Verschwiegene Zeitzeugen ?
von Dr. Regina Reinsperger
Wenn man in den 50er oder
60er Jahren seine Eltern oder Großeltern fragte, wie
sie über die Verbrechen des 3. Reiches damals gedacht
hatten und was sie heute davon hielten, bekam man meist
die stereotype Antworten: „Das habe ich nicht gewusst"
, „Da war ich nicht dabei", wenn man sich denn
überhaupt getraute zu fragen, denn in den meisten
Familien wurde eisern geschwiegen und auch in der
Schule endete die „neuere Geschichte" meist mit dem
Bismarckreich. Dabei wären die meisten Fragenden schon
zufrieden gewesen mit einer Antwort wie: „ Damals habe
ich das nicht so gesehen, aber nach dem Krieg habe ich
dazugelernt", ganz zu schweigen von dem Satz: „Ich habe
nicht so gedacht". Dass man sich nur schwer und unter
Lebensgefahr in einer bestehenden Diktatur auflehnen
kann, wussten die meisten Jüngeren ohnehin. Sehr oft
wurden jedoch die Verbrechen anonymisiert gesehen:
„angeordnet denen da oben in der Regierung", als ob
z.B. eine Nazi-Organisation wie die Gestapo oder eine
KZ-Wachmannschaft oder eine militärische Einheit nicht
aus Einzelmenschen bestanden hätte, die, wenn sie sich
verweigern wollten, sich wegmelden konnten, ohne dass
das zwingend negative Folgen nach sich zog; auch diese
Option wurde oft genug wahrgenommen. Als besonders
verletzend und verlogen empfanden die meisten Jüngeren
das „Schönreden" der Nazi - Zeit und ihrer
„Errungenschaften" und nicht zuletzt als drückend und
quälend das Verschweigen.
Wie schon im Artikel über den „Jugendterror" erwähnt, schreibt Hans-Werner
Schroeder auf Seite 186 über den Holocaust „Dass er
(Benesch) selbst oder die Siebenbürger Bevölkerung
an den brutalen Aktionen der Pfeilkreuzler oder der
ungarischen Gendarmerie Anteil gehabt haben können,
ist ausgeschlossen". Er nimmt also ganz in Tradition
der 50er und 60er Jahre eine Anonymisierung vor und
fällt ein Pauschalurteil, so dass er sich
individuelle Betrachtungen sparen kann. Als
Zeitzeugen, wie grausam die Zusammentreibung der
jüdischen Bevölkerung in Sächsisch-Regen war,
schreibt Schroeder mit dürren Worten auf Seite 182:
„ Wie grausam der Vollzug war, hat Hans Holzträger
in einem erschütternden Dokument über die
Deportation des Sächsisch-Regener Bürgers Mark Perl
überliefert. „Beim Lesen", so Holzträger, „der
Autobiographie des Mark Perl (sind mir) des öfteren
die Tränen geflossen, aus Mitleid und Zorn."" soweit
das Zitat. In den Anmerkungen findet sich dann unter
Nr. 102 die genaue Quelle des Zitates (1). Eine
weitere Zeitzeugen - Quelle, auf die in dem eben
genannten Artikel hingewiesen wird, benutzt
Schroeder nur, ohne sie zu nennen. Auf Seite 186
zitiert er: „Ihr werdet auch bald diesen Weg gehen,
so wie wir", schrie eine Jüdin aus Sächsisch-Regen
den am Wegrand stehenden zu." Dieses Zitat stammt
aus einem anderen Artikel von Hans Holzträger (2),
dort wird in einem Abschnitt unter der Überschrift
„Sächsisch-Regen" berichtet:
„In Sächsisch-Regen und in Neumarkt begann die
Verschleppung ins Lager am 13. Mai 1944.....Ein Lager
befand sich in der Bierbrauerei in der Bierhausgasse
und ein weiteres in neben der Ziegelei zwischen der
Stadt und Deutsch-Zeplin (Dedrad). Dort warteten die
Menschen auf einem umzäunten und bewachten Ackerfeld
Wochen, bis sie nach Auschwitz abtransportiert wurden.
Bei regnerischem, kühlem Wetter waren die Verhältnisse
dieser Armen auf freiem Feld katastrophal. Der
Zeplinger Dorfbevölkerung, die diesen Weg zumeist für
ihre Fahrten und Gänge nach Sächsisch-Regen benutzte,
war es verboten, am Lager vorbeizufahren. In den ersten
Tagen nach Errichtung des Lagers mussten ungarische und
deutsche Jugendliche der Leventeorganisation ( Anm.:
vormilitärische staatliche Jugendorganisation, siehe
Artikel „Jugendterror") zwangsweise Wache halten.
So berichtet ein Angehöriger der Leventejugend, der zur
Wache befohlen worden war, dass die Juden in der Nacht
stundenlang beteten und Psalme sangen. Dieses Erlebnis
bewegte den Siebzehnjährigen tief und wandelte, wie er
dem Verfasser berichtete, seine Einstellung zum
jüdischen Volk, das man ihn hassen gelehrt hatte."
