme, deren Söhne im vergangenen Krieg in ahnungsloser Naivität wie auch zahllose andere die Situation völlig verkannten und große Schuld auf sich luden (die drei älteren Brüder meines Vaters und er selbst zogen damals, beseelt von in fragwürdigen Jungenschaften erworbenen Idealen wie Heldentum und Ruhm, durchaus fast mit Begeisterung in den Krieg, überzeugt, mit Deutschland auf der "guten" Seite zu stehen), bevor sie selbst zu Opfern wurden (mein Vater war der einzige Überlebende), möchte ich auch hierzu noch einige Gedanken niederschreiben.


Was damals geschah, liegt so jenseits allen Vorstellungsvermögens, daß jedes Wort, das man dazu sagen möchte, unabhängig von dessen Bedeutung, den Sprecher unweigerlich in den Strudel dieser brennenden Schuld reißt, auch wenn er wie ich unter die Gnade der späten Geburt fällt. Ich möchte daher zunächst vor einem Verhalten warnen, das sich aus Angst vor dem Abgrund dieser Thematik heute dadurch zu distanzieren versucht, daß es im anderen argwöhnisch nach rassistischer und nazifreundlicher Gesinnung Ausschau hält. Dann wird der Versuch, zu verstehen, sehr schnell zu einem Versuch, zu entschuldigen, dann wird das Suchen nach Gründen beispielsweise der Judenvernichtung sehr schnell zum Antisemitismus, wenn nämlich unterstellt wird, man suche nach "berechtigten" Gründen. Ein solches Verhalten ist nicht nur äußerst wenig hilfreich, sondern kann dem anderen auch bleibende Wunden zufügen. Man möge sich daher davor hüten, einen anderen etwa wegen einer ungeschickten Formulierung oder auch ganz einfach auf Grund von dessen Ahnungslosigkeit gleich zum potentiellen Massenmörder abzustempeln.


