Michael Eggert

Seit einiger Zeit häufen sich Berichte über Erfolge alternativer und ökologischer Produkte und Unternehmen. So greift Lidl nach der Ökoladen- Kette Basic, Arcandor hat sich den alternativen Bekleidungsversender Hess- Natur einverleibt, Dr. Hauschka- Pflegeprodukte werden in Frauenzeitschriften von Hollywoodstars zum wiederholten Male gepriesen, und selbst die deutschen Rudolf-Steiner- Schulen können sich vor Neuanmeldungen kaum retten. Entgegen all diesen Erfolgsmeldungen ist es um anthroposophische Medizin und Pharmazie bemerkenswert ruhig.
Um die Gründe für das Verharren dieser Branchen in ihren Nischen zu beleuchten, bietet sich ein Blick in die Jahresberichte der „Medizinischen Sektion“ am Goetheanum an, dem Ausbildungs- und Organisationszentrum der Anthroposophischen Gesellschaft. Die „Medizinische Sektion“ versteht sich als eine Abteilung der dort beheimateten „Freien Hochschule für Geisteswissenschaft.“
In ungewöhnlicher Offenheit wurde im Jahresbericht 2005 1 die Krise des anthroposophischen Arzneimittelsortiments angesprochen. Auch viele anthroposophische Ärzte bevorzugen - schon wegen der Vielfalt - homöopathische Arzneimittel. Aber auch „die Auflösung der Nationalstaaten in Europa, die erdrückende Macht der europäischen und amerikanischen Gesetzgebung, die von der allopathischen pharmazeutischen Großindustrie geprägt ist“ werden in dem Bericht als Ursachen dafür herangezogen, dass die Hersteller anthroposophischer Medikamente unter drückenden Lasten zu leiden haben, da dauernd Investitionen in Forschung getätigt werden müssten. Standardisierte Verfahren zum Nachweis der Wirksamkeit einzelner - vor allem neu entwickelter – Medikamente sind nicht nur zeitaufwendig, sondern vor allem auch so teuer, dass diese Last für Hersteller, die eine Nischenrolle am Markt einnehmen, kaum zu bewältigen ist. Für Produzenten alternativer Medikamente gilt dies in besonderem Maß. Außerdem müssen sich die Hersteller (z.B. WALA und WELEDA) schon aus Gründen des Selbstschutzes international organisieren. Da schlägt die Stunde der Geschäftsführer und Juristen; Ärzte dagegen sind in diesen Gremien rar.
Fakt ist heute, dass „90 bis 95 Prozent der anthroposophischen Fertigarzneimittel (..) krank“ 2 sind - sie fahren für die produzierenden Unternehmen ausnahmslos Verluste ein. Dazu gehören vor allem „Metallpräparate, Organpräparate, Mineralien und viele kostbare Schöpfungen der anthroposophischen Pharmazie“. Der Exotenstatus für diese Präparate liegt aber nicht nur an komplizierten internationalen Zulassungsbestimmungen, sondern auch schlicht an der mangelnden Nachfrage. Selbst anthroposophischen Ärzten sind die meisten dieser Medikamente schlicht „unbekannt geblieben“. Dafür gibt es viele Ursachen: Zum einen ist die Anzahl anthroposophischer Ärzte klein. Ihre Praxen finden sich vor allem im Umfeld größerer anthroposophischen Institutionen und gewachsener Rudolf-Steiner-Schulen. Außerdem sind die Fortbildungsmöglichkeiten zur spezifisch anthroposophischen Heilmittelkunde bis heute nur eingeschränkt vorhanden. Der Status der anthroposophischen Medizin als substituierende mag auch dazu führen, dass gängige anthroposophische Heilmittel bei Bagatellerkrankungen verschrieben werden, dass aber bei spezifischen gesundheitlichen Problemen mit guten Gründen zuerst alle schulmedizinischen (und auch homöopathischen) Mittel ausgeschöpft werden. Die Verzahnung von pharmazeutischer Forschung und ärztlicher Praxis erscheint daher als reformbedürftig.
Es sieht zudem so aus, als stünde die wirkliche Krise erst noch vor der Tür: Denn zu befürchten ist, dass es immer mehr anthroposophische Medikamente einfach nicht mehr geben wird, da die Pharmazeuten aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen sein könnten, diese aus dem Sortiment zu nehmen. Damit kommt das Zweckbündnis zwischen anthroposophische Ärzte und Medikamentenherstellern ins Wanken. Denn beide sind aufeinander angewiesen: die MedizinerInnen auf die Bereitstellung ihres pharmazeutischen Handwerkzeugs und Produzenten auf die Verschreibung dieser Medikamente durch die Ärzte, da sich Werbung im Selbstverständnis der anthroposophischen Pharmazeuten verbietet.
Ärzte verschreiben aber weniger und nutzen die ganze Palette der Möglichkeiten aus genannten Gründen nicht. Daher sind die anthroposophischen Pharmazeuten inzwischen gezwungen, ihre Medikamente durch den Verkauf von Pflegemitteln und Kosmetika zu subventionieren. Der Markt spielt nicht in der Apotheke, sondern in den Drogerieketten. Hier liegt der „entscheidende wirtschaftliche Wachstumsfaktor“ und damit auch „eine marktwirtschaftlich begründete Priorität in der Unternehmensorganisation“.
