Magisch aufgeladener
"Soziopath"**?
Andre van der Braaks
Aussteiger- Buch aus der Cohen- Sekte
Sehr viel Schlimmeres konnte dem amerikanischen Guru
wohl kaum passieren: Andre van der Braak, der elf
Jahre Schüler Cohens gewesen war, stieg endgültig
aus und schrieb ein Buch über diese Jahre. Damit
war auf einmal die ganze Entwicklung Cohens
sichtbar- und die Art der Entwicklung ist nicht
gerade dazu angetan, Vertrauen zu schaffen.
Cohen, heute 52 Jahre alt, New Yorker, eloquent, hatte
nach seinen Angaben mit 16 Jahren ein
Erleuchtungserlebnis. Danach, in der Flower-Power-Zeit
der 70er, reiste er in Sachen spiritueller Suche durch
die Welt. In Indien fand er seinen Guru, den ziemlich
unbekannten Harilal Poonja, der ihm nach
drei Tagen angeblich eine donnernde Einweihung
verpasste. Nach drei Wochen schob Poonja seinen
Zögling ab, weil das „Werk nun vollendet“ sei, und
Cohen war nun spiritueller Lehrer.
Poonja hatte, wie der Link zu Wikipedia zeigt, ein
später äußerst distanziertes Verhältnis zu Cohen:
"Obwohl viele seiner Schüler vorgeben, in Gegenwart
Poonjas erleuchtet worden zu sein, so drückt Poonja in
seiner Biographie jedoch Zweifel an der Richtigkeit
dieser Aussagen aus, indem er behauptet, er habe in
seinem Leben nur drei Personen getroffen, die
vollständig erleuchtet gewesen seien. So behauptete er
später, dass Andrew Cohen, den er zunächst in den
Westen gesandt hatte, lediglich ein Botschafter seiner
Lehre hätte sein sollen. Aus dessen eigener Biographie
geht aber hervor, dass er ihm, wie vielen Anderen, die
Erleuchtung bestätigt hatte. Besonders Andrew Cohen
kritisiert Poonja, und wirft ihm unethisches Verhalten
vor."
Cohen stellt die Sache etwas
anders da: "Nachdem er (damit ist Cohen selbst
gemeint, M.E.) Kampfkünste, Kriya Yoga und dann
Buddhismus studiert hatte, endete seine Suche, als
er 1986 den indischen Meister des Advaita Vedanta,
H.W. L. Poonja traf. Kurz nach dieser
lebensverändernden Begegnung und mit der
Unterstützung seines Lehrers (von dem er sich
später philosophisch abgrenzte), begann Cohen
selbst zu lehren."
Etwas "sehr Kräftiges"
Cohen fand in Indien seine spätere Frau Alka, die sich
ihm sehr weitgehend (aber später in seinen Augen nicht
weit genug) als Schülerin unterwarf und ihm als Guru
huldigte. In England fand Cohen sehr schnell eine ihm
ergebene Gemeinde. Cohen wirkte nicht gerade staubig,
er war „so natürlich, so spontan“ (S. 26). Daher zog er
viele Buddhisten an. Es ging bei Cohen um den Anspruch,
eine spirituelle Revolution anzufachen und völlig neu
zu beginnen. Seine Forderung, Erleuchtung sofort und
vollkommen erfahren zu lassen, wurde von seiner sehr
starken suggestiven Ausstrahlung angefacht, die auch
bei van der Braak die Wirkung hatte: „Doch wenn ich
Andrew in die Augen sehe, schmelze ich einfach dahin.
Jeglicher Widerstand schwindet...“(S. 29) Es geht
„zugleich etwas sehr Kräftiges von Andrew“ (S. 30) aus.
Im Satsang, der schweigenden Zusammenkunft, fühlt sich
van der Braak „in einen See von Glückseligkeit“ (S. 30)
eintauchen und wird Cohens Schüler.
Cohen spaltete die buddhistische Gemeinde. Man sagte
ihm nach, er wirke hypnotisch. Der Satsang-Raum wirkte
in seiner Gegenwart „oft wie elektrisch aufgeladen“.
1988 ist van der Braak bereits so abhängig von Cohen,
dass er zulässt, dass dieser (nicht zum letzten Mal)
eine Beziehung (zu einer Frau) van der Braaks ablehnt
und damit zerstört, da diese der spirituellen
Entwicklung van der Braaks schaden und ihn „ablenken“
würde. Dieses Prinzip des Stiftens, vor allem aber des
Zerstörens von Beziehungen in seiner Gemeinde war von
Anfang an eines von Cohens Mitteln zur völligen
Beherrschung seiner Anhänger. Später verlangte er auch
sexuelle Beziehungen. Hier wie dort folgten ihm seine
Anhänger sklavisch.
