DAS MYSTERIUM DER AUFERSTEHUNG IM LICHTE DER ANTHROPOSOPHIE
von Sergej O. Prokofieff
Ein offener Brief als eine Art Buchbesprechung
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_____________________________Sehr geehrter, lieber Herr Prokofieff,
Ich muss den thematisch schildernden Teil des Buches aus ganzem Herzen und mit viel Bewunderung anerkennen - er eröffnet ungeahnte Tiefenblicke und bewegende Seelenregungen, zumal, wenn man aus der Kenntnis der Anthroposophie heraus die Quellen, aus denen Sie schöpfen, kennt und versteht. Gerade dadurch aber wird verhindert der Einblick in die eigenen Erkenntnisse und spirituellen Erfahrungen des Verfassers. Sie werden mit Recht sagen, dass es darauf ja keinesfalls ankomme - aber unsere langen Erfahrungen mit Sekundärliteratur haben gezeigt, dass ständige Hinweise auf Rudolf Steiner und Zitate seiner Erkenntnisse eine lähmende Wirkung haben und eher geeignet sind, Menschen abzuschrecken; während ein grosses Bedürfnis besteht nach Literatur und Vorträgen aufgrund von Eigenerfahrungen, auch wenn deren Niveau deutlich niedriger sein sollte. So bewundere ich Ihr Buch auch als Meisterwerk der modernen anthroposophischen Schriftgelehrsamkeit, bei der dem Leser nur noch übrig bleibt, zu untersuchen, ob er die Rückschlüsse und Deutungen des Autors bestätigen kann. Das dringende Interesse des heutigen Geistesschülers besteht darin: Wie weit sind meine Kollegen, die „Mitschüler", auf Ihrem Wege zum Geist gekommen - was darf ich also vielleicht noch erhoffen? - Ich komme später noch einmal darauf zurück.
Im „Anhange" dieses Buches aber versuchen Sie eine Abrechnung mit Judith von Halle hinter einer Betrachtung über Katharina Emmerich. Das geht auch mich an, da ich ja eine „Konkordanz" über die Erfahrungen der Katharina Emmerich, Theresa Neumann und Judith von Halle geschrieben und Ihnen sofort nach Erscheinen zugeschickt habe. Dass es dabei um J.v.H. geht, ergibt sich schon allein durch den Gebrauch des Begriffes „Zeitreise", der nur bei J.v.H. vorkommt - solange, bis sie keinen besseren findet. Warum aber wird das nicht expressis verbis genannt? Steiner fordert absolute Ehrlichkeit und warnt vor Katholizismus - ein solcher spitzfindiger „Jesuitismus" allerdings ist ja heute überall in Politik und Diplomatie üblich. Dazu kommt, dass Katharina Emmerich vor etwa 200 Jahren gelebt hat, in einer Zeit völlig anderer Seelenverfassung als Kind armer Leute, mit vier Monaten Schulbildung, in der entscheidenden Lebenszeit ans Bett gefesselt, bildungsmässig der Kirchenfrömmigkeit ausgeliefert - und noch nicht Rudolf Steiner kannte. Um so mehr darf ich sie sicher bewundern. - - Judith von Halle ist Akademikerin, steht intellektuell auf der Höhe unseren Bewusstseinsseelenzeitalters, schreibt ihre Bücher selbst, hält lebendige vielbesuchte Vorträge, auch in Aesch und Dornach, die allerdings von den meisten unserer Vorstandsmitglieder nicht besucht werden, und kennt und verehrt Rudolf Steiner - wobei gesagt werden darf, dass sie ihn noch nicht allzulange kennt und ihn vor allem als den Bestätiger eigener bereits kindlicher spiritueller Erfahrungen anerkennt. Ihre Schriften bestätigen Rudolf Steiner, aber deren Inhalte fußen auf eigenen Erfahrungen. Ihr Erkenntnisleben als „somnambul" zu bezeichnen, ist völlig unsachlich. Ich bin auf dieses Problem in meinem Buch ausführlicher eingegangen. Es ist einfach unfair, Katharina Emmerich und J.v.H. In die somnambule Schublade zu stecken -und sogar noch in die gleiche Schublade. Dazu noch ein kurzer Seitensprung: Eine solche spirituelle Tatsache wie die nachtodlichen Mitteilungen Sigwarts aus der „Brücke über den Strom" (Oratio-Verlag) hätten Sie, lieber Herr Prokofieff, aufgrund der vorliegenden Steinerangaben natürlich auch einer ahrimanischen Einflüsterung zuschreiben müssen. Aber der Doktor selbst hat sie freudig als richtig, wenn auch selten, qualifiziert. Die Wirklichkeit ist eben immer anders. Auch der Mediziner, der die methodischen Darstellungen Steiners kennt staunt oft, dass er bei seinen Ratschlägen im konkreten Fall etwas überraschend Anderes vorgeschlagen hat.
