Heinz Matile / Andreas Meister
Website der Albert Steffen-Stiftung
Vorbemerkung
In dem im Goetheanum Nr. 38/39 erschienenen Aufsatz von Michael Klußmann zur Kaspar- Hauser- Frage wurde ein Auszug aus einem bisher unbekannt gebliebenen Brief von Polzer-Hoditz vom 12. Januar 1943 veröffentlicht, durch den der Fälschungscharakter der sog. «Aufschreibungen» mit aller Deutlichkeit dokumentarisch nachgewiesen werden konnte. Die Publikation der nachfolgenden Ausführungen, die vor Erscheinen des Aufsatzes von Klußmann geschrieben worden sind, könnte deshalb als überflüssig erscheinen. Wir halten die unveränderte Veröffentlichung dennoch für berechtigt, ja notwendig, da die gefälschten Papiere nicht nur Kaspar Hauser, sondern unter anderem auch Albert Steffen und die Anthroposophische Gesellschaft und die Hochschule betreffen und auch in dieser Hinsicht schon viele Missverständnisse und Unheil bewirkt haben. Zudem verbindet sich mit deren Veröffentlichung die Hoffnung, es möge die Tatsache, daß gefälschte Texte auch innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft verbreitet und lange nicht als Fälschungen erkannt worden sind, als erneute Warnung dienen, nicht jedes Rudolf Steiner direkt oder indirekt in den Mund gelegte Wort als gesichert anzusehen.
HM/AM
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Verschiedene Veröffentlichungen aus anthroposophischen Verlagen gehen davon aus, Rudolf Steiner habe Kaspar Hauser als den badischen Erbprinzen bezeichnet. Der unlängst erfolgte Nachweis, dass Kaspar Hauser dies höchstwahrscheinlich nicht war, wirft deshalb die Frage auf, ob sich Rudolf Steiner tatsächlich in diesem Sinne geäussert hat. Dabei stösst man sofort auf «Aufschreibungen» von Ludwig Polzer-Hoditz (1869 - 1945), die auf Gespräche mit Rudolf Steiner zurückgehen sollen. Nachdem diese Texte während Jahren in Typoskriptform unter der Hand zirkulierten und 1980 von Peter Tradowsky auszugsweise publiziert wurden, hat sie Thomas Meyer im Jahre 1994 vollständig abgedruckt.
Die Echtheit dieser Texte wurde immer wieder bezweifelt; nachstehend wird der Nachweis geführt, dass diese Zweifel berechtigt sind und es sich tatsächlich um Fälschungen handelt. Dabei geht es nicht allein um Kaspar Hauser. Die fraglichen Texte enthalten weitere, äusserst problematische Aussagen, auf die einzugehen sein wird. Die Unterstellung, Rudolf Steiner habe derartiges gesagt, muss deshalb in aller Form zurückgewiesen werden.
Formales
Bei den fraglichen Texten geht es um Aufzeichnungen von Gesprächen, die am 1. Januar 1923, 11. November 1924, 3. März 1925 und im November 1916 zwischen Ludwig Polzer-Hoditz und Rudolf Steiner stattgefunden haben, rsp. stattgefunden haben sollen (im folgenden mit «Text I - IV» bezeichnet). Richtig ist, dass solche Gespräche am 1. Januar 1923, 11. November 1924 sowie 3. März 1925 tatsächlich stattgefunden haben. Polzer berichtet in seinen Memoiren selbst kurz darüber.
Thomas Meyer behauptet nun ausdrücklich die Echtheit der «November 1916» - Aufzeichnung sowie der - gegenüber dem authentischen Text von Polzer-Hoditz wesentlich ausführlicheren - drei übrigen Texte und stellt fest, dass bisher nicht bewiesen wurde, dass die Texte gefälscht seien.
Gegen diese Argumentation muss grundsätzlich Einspruch erhoben werden. Es ist der Historiker, der für die Echtheit der zitierten Quellen einzustehen hat! Glücklicherweise ist die Fälschung im vorliegenden Falle aber derart mangelhaft ausgeführt, dass die entsprechende Beweisführung keine Probleme bietet. Zunächst einige formale Einwände.