Es soll im folgenden keinesfalls darum gehen, zu richten, dazu fühle ich mich bestimmt nicht befugt, keiner von uns weiß, wie er sich unter solchen Umständen verhalten hätte, und mein Vater und seine Brüder waren damals halbwüchsige Jungen. Die damaligen Ereignisse aber heute als furchtbare Verirrung zu erkennen und auch so zu benennen, halte ich für wichtig, gerade auch, wenn es um die eigene Familie geht.
Ich glaube, das einzig Sinnvolle, das man im Rückblick tun kann, wäre, in sich selbst hineinzuschauen und zu prüfen, ob nicht embryonenhaft Ansätze einer Disposition vorhanden sind, wie sie damals zu solch monströsen Handlungen führen konnte, und, falls man solches antrifft, nun nicht zu erschrecken, sondern sachlich den Wahrheitsgehalt der zugrundeliegenden Denkweisen zu überprüfen (wenn man’s selbst merkt, hat man ja eigentlich schon gewonnen). Denn man kann diese Kräfte nicht dadurch bekämpfen, daß man sie als moralisch schlecht und böse verteufelt, sondern nur dadurch, daß man erkennt, daß sie einem Irrtum, einem fehlerhaften Kontakt mit der Wirklichkeit entspringen.
In dem Glauben von "höher" und "tiefer" stehenden Menschen, in dem Glauben von "guten" und "schlechten" Menschen, in dem Glauben von "wertvollen" und "wertlosen" Menschen sehe ich die Gefahr eines solchen embryonenhaften Ansatzes. Natürlich ist der Mensch, ob in der Kunst, im Sport, sowie auf jedem anderen Gebiet in der Lage, entweder Mist zu bauen oder Gutes zu leisten, und man soll dies auch so benennen dürfen, solange man nicht vergißt, daß damit ein mehr oder weniger zweckmäßiges Verhalten, verschiedene Stadien einer Entwicklung, verschiedene Grade der Anpassung an die jeweilige Aufgabe oder ein besser oder schlechter funktionierender Kontakt mit der Wirklichkeit angesprochen wird. Niemals jedoch darf in diesen Kategorien in Bezug auf die Existenz und das Leben eines Menschen gedacht werden! Unsere Existenz ist jenseits des gedanklich Fassbaren und daher jenseits jeglicher Beurteilung und Bewertung.
Ein weiterer embryonenhafter Ansatz liegt wohl in jeder Art von herrschendem oder untertänigem Verhalten, blinder Gefolgschaft gegen eigenes besseres Wissen, und, vielleicht der entscheidendste Punkt, in der Bereitschaft, die Würde des anderen zu verletzen oder die eigene Würde von anderen verletzen zu lassen. Eine solche Verletzung der Menschenwürde äußert sich übrigens nicht nur in offen abschätzigem oder beleidigendem Verhalten (oder Schlimmerem), sondern auch in vielen "gutgemeinten" Verhaltensweisen. Sie äußert sich beispielsweise in jeder Art von: ‘Man muß doch auch zu solchen Menschen freundlich sein’, in jeder Art von Moral à la "Struwwelpeter", (was uns damals ja kritiklos zum Lesen gegeben wurde): ‘Was kann der arme Mohr dafür, daß er so weiß nicht ist wie wir’. Und gegenüber Kindern ist sie in unserem Kulturkreis im Grunde zur Normalität geworden, verankert in unseren Vorstellungen von Erziehung und "kindgemäßem" Verhalten (‘ja was der Kleine schon alles kann!’...), auch das Erörtern der "Probleme" eines Kindes unter Erwachsenen über dessen Kopf hinweg, das Degradiertwerden zu einem "Fall", gehört zu diesem Thema. Dafür ein Gefühl zu bekommen, die Natur eines solchen Verhaltens erst einmal zu erkennen, würde unser Leben schon ein ganzes Stück erfreulicher gestalten. Wir müssen niemanden mögen oder gar lieben, aber wir müssen Ehrfurcht vor seiner Existenz und Respekt vor seiner Würde haben, und zwar unabhängig davon, ob jemand eine Minute oder hundert Jahre alt ist. Die Erkenntnis der unbegreifbaren Identität jedes Menschen liefert die Notwendigkeit zu solcher Ehrfurcht. Und das Anfertigen von gedanklichen Bildern vom Menschen ist deshalb so verhängnisvoll, weil es diese Ehrfurcht unterhöhlt. Ein Anthroposoph beispielsweise hat im Grunde nur vor Steiners "neuem Bild vom Menschen" Ehrfurcht, nicht aber vor dem Menschen, der in Fleisch und Blut vor ihm steht.
Man möge mich nun nicht dahingehend mißverstehen, ich wollte das, was ich hier mit ‘embryonenhaften Ansätzen’ bezeichnet habe, mit nazistischer Gesinnung gleichsetzen. Denn es wird wohl kaum jemanden geben, der, wenn er ehrlich ist, nicht solche Ansätze bei sich entdecken würde. Ich glaube nur, daß mit Menschen, die diesen Verhaltens- und Denkweisen gegenüber, sowohl bei sich selbst als auch bei anderen, wachsam und empfindlich reagieren, ein solch infernalisches Unrecht wesentlich schwieriger beziehungsweise gar nicht zu inszenieren oder zu provozieren wäre.


Dies der sicherlich hilflose Versuch, etwas für die Zukunft Nützliches zu unserer Vergangenheit zu sagen. Ich möchte zum Schluß noch einmal einige Sätze von Heinrich Jacoby abdrucken, fragmentarisch herausgepickt aus "Jenseits von ‘Begabt’ und ‘Unbegabt’ ", die vielleicht ahnen lassen, wie eine zweckmäßige Fragestellung und sinnvolle Auseinandersetzung mit diesem großen Unrecht aussehen könnte. Allerdings sind diese Aussagen im Grunde nur im großen Zusammenhang des Buches verständlich, und der eine oder andere Begriff bekommt nur im Zusammenhang Gehalt (zum Beispiel "anwesend sein", was ich mit "in Kontakt mit der Wirklichkeit sein" übersetzen würde), und ist so herausgelöst vermutlich kaum verständlich. Jacoby möge mir verzeihen.
 
