Der Nationalsozialismus in Siebenbürgen
Dr. Regina Reinsperger
So nennt Friedrich Benesch seine politische
Propagandaschrift, die im „Rundbrief der Deutschen
Burse“ im März 1934 erschien. Hans-Werner Schroeder
erkennt nicht, dass diese Schrift Beneschs lediglich
die Phrasen der Nationalsozialistischen
Erneuerungsbewegung enthält und keinerlei eigenständige
Gedanken. Infolgedessen schreibt Schroeder auf Seite
95:
„Nur mit Erstaunen kann zur Kenntnis genommen werden,
wie Benesch, der ja gerade erst aus der Heimat an seine
alte Alma Mater zurückgekehrt ist, sogleich zu einer
fundamentalen Analyse der politischen Verhältnisse im
Reich und in Siebenbürgen ausholt und ganz im Geiste
Mannhardts eine Bewertung der Lage vornimmt und
klarstellt, wo er selbst steht.“
„Man ist versucht, diese Ausarbeitung der Kategorie
eines politischen Thesenpapiers zuzuordnen, denn weder
vor noch nach seinem Studium hat Benesch am Beispiel
Siebenbürgens so klar und detailliert begründet, warum
er selbst Nationalsozialist ist und wodurch sich für
ihn die Partei Hitlers als zukünftige und einzige Kraft
erweist, die nicht nur im Reich den Jahrhundertimpuls
einer totalen weltanschaulich politischen Neugestaltung
durchzusetzen imstande ist, sondern darüber hinaus auch
in den „außerreichsdeutschen Gebieten“ die
gesellschaftliche Führung übernehmen kann.“
Klaus Popa hat nun auf seiner Internetseite auch einen
Text über die politische Lage in Siebenbürgen, der im
Juni 1934 verfasst wurde. Verfasser ist der damalige
Schäßburger Bürgermeister Dr. Wilhelm Seiwerth. Dr.
Seiwerth war Mitglied der bürgerlichen
„Einheitsbewegung“, zu der sich die führenden
demokratisch gesinnten Politiker um Hans Roth
angesichts der Wiederbelebung des früheren NSDR (
Nationalsozialistische Selbsthilfebewegung der
Deutschen in Rumänien) als NEDR (Nationale
Erneuerungsbewegung der Deutschen in Rumänien)
zusammengeschlossen hatten. Seiwerth zeigt in seiner
differenzierten Analyse weitgehend Klarsicht, obwohl
auch sein Text eine politische Schrift ist. Er ordnete
die politischen Hintergründe und die politischen Ziele
der NEDR exakt ein, wie der weitere Geschichtsverlauf
zeigte. Der Text liefert außerdem „eine Einführung in
die innenpolitische Lage und ins europaweite politische
Klima der anfangsdreißiger Jahre, als selbst die
konservativen Politiker der Siebenbürger Sachsen
anstelle des „abgewirtschafteten Liberalismus“ Führung
und Autorität einforderten“ schreibt Klaus Popa in
seinem einführenden Text. - Im folgenden will ich
einige Textpassagen aus Beneschs und Seiwerths Text
gegenüberstellen um zu zeigen, dass man auch als
„jugendlicher Erneuerer“ in Siebenbürgen keineswegs
Nationalsozialist werden musste und dass Benesch
lediglich Propaganda-Phrasen in seinem Text verarbeitet
hat.
