Michael Eggert
Der gedoppelte Blick

Es gibt Bücher, die gut und angemessen im Bücherschrank vergilben, ohne je berührt oder vermisst zu werden. Und es gibt andere, die man mit einer gewissen Gier verschlingt, dabei nahezu auf Nahrungsaufnahme verzichtet und den Alltag vernachlässigt. Manche von diesen bleiben in bester Erinnerung, andere erzeugen eine Art Kater, den man nicht einmal mit Heringen und Aspirin vertreiben kann. Und schließlich gibt es Bücher, die man gerne liest, sich in sie vertieft und dann bemerkt, dass man sie ein wenig weglegen muss, um ihnen angemessen begegnen zu können, um sie zu einordnen zu können in den inneren persönlichen Kontext, um einen Schmerz und eine Betroffenheit, die sie ausgelöst haben, heilen zu lassen- um sich dann gern und mit anhaltendem Interesse wieder zuwenden zu können.
So ging es mir mit Ariane Eichenbergs Buch „Zwischen Erfahrung und Erfindung.“ [1] Es geht darin um die Veränderungen in den Texten der Opfer über die Shoah –ein Sprung über drei Generationen, von den unmittelbar Betroffenen über die Nachkriegsgeneration bis heute. Diese perspektivische Positionierung erscheint zunächst eigenartig. Denn in der Abwägung der Zeugnisse der Opfer erscheint der Schrecken indirekt, gebrochen, wie in einem Spiegel. Wenn über Varianten der „Erzählverfahren“ und der räumlichen, zeitlichen und figurativen Konstellationen in den Zeugnissen von Insassen der Konzentrationslager diskutiert wird, rückt das Entsetzen zunächst wie in eine entfernte Dimension. Gerade diese Technik, von einer Metaebene aus – von der Konstruktion der Zeugnisse – indirekt auf das Erlittene zu schauen, erzeugt aber eine Betroffenheit, der man sich schwer entziehen kann. Wie so oft, ermöglicht gerade die Sachlichkeit eine umfassende und fundamentale Dokumentation des Schrecklichsten, was man Menschen antun kann. So erfüllt Eichenbergs Buch seinen Auftrag – die „Annäherung an die Shoah über die Narration [2] “ - beim Leser nach und nach, und daher umso nachhaltiger.
Die gestundete Zeit
Erfahrung und die Erinnerung daran – so die Grundthese Eichenbergs – sind nicht einfach gegeben. Selbst das unmittelbarste Dokument ist nicht unabhängig vom Kontext seines Autors zu sehen und stellt von daher sein Konstrukt, seine „Erfindung“ dar. Erinnerung ist von daher nie als „einfaches Abbild einer Wirklichkeit“ [3] zu begreifen. Erzählverfahren, biographische Details, individuelle Schwerpunktsetzungen sind Faktoren, die bei einer Betrachtung, die den Erinnerungsprozess als solchen im Auge behalten möchte, mit einzubeziehen sind. Eichenberg wählt daher den Weg, diese Erinnerungen über drei zeitliche Schritte und Generationen hinweg zu vergleichen. Der erste Teil betrachtet die Zeit von 1945-1950 – das „Schreiben aus zeitlicher Nähe [4] .“ Der zweite Teil nähert sich Texten aus der Zeit von 1980 bis 2000 – das „Schreiben aus der Distanz.“ [5] Im letzten Abschnitt, der „ererbten Erinnerung,“ [6] werden Schreibweisen der Nachkommen, die nicht unmittelbar betroffen waren, betrachtet.
Natürlich stammen die meisten Dokumente aus der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Das Erlittene war unmittelbar gegenwärtig und es bestand der Wunsch, die Traumata wenigstens auf dem Wege der Mitteilung „aufzuarbeiten.“ [7] Eine ganze Reihe von Jahren lang stießen die Opfer dann an die Grenzen des Sagbaren oder bemühten sich um eine neue, von den Erinnerungen unberührte Existenz. Daher ließ die Menge der Publikationen stark nach. Erst Jahre später begann die Zahl der Textdokumente wieder anzusteigen.