Der Mensch ist nicht "gut", und der Mensch ist nicht "schlecht", sondern es kommt auf die Situationen an, in denen leichter die eine oder die andere Reaktionsmöglichkeit aktualisiert wird. Wie der Mensch in einer bestimmten Situation reagiert, wird weitgehend durch die Auswirkungen seiner bisherigen Geschichte bestimmt. Er reagiert so, wie seine jeweilige Möglichkeit, anwesend zu sein, es ihm gestattet, und kein Mensch hat es schwerer, anwesend zu sein, als der, der Angst hat.
Wir sind nicht dabei, am Menschlicherwerden des Menschen zu arbeiten, sondern dabei, wegzuräumen, was den Menschen am Menschlichsein hindert. Es ist gar nicht nötig, bessere Menschen zu machen oder die Menschen besser zu machen. Wir brauchten nur dafür zu sorgen, daß die Würde des Menschen, die jedem Menschen eigen ist, nicht auf jene fahrlässige und gedankenlose Weise angetastet wird, wie wir es als selbstverständlich auch selber zu tun und hinzunehmen gewohnt sind und wie wir es sogar in jener Sie alle heute besonders erschreckenden Form schon seit Jahren hingenommen haben.


Wenn Menschen den zukünftig "besseren" Menschen "machen", zu "gestalten" hätten, dann allerdings hätten wir Grund zu verzweifeln.
Jene Menschen, deren Handlungen uns so entsetzen und erschrecken, sind nicht schlechtere Menschen als wir. Solche Erklärung ist genauso bequem, wie wenn wir jemand als unbegabt abstempeln, anstatt uns für die Zusammenhänge und Hintergründe zu interessieren, die ihn so haben werden lassen.


Man müßte sich darum kümmern, was für Verhältnisse und Zusammenhänge immer wieder mit Notwendigkeit zum Entstehen von Kriegen führen. Jedenfalls sind es andere Ursachen als die Schlechtigkeit des Menschen!
Offenbar müssen bestimmte, in ihrer gesetzmäßigen Bedingtheit erfaßbare Zusammenhänge wirksam werden, damit der Mensch so bestialisch funktioniert, wie er auf Grund seiner biologischen Ausrüstung durchaus zu funktionieren in der Lage ist. Welches sind die Konstellationen, in denen derartige Reaktionen ausgelöst werden? Welches sind die Mächte, die ein Interesse daran haben könnten, solche Konstellationen herbeizuführen?
H. Jacoby, 1945
 
Und noch zwei überlieferte Zitate von ihm:
Bosheiten werden so machtlos, wenn man anfängt, ihre Hintergründe zu verstehen.
 
Anläßlich der Verhandlungen gegen Eichmann in Israel:
Wie mit jedem Menschen, kann man auch mit Eichmann in Kontakt kommen.


Welche Schule brauchen wir?

Ich glaube, wir haben grundsätzlich zwei Möglichkeiten, unser Verhalten im Leben auszurichten, die eng mit den verschiedenen Verhaltensweisen unseres Denkens zusammenhängen.

Für unser Denkverhalten wäre die eine Möglichkeit, an selbstgefertigte oder übernommene innere Abbilder der Wirklichkeit zu glauben. Die andere Möglichkeit wäre, an das Original der Wirklichkeit draußen zu glauben und die eigenen Reproduktionen davon unterscheiden zu können.

Für den Umgang mit unseren Gefühlen wäre die eine Möglichkeit, sie einer angelernten Moral zu unterwerfen mit dem Ziel, ein "guter", "wertvoller", "höherstehender" Mensch zu werden, die andere Möglichkeit wäre, sich ohne Absicht und Vorsatz direkt von der jeweiligen Situation ansprechen zu lassen, die eigenen Reaktionen zuzulassen, ernstzunehmen und zu versuchen, ihre Botschaft zu verstehen.


