Das nationalsozialistische „Deutsche Christentum“
– eine Ravagli-Kritik von Esther Reck-Kühn
Lorenzo Ravagli befasst sich in seinem Artikel „Verschleiertes Leben“ (erschienen im Heft „Die Christengemeinschaft“,Nr.11 vom November 2007) mit der kürzlich über Friedrich Benesch erschienenen Biographie von Hans-Werner Schroeder. Obwohl zum Teil auch kritisch, bringt Ravagli schließlich doch eine aus meiner Sicht nur schwer zu verkraftende „Ehrenrettung“ Beneschs zustande. Er weist auf Probleme in Schroeders Darstellung in methodischer Hinsicht hin und untersucht einige „Bruchstellen“ in Beneschs Leben, um dann hinter dem „Skandalon Benesch“ in subtiler, nebulöser Art auf den „wahren“ Gehalt dieses Lebens hinzudeuten. So, als wäre Beneschs NS-Ideologie schließlich doch nur ein Missverständnis, als hätte sich Benesch selbst nicht ganz verstanden und nur das Beste gewollt. Für welchen NS-Ideologen gilt das aber nicht?
Natürlich wird im Fall Benesch jeder den Standpunkt einnehmen, den er will. Für mich waren Ravaglis Ausführungen eine Anregung. Es lohnt sich, sich intensiver mit der NS – Christologie zu befassen! Im folgenden einige – ganz unsystematische – Bemerkungen hierzu:
Nach Ravaglis Interpretation ist das eigentliche Rätsel der Benesch-Biographie die erste Lebenshälfte. Dem möchte ich widersprechen. Aufgrund der im Buche Schroeders veröffentlichten Dokumente ist Beneschs Bekenntnis zum Nationalsozialismus völlig eindeutig belegt. Das Verschleiern kennzeichnet vielmehr die 2. Lebenshälfte – und setzt sich bis heute fort – zum Beispiel auch in Ravaglis Aufsatz.
Friedrich Benesch habe in Birk „äußerst erfolgreich gewirkt“. Gerade an Birk zeigt sich: es ist eine Frage des Blickwinkels und der Verhältnismäßigkeit. Hätte Ravagli die Ausführungen von Johann Böhm berücksichtigt, hätten bezüglich dieses erfolgreichen Wirkens zumindest Zweifel aufkommen können. Der Leser mag sich zusätzlich auch Eli Wiesels „Die Nacht“, eine Beschreibung des dortigen Holocausts, zu Gemüte führen; dessen Stadt Sighet gehörte in Ungarn zu dem Gebiet, in dem Benesch in die Gauleitung „Nord-Siebenbürgen und Sathmar-Karpatenland“ berufen wurde.
Auch der von Ravagli als Zeugnis des Gesinnungswandels zitierte Brief Beneschs an seine Frau von 1942 kann den Gesinnungswandel Beneschs keineswegs ausreichend glaubhaft belegen (Schroeder, Seite 183): „im Angesicht des Bösen leben“ heißt im damaligen Sprachgebrauch: leben mit jüdisch-materialistischem Bolschewismus, Liberalismus oder Demokratie. Es können Benesch auch Zweifel am „Endsieg“ umgetrieben haben. Selbst wenn ihn zarte Zweifel befallen haben sollten – es ist beschämend, mit welchen Verrenkungen versucht wird, Benesch zum zwar irrenden, aber doch großen Anthroposophen zu machen. Dadurch gerät ganz aus dem Blick, dass es auch damals andere Theologen gab – wirklich große, entschlossene, willensstarke Tatmenschen, wie z.B. Dietrich Bonhoeffer es vorlebte: „Wenn ein Wahnsinniger mit dem Auto durch die Straßen rast, kann ich als Pastor, der dabei ist, nicht nur die Überfahrenen trösten oder beerdigen, sondern ich muss dazwischen springen und ihn stoppen.“ (ermordet am 9. 4. 1945 ! im KZ Flossenbürg) - Friedrich Beneschs segensreiche Wirkung innerhalb der Christengemeinschaft mag vielleicht auf einer bestimmten Ebene gelten; aber sein Wirken und Lehren als Leiter und Weichensteller im Priesterseminar reicht weit in die Zukunft und die Geschichte der CG ist noch nicht zu Ende, noch nicht geschrieben.