Die frühen Dokumente sind dadurch zu charakterisieren, dass es bei ihnen kaum zeitliche und biographische Verläufe gibt. Das Geschilderte beginnt überwiegend mit dem Hereinbruch des Schreckens in Form von Verhaftung oder Deportation. Es ist, als gäbe es kein Vorher. Vielfach bietet den einzigen Schutz, die einzige Zuflucht in den Erzählungen der Übergang vom Ich zum Wir der Opfer: „Wir werden nicht zurückkehren.“ [8] . Nur in diesem Wir kann sich das Ich des Erzählenden „aus dem unmittelbaren Erleben lösen.“ [9]
Der fortwährende Schrecken löst auch das Erleben von zeitlichen Abläufen auf: „Ein Tag gleicht dem anderen in seinem Ablauf.“ [10] Aber in diese Monotonie brechen ständig Ereignisse und Situationen herein, die den Tod bedeuten können. Als Gliederung der Erzählungen dienen häufig örtliche Wechsel im Lager selbst: Schlafplatz, Strafversetzung, Arbeitsplatz. Die totalitäre Ordnung des Lagers wird zur einzigen verbliebenen Struktur, wenn es die gelebte Zeit nicht mehr gibt: „..und darum scheint es uns unmöglich, dass es jenseits dieser Welt in Dreck und Morast noch eine andere Welt und eine andere Zeit gibt.“ [11]
Wenn die Zeit und die Biographie aufgelöst und die räumliche Perspektive auf die äußerste Enge reduziert sind, bleiben als die Kräfte, die dem Individuum noch Kraft geben können, das Wir – die Beziehungen – und die Welt der Metapher. Eines dieser viel verwendeten Bilder ist die „Tiefe.“ Damit ist die persönliche Hölle gemeint, in der bei Vielen das „System des Lagers“ sich nach innen frisst und aller zerstört, „was an Eigenheiten vorhanden ist.“ [12] Bei dem Menschen in der Tiefe wird das Lager inwendig, er ist ein Verlorener, der keine Geschichte mehr hat und in dem „der göttliche Funke erloschen ist.“ [13]
Zeitsplitter
Im zweiten Teil ihres Buches setzt sich Eichenberg mit späteren Texten über den Holocaust auseinander. Auffällig ist die sofort einsetzende Polyphonie der späteren Zeugnisse, in denen Geschichten unterschiedlicher Personen zu unterschiedlichen Zeiten mit Zitaten, Gesprächen und Reflexionen vermischt werden. Meist wird von einer zeitlichen Ebene – Jetzt – auf die damaligen Schrecken zurück geblickt. Häufig wird nach der Bedeutung des Erlebten für das heutige Tun gefragt: Der Blick liegt „auf der Gegenwart und der Vergangenheit zugleich.“ [14] Dort, wo im Laufe der Zeit die detaillierte Erinnerung schwindet, wird umso intensiver auf die „Topographie der Seele“ [15] geblickt, und zwar durchaus mit selbstkritischen Untertönen. Manchmal wird das Damals und das Heute kunstvoll mit metaphorischen Klammern verbunden – etwa wenn Steinberg seine Rettung im Lager, die er der Wette einiger Ärzte verdankt (die „beschlossen haben, auf mich zu setzen, ohne dass ich davon wusste“ [16] ) mit seiner heutigen Wettleidenschaft in Beziehung setzt. Die Inhalte des später Geschriebenen sind auch dadurch bestimmt, dass Wiederholungen aus bereits publizierten Texten vermieden werden sollen- die „versengenden Emotionen“ werden durchbrochen durch das Wissen nicht nur um die Ereignisse selbst, sondern auch um die bereits erfolgte Reflexion darüber. Das selbst Erlebte wird im Erzählrahmen mit dem Lebensfeld Anderer verbunden - eine „soziozentrische“ Schreibweise setzt ein.