Für unsere Beziehung zu unserem Körper wäre die eine Möglichkeit, ihn als das niedere Werkzeug unseres Geistes beherrschen zu wollen auf der Grundlage gespeicherten Wissens, Bewegungen zu "machen", Nahrung nach den Vorstellungen eines gelernten Gesundheitsdenkens aufzunehmen, ihn wie eine Maschine vom Arzt regelmäßig durchchecken zu lassen und dem Bewußtsein die Funktion einer Befehlszentrale zu erteilen. Die andere Möglichkeit wäre, unseren Körper als unsere wahre Existenz zu achten und das Bewußtsein als Möglichkeit wahrzunehmen, mit dieser Existenz, mit uns selbst in Kontakt zu kommen, es seiner natürlichen Funktion gemäß als Empfangszentrale einzusetzen, Wahrnehmungs- und Bewegungsvorgänge absichtslos geschehen zu lassen und dabei kennenzulernen, das Essen auf die tatsächlich wahrgenommenen Bedürfnisse abzustimmen, unser Vertrauen in jene innere Kraft zu setzen, die diesen Körper geschaffen hat und am Leben erhält und die wir selbst sind, und den Arzt mit seinen beschränkten Möglichkeiten wirklich nur als Nothilfe in Anspruch zu nehmen, uns von außen am Leben zu erhalten.


Auch in der Erziehung unserer Kinder haben wir diese beiden Möglichkeiten. Wir können entweder Idealbilder davon entwerfen, wie ein Kind sein und sich entwickeln soll, und dann den Versuch unternehmen, unsere Kinder zu diesem Idealbild zu erziehen, von dem wir also schon vorher wissen, wie es sein soll. Oder wir können ein Kind von Anfang an als neuen, originalen Menschen ernstnehmen und seine Entwicklung so zulassen, wie sie geschehen will, bereit, uns von etwas Neuem überraschen zu lassen.

Und was das Lernen angeht, wäre die eine Möglichkeit, sich die Dinge der Wirklichkeit von anderen erzählen zu lassen, sich anzulesen und als abstraktes Wissen zu speichern, so wie das in Waldorfschulen genauso wie in Staatsschulen zum allergrößten Teil betrieben wird, die andere Möglichkeit wäre, direkt von der Wirklichkeit zu lernen, uns selbst den für unser Leben notwendigen Kontakt zur Wirklichkeit zu erarbeiten in der Weise, wie wir das als Kleinkind tun, wo wir uns aus existentiellem Interesse heraus die wichtigen Dinge des Lebens aneignen, und zwar umso besser und vollkommener, je weniger die Erwachsenen "helfend" eingreifen. Die Aufgabe der Eltern und später der Lehrer wäre, dieses Interesse eines Kindes an seiner Umwelt nicht belehrend und erziehend zu zerstören, sondern Gelegenheiten zu schaffen, bei denen Erfahrungen gemacht und selbst verarbeitet werden können, es nicht mit Aufgaben zu konfrontieren, für die noch kein Interesse bestehen kann, und nichts vorzuenthalten, wofür schon Interesse da ist.


Zusammenfassend könnte man also sagen, daß wir prinzipiell die Möglichkeit haben, uns den Realitäten des Lebens gegenüber unzweckmäßig oder sogar falsch, oder aber zweckmäßig und sogar richtig zu verhalten.

Steiners Ansatz mit seinem "neuen Bild des Menschen", seinen genauen Vorstellungen von einer "Höherentwicklung" des Menschen, seinen genauen Vorstellungen davon, was für ein Kind in welchem Alter gut oder nicht gut, schön oder häßlich, nützlich oder schädlich zu sein hat, repräsentiert für mich eindeutig den unzweckmäßigen Weg. Und worin besteht eigentlich in der Realität der Waldorfpädagogik die große Reform? In dem (sicherlich positiv zu bewertenden) Wegfall der Zensuren und des "Sitzenbleibens"? In der Einführung des einen oder anderen handwerklichen oder künstlerischen Fachs, in dem doch meist ein einheitlich festgelegter Stil gelehrt wird? (Beispiel: Eurythmie - eine neue Art der "Bewegungskunst", wo unter anderem versucht wird, meist maniriert geschwollen vorgetragene literarische Texte dadurch in Bewegung umzusetzen, daß man die Buchstaben des Alphabets gestisch darstellt, oder klassische Musik dadurch in Bewegung umzusetzen, daß man mit den Armen die Tonhöhen beziehungsweise Notennamen anzeigt). Wird nicht wie in jeder anderen Schule auch zu 90% Wissen aus zweiter Hand vermittelt? Wenn ich heute darüber nachdenke, was von den Dingen, die ich in der Waldorfschule "gelernt" habe, mir in meinem Leben von Nutzen war, fällt mir im Grunde nicht viel ein. Gerade auch in Fächern, die wirklich nützlich sein könnten, wie etwa Fremdsprachen, konnte der Unterricht eigentlich nie mein Interesse wecken, so daß ich auch nach zwölf Jahren so gut wie kein englisch oder französisch sprechen und verstehen konnte. Selbst wenn ich für dieses klägliche Ergebnis einen Großteil selbst zu verantworten habe, kann ich doch die Schule nicht gänzlich aus der Verantwortung entbinden. Ich sehe in der Waldorfschule keine Reform, die sich nennenswert von jeder anderen Schule abheben würde. Das einzige, was ein Waldorfschüler als Besonderheit mit auf den Weg bekommt, ist das Bewußtsein, eine elitäre Erziehung genossen zu haben und dem Nichtwaldorfschüler "geistig" überlegen zu sein.