Hier hätte Schroeder sich nun fragen können, wer denn
den deutschen Jugendlichen befohlen hatte, dort Wache
zu halten. Immerhin war Benesch von 1928-1931
Kreisjugendführer gewesen, hatte 1937 beim „Tag der
deutschen Jugend" in Heldorf/Siebenbürgen vor fast 4000
Jugendlichen gesprochen (Seite 141) und unterrichtete
1944 am Gymnasium in Sächsisch-Regen. Inwieweit hatte
er als Kreisleiter und später als stellvertretender
Gebietsleiter in diesen kleinräumigen Verhältnissen
noch direkte Befehlsgewalt über Jugendaktionen? Warum
hat Schroeder den Historiker Johann Böhm, der damals in
dem Alter war, in dem die Jugendlichen zwangsweise der
Levente beitreten mussten, nicht befragt? Dass
Hans-Werner Schroeder diesen Artikel gelesen und
verarbeitet hat, beweist obiges Zitat der Jüdin aus
Sächsisch-Regen, in dem Artikel von Hans Holzträger
steht:
„Als die ausgemergelten Lagerinsassen nach qualvollen
Wochen von ungarischen Gendarmen begleitet durch die
Stadt zum Bahnhof geführt wurden, sollen sie, nach
übereinstimmenden Aussagen von Zeugen, ruhig und
gefasst, ja trotzig ihren Weg gegangen sein. Nur eine
junge Mutter habe auf ihre weinenden Kinder gezeigt und
ausgerufen: „Ihr, die ihr zuschaut, wie wir in den Tod
getrieben werden: Bald werdet auch ihr diesen Weg
gehen!"
Der Artikel von Holzträger endet: „Wie verhielt sich
die siebenbürgisch-sächsische Bevölkerung der Stadt
Bistritz und Sächsisch-Regen und der vielen Dörfer in
Nordsiebenbürgen? Teilnahmslos. Was auffiel, war das
Schweigen der evangelischen Kirche. Kein Gebet ist in
den Gottesdiensten für die verängstigten und gequälten
Juden gesprochen worden, wohl aber für den
Reichsverweser Nikolaus von Horthy, für den „Führer"
Adolf Hitler und für den Sieg der deutschen Waffen."
Die gesamte Siebenbürger Bevölkerung war mehrheitlich
nicht aktiv am Holocaust beteiligt, einzelne Anhänger
des Nationalsozialismus und Vertreter des
nationalsozialistischen Volksbundes der Deutschen in
Ungarn waren sicher mit dabei. Ob Benesch, der ja auch
Rassenkunde in Halle/Saale studiert hatte, dazu
gehörte, muss jedenfalls noch weiterhin versucht
geklärt zu werden. Pauschalurteile sind in diesem
Zusammenhang äußerst fragwürdig. Benesch, der ja in
Siebenbürgen politische Ämter bekleidete, zu
unterstellen, dass er in Siebenbürgen einen
Nationalsozialismus vertreten habe, „wie er ihn
verstand" (3) ist aufgrund der vorhandenen und auch in
Schroeders Buch veröffentlichten Dokumente und
Schriften Beneschs unglaubwürdig. Was soll man von
einer Aussage Schroeders halten, er habe die erste
Lebenshälfte Beneschs bis 1944 besonders genau
geschildert „auch um teilweise entstellenden
Darstellungen entgegenzutreten, die ohne genügende
Hintergrundkenntnisse seit geraumer Zeit verbreitet
werden." (3) Besteht die „Mindestanforderung einer
ausgewogenen Betrachtung" darin, nur unwesentliche
Kritiker zu Wort kommen zu lassen und Zeitzeugen, die
vielleicht etwas zu berichten hätten, gar nicht erst zu
befragen und kritische Literatur aus Bibliotheken und
Internet gar nicht erst zu finden (oder zu erwähnen) ?
Ist das die Auswahl, die ein Biograph mit „genügenden
Hintergrundkenntnissen" vornimmt? Genau so wird jedoch
methodisch Geschichtsschreibung in nicht demokratischen
Systemen betrieben - oder am politisch ganz rechten
Rand.
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Quellen:
(1)
Siebenbürgisch-sächsischer Hauskalender, Jahrbuch 1981,
26. Jahrgang, herausgegeben im Selbstverlag des
Hilfskomitees der Siebenbürger Sachsen im Diakonischen
Werk der evangelischen Kirche in Deutschland, München,
darin: Die Autobiographie des Mark Perl - ein Beitrag
zur Geschichte der jüdischen Bevölkerung von
Sächsisch-Regen in Nord-Siebenbürgen in den Jahren 1942
- 1945 - mit einer Einführung von Hans Holzträger
(2) Siebenbürgisch-Sächsischer Hauskalender, Jahrbuch
1979, 24. Jahrgang, w.o.a., „Ghettoisierung und
Deportation der jüdischen Bevölkerung Nordsiebenbürgens
April bis Juni 1944" von Hans Holzträger
(3) Zeitung „Die Christengemeinschaft - Zeitschrift zur
religiösen Erneuerung", Verlag Urachhaus, Stuttgart
2007, Heft 6, „Friedrich Benesch zum 100. Geburtstag"
von Hans-Werner Schroeder
(4) Hans-Werner Schroeder „Friedrich Benesch - Leben
und Werk 1907 - 1991"
Verlag Johannes Mayer, Stuttgart 2007