Dr. Wilhelm Seiwerth nennt seinen Text: „Die
Schicksalslage unseres Volkes, der reichsdeutsche
Nationalsozialismus und die NEDR“. Er beginnt mit einer
Betrachtung über die gegenwärtige Situation der
Siebenbürger Sachsen im Jahre 1934:
„Wir leben in einer Zeit der Verelendung, der
unaufhörlichen Krise und einer maßlosen Verworrenheit
der gesamten Lebensverhältnisse. Die Unzufriedenheit
hat den Gipfelpunkt erreicht. Die Menschen sind
allenthalben verbittert und trostlos über die nicht
enden wollende furchtbare Not. In einer solchen
Seelenverfassung sind sie zu allen Zeiten empfänglich
gewesen für die Utopien von Weltverbesserern, die
versprechen, durch die Anwendung eines bestimmten
Rezeptes mit einem Schlage die Wendung zum Besseren
herbeizuführen. Dieselbe Beobachtung können wir heute
auch beim sächsischen Volk machen. Denn außer dem
allgemeinen Elend, das in den letzten 15 Jahren alle
Völker der Welt mehr oder weniger betroffen hat, hat
unser Volk als kleine, wehrlose Minderheit noch die
Auswirkungen der brutalen Unterdrückungspolitik durch
die auf gewaltsame Entnationalisierung ausgehende
staatsführende Nation zu fühlen bekommen. So ist unser
Lebensraum planmäßig eingeengt worden und nun machen
sich an allen Ecken und Enden die schmerzlichen Folgen
dieser Einschränkung und Beschneidung geltend.“
Seiwerth sieht die wirtschaftlich schwierige Zeit in
Siebenbürgen einerseits bedingt durch die
Weltwirtschaftskrise, die in den 20er Jahren des 20.
Jahrhunderts „alle Völker der Welt mehr oder weniger
getroffen hat“ und andererseits durch die Eingliederung
Siebenbürgens in den nach dem ersten Weltkrieg neu
entstandenen rumänischen Nationalstaat und dessen
kulturelle und wirtschaftliche
Assimilationsbestrebungen. Durch die Agrarreform des
Jahres 1921 mussten die Siebenbürger Sachsen
landwirtschaftliche Flächen und Waldbestand abgeben.
Das traf besonders auch die Evangelische Kirche hart,
die infolge dessen Mühe hatte, als Schulträger der
Deutschen Schulen diese weiterhin sozial verträglich zu
finanzieren. Seiwerth schreibt weiter :
„Der unbändige Nationalisierungsdrang der
staatsführenden Nation, der von keiner Schranke des
Rechtes und der Billigkeit halt macht, hat uns den
Lebensraum planmäßig und mit unheimlicher Brutalität
von Jahr zu Jahr mehr entrissen. Als verschwindend
kleine Minderheit haben wir uns nach Kräften gegen
diesen künstlich bewirkten Schrumpfungsprozess gewehrt.
So konnten wir noch Ärgeres verhüten. Aber im großen
ganzen fehlte uns eben die Macht dazu, um das „große
Verlieren“, das durch die schicksalshafte Tragik der
mit dem Kriegsausgang geschaffenen Verhältnisse bedingt
war (Anm.: das Zerbrechen von Österreich-Ungarn), zu
verhindern. So ist durch äußere, gewaltsame Einwirkung
der Ablauf unseres völkischen Lebensprozesses immer
wieder beengt und gestört worden. Wir waren einer
unheimlichen Übermacht ausgeliefert, die uns
verschlingen und einschmelzen will und uns darum zu
keiner ruhigen Stunde kommen lässt. ….
Unsere Hauptforderung an den Staat ist doch die
restlose Anerkennung der sächsischen
Volkspersönlichkeit. Als ein nationales Ganzes wollen
wir dem Staat eingegliedert werden. Dies wird uns aus
der Ideologie des unduldsamen, auf Assimilation
ausgehenden Nationalstaates verwehrt.“
Seiwerth betont, dass die bisherige politische Führung
der Siebenbürger Sachsen versucht hat „unter furchtbar
schweren Verhältnissen das sächsische Volk wenigstens
vor dem Äußersten zu bewahren.“
Friedrich Benesch beginnt hingegen seine Schrift „Der
Nationalsozialismus in Siebenbürgen“ mit einer
allgemeinen politischen Positionsbestimmung der NSDAP
im Reich. Er schreibt:
„Der Nationalsozialismus stand und steht nicht
einseitig ganz rechts (also der Deutsch-Nationalen
Volks-Partei näher verwandt als der Kommunistischen
Partei Deutschlands), sondern er stand und steht ganz
radikal über den Parteien. Er ist ebenso scharf gegen
die marxistische wie gegen die reaktionäre Front
gerichtet.“
Als Gegner des Nationalsozialismus sieht Benesch neben
dem Marxismus die „Reaktion“: „nationale Verbände,