Es existiert keine Originalhandschrift dieser Texte. Die in Fotokopien von Typoskripten vorliegenden Texte I bis III wurden handschriftlich datiert und beziffert, was nach Meyer deren Echtheit beweisen soll. Es ist allerdings deutlich sichtbar, dass die Texte aus einzelnen Papierstücken zusammengeklebt und dann fotokopiert wurden (im bei Meyer abgedruckten Ausschnitt nicht sichtbar). Interessanterweise verlaufen solche Schneidespuren an mehreren Stellen ausgerechnet zwischen der handschriftlichen Bezifferung und dem vorausgehenden oder folgenden Text. Weiter: Aufgrund eines Datums oder einer römischen Ziffer kann die Handschrift eines Menschen kaum einwandfrei identifiziert werden. Polzer-Hoditz pflegte zudem den Monat mit römischen Ziffern zu schreiben, während die fraglichen Texte durchgehend mit arabischen Ziffern datiert sind.
Damit nicht genug. Polzer-Hoditz schrieb die Ziffer «2» deutlich anders. In seiner Handschrift erscheint die untere Querlinie in geschwungener Form (oft mit einem kleinen Bogen links unten), während die Handschrift auf den fraglichen Papieren eine markante gradlinig-horizontale Linienführung zeigt. Auch die Ziffer «9» zeigt einen deutlich anderen Schreibansatz. Wenn die Datierung etwas beweisen soll, dann eher, dass sie nicht durch Polzer-Hoditz selbst erfolgt ist.
Zu Text I
Am 1. Januar 1923 war Polzer-Hoditz bei Rudolf Steiner zum Mittagessen eingeladen. Rudolf Steiner hielt an dieser Einladung fest - trotz der in der Nacht zuvor erfolgten Zerstörung des ersten Goetheanum! Um 14 Uhr empfing Steiner allerdings bereits Basler Zeitungskorrespondenten, um über die Brandnacht zu berichten, so dass für Gespräche nicht sehr viel Zeit bleiben konnte. Polzer-Hoditz schreibt in seinen Erinnerungen folgendes und nur folgendes über diese Zusammenkunft: «Als wir dann bei ihm waren und er von der vernichteten zehnjährigen Arbeit sprach, wie die Säulen dem Feuer so lange standhielten, standen die Tränen in seinen Augen.»
Laut den fraglichen «Aufzeichnungen» soll bei dieser Gelegenheit jedoch zusätzlich von den Aufgaben und Reisen des römischen Cäsars Hadrian, vom Terrassentempel der Hatschepsut, von der ägyptischen Stadt On und ihrer kulturellen Bedeutung, und schliesslich von Moses und der geschichtlichen Wandlung vom kosmischen zum veräusserlichten Kultus der heutigen Kirche die Rede gewesen sein.
Zu Text II
Polzer-Hoditz berichtet einleitend: Rudolf Steiner «sah sehr schlecht aus und schien ganz erschöpft.»
Zum Inhalt des Gesprächs berichtet er: «Wir sprachen lange von meinem Vater, dann über die Angelegenheiten der Michaelschule und des esoterischen Kreises. Auf meine Frage, wie ich in Wien und in Prag die Klasse halten solle, antwortete er mir liebevoll und betont: 'Machen Sie es, wie Sie wollen.'» Gemäss Text II soll Rudolf Steiner dann aber noch längere Zeit über die Einrichtung der drei Klassen der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft und ihre Mitgliederzahl, die vorgesehenen Leiter dieser Klassen und die Aufgaben einzelner Vorstandsmitglieder gesprochen haben.
Zu Text III
Rudolf Steiner «lag im Bette und sprach etwas schwer», bemerkt Polzer-Hoditz zu dem Gespräch am 3. März 1925. Und weiter: «Er liess mich rufen, um mit mir über die Aufenthaltsbewilligung meiner Söhne zu sprechen.»
An anderer Stelle: «Er liess mich rufen, lag zu Bette und sprach schwer. Er wollte mit mir eine Angelegenheit meiner Söhne besprechen. Auch Fragen der Arbeit besprach er immer mit mir direkt.»
Trotzdem müsste es sich um ein sehr ausführliches Gespräch gehandelt haben, soll doch ausserdem die Rede gewesen sein von Schwierigkeiten innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft, von Agrippina, Seneca, dem Kronprinzen Rudolf und der Kaiserin Elisabeth, ausserdem von der Aufgabe Hadrians, von den Bestrebungen der Jesuiten, von Fra Bartolommeo di San Marco und seinen früheren Inkarnationen, von römischen und westlichen Logen, von Kaspar Hauser, von Demetrius, von der neuen Michaelschule auf Erden, u.v.m.