Die WELEDA möchte daher künftig selten nachgefragte Medikamente (also die „Breite“ des Sortiments) in einer speziellen Apotheke auf Nachfrage individuell hergestellen lassen. Als „Fertigmedikamente“ wird es sie dann nicht mehr geben, sondern quasi als „On-demand-Präparate“. Bisher liegen diese Medikamente im Lager der Pharmazeuten und werden bei geringer Nachfrage nach Ablauf der Haltbarkeit ungebraucht vernichtet. Genau das ist der Status quo einer Vielzahl anthroposophischer Medikamente. Die geplante Apotheke befindet sich zurzeit im Bau und wird nach Fertigstellung von einer selbstständigen Apothekerin betrieben werden. Dieses Konstrukt ist wegen des bestehenden „Fremdbesitzverbots“ notwendig.
Trotz der Last, mit Hilfe von Pflegeprodukten eine Fülle von Medikamenten subventionieren zu müssen, die zu 95 Prozent nicht rentabel sind, legen zumindest die nationalen WELEDA- Firmen durchaus erfolgreiche Bilanzen vor. Diese werden dann auch in den anthroposophischen Medien gern weitergegeben 3. In der Schweiz beispielsweise geht ein Gutteil der Gewinne auf ein schlichtes Birken-Cellulite-Öl zurück- ein Wellness- Produkt also, mit dem man prima in BRIGITTE und FREUNDIN werben kann. In Deutschland konzentriert man sich gegen alle Trends jetzt doch wieder stärker „auf den Verkauf von Arzneimitteln“ 4. In Großbritannien setzt man zum Beispiel auf spezielle Medikamente gegen Multiple Sklerose. Aber auch international möchte man nun den Umsatz mit Medikamenten „dramatisch“ steigern - so WELEDA- Geschäftsführers Mathieu van den Hoogenband vor Journalisten in Stuttgart.
Dieser aktuelle Strategiewechsel beruht aber wohl auf einer neuen Krise, die überraschenderweise darin besteht, dass „Weleda mit den Körperpflegemitteln - die bisher rund zwei Drittel des Umsatzes ausmachten - weniger verdient.“ Offensichtlich schlug trotz aller Erfolge einer Drogeriekette wie dm die Wirtschaftskrise der vergangenen Jahre und die damit verbundene zeitweilige Kauf-Zurückhaltung der Konsumenten auf den Verkauf der vergleichsweise teuren Pflegemittellinien durch; möglicherweise werden die Gewinne auch durch die Einführung preiswerter Produktlinien bei dm geschmälert.
Trotz eines Anstieges des Umsatzes auf 102 Millionen Euro sackte das operative Ergebnis um 48 Prozent ab, nach Steuern verblieben als Gewinn nur 1,6 Millionen Euro. Das ist ein Rückgang um 59 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Auch wenn die Umsätze 2006 nach Aussagen des Geschäftsführers wieder anstiegen, bleiben die aktuellen Versuche, den Rückgang des Gewinns bei Pflegemitteln ausgerechnet durch die defizitären Arzneimittel zu kompensieren, doch ziemlich rätselhaft, auch wenn die Konzentration auf umsatzstarke Teile des Sortiments nach Auskunft von WELEDA kurzfristig wirtschaftlich erfolgreich verläuft. Verwunderlich ist die Strategie vor allem deshalb, weil die Hürden in den Zulassungsbestimmungen der EU hoch sind und die Rohstoffe für viele Medikamente (Pflanzen, Metalle, Gesteine) auf dem Weltmarkt immer teurer werden. Man kommt jetzt in die gefährliche Lage vieler mittelständischer, aber international agierender Unternehmen, ganz auf den Erfolg weniger, wenn nicht sogar eines einzigen Medikaments setzen zu müssen. Im Falle der WELEDA handelt es sich um Mittel bei Krebs- und MS-Erkrankungen. Das unternehmerische Risiko steigt dadurch stark an, zumal die finanzielle Situation des Unternehmens durch sehr geringe Gewinne bei hohen Investitionskosten in die Forschung gekennzeichnet ist. Bei dem geplanten MS-Präparat namens Cannador, das auf einem Cannabis- Wirkstoff beruht, zeigen sich die genannten Probleme nur zu deutlich. Auch ein Jahr nach der Ankündigung des neuen Präparates in der Presse gibt es in Bezug auf den Termin zur Markteinführung von WELEDA nur die kryptische Auskunft, dass „ z.Zt. keine neuen Informationen“ vorlägen.
Insgesamt erscheint die neuerliche Konzentration auf die Arzneimittel für den Außenstehenden als ein zwar riskantes, aber vielleicht auch notwendiges Marktmanöver. Dies liegt offensichtlich auch an der Situation des anthroposophischen Marktes selbst: Die Gruppe der eingeschworenen und ideologisierten Anthroposophie-Lifestyle-Konsumenten, die sich vom Zeitschriftenabonnement über die Socken bis hin zum passenden Medikament von einem abgeschotteten Markt bedienen, wächst offensichtlich nicht mehr; man muss als Produzent heute die ganz normalen Trends bedienen, Marketinginstrumente global bedienen und aus der Nische herauskommen, um zu überleben.
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1 http://www.medsektion-goetheanum.ch/?nav=1,283,287&show=report&id=83
2 Georg Soldner in: IKAM- Bericht der Medizinischen Sektion am Goetheanum 2005
3 http://www.anthromedia.net/Artikel.2947.0.html?&tx_ttnews[tt_news]=16&tx_ttnews[backPid]=693&cHash=e50f4d6522 (Artikel nicht mehr verfügbar)
4 FAZ, 15.7.2006, Nr. 162, Seite 15