Dr. Regina Reinsperger:
Emil Bock und der Nationalsozialismus -Teil 2
Die Christengemeinschaft – Neue Folge Heft 2 – Juni 1946
Im Mai 1946 konnte auch die Zeitschrift „Die Christengemeinschaft“ wieder erscheinen. Damals mussten alle „Druckerzeugnisse“ von den Besatzungsbehörden genehmigt werden und auch die Papierzuteilung war einige Jahre rationiert, ehemalig verfolgte Personen oder Organisationen wurden bevorzugt behandelt. In den Heften der Christengemeinschaft wurden durchweg religiöse Themen aus CG Sicht behandelt, man versuchte, der gerade zusammengebrochenen NS-Ideologie richtige Gedanken entgegenzusetzen, „im Spirituellen Gegentatsachen zu schaffen“ ohne z.B. die politische Religion und Weltanschauung des Nationalsozialismus direkt aufzuarbeiten. Das wurde jedem selbst überlassen. Jedoch fanden sich in den ersten Jahrgängen immer wieder unter der Rubrik „Blicke in die Zeit“ auch Versuche, einige Themen der jüngsten politischen Vergangenheit aufzuarbeiten. Im Heft 2 der neuen Folge vom Juni 1946 findet sich auf Seite 52 ff. mit dem Titel: „Zur Frage der deutschen Schuld“ ein allgemein religiös gehaltener Artikel von Pfarrer August Pauli über die Kriegsschuld von 1914! und ein Artikel von Emil Bock „Schuldige Unschuld“. Dieser Artikel kann ein wenig Licht auf Emil Bocks Verständnis des jüngst erlebten Nationalsozialismus werfen und da Emil Bock als „Erzoberlenker“ in der Christengemeinschaft Meinungsbildner war, lohnt es, sich mit diesem Artikel zu beschäftigen.
„Deutschlands schuldige Unschuld“
Zu Beginn referiert Bock einen in der „Tribüne“ (Stuttgart, Mai 1946) unter o.a. Titel erschienenen Artikel von „William Harlan Hale, (dem) politischen Berater bei der Nachrichtenkontrollabteilung der amerikanischen Besatzungsarmee“. Schon das damals allgemein gebrauchte und übliche Wort „Besatzungsarmee“ zeigt, dass die Mehrheit dieser Generation nicht primär die Befreiung vom Nationalsozialismus durch die „Siegermächte“ (wie sich die Alliierten nannten) erlebte, wie die vielen Verfolgten, die um ihr Leben bangen mussten, sondern eine Besatzungsarmee in der deutschen Heimat. - Bock berichtet, es sei nicht zu verwundern, dass Hale in den Kreisen der ehemaligen Wehrmacht, die nicht anders als nationalistisch denken könnten, Einstellungen vorfinde, die er (Hale) für Brutherde gewalttätiger Gegensätzlichkeiten halte und die Konflikte mit den US-Streitkräften wahrscheinlich machten. Interessant findet Bock hingegen Hales Aussage, dass dieser auch mit den Antifaschisten nicht zufrieden sei. „Er findet unter ihnen so gut wie nirgends solche, die für sein (Hales) Ideal der Demokratie reif wären.“ Diese Aussage Bocks klingt, als ob die Demokratie ein privates Hobby von Hale wäre und man fragt sich, inwieweit Bock, der ja auch beruflich in einer hierarchisch gegliederten Gemeinschaft steht, Verständnis für die Demokratie hat. Bock berichtet weiter, dass Hale vorwiegend in Nordafrika Männer über ihre politische Einstellung befragt habe, die in Deutschland in einem KZ inhaftiert waren und anschließend einer in Afrika kämpfenden Strafeinheit zugewiesen worden waren. Die Kommunisten erschienen Hale zu herrschsüchtig, die Sozialdemokraten zu spießig, „eine Art aber, auf die er immer wieder stößt,“ schreibt Bock, „versetzt ihn geradezu in Unruhe: „Der auffallendste Typ, den ich immer wieder erlebte“, berichtet Hale, „war der des jugendlichen unpolitischen Idealisten. „Sie müssen den gründlichen Überdruss des Deutschen an der Politik begreifen lernen und nicht an die Logik und Vernunft, sondern an die deutsche Seele appellieren – an das Verlangen des einfachen Mannes nach Frieden und Sicherheit.“, sagte einer der Kriegsgefangenen .“ Hale , so berichtet Bock, kann diese „Unschuldigen“ nicht freisprechen von der Mitschuld an den Untaten des Nazismus, Hale schreibt: "In all diesem lag eine geistige Verschwommenheit und Verträumtheit, die in seltsamem Gegensatz stand zu dem gradlinigen Handeln, dessen die Männer sich fähig gezeigt hatten. Obgleich sie Rebellen waren, glaubten sie doch noch an die alte Mär von der geheimnisvollen „deutschen Seele“ oder „Seelenfülle“, die sich der Zergliederung durch den Verstand entzieht. Sie sprachen von Antinazismus, doch es klang wagnerisch….Dies politische Zaudern, diese Flucht in die Innerlichkeit…machen uns zu schaffen, sobald wir versuchen, Männer zu finden, die Deutschland gänzlich neue Richtlinien geben könnten.“