Prinzipien der
"Herrschaft" Cohens innerhalb seines internen Kreises
Das zweite Prinzip war eine strikte Hierarchie seiner
Zuneigung, die sich so entwickelte, dass die engsten
Anhänger bei ihm wohnen durften, die nächst näheren in
einem benachbarten Haus, und so fort. Wenn man ihm
nicht reif erschien, wurde man degradiert oder auch
ganz ausgestossen, musste absurde Bußen tun,
anderweitig nützlich sein, oder ihm einfach zu Diensten
sein. Die Möglichkeit, sich wieder hochzudienen, war
meist vorhanden.
Zunehmend kam ein weiteres Instrument zur Herrschaft
hinzu, nämlich eine Art stalinistischer Schauprozesse*,
die in der Gruppe vollzogen wurden und vor allem dazu
dienten, bestimmten Opfern Geständnisse und absurde
Selbstbeschuldigungen abzuringen. Die Wahl des Opfers
wirkte oft etwas willkürlich und traf sehr häufig auch
diejenigen, die Cohen gerade sehr nahe standen. Cohen
entwickelte sich mit den Jahren offensichtlich in dem
Maß, wie die Zahl seiner Anhänger wuchs, allmählich zu
einem "Soziopathen"**, der keine wirkliche Nähe mehr
kannte, sondern immer mehr über Menschen und deren
intimste Lebensbereiche zu bestimmen versuchte, sie
ständig demütigte, sie in beliebige und zerstörerische
Aufgaben und Erdteile schickte.
Die grösste Strafe aber war stets der Entzug von
Zuwendung und Nähe Cohens. Auch die häufigen
Beleidigungen Cohens seinen Schülern gegenüber waren
natürlich auch nur dazu gedacht, „unserem Ego einen
Schock zu versetzen“ (S. 55) und damit „Freiheit“ zu
erreichen.
"Eine Art Faschismus"
Selbst Cohens eigene Mutter Luna wandte sich in der
Folge von ihm ab bzw dem, was sie als dessen
„Guru-Theater“ bezeichnete. Seine Vision, sagte sie,
sei zu „einer Art Faschismus“ (S. 54) verkommen und das
herrschende Prinzip in seinem Clan sei die Angst vor
seiner Bestrafung. Seine einzigen Interessen seien es,
seine Schüler zu beherrschen und zu manipulieren. So
war es auch. Cohen ernannte seine Mutter zur persona
non grata und machte verstärkt weiter.
1989 zog die Gemeinde weiter nach Kalifornien, da Cohen
immer neue Spät-Hippie- und New-Age- Zentren
abklapperte, um dort seinen grossen Durchbruch
durchzusetzen. Cohen war stets auf der Suche nach
nützlichen Idioten, aber auch nach diversen
spirituellen Bewegungen, um sie aufzurollen. Er wollte
als spirituelles Wirtschaftsunternehmen Übernahmen
erreichen- ein zurückgezogenes Yogi- Dasein war niemals
sein Ding. Doch in Kalifornien biss er mit seiner
autoritären Art auf Granit. Seine Anhänger nannte man
dort „Androiden“, und man hielt sich von ihm fern. Aber
seine Lager entwickelten sich weiter zum „Drilllager“,
der interne Terror nahm weiter zu. Cohens Bücher wurden
zumindest zum Teil von seinen Schülern geschrieben, die
aus den zahllosen Satsangs, die alle mitgeschnitten
wurden, das Beste und Brauchbarste destillierten. Cohen
versuchte, an prominente Esoterikstars wie Ken Wilber
heranzukommen, um sie zum Schüler zu gewinnen („wir
diskutierten hin und her, wie wir Wilber anlocken
könnten“) (S. 71). Dies gelingt zumindest zum Teil;
Wilber taucht heute in Gesprächen mit Cohen auf dessen
Website auf. Sicherlich ist
Wilber spirituell zu gebildet, zu intelligent und
hat vor allem doch zu viel Bodenhaftung, um sich
von Cohen wirklich vereinnahmen zu lassen.
Van der Braak droht im weiteren Verlauf der Geschichte
Ungemach, er ist aus heiterem Himmel auf Cohens
Abschussliste geraten und wird nach Verhören,
stalinistischen Gruppenprozessen und absurden Bußtaten
endlich doch degradiert und aus dem näheren Kreis
ausgeschlossen.
"Androiden" &
"Schafe"
Dummerweise sagt sich bald auch Cohens eigener Guru,
Poonja, von ihm los, da Cohen seine Schüler wie
„Schafe“ (S. 105) behandle. Das war für diesen Guru das
Gegenteil von Erleuchtung. Prompt wandte sich auch
Cohen von ihm ab und geriet nun an ein System, das
seine Herrschaftsgelüste perfekt akzeptierte: Den
tibetischen Lamaismus. 1990 und 1991 trifft Cohen
bekannte Lamas und übernimmt von diesen nun die
formellen, stundenlangen Meditationsstunden für seine
Schüler ebenso wie hundertfache Niederwerfungen und
ähnliche Praktiken. Eine „mächtige Energiewelle“
erfasst Cohens Schüler.
