Alterssprechstunde
Wie ein anthroposophischer Ratgeber sich als Bullshit outet


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Kaste

Lange ist es her, da gab es - vor der Zeit der Budgetierungen, Gesundheitsreformen und Krankenhausbestreikungen - eine besondere Kaste, das waren die Ärzte. Man sagte ihnen besondere Hände, eindeutige Diagnosen, glasklare Skalpell-Schnitte und gottgleiche Entscheidungen zu. Als eine ganz besondere Gruppe innerhalb dieser Kaste empfanden sich damals viele anthroposophische Ärzte. Nicht alle, natürlich. Aber Menschen, die nicht nur gottähnlich entscheiden müssen, sondern sich auch noch im Besitz von Wahrheiten wissen, die über Leben und Tod hinaus weisen, nehmen relativ häufig eine Position ein, die mit Autorität und Arroganz nur sehr dürftig umschrieben sein dürften. Viele solcher anthroposophischen Ärzte der Vergangenheit haben nicht nur Heime, Praxen und Krankenhäuser bevölkert, sondern auch Bücher geschrieben. Ein besonderes Exemplar ist Volker Fintelmanns „Alterssprechstunde“1, weil dieses als das anthroposophische Standardwerk zum Alter überhaupt auftritt.  


Der Krebs als schöner Helfer für das nachtodliche Leben

Betrachten wir Volker Fintelmanns „Alterssprechstunde“ einmal genauer. Das Buch will ja ein Ratgeber sein, und als solcher tritt es im letzten Drittel auch in Erscheinung. Nur sind die Tipps anscheinend für einen speziellen Personenkreis gedacht, von dem ich mir allerdings schwer vorstellen kann, wer sich denn freiwillig dazu zählen wollte. Denn Fintelmanns Tipps zielen vor allem auf Selbstbeschränkung und Verzicht, nicht nur was Genüsse jeder Art angeht, sondern eigentlich auch das Leben selbst. Fintelmann hat nämlich auch umfangreiche Bedenken, was das Einsetzen etwa einer künstlichen Hüfte betrifft, denn wenn der Todeszeitpunkt doch ohnehin feststünde, wenn sich „Seele und Geist wieder aus dem Leib herausschwingen und nun nicht mehr auf der Erde, sondern im Himmel leben“2 möchten, macht es in seinen Augen ebenso wie bei der Behandlung von Lungenentzündung und Schlaganfall wenig Sinn, medizinisch einzugreifen. Durch die „Möglichkeiten der modernen Medizin“ kommen viele alte Menschen in die Situation, „daß dann Menschen über einen solchen Zeitpunkt hinaus leben, an dem sie nach den Gesetzmäßigkeiten ihrer eigenen Biographie hätten sterben müssen“3. Im Gegensatz zu den Ärzten, dem Patienten, den Angehörigen, der zivilisierten Welt und der gesamten Erde kennt Herr Fintelmann offensichtlich diesen Zeitpunkt. Zumindest weiss er, wann jemand „über einen solchen Zeitpunkt hinaus“ lebt. Das finde ich etwas seltsam.

Dieser Tipp war nun so wenig brauchbar wie so mancher andere. Krebskranke dürfen sich jedenfalls in seinen Augen glücklich schätzen, weil ihr Krebs doch „Helfer für das nachtodliche Leben“ ist. Er ist- so lehre die „Psycho- Onkologie“ - nichts als ein didaktisches Mittel, um die Menschen zu zwingen, „sich mit ihrer Verstrickung in den Materialismus auseinanderzusetzen“
4. Allerdings gibt es eine andere Richtung der Fintelmann´schen Typisierungen, und das sind die Menschen, die „immer ein wenig an der Gesetzmäßigkeit des menschlichen Leibes vorbeigelebt“5 haben und dabei etwas jugendlich und „engelgleich“ wirken. "Psycho- Onkologie" beschreibt also seelische Konfigurationen und Typisierungen, die Krebskranke an sich kennzeichnen sollen und die angeblich die Ursache für ihre Krankheit sind. Falls diese nun gar nicht zutreffen, kann man sich als Sterbender immer noch sagen, dass man im Kampf gegen den Krebs Kräfte bilde, „die der Menschheit als Ganzes helfen, aus der materialistischen Anschauung wieder zu einer mehr geistdurchdrungenen zu gelangen“. Das wird für den einen oder anderen nützlich sein.

Tröstlich sind Worte wie „drohende(r) Seelentod“ sicherlich nicht, wenn sie sich ergehen in Fintelmannschen Beschreibungen von „Seelen, die im Leben keine Berührung mehr mit geistigen Inhalten oder im Konkreten mit der geistigen Welt“
6 haben. Fintelmanns Sicht der „geistigen Welt“ ist offensichtlich die eines grausam züchtigenden Erziehers, der sich peinigend derer annimmt, die nicht in seinem Sinne denken.