Soweit die Worte Hales wie sie Bock zitiert. Emil Bock knüpft jetzt an den „unpolitischen Idealisten“ an und schreibt: „Und doch wäre es für die Zukunft der Menschheit – nicht nur der Deutschen – von größter Wichtigkeit, wenn berücksichtigt würde, welche positiven inneren Erfahrungen sich in jenen Verschwommenheiten und Verträumtheiten unbeholfen andeuten, auf dem Wege wohin und auf welcher Spur sich jene Träumer befinden. Sie sind nicht enge Deutschtums-Egoisten, wenn sie von der „deutschen Seele“ sprechen. Ihr grundsätzlicher Überdruss an der Politik rührt von einer Erfahrung her, die sie nicht als Deutsche, sondern als Menschen, durch ihr Deutschtum jedoch mit besonderer Intensität und Unentrinnbarkeit gemacht haben. Sie haben jede Art von Politik satt, die in bewussten oder naiven Anspruch auf die Lebenstotalität die inneren Werte der Seele, das individuelle geistige Leben des Menschen für ihre Zwecke einspannt. In ihnen regt der Adler eines freien Geisteslebens seine Schwingen, der lange genug durch die Zwangsläufigkeiten des Staatsinteresses und die Nützlichkeitsdespotie der Wirtschaft in einen Käfig gesperrt war.“ Wie man unschwer erkennen kann, baut Emil Bock seinen Text auch wie einen Propaganda-Text auf: die idealistischen Träumer sind für ihn keine Deutschtums-Egoisten, gerade so, als hätte es die vergangenen 12 Jahre der allgegenwärtigen, nationalsozialistischen Propaganda nicht gegeben, in der ständig von der „Rassenseele des deutschen Volkes“ , vom „Selbst, der Identität und Substanz des deutschen Volkes“, vom „Arier als höchstem Ebenbild des Herrn“ und dergleichen pseudoreligiösen Begriffen die Rede war. Bock meint, dass die Menschen nicht nur einfach nach den Erfahrungen in der NS-Diktatur von der Politik nichts mehr wissen wollen, sondern „träumerisch“ ein freies Geistesleben ersehnen und gleichzeitig „verschwommen tastend unterwegs sind“ zur „Dreigliederung des sozialen Organismus“. Er deutet also die Realität gemäß seiner eigenen anthroposophischen Weltanschauung um und meint zu wissen: „ Aber auch die anderen, humaneren Staatsformen, die es heute gibt, sind einengende, absterben lassende Kräfte für den Adler des Menschengeistes. Dass das Geistesleben auch durch Demokratisierung leidet und verkümmert, ist eine Einsicht, zu der vielleicht in Deutschland die wirklich zukunftswilligen Menschen leichter gelangen als anderswo, weil hier wenigstens von der Vergangenheit her der Sinn für ein reiches lebendiges Leben des Geistes vorhanden ist.“ Wenn er jedoch die drei Sphären der Dreigliederung betrachtet, die jeweils ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten folgen, aber im sozialen Leben wieder ineinander greifen, wie er ausführt, so sieht er im „Staatsleben das eigentliche politische Gebiet, das in der Tat nicht anders als nach demokratischen Prinzipien, d.h. nach dem Grundsatz der Gerechtigkeit („Gleichheit“) geregelt werden kann.“
Nach Bock verkümmert also das freie Geistesleben durch Demokratisierung, er kann sich also z.B. keine Gesprächs- oder Diskussionskultur außerhalb einer Hierarchie vorstellen und in schöner deutscher Überheblichkeit sagt er, dass die „wirklich zukunftswilligen Menschen“ diese seine antidemokratische Einsicht teilen, „weil hier wenigstens von der Vergangenheit her der Sinn für ein reiches lebendiges Leben des Geistes vorhanden ist.