Wirtschaftsmänner, katholische und evangelische
Kirchenpolitik, Hochschulpolitik, monarchistische
Verbände usw.“, die ihre „scheinbar nahe Verwandtschaft
zum Nationalsozialismus“ „für sich auszuwerten
versuchten“. „Der zersetzenden Front des liberalen
Marxismus steht in gleicher Entfernung vom
Nationalsozialismus die egoistische Front des liberalen
Bürgertums zur Seite. Schon aus dem Gang der
Entwicklung wird klar, dass der radikale Gegensatz
zwischen liberalem Bürgertum und Nationalsozialismus
schwerer zu durchschauen ist, als zwischen
Nationalsozialismus und Marxismus. Insonderheit dann,
wenn dieses Bürgertum nationalliberal ist und unter dem
Mantel des Nationalsozialismus seine egoistischen
Tendenzen verbirgt.“
In diesen politischen Phrasen der scheinbaren
Standortbestimmung steckt ein ganz perfider
„Rundumschlag“ auf das ganze politische Spektrum der
damaligen Zeit. Jeder politisch Missliebige kann so
einer der genannten Kategorien zugeordnet und damit
eliminiert werden. Auch gegenüber einem unliebsamen
Parteimitglied lässt sich behaupten: „er habe unter dem
Mantel des Nationalsozialismus seine egoistischen (oder
reaktionären) Tendenzen versteckt.“
Seiwerth analysiert den Nationalsozialismus des
Deutschen Reiches wie folgt:
„Gegen den staatlichen Partikularismus, gegen die
Atomisierung durch das Parteienwesen und gegen den
Klassenkampf, also gegen lauter typische Erscheinungen
im Reiche während der Nachkriegszeit bzw. erhebliche
Belastungen durch die Vielstaaterei der letzten drei
Jahrhunderte wendet sich Hitlers Nationalstaat.“ Der
fundamentale, tragische Irrtum der NEDR (= Nationale
Erneuerungsbewegung der Deutschen in Rumänien) liege
nun darin: „anstatt die geistige Bewegung im
Mutterlande als inneren Antrieb zu machtvoller
eigenschöpferischer Gestaltung der bei uns gegebenen,
völlig andersgearteten Verhältnisse anzusehen, wählt
sie den bequemeren, aber auch verhängnisvollen Weg des
sklavischen Nachahmens und Nachplapperns. So ist unsere
Erneuerungsbewegung schließlich zu einem ganz schwachen
Epigonentum ausgeartet.“
Benesch behauptet, dass den auslandsdeutschen Gebieten
im Gegensatz zum Reich das Proletariat fehlt, von
einigen Ausnahmen abgesehen. In den Auslandsdeutschen
Gebieten lebten konservative Bürger und Bauern. „Aus
diesem Grunde hat der Liberalismus sich in diesen
Gebieten als reaktionärer individualistischer Egoismus
ausgewirkt“, sodass der Nationalsozialismus dort gegen
die Reaktion zu kämpfen habe. „ Der Kampf im Reich
wurde in seiner ersten Phase aus taktischen und
parlamentarischen Gründen stärker gegen den Marxismus
vorgetrieben. Die jungen Bewegungen im
Auslanddeutschtum übernahmen ein Werbematerial, das
nicht rein auf die Verhältnisse zugeschnitten war und
das den eigentlichen Gegner oft gar nicht traf.“ Mit
dieser Passage bestätigt Benesch Seiwerths obigen
Vorwurf, dass eine politische „eigenschöpferische
Gestaltung“ beim NEDR fehlt. Vorgedrucktes
Werbematerial zu übernehmen ist billiger und erspart
das eigene Denken.
In völliger Ignoranz der oben durch Seiwerth
geschilderten Nachkriegsprobleme behauptet Benesch nun,
Siebenbürgen habe ja „1918 keine Revolution“ erlebt,
das habe sich dann so geäußert, dass die
(Volks)-Führung „außenpolitisch mit dem
Wirtschaftsstaate und auf internationalem Gebiet in den
Minderheitenkongressen eine reine Verhandlungspolitik
gemacht hat“… „ Die Volksführung ist national, aber nur
in dem Sinne, dass sie dem Wirtsstaate und dem
internationalem Forum der Minderheitenorganisation
gegenüber auf rein parlamentarischer Grundlage in
vierzehn Jahre währenden Verhandlungen ständig davon
redet, ohne jemals zu einer entschlossenen Handlung auf
Tod und Leben bereit zu sein.“ Benesch postuliert also,
indem er das Zitat der „Hauptangriffsargumente der
jungen Bewegung“ in seinen Text aufnimmt, nichts
weniger als eine Revolution, einen blutigen Bürgerkrieg
gegen die Rumänen zur Durchsetzung der politischen
Interessen der Siebenbürger Deutschen. Eine Haltung,
die menschlich und besonders für einen Theologen doch
sehr zu denken gibt.