Zu Text IV
Das Datum dieses Gesprächs erscheint seltsam («Ende November 1916»). Polzer traf zwischen September 1916 und Mai 1917 nicht mit Steiner zusammen.
Interessant ist auch folgendes: Dieser Text trägt ausser der Datierung keine Überschrift und enthält inhaltlich keinen Hinweis, dass es sich um Aufzeichnungen handelt, die auf ein Gespräch mit Rudolf Steiner zurückgehen! Meyer begründet nicht, weshalb er den Text Polzer-Hoditz zuschreibt, er sagt lediglich, er stamme «aus dem Nachlass von Paul Michaelis»!
D.h.: selbst wenn dieser Text von Polzer-Hoditz stammt - wofür Meyer die Begründung schuldig bleibt - fehlt jeglicher Hinweis, der es erlauben würde, die gemachten Aussagen Rudolf Steiner zuzuschreiben. (Interessant wäre hier auch eine Analyse einiger in diesem Text verwendeten Ausdrücke, wie z.B. «Spitzenorganisationen» oder «das Prinzip des Schwarz-Weiss», die für jene Zeit, rsp. die Ausdrucksweise Steiners als sehr untypisch erscheinen.) Auch in diesem Text ist von westlichen Logen, den Jesuiten und Kaspar Hauser die Rede, ausserdem von Napoleon, dem süddeutschen Raum, Bismarck u.a.
Neben diesen formalen Einwänden können auch einige inhaltliche Argumente geltend gemacht werden, die den Fälschungscharakter der fraglichen Texte eindeutig beweisen. Dabei handelt es sich um Beispiele, die ergänzt werden könnten.
Hadrian
Nachdem - laut den fraglichen «Aufzeichnungen» - im Gespräch vom 1. Januar 1923 bereits von Hadrian die Rede war, kommt Rudolf Steiner am 3. März 1925 wieder auf diese Persönlichkeit zu sprechen, ohne dass man so recht wüsste, weshalb. So heisst es denn: «Als ich Herrn Doktor fragte, warum er immer wieder auf diese Zusammenhänge mich verweise, antwortete er: 'Weil es Sie so unmittelbar angeht. Aber Sie haben ja nichts wissen wollen.'» Deutliche Worte - und Polzer-Hoditz war gewiss nicht ein Mann, der ohne weiteres vergass, was Rudolf Steiner ihm sagte. Damit vergleiche man nun aber eine Aussage von Polzer-Hoditz selbst: Er hatte im April 1928 ein Traumerlebnis im Aufwachen, worüber er berichtet: «... im Vergehen des Bildes hörte ich eine Donnerstimme rufen 'Hadrian'. Ich hatte niemals vorher an Hadrian gedacht, daher war mir diese Stimme mit diesem Ruf so merkwürdig.»
Will man nicht entgegen aller Wahrscheinlichkeit annehmen, Polzer-Hoditz habe 1928 tatsächlich vergessen, was ihm Rudolf Steiner 1923 und 1925 so nachdrücklich nahegelegt haben soll, bleibt nur eine Folgerung: dass ihn Rudolf Steiner vorher niemals auf Hadrian aufmerksam gemacht hat, das heisst, die entsprechenden Aufzeichnungen nicht authentisch sind. Meyer, der diese Folgerung leicht selbst hätte ziehen können, hilft sich aus der Verlegenheit, indem er schreibt, nun erst habe sich Polzer-Hoditz veranlasst gesehen, «der Sache nachzugehen».
Zum einen werden Rudolf Steiner dadurch Äusserungen unterschoben, die er nicht gemacht hat, zum andern Polzer eine Handlungsweise, die angesichts seines engen Verhältnisses zu Rudolf Steiner undenkbar ist, vor allem, wenn man mit Meyer davon ausgeht, Rudolf Steiner habe mit dem Hinweis auf Hadrian Polzer-Hoditz auf eine frühere Inkarnation aufmerksam machen wollen.