“ Wie „tief“ das „reiche, lebendige Geistesleben“ in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in Deutschland verankert war, hat ja gerade die nationalsozialistische Zeit gezeigt. Bock spricht gerade so, als ob es in den anderen europäischen Ländern keine ebenbürtige Kultur und kein lebendiges Geistesleben gegeben hätte und auch in den USA keinerlei Kultur zu Hause wäre. Damit bewegt er sich inhaltlich, ohne es zu merken, auf dem Boden wenn nicht des Nationalsozialismus, so doch des Nationalchauvinismus. Die Staatsform „Demokratie“ kann Bock lediglich mit der anthroposophischen Vorgabe „Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz“ verbinden, das allein macht aber noch keine Demokratie aus. Die „Dreigliederung“ der Staatsform „Demokratie“ in ihre drei unverzichtbaren Säulen, der Gewaltenteilung in die Legislative (unabhängige, nicht weisungsgebundene Abgeordnete in einem frei und geheim gewählten Parlament), in die Jurisdiktion (unabhängige Rechtssprechung durch nicht weisungsgebundene, unabhängige Richter) und die Exekutive (Verwaltung, die an die Gesetze der Legislative gebunden ist, diese umsetzt und durch eine unabhängige Gerichtsbarkeit kontrolliert wird), sieht Emil Bock nicht, auch nicht, dass die Forderung nach Demokratie und Gewaltenteilung auch in Deutschland nicht neu ist und „zum reichen lebendigem Leben des Geistes“ der Deutschen gehört: schon die Freiheitskämpfer von 1848 stellten diese Forderungen vergeblich. Sie wurden dafür in ganz Europa verfolgt und wanderten daher in die USA aus, wo sie der dortigen Demokratie neue Impulse gaben und diese weiter strukturierten. Ihre Nachfahren brachten dann 1945 die Demokratie als Staatsform wieder nach Deutschland zurück und bauten sie gemeinsam mit den demokratischen Politikern der 20er Jahre (Konrad Adenauer, Theodor Heuss, Kurt Schumacher u.a.) in Westdeutschland wieder auf. Emil Bock sieht diese historischen Zusammenhänge nicht, und erkennt nur „einengende, absterbende Kräfte“ auch in „humaneren Staatsformen“ und kann sich nicht vorstellen, dass neben dem Wirtschaftsleben auch ein freies Geistesleben eine Demokratie mitbestimmen kann wie z.B. in ethischen Diskussionen, die dann die Gesetzgebung beeinflussen (Themenbeispiele: Abtreibung, Euthanasie, Stammzellenforschung u.a.m.) Die heute oft angegriffene Bildungshoheit der Bundesländer sollte von der Intention her ein möglichst vielfältiges Bildungswesen garantieren und so von staatlicher Seite Grundlage für ein „freies Geistesleben“ sein. (P.S. selbstverständlich lässt sich auch heute noch jede „real existierende“ Demokratie, auch zum Beispiel im Sinne der o.a. „Dreigliederung“, verbessern). - Über die „Schuld“ der „unpolitischen Idealisten“ schweigt Emil Bock, seinen Schuldbegriff entwickelt er dann im nächsten Absatz:
„Organisierte Schuld“
So ist die zweite Hälfte von Emil Bocks Aufsatz im Heft „Die Christengemeinschaft vom Juni 1946 betitelt. Zuerst befasst er sich mit der Kriegsschuld von 1914 und sieht als Ursache „eine Bewusstseinslücke“ bei allen verantwortlichen europäischen Staatsmännern (darin Steiner folgend). Über das 3. Reich und den 2. Weltkrieg sagt er einleitend: „Indem in grandios satanischer Weise die Konsequenzen aus der technischen Denkungsart gezogen wurden, kam ein ungeheuerliches Abgleiten des Menschheitsbewusstseins zustande. Die materialistische Weltanschauung verdichtete sich zu einer Fata Morgana, die ihre verführerische Suggestion so wirksam ausübte, dass nur diese oder jene Begleiterscheinung am Rande, nicht aber das Phänomen selbst durchschaut und abgewehrt wurde.“ Hier zieht Bock einen offensichtliche falschen Schluss, der Nationalsozialismus kämpfte ja gerade gegen die materialistische Weltanschauung und den kalten, technische Intellekt, und sah die Menschen in den USA als Prototypen der materialistischen und technischen Nützlichkeitsdenker an. In den USA gab es aber dieses „ungeheuerliche Abgleiten des Menschheitsbewusstseins“ nicht, dort verfügten die Menschen, wie Bock schreibt, noch über genügend „Reste traditioneller Moral“. Im Land der „deutschen Seele“ und ihren vielen verträumten „unpolitischen Idealisten“ , fehlte offensichtlich diese Moral und vor allem der „öffentliche Gebrauch der Vernunft“ , den schon Kant forderte, sodass es hier zum „organisierten Verwaltungsmassenmassenmord“ kam.