Die Anstrengungen der Volksführung, die kulturelle
Eigenständigkeit und den Besitzstand gegenüber dem
Rumänischen Staate zu bewahren, wird von Benesch und
seinen Propagandisten als „immer stärker einsetzende
individualistisch-egoistische Tendenz der Bürger und
Bauern“ und als „Materialismus“ bezeichnet. Benesch
sieht nur den „wirtschaftlichen Verfall“ der
Nachkriegszeit, ohne sich Rechenschaft über dessen
Ursachen zu geben. Als Beweis für den „Materialismus
der Bauern“ das „Ein- und Zweikindersystem“ der
Familien anzuführen, zeigt die Unfähigkeit Beneschs,
eigenständig und lebenspraktisch zu denken. In Zeiten,
in denen es nur unzulängliche Verhütungsmittel gab, war
es ungemein schwierig die Kinderzahl zu beschränken, es
sei denn, man musste bis zum abendlichen Umfallen
arbeiten um die Existenz zu sichern. Und wie sollten
viele Kinder in Zeiten wirtschaftlicher Not anständig
groß gezogen werden: Kindern wollen essen, brauchen
Kleidung und brauchten damals auch Schulgeld.
Seiwerth schildert in seinem Text auch, wie die NEDR,
die „mit allen Mitteln nach Macht und Herrschaft
strebt“, in politischen Versammlungen auftritt: „In
jeder Versammlung wird die gleich hasserfüllte Anklage
gegen das sogenannte „Alte System“ erhoben“ und „die
These von der 15-jährigen Misswirtschaft des „Alten
Systems“ zum Angelpunkt der gesamten Aktivität gemacht“
ohne die oben geschilderte politische Entwicklung seit
dem 1.Weltkrieg zu berücksichtigen.
„Die NEDR glaubt das Allheilmittel zur Gesundung
gefunden zu haben. Sie verkündet, dass die
Durchdringung des sächsischen Volkes mit der
Weltanschauung und dem geistigen Gedankengute des
Nationalsozialismus die Erlösung von allem Übel
bedeute. Wer sich zu dieser Idee bekennt und das durch
Einschreibung in die Parteiorganisation der NEDR
besiegelt, wird zur Retter der Nation. Und wenn erst
einmal alle das Parteibuch erworben haben, dann soll
eine schöne und glückliche Zukunft unseres Volkes
anbrechen. Diese recht primitive Formel klingt in dem
künstlich angefachten Begeisterungsrausch der
Massenversammlungen überzeugend und ist dazu geeignet
fanatisierend zu wirken.“
Dies ist eine exakte Analyse von Massenversammlungen.
Im Jahr 1934 gab es nur wenige Literatur über
Massenphänomene , z. B. Freud oder Le Bons. - Ich
möchte auch an „Masse und Macht“ (1960) von Elias
Canetti erinnern.
Seiwerth analysiert nun die Führer der NEDR. Er wirft
ihnen vor, die grundsätzliches Analyse der Situation
der Siebenbürger (wie oben ausgeführt) nicht geleistet
zu haben. Daher könne keine Erneuerung kommen und die
Führer der Partei lebten nur die üblichen
Machtbestrebungen zwecks Interessenbefriedigung aus.