Ganz anders dagegen Erzählweisen von Häftlingen, die als Kind interniert waren. Der Blick des Kindes, der den Wachturm nicht als Wachturm, den Wächter nicht als tödliche Gefahr erkennt und das Lager als heimischen Ort missversteht, ist weder historisch präzise noch psychologisch reflektiert, aber von großer Unmittelbarkeit geprägt. Dennoch sind diese Texte, die Eichenberg vorstellt, ja von erwachsenen Überlebenden geschrieben und stellen in ihrer Darstellungsweise auch eine Art Kunstform dar.
Fünfzig Jahre nach Auschwitz
Der erlittene Terror lebt über Generationen fort. Auch die Enkel erleben seinen Schatten, weil sie von den Eltern erzogen werden, „zur Flucht bereit zu sein und Katastrophen als etwas Normales zu begreifen.“ [17] Die Enkel lernen, „keinen Fehler zu machen, sich anzupassen, auszuweichen, nicht aufzufallen und keinen Streit anzufangen.“ [18] Von diesen Überlebensstrategien geprägt, entsteht auch in der gegenwärtigen jüdischen Generation eine eigene Literaturform über die Shoah. Für die Enkel wird das Erzählen von Verfolgung und Vernichtung eine Standortbestimmung bezüglich der eigenen Identität. Denn diese bleibt vielfach gebrochen und uneindeutig: Nationale Zugehörigkeiten sind noch immer in Frage gestellt, wenn man sich – in Deutschland lebend- nicht als Deutsche fühlen kann, aber auch nicht – wie die Mutter – als Polin. Häufig identifizieren sich die Enkel aber auch nicht als „Jüdin der jüdischen Gemeinde;“ [19] das vorherrschende Selbstgefühl bleibt es, Fremde zu sein –an welchem Ort auch immer.
Erst beim Besuch des Museums von Auschwitz – „beim Anblick von Zahnbürsten“ [20] – entsteht eine kulturelle Identität - als Teil des verfolgten jüdischen Volkes.
So geht Eichenberg auch den Spuren der Enkel nach. Sie versteht sich dabei als Literaturwissenschaftlerin und klammert daher psychologische, therapeutische und soziologische Aspekte aus. Dennoch werden diese Grenzbereiche dauernd gestreift. Denn auch fünfzig Jahre nach Auschwitz, in Kalifornien lebend, wird der Krebstod der Mutter von dem schreibenden Enkel [21] als „nach innen“ gewanderter Schrecken verstanden, als eine Folge des scheinbar lange zurückliegenden erlittenen Terrors.
So öffnet Ariane Eichenberg, den vielfältigen und verschlungenen literarischen Spuren der Shoah folgend, ein Panorama, das jüdischer Kultur und Identität im Angesicht der Verfolgung über drei Generationen hinweg ausleuchtet. Die Vielzahl der Spuren sowohl als auch die Konfrontation mit den kaum erträglichen berichteten Facetten des Erlittenen machen das Buch zu einer sicherlich nicht ganz leichten Kost. Die Autorin entschädigt dafür nicht nur mit einer präzisen Sprache, sondern mit tiefen Einblicken und mit noch mehr neuen literarischen Spuren, denen der Leser weiter folgen kann.
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[1] Ariane Eichenberg, „Zwischen Erfahrung und Erfindung - Jüdische Lebensentwürfe nach der Shoah “. Köln 2004
[2] Eichenberg, S. 2
[3] Eichenberg, S. 3
[4] Eichenberg, S. 11
[5] Eichenberg, S. 12
[6] Eichenberg, S. 13
[7] Mir ist bewusst, wie unangemessen dieser alberne psychologisierende Begriff ist.
[8] Eichenberg, S. 30
[9] Eichenberg, S. 30
[10] Eichenberg, S. 31
[11] Primo Levi in: Eichenberg, S. 39
[12] Levi in: Eichenberg, S. 41
[13] Levi in: Eichenberg, S. 41
[14] Eichenberg, S. 68
[15] Eichenberg, S. 78
[16] Paul Steinberg, „Chronik aus einer dunklen Welt“ in Eichenberg, S. 88
[17] Eichenberg, S. 209
[18] Eichenberg, S. 209
[19] Eichenberg, S. 222
[20] Eichenberg, S. 223
[21] Henryk Grynberg, „Kalifornisches Kaddisch“