„Abschaffung
artfremder Gesittung“
Aus dem „Birker Heimatbuch“
Hrsg: Susanne Dienesch
Eigenverlag 1996
Kirchenvermögen und
Kirchensteuern
Das Vermögen der Kirchengemeinde Birk ist beträchtlich.
Es umfasst Kirche, Pfarrhaus, Prediger-haus, Schulhaus,
Lehrerhaus, Organistenhaus, Gemeindesaal samt Park
Kirchenmühle und Friedhof, dazu 120 Joch Kirchenwald,
36 Joch Ackerland, 2 Joch Weinberg, 8 Joch Wiesen und
den Schulgarten, die ehemalige Baumschule, neben dem
Pfarrhaus. Dabei ist das bereits der "kümmerliche Rest"
nach der Enteignung durch die rumänische Regierung,
1919. Vorher verfügt der Pfarrhof über 445 Joch
Kirchenwald und mehr als 200 Joch Grund und präsentiert
sich als stattlicher Kirchengutshof, ein Pfarr-Hof im
wahrsten Sinn des Wortes!
Von den 36 Joch verbliebenem Ackerland bebaut der
Pfarrer 16 Joch und der Organist 4 Joch. Der Rest wird
zu Gunsten der Kirchengemeindekasse verpachtet. Für die
8 Joch Wiesen auf der Kircheninsel hat der
Prediger-Lehrer das Nutzungsrecht. Der Weingarten steht
zur Hälfte dem Pfarrer und zur Hälfte der Kirche zu.
Der Kirchenwald hat eine 30-jährige Umtriebszeit. Also
können alljährlich 4 Joch genutzt werden. Die
Holzfällerarbeiten werden aus der Kirchenkasse bezahlt,
den Transport ins Dorf übernehmen die Bauern für ein
paar Liter Wein je Klafter. Die Mühle wird zeitweise
von der Kirche selbst betrieben, zeitweise verpachtet.
Reparatur-, Instandsetzungs- und Neubauten übersteigen
jedoch häufig Gewinn und Pachterträge, obwohl alle
anfallenden größeren Arbeiten von der Dorfgemeinschaft
unentgeltlich in Gemeinschaftsarbeit erledigt werden.
Lediglich Facharbeiter und Handwerker sind zu bezahlen
und trotzdem rechnet sich die Kirchenmühle kaum.
Kirchensteuern für den Unterhalt der eigenen Gemeinde
werden nicht eingehoben. Auch der in Deutschland
übliche Klingelbeutel geht in den siebenbürgischen
Gottesdiensten nicht um. Kollekten werden nur an den
Festtagen erbeten und ausschließlich für ortskirchliche
Zwecke verwendet.
Der Landeskirche kommt die Landeskirchensteuer zugute.
Sie beträgt nach 1919 im Durchschnitt 80-90% der
rumänischen Landessteuern (also der Grund- und
Vermögenssteuer). In den Jahren nationaler Bedrängnis
steigt sie gar auf 120%. Die Sachsenbauern stöhnen
unter dieser Doppelbelastung, aber um ihres Deutschtums
willen halten sie durch. Die Landeskirchensteuer wird
vom Kirchenkassier eingesammelt und über den
zuständigen Kirchenbezirk Sächsisch-Reen an das
Landeskonsistorium weitergeleitet Jeden Samstag hält er
Amtsstunden und er führt die kirchensteuer¬bezogene
Ortskirchenkasse. Dafür erhält er immerhin eine geringe
Jahresbesoldung. Zuletzt bekleidet Michael Scholler
dieses Amt.
Die Pfarrer
Das Aufgabenprofil eines Pfarrers in Birk ist sehr
umfangreich: Er predigt an den Haupt- und
Festgottesdiensten, vollzieht die kirchlichen
Amtshandlungen bei Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen,
erteilt den Religionsunterricht an der Schule, spendet
seiner 1100-Seelen-Gemeinde geistlichen Trost und gibt
allen Rat- und Hilfesuchenden wertvolle Fingerzeige und
Belehrungen, verwaltet und beaufsichtigt das
Kirchenvermögen, steht der deutschen Schule als
Lokalschulinspektor vor und führt seine Gemeinde in
kultureller, politischer und wirtschaftlicher Hinsicht.
