Michael Eggert: Der Heilige Gral als Metamorphose des Denkens
zu Mieke Mosmullers „Der Heilige Gral“, Occident Verlag, Baarle Nassau 2007


mosmuller

Mit „Der Heilige Gral“ legt ein nicht- wie der Titel zunächst nahe legt- antiquiertes Einheitsbrei- Esoterik- Mainstream- Buch vor, sondern enes, das sich zumindest in der ersten Hälfte praktisch und pragmatisch mit einer modernen geistigen Schulung befasst.
Natürlich geht Mieke Mosmuller auf Rudolf Steiner ein- der Kern ihrer Darstellungen besteht aber aus eigenen, authentischen und für den Leser nachvollziehbaren Schritten.
Mosmuller, 1951 in Amsterdam geboren, publiziert seit 1994. Ihre wichtigsten Quellen liegen zweifellos in der anthroposophischen Geisteswissenschaft, auch wenn sie seit langem aus der Anthroposophischen Gesellschaft ausgetreten ist. Modern ist das Buch für mich deshalb, weil sie keine Behauptungen in die Welt setzt, sondern, wie oben dargestelt, ihre methodischen Schritte transparent macht. Man muss heute wissen, wer esoterische Sachverhalte darsttellt und auf welche Weise er/ sie dazu gekommen ist. Mosmullers Versicherung, dass „die Autorin aus eigener spiritueller Erfahrung schöpft“, ist einsehbar und nachvollziehbar. Da diese Erfahrungen einen (in Grenzen) universellen Charakter haben - auch wenn die Art der Darstellung sehr unterschiedlich sein kann- ist diese ihre Behauptung verifizierbar.

In ihrem Gralsbuch macht sie den - wie sie darstellt, auch für sie ersten- Versuch, „die reale Anwesenheit Christi“ thematisch aufzugreifen: „Christus ist ein Wesen, das erkannt werden will, wie man seinen besten Freund kennt.“ Ihr methodischer Ansatz entstammt der „Philosophie der Freiheit“ Rudolf Steiners, indem sie sich „im Wahrnehmen des Denkens“ übt. Ihre Darstellungen eines inneren Gleichgewichts zwischen Luzifer (inneres Leben) und Ahriman (äußerlicher Schein) sind zunächst traditionell anthroposophisch. Sie grenzt ihre Bemühungen aber auch gegenüber der „morgenländischen Mystik“ ab. Die Suche nach dem Gral beginnt bei ihr im Bewusstwerden am „Ätherleib des Kopfes“. Das, was sie - und Andere- dabei erleben, ist ein „Wahrheitsorganismus“, ein inniges, tief im Innern empfundenes, lichtvolles, geschmeidiges Gewebe.“

Mosmuller spricht vom Erleben des Denkens selbst jenseits von dessen alltäglicher Spiegelform. Jenseits aller Inhalte entfaltet sich das Denken als Prozess. Die Arbeit an der lebendigen Substanz, der sie sich auf diese Weise erlebend annähert, bezeichnet sie als Arbeit am Gral. Andererseits ist dieses „lichtvolle geschmeidige Wahrheitsweben“ für sie „die erste Offenbarung von Christus selbst“: „Der Schüler sieht zwar noch nicht das Wesen des Logos, er hört noch nicht das Wort. Doch er schaut die lebendige Wirkung an, wie diese im Wahrheitserleben, im webenden Gedankenorganismus gegeben ist.“

Der Weg, wie ihn Mosmuller darstellt, ist - zwischen Abschweifung, Materialismus und Illusionen- der eines Kampfes um die Autonomie des Bewusstseins. Die Selbst- Erfahrung im reinen Denken erfährt sie als eine Art geistige Wiedergeburt: „Wie das Sonnenlicht, das durch eine Wolkendecke bricht, Realität ist, so tritt dieses warme Liebeslicht aus dem Umkreis in die eigene Denkkraft, die metamorpoierte Willenskraft ist, hinein.“ Mosmuller erlebt dies als die „Erscheinung des ätherischen Christus im Denken.“

In der Mitte des Buches beschreibt sie kundig und lebendig die Erfahrung, „wenn die Denkkraft von Gnade erfüllt wird“- als eine Umstülpung des geübten Willensimpulses, die graduell und schrittweise verläuft, mit zahlreichen Nuancen: „Man lebt andächtig in der eigenen übersinnlichen, innereren Energie, und diese Energie erweist sich als empfindsam…“ Das Ich wird als „umgestülpter Wille zum Bewusstseinswesen.“

Leider verlässt Mosmuller im weiteren Verlauf des Buches diese bis dahin von ihr voran getriebene, lebendige Art der Darstellung und referiert über Erfahrungen bedeutender Persönlichkeiten- von Novalis bis Buddha. Damit gibt sie den intimen Charakter des Buchs auf und beginnt zu referieren. Es ist, als sei ihr selbst der Schwung ausgegangen. Eine andere Belastung des Buchs liegt meiner Ansicht nach in Wertungen Mosmullers, die sie verallgemeinert. So verweist sie mehrfach auf die Unvereinbarkeit von Schulungsweg und sinnlicher Liebe. Aus dem moralisierenden Konventionellen kann sie sich dann doch nicht - trotz zahlreicher lebendiger Ansätze- ganz befreien. Überhaupt tritt sie kämpferisch auf und sieht sich selbst in ihrer Darstellungsweise offensichtlich als Einzelkämpferin und Vorreiterin. An manchen Stellen löst sie die eigenen Ansprüche ein, an anderen weniger. Die intimen Darstellungen geistiger Erfahrung, die sie transparent und verifizierbar zu beschreiben vermag, trösten aber über manche derartige Schwäche des Buchs hinweg. Diese Art von Authentizität findet man selten. Das kann man Mosmuller nicht hoch genug anrechnen.