Albert Steffen
In Text III findet sich folgende Passage: «Und ganz gewiss kann gerade die Nase ein ganz besonderes Merkmal für den Geistesforscher abgeben. Und eben bei Malern und Dichtern ... finden wir gerade beispielhafte Nasen. ... doch darum muss nun nicht jeder Dichter gleich ein wiedergeborener Giotto sein. Fra Bartolomeo di San Marco war ja auch ein bedeutender Dichter-Maler, der die Schule des Giotto fortführte ...» Ohne Zweifel handelt es sich hier um eine Anspielung auf Albert Steffen.
Nun muss zunächst festgehalten werden, dass Fra Bartolommeo (1472-1517) mitnichten die Schule des Giotto (~1266-1337) weiterführte. Fra Bartolommeo stand unter dem Einfluss von Leonardo, Raffael und Michelangelo, von einer Fortführung der anderthalb Jahrhunderte zurückliegenden Giotto-Schule kann keine Rede sein. Auch als Dichter-Maler kann man ihn nicht bezeichnen.
Aber dem Fälscher wurden nicht nur seine mangelhaften kunstgeschichtlichen Kenntnisse zum Verhängnis, er hatte auch sonst Pech: Rudolf Steiners Hinweis auf eine frühere Inkarnation Albert Steffens findet sich in einem Brief an Marie Steiner vom 27. Februar 1925, datiert also nur vier Tage vor den fraglichen Äusserungen über Fra Bartolommeo, und bestätigt gerade dies, was in obiger Passage bestritten wird.
Bei den unmittelbar darauf folgenden Aussagen über weiter zurückliegende Inkarnationen handelt es sich um eine Verleumdung übelster Art: Fra Bartolomeo (und damit Albert Steffen) soll jener Bischof in Alexandrien gewesen sein, welcher die Philosophin Hypatia töten liess. Zudem soll er aus «mexikanischen Mysterienzusammenhängen» stammen und eine grosse Rolle im Geschehen gespielt haben, welches sich «wie ein Gegenbild zu den Mysterien von Golgatha» verhielt. Eine Art karmischer Rufmord, die Absicht ist nur zu deutlich.
Bei dieser Ungeheuerlichkeit, von der schon Lindenberg geschrieben hatte, es sei «eine Katastrophe der Urteilskraft, diesen Schmutz nicht als Schmutz zu erkennen», war offenbar auch Thomas Meyer nicht wohl. Er behalf sich deshalb mit dem Hinweis, Steiner habe dort «gewisse schwer zu deutende Bemerkungen über die Individualitäten der Maler Fra Bartolomeo und Giotto» gemacht.
Für den 3. März 1925 wären sie tatsächlich schwer zu deuten gewesen, da Rudolf Steiners nur wenige Tage zurückliegender Hinweis in einem Brief an Marie Steiner anderen Personen damals kaum bekannt gewesen sein dürfte! Jahrzehnte später aber, als dieser Hinweis wenigstens gerüchteweise bekannt geworden, aber nicht gesichert war - der Brief ist bis heute nur mit entsprechenden Auslassungen veröffentlicht worden-, fiel die Verdächtigung für alle halbwegs «Eingeweihten» leider auf fruchtbaren Boden und tat ihre verderbliche Wirkung.
Anthroposophische Gesellscbaft
Text II enthält Äusserungen über die Aufgabenverteilung im Vorstand der zu Weihnachten 1923 in Dornach neu begründeten Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft. Diese Angaben stehen zu den tatsächlichen Ereignissen und gesicherten Aussagen Rudolf Steiners in einem schroffen Gegensatz. So wird z.B. gesagt, die Aufgaben von Elisabeth Vreede, Günther Wachsmuth und Albert Steffen würden «im rein Verwaltungsmässigen liegen.» Ausserdem wird für die übrigen drei Vorstandsmitglieder eine Rangfolge festgelegt, indem gesagt wird, Ita Wegman würde die erste, Marie Steiner die zweite und Rudolf Steiner selbst die dritte Klasse leiten. Offensichtlich werden mit derartigen Aussagen, die bei Steiner sonst nirgends nachgewiesen werden können, gewisse Interessen verfolgt. Die Nachschriften der Weihnachtstagung, die Besprechungen in Gesellschaftsangelegenheiten aus dem Jahre 1923, die Einsetzung sämtlicher Vorstandsmitglieder als Leiter von (wissenschaftlich oder künstlerisch tätigen) Sektionen und überhaupt der vollständig unbürokratische Duktus von Rudolf Steiners Arbeitsweise sprechen allerdings eine ganz andere Sprache. Und nun soll uns weisgemacht werden, dass sich die Hälfte des Vorstands Verwaltungsaufgaben widmen soll!