Bezeichnend ist das Arbeitsprogramm, das Pfarrer
Benesch 1934 bei seinem Amtsantritt entwirft:
"Die Gemeinde steht vor folgenden Aufgaben:
1. wirtschaftlich: Erhaltung der Mühle,
Vermehrung der Einnahmen durch Arbeit am Pfarrgrund,
Einbau eines Siebes in der Mühle, mindestens 90%
Einlauf der Kirchentaxe, Abzahlung der Schulden
(2.250.000 Lei).
2. politisch: Aufrüttelung der Bauern aus dem Schlaf
der Gleichgültigkeit. Anschluß der Gemeinde an die
Erneuerungsbewegung.
3. moralisch/gesittungsmäßig: Abschaffung artfremder
Gesittung (Zigeuner, Juden, städtische Tracht fremde
Tänze usw.).
Hebung der Moral in der Familie. Vermehrung der
Kinderzahl.
4. lebensmäßig: Erzeugung eines neuen, freudigen,
starken Lebensgefühls. Feste und Feiern.
5. blutsmäßig: Erzeugung von Stolz auf das eigene Blut
und dessen Werte: Ordnung, Ehre, Sauberkeit Geradheit
6. Blut und Boden: Werdet bewußte Bauern! Erhaltet den
Boden!
7. religiös: Locken und rufen - in Freiheit und Güte.
Hilf Herr!"
Dem Pfarrer steht der Pfarrhof zur Verfügung: Pfarrhaus
und Wirtschaftsgebäude samt Einrichtung. Seine
Besoldung bestreitet die Landeskirchenkasse in
Hermannstadt. Die Birker Kirchengemeinde steuert die
Nutznießung von 16 Joch Kirchengrund zur
Pfarrausstattung bei. Der letzte Pfarrstelleninhaber,
Pfarrer Benesch, bewirtschaftet den Pfarrhof selbst. Zu
seinem landwirtschaftlichen Betrieb gehören 2 Knechte
und eine Magd. Er besitzt 3 Pferde, 4 Kühe, 2-3
Schweine, 80 Stück Geflügel und den nötigen Maschinen-
und Fuhrpark. Dadurch kann er bei seinen Bauern auch in
bäuerlichen und wirtschaftlichen Fragen als Fachmann
auftreten.
In Birk wirken im
Laufe der Geschichte als Pfarrer
Michael Dienesch, von 1715-1736. 1666 als Sohn der
Gemeinde geboren, absolviert er sein Studium in
Kronstadt und wird Lehrer in Nieder-Eidisch. 1699 kehrt
er als Rektor heim nach Birk 1702 wird er als Prediger
berufen, 1715 zum Pfarrer gewählt. Er stirbt vier Jahre
nach seiner Pensionierung im Jahre 1740.
Daniel Schuller, eingesetzt v. Michael Haltrich, 1854
als Pfarrer und Dechant des Sächsisch-Reener Kapitels
nach Botsch verzogen. Seine Gemahlin ist die
Pfarrerstochter Elisabetha Henrich von Jaad bei
Bistritz. Von ihm stammt die bewegende Schilderung der
Zerstörung Birks durch die aufständischen Szekler.
Michael Schell, gewählt am 18. 10. 1854, eingesetzt am
6. 7 1855, gestorben am 3. 1. 1868 an ei¬nem
Flechtenausschlag im Alter von 63 Jahren. Seine Frau
ist Dorothea Thomae aus Bistritz. Sie stirbt am 15. 5.
1866 in Birk. Bevor er nach Birk kommt, ist Michael
Schell Pfarrer in Burghalle. Stefan Roth, gewählt am 2.
