Wie sehen Weleda-Produkte in zehn Jahren aus?

Interview mit Theo Stepp, Leitung Unternehmenskommunikation der Weleda AG *
Die Grafiken sind von mir erstellt. Sie sind Montagen, keine käuflich zu erwerbende Produkte.



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Sehr geehrter Herr Stepp, bei unseren Recherchen sind wir interessiert auf die Pläne der Weleda gestoßen, eine "Weleda-Apotheke" ("On-demand-Produktion" von Medikamenten) einzurichten. Welche Konsequenzen hat dieses Konzept einerseits für die Produzenten – etwa im Vermeiden langwieriger Genehmigungsverfahren in der Entwicklung von Medikamenten - und andererseits für die Patienten? Werden beispielsweise auf Bestellung produzierte anthroposophische Medikamente in Zukunft teurer werden?

Stepp: Weleda hat ja auch bisher täglich in seiner Rezepturabteilung Individualrezepturen hergestellt und an Apotheken ausgeliefert. Wenn die Tätigkeit in Zukunft von einer selbstständigen spezialisierten Apotheke wahrgenommen wird, so hat das in erster Linie den Sinn, diese Individualarzneimittel auch in Zukunft für die Patienten verfügbar zu haben. Dazu kommt für den Industriebetrieb Weleda, dass dieser von erhebliche Kosten befreit wird.


In anderen europäischen Ländern ist eine Kostenerstattung bei Konsultation eines anthroposophischen Arztes durch die Kassen ausgeschlossen. Dort organisieren sich Patienten in „Selbstmedikamentationsgruppen“ ohne ärztliche Beratung. Es wäre denkbar, solchen Patienten z.B. mit Hilfe einer Internet- Apotheke entgegen zu kommen. Ist so etwas von Ihrer Seite her angedacht?

Stepp: Das Problem besteht meines Erachtens darin, dass die anthroposophische Therapie eine Individualtherapie ist, die gerade bei den Arzneimitteln in kleiner Stückzahl des Gesprächs zwischen Arzt und Patient bedarf. Ein Arzneimittel kann je nach Potenzierung und Komposition für vollkommen unterschiedliche Krankheitsbilder entwickelt worden sein. Da ist der anthroposophisch ausgebildete Arzt als Künstler gefragt. Das geht über die Möglichkeiten der Selbstmedikation, wie wir sie bei Fertigarzneimitteln bei Erkältung oder Grippe kennen, hinaus. Von Plänen für eine Internetapotheke ist mir nichts bekannt.

In einigen Zeitungsartikeln der letzten Zeit – teilweise aus dem Wirtschaftsteil – wird von einem neuen Medikament für Multiple Sklerose berichtet. Wie man hört, wird dieses Cannador heißen und als Wirkstoff Cannabis enthalten. Hier schließt sich für uns die Frage an, warum ein solches Medikament, das mir ähnlich aus der Intensivmedizin, der Behandlung von chronischen Schmerzen und bei der Krebsbehandlung bekannt ist, bei Ihnen speziell zur MS- Therapie entwickelt wird?

Stepp: Wir arbeiten an der Zulassung eines Arzneimittels auf Cannabis-Basis für MS-bedingte Spastik. Cannabiszubereitungen werden seit Jahrtausenden als Heilmittel verwendet. Die aktiven Bestandteile der Hanfpflanze können auch heute bei einer Vielzahl schwerer Krankheitszustände genutzt werden. Allerdings sind die möglichen medizinischen Anwendungsmöglichkeiten natürlicher Cannabisprodukte oder einzelner pharmakologisch aktiver Bestandteile durch bestehende Gesetze und Vorschriften erheblich eingeschränkt.
Interessant ist, dass unser Körper eigene Cannabinoide, die so genannten Endocannabinoide, selbst erzeugt. Wir sind also schon von Natur aus dazu ausgestattet, mit Rezeptoren auf Immunzellen und im Gehirn auf Cannabinoide zu reagieren. Dies könnte auch erklären, warum die pflanzlichen Cannabinoide, von denen bisher 66 verschiedene identifiziert wurden, eine so vielfältige Wirkung auf uns haben.

Fest steht jedenfalls, dass zumindest MS-Patienten durch die Zulassung von Medikamenten wie Cannador eine Möglichkeit hätten, auf legale und sichere Weise an die schmerz- und symptomlindernde Substanz zu kommen.

Ich würde gern erfahren, welchen Bedingungen und Umständen Anbau, Bezug und Verarbeitung von Cannabis in der Produktion unterliegt, da es außer in den Niederlanden kaum auf dem freien Markt verfügbar sein dürfte.

Stepp: Cannabis und Cannabispräparate sind zurzeit legal grundsätzlich nicht verfügbar. Cannabis ist eine „geächtete“ Pflanze, deren Anbau und Verwendung weltweit verboten ist.