Seiwerth sieht eine Kategorie Führer in der NEDR, „die
von Natur aus jeglichem Radikalismus zugeneigt, den
Nationalsozialismus nur dazu benützen, um ihrer
radikalen Triebhaftigkeit unter einem zeitgemäßen
Aushängeschild fröhnen zu können.“
„Die andere Gruppe setzt sich aus sittlich wertvollen
Elementen zusammen, die von einer starken Sehnsucht
nach neuem, inhaltsvollerem Leben erfüllt sind. Ihre
Wesensart findet den entsprechenden Ausdruck in
Menschen, die wohl geistiges Format besitzen, denen
aber die ausgesprochene politische Begabung und
Urteilsfähigkeit fehlt, um die Lage im oben
angedeuteten Sinne richtig und klar zu erfassen. Diese
Führer geraten daher auf die Dauer zwangsläufig unter
die Botmäßigkeit der radikalen Rufer im Streite, die
die Schaffung der ihren Zwecken entsprechenden Partei
mit unmittelbarer Folgerichtigkeit und Brutalität
durchsetzen. So bestimmen sie die Richtung und das
Antlitz der „Bewegung“.“
Seiwerth sieht also schon 1934 die mangelnde
„Urteilsfähigkeit“ der Idealisten und die Demagogie,
Triebhaftigkeit und Brutalität der „Rattenfänger“, wie
er die andere Gruppe der Führer bezeichnet.
Er schildert dann weiter:
„Wie es im Leben oft zu gehen pflegt, umhüllt sich die
Partei natürlich mit dem Heiligenschein der
Unfehlbarkeit und Sündenlosigkeit. Alle, die das
Parteibuch genommen haben, erhalten mit einem Schlage
die Freisprechung von allen bisherigen Missetaten und
werden damit zu Rittern des Idealismus geschlagen. Die
anderen aber, die sich nicht entschließen können, ihr
Gewissen gegen die Ausfolgung eines Ablassscheines von
den „Führern“ knebeln zu lassen, das sind „die dem
bürgerlichen, egoistisch-materialistischen Geiste“
Verfallenen. Auf diese bedauernswerten Individuen kann
jeder, der die parteiamtliche Abstemplung zum
„anständigen Menschen“ erworben hat, nach Herzenslust
losschlagen und sie als Schädling der Gemeinschaft
verhöhnen und beschimpfen.“
„Neben ehrlichen, aber wirklichkeitsfremden Menschen
drängen sich natürlich diejenigen am stärksten in die
Partei der „Erneuerung“, die denken, „dass sie sich
dadurch am besten davor schützen, dass man sie eines
Tages entlarven könnte. Als Parteigenosse aber kann
einem selbstverständlich trotz der dunkelsten und
anfechtbarsten Vergangenheit gar nichts passieren. Man
ist gefeit vor aller Kritik und kann auch unter dem
Segel der Erneuerung fröhlich weiter sündigen, wenn man
es nur gut versteht, recht laut zu moralisieren und
stets das schützende Mäntelchen wohlklingender
Schlagworte über die eigenen, weniger erbaulichen Taten
zu bereiten.
Es ist notwendig, diese Dinge einmal mit schonungsloser
Offenheit beim richtigen Namen zu nennen, ohne jede
Beschönigung. …Der hier geschilderte Zustand enthüllt
einen tiefbetrüblichen Geist der Unwahrhaftigkeit.“
Diese Beschreibung der innerparteilichen Zustände
trifft genau so auf die Zustände der NSDAP im Deutschen
Reich zu, wie wir heute wissen. Man kann also davon
ausgehen, dass Seiwerth die Siebenbürger Verhältnisse
exakt und genau beobachtet hat. Er wird sicher auch
Parteigänger der NEDR persönlich gekannt haben. Er
schreibt weiter, der „Geist der Unwahrhaftigkeit“ ist
Ursache, dass das Siebenbürgische Volk in zwei Lager
zerrissen wird: „dass auf der einen Seite die guten,
idealistisch eingestellten Menschen sich befänden,
während die Anderen von jüdisch-materialistischen
Geiste verseucht seien. Diesen jedem einigermaßen
objektiven Beobachter in die Augen springenden
Widersinn verkündet die NEDR in jeder Versammlung und
in jeder Zeitungsnummer.“
Friedrich Benesch behält diese Unterteilung bei und