Ich bin weit davon entfernt, mir eine zweckmäßige Schulform konkret vorstellen zu können, und mir ist auch klar, daß sinnvolle Veränderungen viel Zeit brauchen und nur in dem Maße gelingen können, in dem den Lehrern eine eigene Umerziehung gelingt. Bei mir selbst sehe ich zum Beispiel, wie wenig ich in meinem Klavierunterricht die Einsichten Jacobys, die mir theoretisch vollkommen einleuchten, praktisch umsetzen kann, einfach weil mir die eigene Erfahrungsgrundlage fehlt. So ist man zunächst dazu verurteilt, das Falsche weiter zu machen, selbst wenn man es bereits als falsch erkannt hat. Aber es beginnt dann doch innerlich etwas zu arbeiten und zu bohren, und man kommt vielleicht in winzigen Schritten zu einer richtigeren Arbeitsweise.

Was die allgemeine Schule angeht, so scheint mir die Vorstellung, 40 Kindern in einer Klasse gleichzeitig angelesenen Wissensstoff vermitteln zu können, in hohem Maße fragwürdig. Die wichtigste Voraussetzung für jeden Menschen, sich etwas erarbeiten zu können, ist das eigene Interesse an einem Thema, ein Gefühl für die Notwendigkeit der jeweiligen Arbeit für das eigene Leben. Dieses Interesse, das jedes Kleinkind von Natur aus mitbringt, nicht abzutöten, sondern ihm Nahrung zu geben, wäre ungeheuer wichtig. Und eine Schule, die Arbeits- und Erfahrungsgelegenheiten in Abstimmung auf das jeweils akute Interesse eines kleinen Menschen anbieten könnte, wäre sicherlich ideal. Denn genau so unsinnig es ist, zu essen, wenn man keinen Hunger hat, genau so unsinnig ist es wohl, etwas "lernen" zu wollen, für das kein Interesse vorhanden und keine Notwendigkeit einsehbar ist. Eine Schule der Zukunft hätte also ganz allgemein gesprochen die Aufgabe, den inneren Lern- und Erarbeitungstrieb des Kindes nicht nur am Leben zu erhalten, sondern ihm so weit wie möglich die Führung zu erteilen, und sie hätte sich von der nur durch äußeren Zwang funktionierenden Eintrichterung abstrakt übernommenen "Wissens", deren Nutzen für das Leben eines Menschen gleich Null ist, nach und nach zu verabschieden.


Was wir brauchen, ist keine neue "Methode" und auch keine "Erziehung zum besseren Menschen", sondern Verständnis für die Funktionsweise unserer "biologischen Ausrüstung" und Abbau all dessen, was dieses Funktionieren beeinträchtigt, was unseren Kontakt mit der Wirklichkeit stört, was uns am "Menschsein" hindert.

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Zum Abschluß noch einmal Jacoby mit Passagen aus dem Vorwort von "Jenseits von ‘Begabt’ und ‘Unbegabt’ ", in dem es um die Beschreibung zweckmäßigen Verhaltens als Voraussetzung einer ungestörten Entfaltung des Menschen geht:

[...] Leistungsschwierigkeiten erscheinen mir nicht als Problem der Leistungsfähigkeit (Möglichkeit) oder Leistungsunfähigkeit (Unmöglichkeit), sondern als Problem der Leistungsbereitschaft beziehungsweise der gestörten Bereitschaft; das heißt also weitgehend als Zustands- und Verhaltensproblem – als dynamisches Problem – und nicht als Problem der Qualität der Organe und der Konstitution, nicht als statisches Problem.