Wir Anthroposophen begreifen Rudolf Steiner immer noch viel zu wenig und viel zu klein. Er stand ständig vor der Aufgabe, unsinnlich Geistiges zu versinnlichen, die Sprache der Geister zu übersetzen in Menschensprache. Dies beweist sein Feilen am Wortlaut der mantrischen Sprüche, das heute leider immer mitveröffentlicht wird, welche er aber als direkt von der geistigen Welt gegeben kennzeichnet. Diese seine Übersetzungen lesen wir in den Zyklen - und bleiben im Allgemeinen dabei stehen, diese Zyklen zu erarbeiten, aus der klein gewordenen Menschensprache heraus. Die Aufgabe des Schülers besteht aber auch darin, die Geistes-Göttersprache zu erlernen, um den esoterischen Sinn der Anthroposophie erfassen zu können - kommt er nicht so weit, wird er ein Ideologe und nicht ein Erfasser der göttlichen Ideen.
So ist es auch mit der Erfahrung-des Christus. Über das „Phantom" hat Rudolf Steiner schon 1911 gesprochen („Von Jesus zu Christus") Dieses Thema ist durch Judith von Halle in den letzten Jahren deutlich wichtiger geworden. Nun ist aber dieser Auferstehungsleib seinem Wesen nach nur von demjenigen voll zu verstehen, der ihn selbst erfahren hat - und damit auch das eigentliche Wesen des Christus erkannt hat. Alles rein literarische Schreiben über das Phantom bleibt darum letztlich nur eine Sprachattrappe. Man darf wohl sagen, die „Verleihung" des Auferstehungsleibes ist eine Einweihung in das Mysterium der Christusexistenz. Er wird verliehen als ein reines Gnadengeschenk. Ich bin der Überzeugung, dass ihn der Mensch nicht selbst erarbeiten kann, wie oftmals geglaubt wird - allerdings muss der Mensch durch seine eigene Arbeit die Voraussetzung schaffen, dass er verliehen werden kann. In meinem ersten Buch „Ich bin bei euch "wird in dem Kapitel über die esoterische Schulung ein Fall einer solchen Verleihung geschildert - allerdings hat niemand jemals danach gefragt - ist es überhaupt gelesen worden? Aus dieser Kenntnis heraus spreche ich in dem Konkordanzbuch auch das Problem der inneren und der äußeren Stigmatisation an - und darum erscheint mir Judith von Halle auch als authentisch.
Sie besprechen die sogen. Blutproben, die Steiner beschrieben hat, sehr ausführlich und stellen sie in den Gegensatz zu den bleibenden Stigmata. Nun sind diese willkürlich zu erzeugenden Erscheinungen gleichzustellen den Fähigkeiten gut geschulter Yoghis, die sonst unbewusste Leibesfunktionen durch eine gewisse Beherrschung des Ätherleibes aktivieren können. Sie haben also nur physiologischen, nicht religiösen der gar spezifisch christlichen Charakter. Das dürfte sie deutlich unterscheiden von den bleibenden Stigmata, die stets verbunden sind mit einer starken vollbewussten Liebe zu Christus. -Auch um die Willensfreiheit braucht man sich nicht zu sorgen: Entweder fragt die geistige Welt vorher an, ob der Kandidat - die Kandidatin - damit einverstanden ist, oder der Wille, das Leid und das Schicksal des Christus mitzutragen, kommt durch Gebet oder die spirituelle Aktivität des Schülers zu einem deutlichen Ausdruck. Ich empfehle dieserhalben das dicke Buch von Johannes Maria Höcht „Träger der Wundmale Christi" (Christiana-Verlag, CH Stein am Rhein) mit Hunderten von „Fällen", dessen katholischen Stil man allerdings erst bewältigen muss.
Und wenn es noch einmal um Authentizität geht: Wenn eine „ungebildete" Bäuerin wie Therese Neumann begeistert von dem Gewände des Auferstandenen erzählt: „Ja, was glaubst du denn, das Gewand war doch nicht aus so einem steifen Stoff, wie unser (Schneider)-Vater ein Gewand zusammen näht, sondern licht und nicht von dieser Welt und da hat die Herzwunde hell durchgeleuchtet. Ach, war das schön..." dann überzeugt mich das mehr als Autoritätszitate eines Hochschulabsolventen jeglicher Fakultät.