Lorenzo Ravagli befasst sich in seinem Artikel mit einem Benesch-Text von 1934: „Die religiöse Lage in Deutschland“ (Schroeder, Seite 453), den er als Schlüsseltext bezeichnet. Er behauptet, dass Benesch hier neben „allem vordergründigen Bekenntnis zum Nationalsozialismus auf eine Perspektive der religiösen Entwicklung abziele, die über den Nationalsozialismus und Hitler hinausführen muss.“ (CG/11-07, Seite 584). Dem möchte ich widersprechen: Beneschs „Schlüsseltext“ bleibt in Stil und Denkmuster ganz im Rahmen der NS – Ideologie, er schreibt einen NS–Propaganda-Text. Wo lesen wir darin die geringste originelle Denkleistung? Gerade individuelle Denkansätze sind ja in der NS-Zeit suspekt, ungehörig, verboten! Es ist nur allzu leicht, zu solchen Schlussfolgerungen wie o.a. durch Ravagli zu kommen, wenn uns das damalige Begriffsvokabular im heutigen Zeitkontext nicht mehr bekannt ist. Allein die Begriffe, die Benesch in seinem Text benutzt, beinhalten eine ganze, damalig geläufige „Theologie“: „Deutsche Volkskirche“, „Positives und negatives Christentum“, „germanisch-nordische Substanz“, „Sakrament des Opfers“ u. s. w.
Beneschs Text gliedert sich in drei Abschnitte. Bereits in der Vorrede spricht Benesch seinen Standpunkt klar und deutlich aus: „Der Punkt, von dem aus hier gefragt wird….ist nationalsozialistisch und sonst nichts.“ Die richtig gestellte Frage heiße: „Deutsches Volk und sein Glaube, oder was dasselbe ist: nationalsozialistisch und Christlich“ (Schroeder, Seite 453)
Diesen Gedankengang sprach schon Goebbels 1929 in seinem Michael – Roman durch seinen Protagonisten Michael aus: „Wieder komme ich zu Christus. Die deutsche Gottesfrage ist nicht von Christus zu trennen. Wir haben unseren eigentlichen Zusammenhang mit Gott verloren…Volk ohne Religion, das ist so wie Mensch ohne Atem.“ (Bärsch, Seite 118)
Im ersten Abschnitt identifiziert sich Benesch mit seiner klaren, kompromisslosen Definition des Nationalsozialismus. Ich kann nicht finden, wie Ravagli meint, es handle sich um ein „vordergründiges Bekenntnis“. Ein laues, halbherziges Bekenntnis wirft Benesch vielmehr den Kirchen vor, gerade den Katholiken, Protestanten und den Deutschen Christen. Statt der radikalen Haltung bezichtigt er sie, selbstsüchtige Sonderinteressen aufgrund eigener Autorität zu pflegen. Benesch dagegen stellt sich vorbehaltlos hinter Adolf Hitler: „Der unbändige Wille, alles das zu tun, was im besten Sinne der Erhaltung unseres Volkes dient, alles andere zu lassen und zu vernichten, das ist Adolf Hitler.“ (Schroeder, Seite 455) Alle Fähigkeiten hätten „total und autoritär“ diesem Ziel zu dienen. Eigenes Denken hatte da nichts zu suchen! Bei Benesch heißt es: „Und die Weltanschauung des Nationalsozialismus ist eben die, dass das so sein muss und nicht anders sein kann.“ ( Schroeder, Seite 454) -
Den Religionsbekenntnissen macht Benesch zum Vorwurf, ihre Religion höher zu stellen als den Nationalsozialismus und diesen zu verbiegen. Benesch selbst vertritt die „reine Lehre“.