[...] Sowohl das Verhalten beim Wahrnehmen, beim Erfahren, als auch das Verhalten beim Sichäußern – und dadurch später auch die Qualität der Leistungen – werden von der frühesten Kindheit bis ins Erwachsenenalter in entscheidender Weise beeinträchtigt, vorallem durch unbeabsichtigte, aber auch durch – aus Unkenntnis der Konsequenzen – beabsichtigte tendenziöse Umwelteinwirkungen.

Sie führen dazu, daß der Mensch sich bei der Auseinandersetzung mit der Umwelt gegensätzlich zu den biologischen Gegebenheiten, das heißt unzweckmäßig verhält. Sie beeinträchtigen den Gebrauch der Fähigkeit zu spontanem, unmittelbarem Kontakt mit der Umwelt und verleiten zu einem kontakterschwerenden Verhalten beim Erfahren und Leisten, zum "Verhalten auf Vorrat". Unmittelbarer Kontakt zur Umwelt und Entfaltung von Fähigkeiten werden dadurch geradezu verhindert.

Es ist nüchterne, naturwissenschaftlich bestätigte Erfahrung, daß die "biologische Ausrüstung" des Menschen für den Kontakt mit der Umwelt physiologisch so organisiert ist, daß durch ihr bloßes Spielenlassen ohne "aktives Dazutun" die Möglichkeit zu unmittelbarem Kontakt gesichert ist. Der zwanghafte Wunsch wahrzunehmen, ist dabei nicht nur überflüssig, sondern – wie sich experimentell nachweisen läßt – unzweckmäßig. Er wirkt störend.

[...] So ist zum Beispiel die biologisch und physiologisch gegebene Voraussetzung für den Wahrnehmungs-, Erfahrungsprozeß beim Sehen die Empfangsbereitschaft für das "Einfallen des Lichtes", die Bereitschaft, auf Helligkeitsschwankungen zu reagieren, und nicht "aktives", analysieren-wollendes An-sehen und Be-trachten der Gegenstände.

Beim Hören ist es die "Empfangsbereitschaft für den Schall" und nicht das mehr oder weniger angestrengte, analysieren-wollende Zu-hören und "Ohrenspitzen".

Beim Tasten und Greifen ist es das tastende, erfahrungsbereite In-Kontakt-Kommen mit dem Objekt und nicht ein An-fassen und Be-greifen mit überflüssigem Druck.

Entscheidende Charakteristika des von der Natur vorgezeichneten zweckmäßigen Verhaltens bei Wahrnehmung und Erfahrung, für das Entstehen von Kontakt mit Aufgaben und Menschen sind also die Qualität der Empfangsbereitschaft, Reagierbereitschaft und Registrierbereitschaft; die Bereitschaft, eingeleitete Funktionen, Prozesse ablaufen, geschehen zu lassen, statt sie zu "machen" oder unterwegs ändern zu wollen; die Bereitschaft, sich gewissermaßen von der Aufgabe mitteilen zu lassen, wie man sich beim Erfahren und bei der Leistung zu verhalten hat; die Bereitschaft, sein "Körperinstrument" durch Kontakt mit der Aufgabe zweckmäßig für die zu lösende Aufgabe verwandeln zu lassen.

[...] Beim alltäglichen Sichbewegen würde ein Eingestelltwerden durch Kontakt zu der zu bewegenden Last, zu der Richtung und dem Weg, über den sie bewegt werden soll, entfaltend wirken. Durch die übliche Routine im Energieverbrauch und Mißbrauch des Hebelsystems wird Verschleiß, Entstellung und unnotwendige Ermüdung bewirkt.

Wir finden diese Problematik bei Gedächtnisproblemen, bei Schwierigkeiten im Sicherinnern: Zweckmäßig wäre es zu versuchen, etwas – erinnernd – auftauchen zu lassen, statt sich "anzustrengen" und angestrengt "nachzudenken".

[...] Wir treffen das gleiche Problem beim Gespräch, wobei Kontakt und Verstehen um so sicherer verhindert werden, je mehr man aufeinander einredet.