Emil Bock bespricht dann einen Aufsatz von Hannah Arendt mit dem Thema „Organisierte Schuld“, den diese bereits 1944 verfasst hatte und der in der Heidelberger Zeitschrift „Die Wandlung“ 1946 abgedruckt wurde. Emil Bock referiert Hannah Arendt wie folgt:
So gut wie alle Überlegungen über die Schuldfrage bleiben weit hinter der Wirklichkeit zurück, weil sie sich nicht dazu aufschwingen würden, das volle „Ausmaß des Verhängnisses“ zu berücksichtigen. Sie sähe sich vor eine so satanische Folgerichtigkeit und Lückenlosigkeit des Systems gestellt, angesichts derer alle Begriffe von menschlicher Verantwortung versagten. Sie frage sich, wie es zu solch einer überdimensionalen Totalität habe kommen können und „wie man es ertragen kann, sich mit einem Volk konfrontiert zu finden, in welchem die Linie, die Verbrecher von normalen Menschen, Schuldige von Unschuldigen trennt, so effektiv verwischt worden ist, dass morgen niemand in Deutschland wissen wird, ob er es mit einem heimlichen Helden oder einem ehemaligen Massenmörder zu tun hat. Vor dieser Situation wird uns weder eine Definition der Verantwortlichen noch die Verhaftung der „Kriegsverbrecher“ schützen.“ Die neue Dimension, die die Welt durch Deutschland erfahren habe, sei „jene ungeheuerliche Maschine des „Verwaltungsmassenmordes“ zu deren Bedienung man nicht Tausende und nicht Zehntausende ausgesuchte Mörder, sondern ein ganzes Volk gebraucht hat und gebrauchen konnte.“ An dieser Größendimension werde „das menschliche Bedürfnis nach Gerechtigkeit zuschanden“. Hannah Arendt führt dann den Typ des „Spießers“ ein, den normalen, modernen Massenmenschen, der um seine bürgerliche Ruhe und ein ordentliches Auskommen für seine Familie zu haben, jeden Beruf auf sich nimmt. Auch wenn der Beruf der eines Massenmörders sei, so halte sich der Spießer nicht für einen Mörder, weil er es nicht aus Neigung, sondern beruflich getan habe. Der Urtyp des Spießers wird für Hannah Arendt durch Heinrich Himmler repräsentiert.
Emil Bock stimmt dieser Analyse zu, „der Erkenntniswert ist ein großer. Er macht bis zu einem gewissen Grade verständlich, wie sich der moderne Bürokratismus und Organisationsmechanismus zu einer gigantischen Massenmordmaschine auswachsen konnte.“ Die faktische Auslösung dieser Unheilentwicklung liege aber im „Ur-Versagen des menschheitlichen Bewusstseins, durch welches die Dämonien schließlich so sintflutartig eindringen konnten.“ Bock berichtet, dass Hannah Arendt den Spießer Himmler mit seiner teuflischen Genialität für den Erfinder des Systems halte. Das sei zu viel Ehre für Himmler, meint Bock. „Das Unheilsystem, die große Maschine des „Verwaltungsmassenmordes“, ist nicht bewusst erfunden oder inauguriert worden. Nicht durch Himmler, ja, nicht einmal durch Hitler. Es hat sich sozusagen selbst geschaffen, wodurch die gespensterhafte Anonymität des Systems zustande kam.“ Die Ursache liege im utilitaristisch-materialistischen Denken, das nicht mehr imstande war, den Menschen als primären Faktor des Schicksals zu verstehen und in Rechnung zu stellen. Dies falsche Denken führe zu einem Bewusstseinsversagen und öffnete den schwülen Dämonien des Rausches und der Machtgier das Tor.