Dazu könnte vieles gesagt werden. Erwähnt sei hier beispielhaft eine vielleicht wenig bekannte Stelle aus einer Besprechung vom 22. Juli 1923 in Dornach. Steiner klagt hier über das Nicht-Wahrnehmen von Steffens Leistung als Redakteur der Wochenschrift «Das Goetheanum»: «Und es ergibt sich keine Möglichkeit, zu irgend etwas Esoterischem vorzuschreiten, wenn der Anfang nicht gemacht wird damit, dass ein regeres Interesse innerhalb der Mitgliedschaft entsteht für dasjenige, was nun wirklich gemacht wird... Aber wirklich, diese Tatsache zum Beispiel, die sehr viel bedeutet für die ganze anthroposophische Bewegung, dass die anthroposophische Bewegung den besten deutschen Stilisten in Herrn Steffen in sich schliesst, dies sollte also ein Anlass dafür sein, dass die Zeitschrift 'Das Goetheanum', deren Redakteur zu sein Herr Steffen der Anthroposophischen Gesellschaft geschenkt hat, dass dieses 'Goetheanum' in einer ganz anderen Weise aufgenommen würde, als es in Wirklichkeit geschieht.» Und diese Persönlichkeit soll für Verwaltungsaufgaben in den Vorstand berufen worden sein!
Auch die Aussagen über die Anzahl der vorgesehenen Mitglieder in der zweiten und dritten Klasse sowie den «rein kultischen Charakter» der dritten Klasse, «wo an den drei Altären gleichzeitig zelebriert werden wird», finden bei Steiner sonst nirgends eine Stütze. Dazu kommt die tendenziöse Art der Schilderung. So wird etwa, unmittelbar vor der Erwähnung Vreedes, Wachsmuths und Steffens von «dunklen Wolken» berichtet, welche das Antlitz Steiners «überschattet» hätten.
Kaspar Hauser

In seinem Aufsatz «In memoriam Frau Dr. Ita Wegman 1943» erwähnt Polzer-Hoditz drei «Aufgaben, die uns Rudolf Steiner vor seinem Weggang stellte.»
Er schreibt: «Dass der 'Demetrius' von Schiller unvollendet blieb, bedrückte mich und liess meine Sehnsucht nicht schweigen, dass er aus anthroposophischen Kenntnissen neugeschrieben werden sollte. Die letzte Ansprache, die Rudolf Steiner hielt, in welcher er das grosse esoterische Problem der beiden Johannes' anregte, war auch eine Aufgabe, die er uns zurückliess. ... Die dritte Aufgabe schien mir das Verhältnis des Jesus-Ich zu Christian Rosenkreutz zu sein.»
In Text III ist ebenfalls von drei Aufgaben die Rede. Interessant ist, dass in dieser Fassung alle drei Aufgaben als am 3. März 1925 direkt von Rudolf Steiner gestellt erscheinen und an die dritte Stelle Kaspar Hauser rückt: «... und mit grossem Ernst betonte Herr Doktor, dass drei Aufgaben zu lösen seien, deren Ergebnis für die Zukunft von ganz besonderer Wichtigkeit seien, 1. die Frage nach den beiden Johannessen. 2. Wer war Demetrius? 3. Woher kam Kaspar Hauser?» Hätte Rudolf Steiner diese Aussage tatsächlich gemacht, wäre sie von Polzer-Hoditz 1943 auch in dieser Form zitiert worden.
Rudolf Steiner erwähnte Kaspar Hauser in zwei Vorträgen. Im Vortrag vom 17. Juni 1908 in Nürnberg dient Kaspar Hauser als Beispiel für Steiners menschenkundliche Aussage, dass die Erinnerungsfähigkeit mit dem Erwachen des Intellekts zurückgeht. Ausserdem erwähnt er das Wahrheitsempfinden Hausers und seine besänftigende Wirkung auf wütende, wilde Tiere.
Im Vortrag vom 23. März 1923 in Dornach spricht Rudolf Steiner nicht eigentlich von Hauser, sondern zitiert beiläufig eine Stelle aus Jakob Wassermanns Hauser-Roman.