Im zweiten Abschnitt stellt er dann klar, dass es nicht angehe, nach dem Motto zu handeln: „gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist.“ Hitler verlange zur Vollendung der deutschen Volksgemeinschaft Religion und zwar ein positives Christentum, im Gegensatz zu dem negativen der Katholiken, Protestanten und der Deutschen Christen – gemäß §24 des Nationalsozialistischen Parteiprogrammes. Betrachtet man diesen Paragraphen, so fällt sofort auf, dass das „positive Christentum“ dort mit der Bekämpfung des „jüdisch – materialistischen Geistes“ in Zusammenhang gebracht wird. Gegen die Juden, aber genauso gegen den Materialismus wird gekämpft. Der § 24 im Parteiprogramm der NSDAP lautet:
„Die Partei als solche vertritt den Standpunkt eines positiven Christentums, ohne sich konfessionell an ein bestimmtes Bekenntnis zu binden. Sie bekämpft den jüdisch-materialistischen Geist in und außer uns und ist überzeugt, dass eine dauernde Gesundung unseres Volkes nur erfolgen kann vom Innern heraus auf der Grundlage: Gemeinnutz geht vor Eigennutz.“ ( Bärsch, Seite 71)
Die darin enthaltene Formulierung: „ Sie (die Partei)bekämpft den jüdisch – materialistischen Geist in und außer uns“ steht in Zusammenhang mit einer Schrift D. Eckarts, der die NS – Denkweise stark prägte. Hitler hat Eckart aus Dankbarkeit sein Buch „Mein Kampf“ gewidmet. In Eckarts Schrift „Das Judentum in und außer uns“ wird ein mystisches Verhältnis zwischen Gott, Christus und dem Wesen des Deutschen Volkes dargestellt. Hier und in seinen anderen Texten demonstriert er, dass eine apokalyptische Spannung bestehe zwischen dem Lichten: dem Arischen, dem Deutschen und dem Christlichem und seinem Gegenpol dem Finsteren: dem Jüdisch-Materialistischen und dem satanischen Prinzip, letzteres wird gleichgesetzt! Ein Bewusstsein vom Wert der Seele haben nach Eckart nur Christen, den nur den Christen wohne eine göttliche Seele inne. (Eckart, nach Bärsch, Seite 75)
Wie Benesch begreift Eckart die kollektive Identität der Deutschen religiös: deutsch=christlich. Kann man das besser formulieren als Eckart in „Auf gut deutsch“, Heft 4, 1919, Angelus Silesius parodierend (nach Bärsch, Seite 75):
„Im deutschen Wesen ist Christ zu Gast, drum ist es dem Antichrist verhasst.“
Es handelt sich hier um spirituellen Rassismus!
Auch der Begriff „negatives Christentum“, der auf die drei o.a. Konfessionen bezogen wird, und den Benesch verwendet, ist in der damaligen Auseinandersetzung geläufig. Der Begriff beinhaltet etwa bei A. Rosenberg die Verfälschung des Christentums durch asiatische, afrikanische, syro-etruskische und jüdische Elemente. Besonders Paulus habe das Christentum jüdisch infiziert. Wenn Benesch 1934 von der Vision eines noch zu schaffenden artgerechten Volkskirche spricht, auf deren „Mann“ die echten Nationalsozialisten warten, dann dürfte klar sein, dass es sich unter den beschriebenen Voraussetzungen nicht um eine Weiterentwicklung des „christlichen Christentums“ – wie es von Ravagli suggeriert wird – handeln kann, sondern um eine zukünftige Entwicklung des Nationalsozialismus (vergl. obiges Zitat aus Goebbels Michael-Roman). Diese Voraussetzungen, auf denen Benesch aufbaut, sind atavistisch rückwärts gewandt: radikale Abkehr vom Individualismus, Hinwendung zur Gruppenseele, Volksseele, Rassenseele, wobei Rasse und Seele gleichgesetzt werden: A. Rosenberg: „Seele aber bedeutet Rasse von innen gesehen. Und umgekehrt ist Rasse die Außenseite der Seele.“ (nach Bärsch, Seite 251).
1943 spricht der Gebietsleiter des DVU von Siebenbürgen, Robert Gassner dann aus, wer für die Nationalsozialisten der oben erwähnte „Mann“ ist, er sagt in einer öffentlichen Rede: „Wenn ich Nationalsozialist bin, dann muss ich wissen, dass unser Führer Adolf Hitler nach Christus der größte Führer ist.“ (Bistritzer Deutsche Zeitung vom 5.2.1943) Man vergleiche nur das Bild von Führer und Gefolgschaft unter dem Banner eines Volksgottes mit einem Pfingstbild! Die Mittel zum Zweck sind im NS-Staat eindeutig autoritär und schließen die Vernichtung des Widerstrebenden ein. Hören wir dazu noch einmal Pfarrer Friedrich Benesch, der dabei nicht zurücksteht, wie wir in „Machtkampf und Kirche“ von 1937 (Seite 3) nachlesen können:
„….(diese Pfarrer)sind kennzeichnend für die Haltung der in den kirchlichen Körperschaften Macht ausübenden Reaktionäre, sie sind mit einem Wort eben gerade das, was wir seit es eine völkische Bewegung bei uns gibt, mit aller Schärfe bekämpft haben und bekämpfen werden, bis es aus unserem Volk mit Stumpf und Stiel ausgerottet ist.“
Dieses Auslöschen des Widerstrebenden ist nichts anderes als die andere Seite des von Benesch so oft beschworenen Opfermotivs auf der Linie „glauben, opfern, siegen“. Benesch beschreibt es z. B. als Selbstopfer der eigenen Fähigkeiten an die Volksgemeinschaft. Der eminent christliche Begriff des Selbst-Opfers umfasst im NS-Zusammenhang, der ein pseudo – heilsgeschichtlicher ist, auch den Begriff „Fremdopfer“ ein Auftrag durch die „Vorsehung“ zum Vernichten zur Rettung der lichten, arischen Volkssubstanz als dem Träger der Zukunft. Das entgegenstehende „Substanzzersetzende, Satanische“ muss zerstört werden, was bekanntlich bis zum „Brandopfer“ führte.