Man kann aus dieser Analyse Bocks unschwer erkennen, dass er Hitlers allgegenwärtiges Buch „Mein Kampf“ nicht gelesen hatte und über die Gesetzgebung und Ziele des 3. Reiches trotz allumfassender Propaganda nicht informiert war: wohl auch bei ihm eine „intime Bewusstseinsflucht“, die aber nicht einem „denkerischen Unvermögen“ entstammt, wie er es auch den Nazigrößen bescheinigt. Der Nationalsozialismus bekämpfte u.a.: „den westlich - jüdischen Parlamentarismus, die westliche Dekadenz, den jüdisch bolschewistischen Materialismus, den egoistisch-liberalen Individualismus, den die Seele verdorrenden Intellekt, die erstarrten Kirchen“ um nur einige Schlagworte zu nennen und klammerte keineswegs „den Menschen“ in seiner Ideologie und in seiner „Rechnung“ aus, er klassifizierte ihn vielmehr wie die Tierwelt in höhere und niedere Stämme: in den hochentwickelten und beseelten, nordisch-germanischen Arier und den Untermenschen, als dessen Hauptvertreter den „satanischen Juden“, die „Gegen-Rasse“ , die es zum Wohl der Arier in einem „Schicksalskampf“ auszurotten galt. Da Bock als Ursache der Katastrophe nicht die verbrecherische NS-Ideologie sieht, sondern lediglich die Dämonie einer „gespensterhaften Anonymität“ eines „sich selbst erschaffen habenden System“, schreibt er über die Nürnberger Prozesse: „…wo die Notwendigkeit des praktischen Vorgehens zu der oberflächlichen Meinung verführte, als könne man mit den üblichen Begriffen von Verantwortlichkeit, Schuld und Sühne durchkommen“, und beruft sich auf Hannah Arendt, die 1944 schrieb: „Wo alle schuldig sind, kann im Grunde niemand mehr urteilen.“ Emil Bock meint und schreibt „Wenn im Nürnberger Prozess die Hauptverantwortlichen immer wieder aussagen, sie haben von den Zuständen in den Konzentrationslagern nichts gewusst, so klingt das zwar unglaublich, entspricht aber doch wohl zuallermeist den Tatsachen.…..Wirklich eingeweiht in das Grauen waren vielfach nur die ausführenden Organe….Und jetzt kommen wir an eine wichtige Ursache des Unheils heran: einer gerade säkularen und satanischen Gedankenlosigkeit haben sich die sogenannten Verantwortlichen schuldig gemacht. Sie hätten sich bei einigem natürlichen Nachdenken sagen müssen, dass die Befehle, durch die z.B. die Einrichtung der Konzentrationslager angeordnet wurde – gleichviel ob sie von ihnen selbst oder von anderen erteilt waren – über kurz oder lang die und die lawinenartigen Folgen zeitigen, die und die grauenvollen Dämonien entfesseln mussten. Hier liegt die konkrete Schuld vor, und nicht nur bei den Spitzen des Systems.“
Wie man aus diesen Zitaten ersehen kann, sind für Emil Bock die entfesselten Dämonen die Hauptschuldigen, nicht etwa die Menschen, die gemäß der NS-Ideologie handelten. Die Verantwortlichen haben sich hauptsächlich „einer säkularen und satanischen Gedankenlosigkeit“ schuldig gemacht und die Folgen ihrer Anordnungen nicht überschaut. Die wirklich in das Grauen eingeweihten waren lediglich die ausführenden Organe. Auch wenn 1946 noch nicht alles bekannt war, was wir heute wissen, so brachte der Nürnberger Prozess, über den breit und ausführlich in allen Medien berichtet wurde, doch genügend stichhaltige Beweise, aus denen man erkennen konnte, dass das „Das habe ich nicht gewusst“ der Angeklagten Schutzbehauptungen waren um ihren Hals zu retten. Sogar aus der von Heinrich Himmler gehaltenen, berüchtigten Rede vom 4.10.1943 auf der SS-Gruppenführertagung in Posen wurden Ausschnitte im Prozess zitiert. Auch wenn man, wie Emil Bock, im Sinne der anthroposophischen Weltanschauung von der Existenz einer geistigen Welt ausgeht, in der es auch Menschen inspirierende satanische Dämonen gibt, so kann man die so inspirierten und handelnden Menschen keinesfalls von ihrer Schuld freisprechen. Sie haben sich vielmehr doppelt schuldig gemacht: einmal vor der geistigen Welt, weil sie ihr Denken, Fühlen und Wollen diesen Dämonen zur Verfügung gestellt haben und sich haben inspirieren lassen, und einmal hier in der realen Welt, in der sind sie selbstverständlich nach Recht und Gesetz für alle Untaten verantwortlich und zur Rechenschaft zu ziehen.