Bullshit und die unheimlichen Gefahren der Palliativmedizin

Harry G. Frankfurt nennt solche Haltungen, wie sie Fintelmann hier präsentiert, „Bullshit“7. Ein „Bullshitter“ steht „weder auf der Seite des Wahren noch auf der des Falschen. Anders auf der aufrichtige Mensch und als der Lügner achtet er auf die Tatsachen nur insoweit, als sie für seinen Wunsch, mit seinen Behauptungen durchzukommen, von Belang sein mögen. Es ist ihm gleichgültig, ob seine Behauptungen die Realität korrekt beschreiben“8. Tatsächlich ordnet Fintelmann seine Ansichten, Tipps und Behauptungen hauptsächlich einer Idee unter, die sich in dieser Grafik zeigt:

bullshit

Ab dem 42. Lebensjahr geht es der „Exkarnation“ entgegen, und von da ab hat man nur die Wahl, mit dem zerfallenden Körper geistig mit unterzugehen oder aber sich geistig zu befreien. Für letzteres eignen sich fantasievolle, künstlerische und spirituell denkende Menschen - im Idealfall Anthroposophen -, für ersteres eignen sich in Fintelmanns Buch Beschreibungen wie Starrsinn, Schwachsinn, Wahnsinn und Blödsinn. Oder eben andere Degenerationen.

Diejenigen, die noch nach dem 42. Lebensjahr geistig rege sein wollen, sollten auf ihre Ernährung achten, das Rauchen einstellen, in ihr Auto ein automatisches Getriebe einbauen, die „Intentionen dieses Lebensabschnittes immer weniger nach außen“
9 richten und somit selbstverständlich Reisen meiden. Natürlich wäre auch Eurythmie in seinen Augen nicht schlecht, und man sollte „die segensreichen Kräfte des Schmerzes“ schätzen lernen. Ja, dieser sei doch kein „negatives Symptom“, sondern „eine Köstlichkeit“10. Dieses wunderbare „Schulungselement“11 sollte man sich nicht entgehen lassen, weil man mittels moderner Palliativmedizin Krebskranke durch Behandlung ihrer Schmerzen  „eher tiefer in diese Krankheit12“ zurückstosse. Schmerzmedizin - also eine Medizin, die man seit Jahren und Jahrzehnten als eine essentiell humane versteht - ist also nicht deshalb verteufelt, weil man eine (im Angesicht des nahenden Todes ist das ohnehin blödsinnig) Suchtgefahr wittert, sondern schlechthin; weil Schmerzen eben gut für die geistige Entwicklung sein sollen. Weh dem, der todkrank einem solchen Arzt in die Finger gerät!

Dies zeigt wieder die von Fintelmann konstruierte Didaktik einer grausamen „geistigen Welt“, die den Menschen zu einer Befreiung ihres Geistes verhelfen will. Auch wenn es sich um eine „Geißel der Menschheit“
13 handelt, soll man den Schmerz doch in vollen Zügen geniessen und an das Bild der Kreuzigung von Jesus dabei denken.


Der edle Verzicht auf die Brille

Nun ja. Ich sagte ja, bei diesem Buch handelt es sich nicht - wie der Titel vorzugeben scheint - um einen Ratgeber für jedermann (denn wir alle werden nun mal alt), sondern um ein sehr spezielles Exemplar von Bullshit, das nur diejenigen mit Nutzen lesen werden, die Fintelmanns Jahrzehnte alte Sicht vom Alter teilen und auf sich selbst beziehen möchten. Er rät ja sogar - Goethe aus anderem Zusammenhang zitierend - vom Gebrauch einer simplen Brille ab. Ohne die Möglichkeit zu lesen - und das freiwillig- würde für den älteren Menschen „die Intensität des Studiums, des Lernens, die Ausbildung einer kräftigen Erinnerung, eines starken Gedächtnisses eine ganz neue, ungeahnte Intensität“14 bekommen. Oder aber - dies ist nun meine Meinung- der sich selbst Kasteiende würde gar nicht intensiver leben, denken und erinnern, sondern sich einer gefühligen Frühdebilität ausliefern. Das muss nun jeder selber wissen.


Meine Meinung ist die: Auch wenn „kritische Passagen“ dieses Buchs in diesem Artikel stark komprimiert worden sind und nicht dem Duktus des ganzen Buchs entsprechen, kann es aufgrund seiner extremen und einseitigen Positionen, die jeder seltsamen Welterweckungssekte gut zu Gesicht stünden, heute weniger denn je als Ratgeber empfohlen werden. Es ist kein gutes Aushängeschild für einen anthroposophischen Verlag. Es ist eben Bullshit.  

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1 Volker Fintelmann, „Alterssprechstunde“, Stuttgart 1991. Die neueste Auflage stammt aus dem Jahr 2005. Ich weiss nicht, inwieweit die von mir gefundenen Seltsamkeiten die Neuauflage überstanden haben oder inzwischen getilgt sind. Das Geld, auch noch mehrere Auflagen eines Buchs zu kaufen, steht mir leider nicht zur Verfügung. Falls jemandem aber erhebliche Differenzen in den neueren Auflagen auffallen sollten, bitte ich darum, mir diese mitzuteilen. Ich werde es einarbeiten.
2 Fintelmann, S. 215
3 Fintelmann, S. 215
4 Fintelmann, S. 233
5 Fintelmann, S. 233
6 Fintelmann, S. 237
7 Harry G. Frankfurt, „Bullshit“, Frankfurt am Main 2006
8 Frankfurt, S. 63
9 Fintelmann, S. 270
10 Fintelmann, S. 246 ff
11 Fintelmann, S. 247
12 Fintelmann, S. 247
13 Fintelmann, S. 247
14 Fintelmann, S. 157