Dazu kommen einige mehr oder weniger zuverlässig überlieferte Bemerkungen in verschiedenen Gesprächen. Entscheidend ist, dass in all diesen Aussagen keinerlei Hinweise auf eine adlige Abstammung, auf eine politische Mission oder auf eine Verbundenheit Hausers mit der rosenkreuzerischen Strömung gemacht werden! Dies geschieht ausschliesslich in den Texten III und IV.
Der nunmehr, durch gentechnologische Methoden möglich gewordene Nachweis, dass Kaspar Hauser nicht der badische Erbprinz war, beweist an sich natürlich nicht, dass die hier zur Diskussion stehenden Texte gefälscht sind. Rudolf Steiner könnte sich in dieser Sache geirrt haben. Es ist aber doch auffällig, dass die fraglichen «Aufschreibungen» die einzige diesbezügliche Quelle darstellen und Steiner in den überlieferten Aussagen zum «Kriminalfall» Kaspar Hauser gerade nicht Stellung nimmt. Auf diesem Hintergrund muss man auch Rudolf Steiner davor in Schutz nehmen, er habe gesagt, Kaspar Hauser sei der badische Erbprinz gewesen.
Herkunft und Verbreitung der Texte
Bei der Suche nach dem Autor der fraglichen Texte stösst man zunächst auf Paul Michaelis. Am Ende von Text III heisst es in der uns vorliegenden Fotokopie denn auch in Klammern und in teilweise anderer Schreibmaschinenschrift: «Nach einer privaten Wiedergabe von Paul Michaelis, dem Graf Polzer seinen Nachlass übergab. - Auszug aus einer 15 Seiten umfassenden Darstellung von Michaelis, die auch des Grafen Polzers Rede bei der Generalversammlung der Allg. Anthr. Gesellsch. vom 14. April 1935 enthielt.» Nimmt man dies wörtlich, wird hier also nicht einmal gesagt, dass der Text von Polzer stammt oder auch nur auf ihn zurückgeht. Michaelis' Wirken bedürfte einer eigenen Untersuchung.
Fest steht, dass Michaelis auch in anderen Fällen Texte zumindest verfälscht hat. Hingewiesen sei hier auf den schon erwähnten Nachruf Polzers auf Ita Wegman aus dem Jahre 1943, dessen Originalfassung neuerdings wieder zum Vorschein gekommen ist. J.E. Zeylmans konnte nachweisen, dass dieser von Michaelis 1950 in völlig veränderter Form verbreitete Text «mit unlauteren Absichten in Umlauf gebracht worden» ist.
Es ist dies um so interessanter, als es sich bei diesem Text um Teile des gleichen, 15 Seiten umfassenden Konvoluts handelt, das unter anderem offenbar auch die uns beschäftigenden Texte I bis III enthielt, nach denen die uns vorliegende Abschrift erstellt wurde.
Sehen wir einmal davon ab, wer diese «Aufschreibungen» verfasst haben mag - der Verfasser traf offenbar ins Schwarze. Denn die Resonanz - besonders in den 1980er und 1990er Jahren - war sehr gross. Die folgende Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern umfasst lediglich einige Werke, die den Verfassern gerade zur Verfügung standen.
Karl Heyer nimmt in seinem Kaspar Hauser-Buch nirgends explizit Bezug auf Aufzeichnungen Polzer-Hoditz', erwähnt aber (ohne jede Quellenangabe!) Gesprächsaussagen Steiners, die sich inhaltlich mit Aussagen in den fraglichen Texten decken. So macht er z.B. den Hinweis, dass Rudolf Steiner die Individualität Kaspar Hausers «in rosenkreuzerischen Zusammenhängen» gesehen und sie durch diese «wichtige Aufgaben für das 19. Jahrhundert» erhalten hätte. An anderer Stelle: aus Gesprächen Rudolf Steiners «ergibt sich eindeutig: Kaspar Hauser war der badische Erbprinz».