Offensichtlich war Cohen nun dort angekommen, wo Helena
Blavatsky schon über 100 Jahre zuvor ihre Meister
gefunden hatte. Cohen war in dieser atavistischen
autoritären Strömung sicher besser aufgehoben als bei
den wankelmütigen kalifornischen Sinnsuchern. Cohen und
die Lamas verband sicherlich auch die Freude an der
Expansion. Das Interesse der Lamas zielte aber primär
in Richtung Amerika. Nach seinen indischen Jahren zog
es Cohen und seinen Tross auch wieder in diese
Richtung. Er hatte aber auch in Europa besonders devote
Schüler installiert. Die Schüler, die bei ihm wohnen
oder überhaupt noch mitmachen wollten, mussten nun
bezahlen. Van der Braak z.B. wurde eine Summe von 1500
Euro monatlich für seinen Verbleib abverlangt. Aber die
Expansion des Cohenkonzerns stagnierte dennoch.
"Nichts wissen, nichts
haben, niemand sein"
Die lamaistischen Niederwerfungsübungen (inzwischen 600
morgens) wurden von eigenen Mantren Cohens begleitet,
in denen man übte: „nichts wissen, nichts haben,
niemand sein.“ (S. 175). Van der Braak, immer wieder
gedemütigt und degradiert, aber auch wieder
aufgenommen, fragte sich allmählich (nach 11 Jahren!),
ob das alles geistig gesund sei. Von Cohen endgültig
zur Entscheidung gedrängt, verlässt er die Sekte
schliesslich.
Auch er, wie so viele Schüler Cohens, steht vor einem
biografischen Scherbenhaufen. Das System, das sich
allmählich als extremes, faschistoides,
frauenverachtendes und beziehungsfeindliches Monstrum
entwickelte, hatte ihn aufgesaugt und wieder
ausgespien. Die schonungslose Selbstdarstellung van der
Braaks spricht erheblich für die Authentizität seines
Insiderberichtes. Nach der Lektüre fragt man sich, wie
man wohl mit einem dermaßen usurpatorisch auftretenden
Unternehmen wie dem von Cohen einen „integralen“ Dialog
führen kann. Ist das eine naive spirituelle
Appeasement- Politik? Und warum gerade mit diesem
magisch aufgeladenen Guru-"Soziopathen"*? Solche wie
Cohen treten doch alle 20 Jahre auf, in absolut
verwechselbaren Inszenierungen. Baghwan alias Osho wies
z.B. als System die gleichen Strukturen auf,
einschliesslich der zeitweise promiskuitiven Phasen.
Sexualität ist eben immer das Mittel der Wahl, um
solche Gruppen in Schach zu halten. Wie man bei Osho
gut beobachten konnte, drohen die angewandten Methoden
aber stets zu entgleiten; unversehens gleitet die
interne Sektenlogik in Paranoia über und beginnt, sich
selbst zu zersetzen. Cohen versucht, solche Prozesse
durch die totale Kontrolle der Individuen seines
Umkreises zu erreichen- aber auch durch ritualisierte
Ausschlussverfahren. Bei ihm kann sich niemand jemals
sicher oder geborgen fühlen.
Wem streckt man die Hand
entgegen?
Sicherlich ist ein Dialog unter solchen Umständen
denkbar. Man muss nur sehen, wem man die Hand
freundlich entgegenstreckt. Man kann natürlich Cohens
Selbstdarstellung als smarter Esoterik- Kommunikator
auch einfach glauben. In seiner Autobiographie schreibt
er: „Andrew Cohen ist ein amerikanischer spiritueller
Lehrer und visionärer Denker, der für seinen
innovativen Beitrag zu dem entstehenden Gebiet der
evolutionären Spiritualität weithin anerkannt wird.
Durch seine Vorträge, Retreats, Publikationen und
fortlaufenden Dialoge mit den tonangebenden
Philosophen, Mystikern und Aktivisten unserer Zeit,
entwickelt er sich zu einer maßgeblichen Stimme in
einem internationalen Zusammenschluss von Individuen
und Organisationen, die sich der Entwicklung der
nächsten Stufe der menschlichen Kultur und des
menschlichen Bewusstseins verpflichtet haben.“
Natürlich fühlt sich jeder geschmeichelt, der sich als
„tonangebender Philosoph unserer Zeit“ sehen darf. Ich
halte die freundliche und eloquente Kommunikator- Rolle
allerdings für eine Maske, unter der ein extrem
traditioneller und aggressiver Ego- Zertrümmerer
hervorlugt, der persönlich zu keinerlei Selbstkritik
fähig ist und selbst zurückhaltende Kritiker gern
beschimpft. Für mich ist das System Cohen geschickt
vermarktet, aber im Kern sehr, sehr alter Wein in neuen
Schläuchen. Der Wein ist allerdings längst gekippt und
ungeniessbar.
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*Wenn auch ohne Todesurteile, selbstverständlich
** nicht im Sinne einer Psychopathologie, sondern einer
menschlichen Selbsterhöhung im Gurutum