Aus dem bisher Zitierten kann man unschwer erkennen, dass Emil Bock den Nationalsozialismus nicht durchschaute, und auch nicht wusste, wie eine Bürokratie in einer Diktatur funktioniert; noch durchschaute er, wie wir schon oben gesehen haben, die Staatsform Demokratie und ihre Gewaltenteilung - und das, obwohl erst die Gesetze der Weimarer Republik die Gründung der Christengemeinschaft ermöglicht hatten: noch im Kaiserreich wäre die Gründung verboten gewesen. Auch eine entschuldigende Ambivalenz gegenüber den nationalsozialistischen Führungsgrößen kann man aus seinen Zeilen lesen, möglicherweise, weil er durch Protektion von einflussreichen Nazi-Größen aus dem KZ Welzheim entlassen worden war. - Wie sollte er da „kleinen Mitläufern“ wie Werner Georg Haverbeck oder Friedrich Benesch eine Mitarbeit in der Christengemeinschaft verweigern, da er sie sicher auch als die oben zitierten Idealisten sah, die „durch ihr Deutschtum mit besonderer Intensität und Unentrinnbarkeit“ eine Erfahrung als Mensch gemacht haben: sie erlebten „ die Lebenstotalität der inneren Werte der menschlichen Seele, das individuelle geistige Leben des Menschen“ und suchen jetzt das freie Geistesleben und eine wirkliche Erneuerung , wie Bock sie sah: „Eine Erkraftung und Erziehung des Denkens, damit der Mensch erkennt, was der Mensch ist; eine Weltanschauungserneuerung, die ausgehend von der Erkenntnis des geistig - seelischen Menschenwesens, zur Erkenntnis der übersinnlichen Welt und der göttlichen Mächte vordringt, ist auch das Ziel, das im Namen eines gegenwartsgemäßen Christentums aufgerichtet werden muss.“ Die rationale Aufarbeitung der Weltanschauung des Nationalsozialismus, seiner politischen Religion und seiner Massenmorde, für die man ja satanische Dämonen und die nachgeordneten „ausführenden Organe“ meint verantwortlich machen zu können, gehören da nicht zum Program. „Wir müssen es uns zur Aufgabe machen, im Spirituellen, wenn auch in aller Stille, Gegentatsachen zu schaffen“, schrieb Emil Bock an Frau Ohlendorf. Die „intime Bewusstseinsflucht“ ging also weiter.
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Literatur:
Zeitschrift „Die Christengemeinschaft“, Neue Folge Heft 2 – Juni 1946, Seite 52 ff., Verlag Urachhaus Stuttgart
Claus-Ekkehard Bärtsch, „Die politische Religion des Nationalsozialismus“, Wilhelm Fink Verlag, München 2002
Hermann Glaser, „Spiesser-Ideologie – Von der Zerstörung des deutschen Geistes im 19. Und 20. Jahrhundert und dem Aufstieg des Nationalsozialismus“ Ullstein TB, Frankfurt am Main 1979
Elisabeth Klein, „Begegnungen – Mitteilenswertes aus meinem Leben“, Verlag Die Kommenden, Freiburg im Breisgau 1978
Internet:
Für die Leser, die an einem originalen, nationalsozialistischen Text interessiert sind, können zum Beispiel die berüchtigte Rede nachlesen, die der Reichsführer der SS, Heinrich Himmler am 4.10.1943 bei der SS-Gruppenführertagung in Posen gehalten hat. Es finden sich noch weitere interessante Texte unter „Dokumente“ – „Textdokumente“ http://www.nationalsozialismus.de
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