sagt am 19. Mai 1984 in Kassel im 2. Vortrag über „Die
vier Jugendgenerationen des 20. Jahrhunderts“: „Sehen
Sie, ich kannte Parteigenossen, ich kannte Faschisten
aus Italien, aus Spanien, aus Rumänien. Das waren
glühende Idealisten!“
Seiwerth fragt dann zu Recht: „Kann ein halbwegs
vernünftig denkender Mensch annehmen, dass der
Gesichtspunkt der Parteieinstellung und die Tatsache
der Erwerbung eines Parteibuches dazu bereits genügt,
um zu ermitteln, ob jemand wirklich altruistisch und
selbstlos, nur dem Gemeinwohl ergeben sei, oder nicht?“
Auch zum „Führerprinzip“ weiß Seiwerth einiges zu
sagen. Aus seiner Sicht hat die „Vielwollerei des
Liberalismus“ Europa in Trümmer gelegt und nun die
Sehnsucht der Völker nach dem Gegenpol der Demokratie,
nach „echten, gottbegnadeten Führern“ und Autorität
geweckt. Das kann man durchaus anders interpretieren,
Demokratie und Individualität zu leben ist schwieriger
als einer Führung gehorchen und Verantwortung
abzugeben. Führer können in Seiwerths Augen aber nur
schöpferische, geniale Persönlichkeiten sein, die
Charisma haben. In den Führern der NEDR sieht er „eben
nur ein „Prinzip“, eine blutleere Ideologie.“ ..“Darum
ist auch das geräuschvolle und überhebliche Getue der
verschiedensten Kategorien von „Führern“ innerlich
unwahr. Alles dreht sich nur um Äußerlichkeiten, man
nimmt die Posen eines „Führers“, weil es stets an dem
schöpferischen Ingenium fehlt, das stets von innen nach
außen vordringt und nicht umgekehrt.“ – Wer denkt bei
dieser Führer-Beschreibung nicht an Charlie Chaplins
geniale Darstellung des Diktators?
Seiwerth sieht eine Möglichkeit der Überwindung der
Spaltung der Volksgemeinschaft durch die NEDR nur im
Rahmen einer Organisation der Gesamtgemeinschaft. Er
fordert innere Wahrhaftigkeit und ruft nach: „geistig
und sittlich hochstehenden Persönlichkeiten, die durch
wirklich schöpferische Leistungen und durch echte,
stillwirkende Opferbereitschaft ohne jede geräuschvolle
und aufdringliche Reklame, den wirklichen Aufstieg des
Volkes aus dem Niedergang der Gegenwart
bewerkstelligen“ und begibt sich damit in den Bereich
der politischen Utopie. Die Einheit des Volkes muss in
seinen Augen aber zwingend erreicht werden:
„andernfalls wird uns die Sturzflut des rumänischen
Nationalismus einfach verschlingen.“ – wie es dann ja
auch nach dem 2. Weltkrieg geschehen ist.
Ich habe Dr. Wilhelm Seiwerth ausführlich zitiert, weil
er als Zeitgenosse Beneschs in Siebenbürgen die NEDR
anschaulich und für uns aufgrund der geschichtlichen
Ereignisse nachvollziehbar mit seinen Analysen und
Beobachtungen schildert. Beneschs „fundamentale
Analyse“, wie Schroeder Beneschs Text nennt, wird
dadurch als das demaskiert, was sie ist: eine
Aneinanderreihung von eingelernten, politischen
Phrasen. – Es lohnt sich, die Ausführungen von Dr.
Wilhelm Seiwerth vollständig zu lesen.
______________________
Quellen:
Klaus Popa (Hrsg.) „Die Rumäniendeutschen zwischen
Demokratie und Diktatur. Der politische Nachlass von
Hans Otto Roth 1919 – 1951, Frankfurt/Main, etc. 2003,
Nr.255, Seite 456-469
Ein „Kritisches Blatt“ der dreißiger Jahre: Zeitzeugen
über den Rumäniendeutschen Nationalsozialismus - Dr.
Wilhelm Seiwerth, „Die Schicksalslage unseres Volkes,
der reichsdeutsche Nationalsozialismus und die NEDR“,
Schäßburg, Juni 1934
Internet:
http://freenet-homepage.de/Transsylvania/NEDR.htm
Hans-Werner Schroeder „Friedrich Benesch – Leben und
Werk 1907 – 1991“, Verlag Mayer, Stuttgart, Berlin,
2007, Seite 94/95 und Seite 447-452
Flensburger Hefte Nr. 46, 9/94 „Jugendideale“,
Friedrich Benesch: „Die vier Jugendgenerationen des 20.
Jahrhunderts“ , Seite 80/81