Jürgen von Grone verdanken wir einen biographischen Hinweis darauf, weshalb sich Karl Heyer mit Kaspar Hauser so intensiv beschäftigt hat. Im Herbst 1912 gab Rudolf Steiner Heyer das Dissertationsthema «Die Wandlungen des Fürstenbegriffs». Grone schreibt dann: «Dieses für ihn grundlegende Gespräch fand am 29. September 1912, also an einem Michaels-Tage statt. Damals hatte bekanntlich Rudolf Steiner noch nicht die grossen Enthüllungen über den führenden Geist unserer Zeit gegeben. - Erst Jahrzehnte später wurde sich Karl Heyer der für ihn beachtlichen Tatsache bewusst, dass am 29. September 1812 jener badische Erbprinz in Karlsruhe geboren wurde, 'den man mit gutem Grunde mit dem rätselhaften und so tief bedeutsamen Kaspar Hauser identifiziert hat.' Auf den Tag genau, 100 Jahre nach seiner Geburt also, hat ihm Dr. Steiner seine grosse Arbeit gegeben. Ohne übrigens je mit ihm über Kaspar Hauser gesprochen zu haben». (Kunststück!)
Auf Tradowskys Publikation einzelner Passagen im Jahre 1980 haben zahlreiche Autoren Bezug genommen. So etwa Tradowsky selbst in «Demetrius im Entwicklungsgang des Christentums.»
Im weiteren Prokofieff in seinen Büchern «Die geistigen Quellen Osteuropas und die künftigen Mysterien des Heiligen Gral» und «Das Rätsel des Demetrius», Johannes Mayer in «Philip H. Lord Stanhope - Der Gegenspieler Kaspar Hausers» oder Erdmuth Grosse in «Das Wirken der okkulten Logen und die Aufgabe der Mitte zwischen Ost und West».
Bereits wird auch die Publikation bei Meyer als Quelle verwendet, so etwa von Prokofieff/Lazaridès in ihrem Buch über Tomberg.
Auch Kurt Berthold (in der Lebensskizze Polzer-Hoditz' in «Ludwig Polzer-Hoditz - Erinnerungen an Rudolf Steiner») und natürlich Thomas Meyer (im Rahmen seiner politischen Betrachtungen in seiner Polzer-Hoditz-Biographie) stützen sich auf die «Aufschreibungen» ab. Und schliesslich haben sie auch in die Rudolf Steiner-Gesamtausgabe Eingang gefunden.
Ist es diese Vielzahl gewichtiger Veröffentlichungen, in welchen die «Aufschreibungen» mehr oder weniger stillschweigend als echt angesehen werden, dass trotz des seinerzeitigen Einwandes und der Mahnung von Lindenberg diese (und andere) Fälschungen bisher nicht wirklich als solche wahrgenommen worden sind? Oder ist es einfach der verführerische Reiz geheimnisvoller «esoterischer Offenbarungen», der dazu beiträgt, die Tatsache der Fälschung lieber zu verdrängen, als sie ernst zu nehmen und die Konsequenzen daraus zu ziehen? Heute, wo durch die eingangs erwähnten Untersuchungen zu Kasar Hauser Gefahr besteht, dass Rudolf Steiner zu Unrecht mit Aussagen in Zusammenhang gebracht wird, die er bestimmt nicht gemacht hat, ist es nun aber an der Zeit, von den entsprechenden Vorstellungen Abschied zu nehmen und zu erkennen, dass leider auch innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft Erfindungen und Fälschungen Verbreitung gefunden haben. Dies gilt im übrigen auch abgesehen davon, ob man nun die gentechnischen Untersuchungen zu Kaspar Hauser als überzeugend anerkennt oder wieder in Frage stellt, wie dies ja auch prompt geschehen ist. Denn mag man dem Gedanken, Kaspar Hauser sei der badische Erbprinz gewesen, auch weiterhin anhangen, darf man sich dabei auf jeden Fall nicht mehr auf Rudolf Steiner beziehen. Dies gilt aber, wie im Vorstehenden dargelegt, auch für manch andere Punkte, wie die entsprechenden Verleumdungen Albert Steffens oder den Aufbau und die Leitung der drei Klassen und der Hochschule. All dies hat innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft schon soviel Unglück angerichtet, dass es hohe Zeit ist, sich auf die wirklichen Sachverhalte zu besinnen.
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Literatur
(Berthold, 1985) Kurt Berthold, Ludwig Polzer-Hoditz - eine chronikartige Lebensskizze, in (Polzer-Hoditz, 1985, S. 247-261).