Der Verein für Krebsforschung in Arlesheim (Institut Hiscia) forscht seit vielen Jahren gemeinsam mit der Weleda AG über dieses Thema und arbeitet an der Entwicklung eines Arzneimittels auf Cannabisbasis für den Einsatz vor allem in der Onkologie. Die Forscher haben dabei immer sehr eng und sehr gut mit den jeweils zuständigen Behörden in den betreffenden Gremien zusammengearbeitet.
Das heißt, dass für den Anbau und die Verwendung von Cannabis zu Forschungszwecken immer die notwendigen Sondergenehmigungen erteilt wurden.
Die angestrebte Zulassung eines Arzneimittels aus der Cannabispflanze setzt selbstverständlich voraus, dass Anbau und Verarbeitung unter kontrollierten Bedingungen legalisiert werden.


Gehört zu den Ursachen des Gewinneinbruchs bei Weleda im Jahre 2005 die Tatsache, dass in den großen Drogerieketten zunehmend preiswerte Pflegeprodukte angeboten werden, die ähnliche Bedürfnisse abdecken wie die hochwertigen, aber auch eher hochpreisigen Weledaprodukte? Wie will Weleda solchen Trends in Zukunft begegnen?

Stepp: Der Gewinnrückgang 2005 lag nicht in primär in der Umsatzentwicklung begründet. Hohe Investitionen und damit höhere Abschreibungen haben letztes Jahr für einen geringeren Ertrag gesorgt. Dies ist ein Stück Zukunftsvorsorge.
Die Eigenmarken der Drogerieketten haben sich bis dato nicht als Problem für unsere Produkten erwiesen.


Zu den Konsumenten der Pflegeprodukte von Weleda gehören überwiegend Frauen. Sehen Sie in der Zukunft neue Marketingstrategien der Weleda, um auch andere Zielgruppen zu erreichen? Wie weit könnte und wollte Weleda gehen, um in Design und Werbung Gruppen wie Jugendliche, Männer, Kinder, aber auch Homosexuelle anzusprechen?

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Stepp: Im Vergleich zu konventionellen Anbietern sind unsere Ausgaben für Marketing und Kommunikation relativ gering. Es bleibt uns nichts anderes übrig als uns mit diesen Mitteln auf die Verwendergruppen zu konzentrieren, bei denen quantitativ noch hohe Potenziale schlummern. Wenn Sie die Mittel für die Marktbearbeitung mit der Gießkanne auf das gesamte Sortiment verteilen, werden Sie nichts erreichen.

Bei den Medikamenten scheint sich durch die teuren, langwierigen und schwierigen Genehmigungsverfahren in der EU abzuzeichnen, dass immer weniger neue Medikamente entwickelt werden können. Da Weleda in Zukunft anscheinend bestimmte, selten nachgefragte Medikamente in die geplante Apotheke ausgliedert, für das Sortiment aber trotz allem auch neue Medikamente entwickelt, erhöht sich das unternehmerische Risiko. Wie begegnet Weleda in Zukunft solchen unternehmerischen Gratwanderungen?

Stepp: Die Beauftragung einer selbstständigen Apotheke mit der Herstellung von selten nachgefragten Medikamenten bedeutet für die Weleda AG wie schon gesagt eine Kostenentlastung. Die Apotheke selbst wird in der Lage sein, diese Arzneimittel unter ökonomisch tragfähigen Bedingungen herzustellen.
Auf der anderen Seite sehen wir es nach wie vor als unsere Aufgabe an, für die anthroposophische Therapierichtung die Arzneimittel zur Verfügung zu stellen. Dazu sollten auch neue Arzneimittel entwickelt werden können. Diese Entwicklung geschieht in enger Zusammenarbeit mit den anthroposophischen Ärzten.

Für viele Konsumenten ist der Name Weleda noch immer verbunden mit einem Nimbus, der sich aus Ökoläden und Reformhäusern speist. Was hat Weleda vor, um die eigene Marke aus dieser Marktnische hervorzuholen und zu pflegen? Ist z.B. an den Aufbau eigener Ladenlokale gedacht? Wo sehen Sie Weleda in zehn Jahren?

Stepp: Das sehe ich etwas anders. Traditionelle Ökoläden und Reformhäuser könnten das Gros der Verbraucher, die inzwischen Weleda-Produkte nutzen, nicht erreichen. Unsere größten Absatzmittler sind die Apotheken und die Drogeriemärkte. Sehr stark wachsend sind in den letzten Jahren die neuen Bio-Supermärkte und größere, modernisierte Naturkostläden. Wir sind mit vielen Produkten schon so stark aus der Nische herausgekommen, dass konventionelle Wettbewerber auf uns aufmerksam werden. Weleda wird auch in zehn Jahren in einer Umgebung angeboten, die zu Weleda-Produkten passt. An eigene Läden wird im Augenblick nicht gedacht. – Die Nische ist ein Klischee, das wir nicht weiter in der Öffentlichheit bedienen müssen.

Wird es in nächster Zukunft weitere neue Entwicklungen von Medikamenten geben?

Stepp: Ja. Das sind solche Arzneimittel, die in und mit den Ärztekreisen entwickelt werden.
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* Vorliegendes Interview erschien bereits in der anthroposophischen Zeitschrift Info3