[...] Das gleiche trifft für alle Denkprozesse zu: Das Bewußtwerden-Lassen von Vorgängen und Zusammenhängen, das Zueinander-in-Beziehung-kommen-lassen von Erfahrungen und Eindrücken leistet etwas grundsätzlich anderes als Gewandtheit im Begriffe-Kombinieren, als Wiedergabe und Kombination von Auswendiggelerntem, als "Grübeln", "Nachdenken" und Spekulieren.

[...] Für die allgemeine pädagogische Praxis ergeben sich zwei Forderungen: a) Die bewußte Disziplinierung eines zweckmäßigen Verhaltens, das heißt die Selbstumerziehung zu Kontaktbereitschaft, Empfangsbereitschaft, Abklingenlassen von Verstörtheit, Abbau und Abklingenlassen von Panik- und Aggressionsbereitschaft und allem überflüssigen "Machen-Wollen" als Grundverhalten. b) Aufbau von Fragestellungen und Aufgaben in einer solchen Weise, daß man vom Kontakt mit der biologischen, funktionellen Organisation des "Instruments" Mensch durch Erziehung und Unterricht nicht ablenkt, sondern daß man möglichst so fragt, daß die biologische Ausrüstung zwangsläufig ungestört funktioniert und damit durch jeden Gebrauch auch wirklich entfaltet wird.

H. Jacoby, 1939


Schlußwort

Zunächst eine abschließende Bemerkung zu den philosophischen Ausführungen: Erkenntnisse dieser Art sind natürlich nicht gleichbedeutend mit einem echten Wirklichkeitskontakt, der nämlich auf einer ganz anderen ‘Leitung’ abläuft als der des betrachtenden Denkens, sondern sie wollen die Barrieren abbauen helfen, die sich uns in Form von angelernten Gedankenbildern diesem Kontakt in den Weg stellen. Im Falle einer anthroposophischen Erziehung sind diese Barrieren besonders hoch und lassen sich letztlich nur dadurch überwinden, daß man ihre Irrtümer und damit ihre störende Wirkung auf den Kontakt mit der Wirklichkeit erkennt. Dieser Kontakt selbst ist ein dynamischer Vorgang, dem man sich in jedem Moment neu hingeben oder ihn auch in jedem Moment wieder verlieren kann. Diesen Kontakt auf den verschiedensten Gebieten durch versuchendes Ausprobieren möglich und erlebbar zu machen, und durch dieses Erleben eventuelle Verwirrungen auch im Bereich des Denkens in Ordnung bringen zu lassen, war einer der Inhalte von Jacobys Kursen und sicherlich sinnvoller als das, was ich hier in Form von gedanklichen Untersuchungen betrieben habe. Trotzdem war auch mein Weg eine Notwendigkeit, ohne eine solche Führung selbst aus der tiefen Verstörung herauszufinden, die eine anthroposophische Erziehung bei mir angerichtet hatte.

Eine Frage könnte man sich zum Abschluß noch stellen: Macht uns der Glaube an die Wirklichkeit glücklicher? Oder ist das Festhalten an selbstgeschaffenen, trostspendenden Gottfiguren oder jenseitigen "besseren" Welten für den Menschen eine biologische Notwendigkeit, um das Leben ertragen zu können? Diese Frage muß wohl jeder für sich selbst prüfen und entscheiden. Der Weg der Wirklichkeit kann hart sein, aber er birgt die Möglichkeit des Echten, eben des Wirklichen. Für den zweiten Weg gilt das, was allgemein für die Freiheit des Denkens gilt: Jeder hat die Freiheit, diesen Weg zu gehen, solange er sich bewußt ist über das, was er tut, das heißt solange er den Kontakt mit der Wirklichkeit dafür nicht aufgibt. Denn ein Leben, das diesen Kontakt aufgibt, kann mit Sicherheit nicht mehr in der ihm gemäßen Weise verlaufen. Unterscheiden zu können, was Wirklichkeit und was eigene Fiktion ist, bleibt daher unverzichtbare Voraussetzung für ein unverfälschtes, erfülltes Leben.



Christoph Keller
Bangkok, Februar 1999