(Grone, 1965) Jürgen von Grone, Totengedenken für Karl Heyer, in: Mitteilungen aus der anthroposophischen Arbeit in Deutschland, Nr. 71, I/1965, S. 65-68.
(Grosse, 1987) Erdmuth Grosse, Das Wirken der okkulten Logen und die Aufgabe der Mitte zwischen Ost und West, Basel 1987.
(Heyer, 1983) Karl Heyer, Kaspar Hauser und das Schicksal Mitteleuropas im 19. Jahrhundert, Kressbronn 1958, Stuttgart 31983.
(Lindenberg, 1990) Christoph Lindenberg, Fehler, Erfindungen und Fälschungen - Zur Memoiren-Literatur über Rudolf Steiner, in: Mitteilungen aus der anthroposophischen Arbeit in Deutschland, Nr. 174, IV/1990, S. 261-267.
(Matile, 1988) Heinz Matile, «Wie die Schüler - Lehrer werden» - Zum «Adonis-Spiel» von Albert Steffen, in: Hinweise und Studien zum Lebenswerk von Albert Steffen, Heft 5/6, Herbst 1988, Dornach, S. 3-56.
(Mayer, 1988) Johannes Mayer, Philip H. Lord Stanhope - Der Gegenspieler Kaspar Hausers, Stuttgart 1988.
(Mayer/Tradowsky, 1984) Johannes Mayer/Peter Tradowsky, Kaspar Hauser - Das Kind von Europa, Stuttgart 1984.
(Meyer, 1994) Thomas Meyer, Ludwig Polzer-Hoditz - Ein Europäer, Basel 1994.
(Polzer-Hoditz, 1985) Ludwig Polzer-Hoditz - Erinnerungen an Rudolf Steiner, Dornach 1985.
(Polzer-Hoditz, 1992) Ludwig Polzer-Hoditz, In memoriam Frau Dr. Ita Wegman 1943, in: (Zeylmans van Emmichoven, 1992, S. 406-412).
(Prokofieff, 1989) Sergej O. Prokofieff, Die geistigen Quellen Osteuropas und die künftigen Mysterien des Heiligen Gral, Dornach 1989.
(Prokofieff, 1992) Sergej O. Prokofieff, Das Rätsel des Demetrius, Dornach 1992.
(Prokofieff/Lazaridès) Sergej O. Prokofieff/Christian Lazaridès, Der Fall Tomberg. Anthroposophie oder Jesuitismus, o.O. 21996.
(Steffen, 1975) Albert Steffen, Begegnungen mit Rudolf Steiner, Dornach 1975.
(Steiner, 1985) Rudolf Steiner, Die Apokalypse des Johannes, Dornach 71985.
(Steiner, 1987) Rudolf Steiner, Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskultischen Abteilung der Esoterischen Schule 1904 - 1914, Dornach 1987.
(Steiner, 1989) Rudolf Steiner, Die Impulsierung des weltgeschichtlichen Geschehens durch geistige Mächte, Dornach 41989.
(Steiner, 1991) Rudolf Steiner, Das Schicksalsjahr 1923 in der Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft, Dornach 1991.
(Steiner/Steiner-von Sivers, 1967) Rudolf Steiner/Marie Steiner-von Sivers, Briefwechsel und Dokumente 1901-1925, Dornach 1967.
(Tradowsky, 1980) Peter Tradowsky, Kaspar Hauser, Dornach 1980, 31983
(Tradowsky, 1989) Peter Tradowsky, Demetrius im Entwicklungsgang des Christentums, Dornach 1989.
(Trapp, Wiesberger, Kugler, 1990) U.Trapp, H.Wiesberger, W.Kugler, Das Problem der Authentizität von im Umlauf befindlichen und Rudolf Steiner zugeschriebenen Texten, in: Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe, Nr.105, Michaeli 1990, S.1-38.
(Wiesberger, 1987) Hella Wiesberger, Chronik 1924/1925, in: Rudolf Steiner, Die Konstitution der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft, Dornach 1987, S. 587-699.
(Wiesberger, 1991) Hella Wiesberger, Zusammenschau der Geschichte der Gesellschaftsproblematik des Jahres 1923, in: (Steiner, 1991, S. 843-870).
(Zeylmans van Emmichoven, 1992) J. E. Zeylmans van Emmichoven, Wer war Ita Wegman, Bd. 3, Heidelberg 1992.