Der
Nationalsozialismus und die Gewissenlosigkeit
In seiner Schrift „ Die religiöse Lage in Deutschland“
schreibt Friedrich Benesch 1934:
„Und die Frage, ob das
Christentum, ob Jesus Christus den Sinn und die
Erhaltung und die Verwandlung dieser
germanisch-nordischen Substanz erfüllt oder nicht,
diese Frage steht heute mit derselben Tiefe und
Mächtigkeit vor uns, wie vor zweitausend Jahren. Wir
sehen, dass beide Kirchen diese Aufgabe nicht erfüllt
haben, und wenn man jene Frage bejaht, dann fällt
gerade von Jesus Christus her das schwerste Urteil
nicht auf die germanisch-nordische Substanz, sondern
auf die Kirchen. Wenn man die Frage verneint, dann
trifft die Schuld mehr das deutsche Volk, das noch
immer nicht im Stande gewesen ist, sich von der in
diesem Falle artfremden Religion zu befreien und damit
der Erfüllung der germanisch-nordischen Substanz zu
dienen. Der Nationalsozialismus hat sich zum
Sachverwalter der germanischen Substanz des deutschen
Volkes gemacht. Er sieht alles, was geschieht, nur von
hier aus, und er stellt die christlichen Konfessionen
vor die entscheidende Frage, ob sie substanzerhaltend
oder substanzzerstörend in Bezug auf die germanische
Substanz sind, oder ob sie heute schon so weit ihrer
eigenen Substanz beschränkt oder verengt sind, dass sie
dieser gewaltigen Aufforderung gegenüber versagen. Und
er stellt sich selbst vor die entscheidende Frage, ob
das positive Christentum selbst, das doch wohl
irgendwie anders ist als die Konfessionen, erhaltend
oder zerstörend auf die germanische Substanz wirkt. Das
ist die ganz entscheidende Frage heute, wer wagt es,
sie zu beantworten? Wer wagt es, aufzustehen und diese
Frage so zu beantworten mit Ja oder Nein, dass wir alle
hinhören müssen und dass wir die Antwort auf die
tiefste Sehnsucht unserer Tage von dort heraushören?
Wir alle, und mit uns auch Adolf Hitler, warten auf
diesen Mann. Und dieser Mann wird entscheiden, nicht ob
das deutsche Volk protestantisch oder katholisch oder
neuheidnisch oder nationalsozialistisch ist, denn das
ist es schon, sondern ob es christlich ist oder nicht.“
Dieser Text wurde im Juni 1934, also 2 Monate nachdem
Benesch in Herrmannstadt sein „Pfarrerdiplom“ erhalten
hatte, im Rundbrief der deutschen Burse zu Marburg
veröffentlicht. (Schroeder, Seite 460). Für einen
frisch „diplomierten“ Pfarrer sind diese Worte doch
sehr seltsam, zumal er ja schon 1931 während seines
Genesungsurlaubes in den Karpaten ein
„Christuserlebnis“ gehabt haben will (Seite 77).
Nebenbei zeigt sich in diesem Text, wie die
Nationalsozialisten das „Deutsche Volkstum“
interpretierten: als „germanisch nordische Substanz“,
die es in der Realität bei der steten
Menschendurchmischung Mitteleuropas seit der Römerzeit
faktisch nicht gegeben hat. ( Ich erinnere an die
Völkerwanderung, Wikinger-, Ungarn- und
Hunnen-Einfälle, den 30 jährigen Krieg, die
spanisch-niederländischen Kriege im Westen, der Zuzug
der Hugenotten, die napoleonischen Kriege, die Zuzüge
der Ostarbeiter am Ende des 19. Jahrhunderts ins
Ruhrgebiet u.a.m.) Die Nationalsozialisten, die für
„das Deutschtum brannten“ , lebten also mit einer
Illusion.
