„Nachweislich radikale
Nationalsozialisten“
Zu einer Stellungnahme des Historikers
Klaus Popa
In der „Halbjahresschrift für südeuropäische
Geschichte, Literatur und Politik“ (Heft 1/
Frühjahr 2008, S. 70 ff) geht der Historiker Klaus
Popa ebenfalls auf die Benesch-
Biografie1 von
Hans- Werner Schroeder ein.
Er erwähnt den Beitrag2 von Johann
Böhm im gleichnamigen Heft aus dem Jahr 2004, in dem
dieser erstmalig den „völkisch- nationalsozialistischen
Werdegang von Friedrich Benesch“ bekannt gemacht hatte.
Erst nach Erscheinen dieses Beitrag „erkannte die
anthroposophisch ausgerichtete „Christengemeinschaft“,
der Benesch lange Jahre an führender Stelle vorstand,
die Notwendigkeit, den Lebensweg ihres Mentors klärend
zu durchleuchten.“ Und so kam es in der Folge auch zu
dem Bemühen Schroeders, die bis dahin „verborgen
gebliebene NS- Hypothek Beneschs in dessen Lebensweg
einzugliedern“.
Trotz vieler positiver Ansätze in der vorliegenden
Biografie meint Popa , dass manche Einschätzungen
Schroeders „schwer nachvollziehbar“ sind. Ein Grund
dafür besteht darin, dass Schroeder sich unkritisch auf
eine „eindeutig selbstrechtfertigende“ autobiografische
Skizze Beneschs aus dem Jahr 1991 bezieht. So behauptet
Benesch darin, seine Freunde hätten sich in den frühen
30er Jahren wegen dessen christlichen Bezugs von ihm
zurückgezogen und schreibt von seinem „christlichen
Bewusstsein“. In Wirklichkeit standen zu dieser Zeit
sowohl Benesch wie seine Freunde in einer “radikalen
politischen Orientierung“ und nutzten die Evangelische
Landeskirche in Rumänien als Trittbrett für ihre
nationalsozialistischen Karrieren. Klaus Popa meint
daher: „Schroeder lässt auch Äußerungen Beneschs
gelten, die bereits in der Zeit, als sie getan wurden,
von irregeleiteter Unaufrichtigkeit und Zynismus
geprägt waren“. Selbst eindeutige und radikale
Bekenntnisse Beneschs zum Nationalsozialismus zeugen
bei Schroeder lediglich vom „Selbstbewusstsein“
Beneschs, ja es zeige sich in ihnen „ein ernstes und
ernst zu nehmendes Anliegen.“
Ein weiteres Problem für Popa ist die Auswahl der
Zeitzeugen bei Schroeder. Der Essayist Hans Bergel
kommt in dem Buch in vier nicht dokumentierten
Beiträgen zu Wort, die einem
„geschichtsrevisionistischen Verwirrspiel“ dienen, das
die „NS- Umtriebigkeit der Rumäniendeutschen“
verschleiern soll. Auch die nationalsozialistischen
Aktivitäten Beneschs werden hier zu Singspielen
verklärt, die Diskussionen zu Gesprächsrunden aus
„Sorge um das Kulturerbe Europas“. Sämtliche Beteiligte
waren in Wahrheit „nachweislich radikale
Nationalsozialisten“. Ihre Diskussionsrunden waren wohl
kaum von der geschilderten Harmlosigkeit.
So fällt Schroeder auch im Fall seines Zeugen Bergel
auf dessen „Desinformations- und Verklräungsnummern“
herein. Dem Anspruch einer „geschichts-
wissenschaftliche(n) Ebene“ wird Schroeder auf diese
Weise nicht gerecht.
Klaus Popa rezensiert nun auch Reaktionen aus dem
anthroposophischen Umfeld. Auch in diesen Reaktionen
auf das Buch entdeckt er Versuche, „Beneschs
NS-Hypothek in verharmlosend- schönfärberischer Weise
herunterzuspielen.“ So etwa bei Joachim von Königslow
in „die Drei“3.
Beispielsweise wird bei von Königlöw die
deutschnationale bis nationalsozialistische
„Burse“ zu einem
traditionsreichen „Studentenheim“, Benesch wird zu
einem Vertreter eines „edlen Nationalsozialismus“,
der sächsische Bauern reformieren wollte, aber
ansonsten als „Christus- Sucher und Christus-
Künder“ verklärt. Popa bezweifelt vehement, dass
ein derartig verbohrter Nazi wie Benesch ein
„solcher Sucher und Künder“ gewesen sein kann, er
deutet auch sehr deutlich darauf hin, dass Benesch
ein früh professionalisierter Propagandist gewesen
ist, und zwar einer mit einer
„jugendverführerische(n) Komponente und Richtung.“
In dieser Hinsicht hat Benesch seine Profession
lediglich von den Nationalsozialisten auf die
Christengemeinschaft verlegt. Da fällt es schwer,
mit von Königslow lediglich ein wenig über diesem
„großen Schicksalsrätsel nach(zu)sinnen“.
Unter den Rezensenten des Buchs ragt nach Klaus Popas
Meinung lediglich Armin Husemann4 hervor,
der es Schroeder mit deutlichen Worten ankreidet,
dass dieser es versäumt habe, „die Anthroposophie
und Rudolf Steiner gegen Beneschs
Missverständnisse in Schutz zu nehmen.“ Denn die
beschönigende Darstellung Schoeders bringt
Anthroposophie selbst in eine Schieflage, in der
eine „Nähe bzw. Kontamination der Anthroposophie
Steiners mit dem NS“ angenommen werden könnte.
Husemann ist also auf einem Weg der
„Distanzierung“ von Benesch- völlig zu Recht und
aus gutem Grund. Diese „Entscheidung gegen
Benesch“ ist in Schroeders Buch in diesem Sinne
nicht zu entdecken.
Verweise
1 H-W Schroeder: Driedrich Benesch. Leben und Werk
1907-1991, Stuttgart- Berlin 2007
2 Böhm: Friedrich Benesch (1907-1991).
Naturwissenschaftler, Anthroposloge, Theologe und
Politiker, 16. Jg, 2004, Heft Nr. 1, S. 108-119
3 Friedrich Benesch- ein Jahrhundertschicksal, in: die
Drei, 12. 12. 2007, S. 30-38
4 Am Abrgund, in: Anthroposophie 1/2008, Nr. 243, S. 90