Und da wären wir dann also in den Mitten unserer Dinge angekommen. Was sind eigentlich "rein irdische Seiten der Ereignisse", die Sie bei den Erfahrungen der Zeitreisenden finden? Wie sieht ein „automatisch wirkender Mensch" praktisch aus? Als Heilpädagoge denke ich an einen Autisten oder an einen kataton Schizophrenen. In zweiter Linie dann an eine Steiner-Beobachtung, dass die Meditation der meisten Menschen nur ein gedankliches Dahergeplapper sei (oder so ähnlich). Die „irdischen Seiten" der Ereignisse finde ich etwa in den rührend kitschigen Gottesreichbildern der Wachturmleute (Zeugen Jehovas) oder etwa im „Buch Mormon" der Mormonen. Aber bei Katharina Emmerick oder Judith von Halle?? Haben Sie das Büchlein von J.v.H. über „Das Abendmahl" gelesen? Ständig versucht sie, den Leser über den spirituellen Symbolgehalt jeder einzelnen Handlung des Christus zu informieren. Haben Sie es gelesen oder scheuen Sie diese Texte? Sollten Sie ohne gründliche Kenntnis des akuten Sachverhaltes, der in Dornach leicht zu erhalten ist, verurteilen? Was ist der grundsätzliche Unterschied zum „Fünften Evangelium", wenn etwa Steiner über das Dämonenerlebnis des Jesus am heidnischen Altar und über das umgekehrte Vaterunser berichtet? Judith von Halle setzt sich selbst sehr gründlich mit der Beziehung der Akasha-Chronik zur Zeitreise auseinander -aus eigener Kenntnis der Verhältnisse, nicht aus literarischen Quellen. Um alle psychisch-spirituellen Aspekte sichtbar werden zu lassen, habe ich in meinem Konkordanzbuch die verschiedenen Schilderungen der Gethsemane-Prüfung sehr ausführlich referiert. Natürlich bedient sich Katharina Emmerich des ihr allein bekannten katholisch-kirchlichen Sprachgebrauches, aber ist es so schwer, sich das ins „Eigentliche" zu übersetzen?
Das bringt mich wieder zu grundsätzlichen Problemen zurück. Sind wir nicht auch mit ähnlichen Phänomenen befasst? Wer länger oder ständig in Dornach lebt, verliert allmählich das Gefühl dafür, welche suggestiven Impulse von der astralen Seelenhaftigkeit des Goetheanums der Nach-Steiner-Ära ausgehen. Der esoterische Schüler konnte durch Jahrzehnte den Hinweis erhalten; „Siehe da den Thronsitz Luzifers unter den Menschen" - während in den Himmelshöhen das vergeistigte erste Goetheanum schwebte. Es war zu erleben, wie zuvor offene Menschen in diese Gruppenseelenhaftigkeit gerieten, die charakterisiert werden könnte als eine Art von kühlem hochaesthetischem Weisheits- und Wahrheits-Genießen ohne die spezifisch christliche Menschenwärme und damit ohne eigentliche christliche Esoterik.
Es hat also nicht nur der Katholizismus, sondern auch die Anthroposophie-nach-Steiner unfrei machende Beeinflussungsmöglichkeiten bis hin zu der Todsünde der Leitung der kath. Kirche, dem Machterhalt wesentliche Inhalte des Christentums zu opfern. Es stellt sich heraus, dass das Freiheitsproblem die höchste und schwierigste Prüfung der Menschheit ist und dass darum überall das Bestreben besteht, die Moral für Menschen erträglicher zu gestalten - was praktisch bedeutet, die kaum zu erfüllenden Forderungen von Religionsgründern und deren Propheten kurzerhand abzuschaffen. Wie bequem und angenehm wäre - auf unserem Sektor z.B. eine Anthroposophie ohne Christus, Rudolf Steiner und am besten auch ohne Anthroposophische Gesellschaft! Lieber Herr Prokofieff, hier treffen wir uns in der Sorge um die spirituelle Zukunft der Menschheit und ihres Erdenplaneten. Wenn ich nicht Ihre besten Absichten glaube erkennen zu können, müsste dieser Brief jetzt als eine der üblichen Besserwissereien gelten. Aber ich kenne auch Judith von Halle und weiß, wie auch ihr Herz für unsere Ideale brennt und wie sinnlos es ist, dass wir uns bekämpfen, anstatt unsere Gemeinsamkeiten zu pflegen. Wir landen genau in der Falle der Widersachermächte, die noch immer mit dem alten Rezept: divide et impera Erfolg hatten: Entzweie sie, dass sie sich untereinander bekämpfen, dann kannst du sie sicher beherrschen.
Judith von Halle und ihre aktiven Freunde, zuletzt Rahel Uhlenhoff, haben inzwischen schon in jungen Jahren genug Willkür durch anthroposophische Führungskräfte erfahren, ohne dass sich bis jetzt jemand dafür entschuldigt hätte.
Mit lieben, herzlichen Grüßen Ihr Wolfgang Garvelmann
PS: Besonderen Dank für das Ausgraben der Schicksale des Ehepaars Pollak!
Zur Judith-von_Halle-Seite bei den Egoisten..