Der Historiker Klaus Popa hat auf seiner Internetseite,
auf der Texte über die Siebenbürgen im 3. Reich, die
führenden Nationalsozialisten in Siebenbürgen und die
Vergangenheitsbewältigung der Siebenbürger zu finden
sind, einen Text veröffentlicht, der in kurzen knappen
Worten zeigt, wie sich das nationalsozialistische
„positive Christentum“ vom tradierten Christentum
unterscheidet. Mit seiner Erlaubnis veröffentlichen wir
diesen Text bei den Egoisten:
Der
Nationalsozialismus und die Gewissenlosigkeit
Die Grundpfeiler des Nationalsozialismus, nämlich
-deutschzentrierter Kollektivismus,
-Rassismus
-das Führerprinzip
-der Kampfgeist (manifest in politischem Militantismus,
allgemeinem Hyperaktivismus und Militarismus),
tragen sämtlich zum Zustandekommen der
Gewissenlosigkeit bei. Der Deutschzentrismus ist
indessen hauptsächlich daran beteiligt, weil er als
zentrales Dogma des Nationalsozialismus an die Stelle
des christlichen Weltbildes mit seiner Philosophie der
Schuld und Sühne und des christlichen Gewissens trat.
Indem der Deutschzentrismus ausschließlich dem
deutschen Volk, d.h. dem deutschsprachigen
Menschenkollektiv galt, hatten der christliche
Universalismus, Integrationismus und Humanismus, also
auch die Menschen- und Nächstenliebe als hauptsächliche
Äußerungsformen des christlichen Gewissens, ausgedient.
An ihre Stelle trat die Liebe und Achtung für den
deutschen Menschen und für das deutsche Volk. Das sind
Bewusstseins-, nicht Gewissensäußerungen, sodass die
Ablösung des Gewissens durch das deutsch-völkische
Bewusstsein als typisches Merkmal der
nationalsozialistischen Ideologie aufscheint.
Das Bewusstsein deutsch zu sein, ging mit einem
Überlegenheitsgefühl einher, woraus sich die
prinzipielle Abdrängung anderer, nichtdeutscher
Menschen in die Minder- und Unwertheit (letzteres bei
Juden, Sinti und Roma), also
segregationistisch-rassistische Einstellungen und
Handlungsmuster einstellten. Der einzelne Deutsche
verantwortete ausschließlich für seine (deutschen)
Volksgenossen und seine (deutsche) Volksgemeinschaft,
aber mit Einschränkungen. So war der deutsche
Volksgenosse nicht verpflichtet, für Christenmenschen
Verantwortung zu übernehmen, weil das christliche
Verantwortungsgefühl als undeutsch verpönt war.
Die paroxystische Abkapselung auf deutsch-nationaler
Grundlage trieb auch im Sittlichkeitsempfinden ihre
Blüten. Ein siebenbürgisches Beispiel bietet das im
Jahr 1941 zwischen der evangelischen Landeskirche und
der Deutschen Volksgruppe in Rumänien abgeschlossene
„Gesamtabkommen“, wo es unter I,1 heißt, dass die
Kirche nur Tätigkeiten entfalten darf, die „gegen das
Sittlichkeits- und Moralgefühl der germanischen Rasse“,
will heißen, gegen das „deutsche Sittlichkeitsgefühl“
nicht verstoßen.
Auch das Rechtsempfinden blieb nicht verschont. Der am
18. Januar 1937 vor dem Bezirksdisziplinargericht des
Burzenlandes erschienene Pfarrer Wilhelm Staedel bringt
in seiner Verteidigungsrede das „unmittelbare“,
„deutsche Rechtsempfinden“ seiner politischen Gruppe
gegen das „formale Recht“ und die „bürgerliche
Rechtsprechung“ zur Geltung.
Zu dem vom Führerprinzip dominierten
Bewusstseinskomplex zählt die Treue, der Gehorsam, das
Pflichtbewusstsein, der Ordnungsgeist, die
Arbeitsamkeit und das Kämpfertum. Diese Tugenden
missbrauchte der Nationalsozialismus zu gewissenlosen
Zwecken, denen sich die strammen Parteisoldaten
willfährig zur Verfügung stellten. Diese Willfährigkeit
konnte nur funktionieren, weil die
nationalsozialistische Gewissenlosigkeit sich im
Empfinden, in der Wahrnehmung und im Gefühl des
einzelnen Deutschen und des Deutschen Volkes
eingenistet hatte.
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Quelle:
http://freenet-homepage.de/Transsylvania/Diskussi.htm