2. 1868, eingesetzt am 15. 2. 1868, gestorben am 30. 1.
1886 an Lungenlähmung im Alter von 68 Jahren. Er ist
auch gebürtiger Birker und versieht seinen Dienst als
Pfarrer in Nieder-Eidisch, bevor er die Berufung nach
Birk annimmt.
Ernst Folberth, gewählt am 28. 2. 1886, eingesetzt am
17 3. 1886, gestorben am 13. 7 1911. Er ist gebürtiger
Klausenburger, geboren am 7 2. 1842, verheiratet mit
der Klausenburgerin Rosa Andraschofski seit dem 3. 10.
1868. Sie stirbt ihm am 11. 6. 1905 an Krebs in Birk.
Am 1. 9. 1908 tritt Pfarrer Folberth in den Ruhestand.
Er ist Pfarrer in Weilau, bevor er seinen Dienst in
Birk antritt. Man erinnert sich an ihn weit über seinen
Tod hinaus als an einen klugen, fleißigen und
energischen Mann, den selbst der Notar bei jeder
Gelegenheit um Rat fragt Folberth gründet den
Raiffeisen-, den Landwirtschafts- und den Frauenverein
in Birk Er baut den Gemeindesaal und bringt die Schu¬le
auf ein sehr hohes Niveau. Die Birker bewahren ihm ein
dankbares und ehrendes Andenken mit der Benennung des
Platzes vor dem Gemeindesaal als "Ernst
Folberth-Platz".
Johann Scheipner, gewählt am 27 9. 1908, eingesetzt am
3. 11. 1908, gestorben am 30. 6. 1928 in Birk
Verheiratet ist er seit dem 27 11. 1897 mit Ernestine
Henriette Kinn aus Sächsisch-Reen. Er beschließt seine
Laufbahn als Dechant des Sächsisch-Reener Kapitels in
Birk Hans Thullner, gewählt im September 1928,
eingesetzt am 17 10. 1928. Er stammt aus Bokring,
geboren 1893, verheiratet seit 28. 10. 1919 mit Ottilie
Werner aus Birthelm. Er kommt als Pfarrer von Reußmarkt
nach Birk und zieht nach nur 3 Jahren weiter auf die
Pfarrstelle Bockenau in der Rhein¬provinz, wo er 1951
stirbt. Nach seinem Abschied von Birk ist
Prediger-Lehrer Michael Gustav Roth 3 Jahre lang
Pfarrverweser auf der vakanten Pfarrstelle.
Friedrich Benesch, gewählt im August 1934,
eingesetzt am 12. 9. 1934. Er stammt aus
Sächsisch-Reen, geboren am 6. 7 1907 verheiratet mit
Sunhilt Sandraudiga Hahne, geboren am 19. 9. 1909 in
Halle/Saale. Die Hochzeit am 2. 8. 1934 fällt fast mit
seiner Wahl zum Pfarrer von Birk zusammen. Pfarrer
Benesch wird wegen seines Zerwürfnisses mit dem
Landeskonsistoriurn 1936 seines Postens enthoben, geht
ins Altreich und erwirbt dort den Doktorgrad. 1940
kehrt er wieder ins Birker Pfarramt zurück und führt
1944 den Flüchtlingszug des Bezirks Sächsisch-Reen vor
den eindringenden Russen nach Österreich.
Von 1935-1940 betreuen zunächst Prediger-Lehrer Michael
Gustav Roth, dann Prediger-Lehrer Matthias Schuster als
Pfarrverweser die verwaiste Pfarrstelle. Nach dem
Weggang von Prediger-Lehrer Schuster teilen sich die
Nachbarpfarrer, Pfarrer i. R Friedrich Holzträger
(Sächsisch-Reen), Pfarrer Scheerer (Botsch), Pfarrer
Kenst (Deutsch-Zepling), Pfarrer Roth (Ober-Eidisch)
und Stadtprediger Albert (Sächsisch-Reen), die
Betreuung der Birker Pfarrgemeinde.