Das Atavistische an Hitler wurde von aufmerksamen Zeitgenossen bemerkt. Der Historiker F. Meinecke zitiert in seinem Buch „Die Deutsche Katastrophe“ Otto Hintze, der von Adolf Hitler sagte: „Dieser Mensch gehört ja eigentlich gar nicht zu unserer Rasse. Da ist so etwas ganz Fremdes an ihm, wie eine sonst ausgestorbene Ur-Rasse, die noch völlig amoralisch geartet ist.“
Noch ein Hinweis zum Schluss: Hans-Werner Schroeder schreibt auf Seite 182: „Zunächst muss festgehalten werden, dass sich in Friedrich Beneschs Schriften und Reden kein Wort gegen Judentum und mosaischen Glauben finden lässt….(Er) kommt aber zu dem theologischen Schluss: „ dass wir in Fortsetzung der Reformation, die nur ein Anfang und keine Vollendung sei, nach einem neuen, germanischen Christentum suchen müssen.“ Hier zeigt sich, dass Pfarrer Schroeder auch nicht mit den nationalsozialistischen Begriffen vertraut ist, das „Germanische Christentum“ beinhaltet implizit, wie oben ausgeführt, massivsten Antisemitismus. Benesch hat den Antisemitismus also nicht auf die plumpe Art von Streichers „Stürmer“ (Anm.: antisemitisches Hetzblatt) unters Volk gebracht, jedoch zieht er sich implizit durch seine Reden und Schriften. Man muss eben die nationalsozialistische Nomenklatur kennen. - Und so ist nach meiner Ansicht gerade wegen Benesch Verschleierungstaktik gegenüber seiner eigenen Biographie seine Stilisierung zum „anthroposophischen bzw. Christengemeinschafts – Heiligen“ verhängnisvoll. Sein erneutes Verschleiern auf diese Art kommt einer Irreführung der ihm Anvertrauten und den Nachkommenden gleich. Der Ausspruch eines Freundes von Meinecke („Die deutsche Katastrophe“, Seite 127), gedacht für die Hitlerzeit, wirft komprimiert ein Schlaglicht auch auf das weitere 20. Jahrhundert. Er sagte: „Die eine Hälfte des deutschen Volkes wird zur Frechheit, die andere zur Feigheit erzogen.“
Literatur:
Zeitung „Die Christengemeinschaft“ Nr. 11, November 2007, Lorenzo Ravagli, „Verschleiertes Leben“
Hans-Werner Schroeder: „Friedrich Benesch –Leben und Werk 1907 – 1991“, Verlag Johannes Mayer, Stuttgart, Berlin 2007,
Friedrich Benesch: „Machtkampf und Kirche“, Kronstadt 1937, ( bei den „egoisten“ unter „Benesch Material“ nachzulesen)
Claus-Ekkehard Bärsch: „Die politische Religion des Nationalsozialismus“, München 2002
Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik, AGK-Verlag, Dinklage, 16. Jahrgang, Heft Nr.1, Mai 2004, Seite 108 – 119, Johann Böhm: „Friedrich Benesch“
Christoph Kleine: „Religion im Dienste einer ethnisch – nationalen Identitätskonstruktion“ Erörtert am Beispiel der „Deutschen Christen“ und des japanischen Shinto, Universitär Marburg, September 2002
Friedrich Meinecke: „Die deutsche Katastrophe“ Wiebaden 1946
Alfred Rosenberg, Dietrich Eckart: „Ein Vermächtnis“ 1928
Elie Wiesel: „Die Nacht“, Freiburg 1996