Innere Transformation und anthroposophische Wortungetüme
Zum Angebot anthroposophischer Studienhäuser. Von Michael Eggert

Tibetische Pulsdiagnose
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Mir war das ein bisschen peinlich. Ich saß auf einem Stuhl in der Praxis, vor mir auf dem Boden hockte auf den Knien der Heilpraktiker und hielt mit beiden Händen meine Handgelenke. Seine Daumenkuppen berührten meine Schlagadern. Er hatte die Augen geschlossen und den Kopf gesenkt. In manchen Augenblicken kann die Zeit sehr lang werden. Nach zwei, drei Minuten hatte er mich gewissermaßen meditativ erfasst. Er nannte das eine tibetische Diagnosetechnik. Danach durfte ich mich auf einer Liege entspannen und er setzte seine Akupunkturnadeln. Es hat geholfen.
Wenn man sich eine Methode sucht, um den augenblicklichen Zustand der anthroposophischen Bewegung in Deutschland wenigstens in Ansätzen zu begreifen, so ist es weder möglich, von einem Patienten zu sprechen Ðdas wäre denn doch mehr als anmaßend-; noch auf direktem Wege den Pulsschlag zu erfassen. Es ist vielleicht aber doch möglich, sich dem Befinden der Bewegung ein wenig dadurch zu nähern, dass man Veranstaltungskalender als eine Art "Äußerungsform" dieser Bewegung anschaut- denn in einem solchen ganzjährlichen Überblick kann man die Bedürfnisse erkennen, denen anthroposophische Studienstätten zu entsprechen bemüht sind.
Schauen wir daher doch einmal auf die "Jahres- Vorschau 2003
[1] " mit 257 Kursen, die das Studienhaus Rüspe im Sauerland anbietet, das "am Südosthang des Rothaargebirges, 550 m hoch" gelegen ist und in "59 Zimmern .. 85 Gäste [2] " beherbergen kann. Verwöhnt werden die Kursteilnehmer nicht nur durch die waldreiche Umgebung, sondern auch durch "Verwendung von Nahrungsmitteln aus biologisch- dynamischem Anbau und mit eigenem Quellwasser".   


Innere Transformation in Kamelkarawanen

Mit dem Kursprogramm allein ist es allerdings nicht getan, denn die Rüspe bietet auch eine Fülle von Ferienkursen an, die in aller Welt stattfinden, in Indien, Marokko, Spanien, Griechenland, Armenien und Russland. Dabei stehen manchmal mehr die historischen, kulturellen und religiösen Besonderheiten des jeweils gewählten Ortes im Mittelpunkt des Kurses- oder aber der Feriengast selbst. Als Beispiel dafür möge der Biographie- Kurs "Stand- Ort- Besinnung [3] " "in einem schönen Privathaus, direkt an der Steilküste" bei Cala Figueras auf Mallorca dienen. Dort bietet sich die Möglichkeit, sich einmal zu fragen: "Worum soll es in meinem Leben wirklich gehen? Lebe ich sinnerfüllt, oder fühle ich, dass Veränderung und Erneuerung Not tun?" Möglicherweise führt eine solche Biographiearbeit dazu, "Anschluss an Ihre Potentiale zu finden sowie mutig und kraftvoll mit ersten Schritten den Weg in Ihre Zukunft ins Auge zu fassen". Wer seine Potentiale nicht finden sollte und weder mutig noch kraftvoll sein Leben umzukrempeln in der Lage ist, kann sich dort in den "hübschen Häusern" wenigstens am "herrlichen Panoramablick über die Bucht [4] " trösten.

Aber auch Fernreisende, die eine "Kamelkarawane im Süden Marokkos [5] " bevorzugen, kommen auf ihre Kosten. Hier reitet man nicht nur "in der Stille der Wüste Sahara" "zu Fuß und mit Reitkamelen", begegnet Berbern, die "schmackhafte Mahlzeiten" zubereiten, genießt den "prachtvollen Sternenhimmel", sondern erlebt selbstverständlich auch innere "Transformation". Ja, die "äußere Reise" weist gleichzeitig "nach innen": Der "Wüstenaufenthalt wird "zu einer Reise zu uns selbst".


Selbstsabotage in stehen gebliebenen Autos


Natürlich muss der, der so romantisch zu sich selbst unterwegs ist, nicht notwendig dafür einmal um den Erdball jetten. Es reicht, sich durchaus für einige Tage im Sauerland im Studienhaus einzuquartieren. Denn neben den anthroposophischen "Klassikern" wie Seminaren Johannes W. Schneiders über den "Weg, der mit dem Tod beginnt", einer "kosmologischen Menschenkunde" mit Michaela Glöckler, Frank Teichmanns Kurs über "Michaels Taten in den alten Mysterien", Georg Kühlewind, Heinz Zimmermann und vielen anderen auch praktischen Betätigungen in Malkursen und Eurythmieseminaren finden sich eine Fülle von  esoterischen Kursen, die man vor einigen Jahren noch als "randständig" im Verhältnis zur Anthroposophie eher abgelehnt hätte. So bietet die Reiki- Meisterin Marianne Rink Workshops in "Selbstsabotage
[6] " an, in denen man intensiv mit "Schwingungstherapien" konfrontiert wird, durch die "tiefliegende emotionale Blockaden [7] " gelöst werden können. Frau Rink bietet sich auch als "Tankwart" an, durch den die, die sich "wie ein stehen gebliebenes Auto [8] " fühlen, in ein "paar Harmonietagen" durch Meditationen und "die 5 Tibeter" wieder zu Kräften kommen können.


Die Wasser des Lebens

Überhaupt: "Die Erneuerung der Lebenskräfte [9] " bzw die "zunehmende körperlich- seelisch- geistige Erschöpfung" wird  in zahlreichen Kursen und Workshops angesprochen. Hartmut Kienitz, "internat. Dipl. Qi.Mag Feng Shui- Berater [10] " spricht in diesem Zusammenhang sogar von "Erste Hilfe", denn: "Mehr als 80% der Ursachen von degenerativen Erkrankungen des Menschen sind im Schlafzimmer, am Wohn- und Arbeitsplatz zu finden". Daher wird der geneigte Teilnehmer angeleitet, den "Energiefluß in Häusern" zu verändern, "Störfelder" wie Wasseradern abzuschirmen und "ungesundes Qi" schlechthin zu vermeiden.
Wem das noch nicht reicht, der besuche das Seminar 75, in dem der Diplom- Ingenieur Ulf Ernst Wagener ausruft: "Elektrosmog! Wie kann ich mich schützen?". So geht man auf Nummer Sicher, was die unsichtbaren Umwelteinflüsse betrifft. Zahlreiche Astrologiekurse klären auch die problematische Beziehung zum Kosmos wie zum Beispiel Kurs 110, in denen der astrologische "Glückspunkt", der "Schwarze Mond (Lilith), die beiden Mondknoten und ihre Karmaherrscher" behandelt werden. Vorsichtshalber fragt der Leiter, Herr Ewald Grether
[11] , schon im Prospekt: "Alles nur Aberglaube? Ð Astronomen schütteln den Kopf, wir werden staunen [12] ".
Falls es dem einen oder anderen nun immer noch nicht gelingen sollte, sein "Leben so zu leben, wie Sie es wollen", so sind vielleicht durch "Familienaufstellung
[13] " die "unsichtbaren Verstrickungen im System der Herkunftfamilie" zu klären. Es ist ja nicht auszuschließen, dass die "schöpferische Potenz" nicht an Mondknoten, Elektrosmog, ungesundem Qi oder inneren Blockaden krankt, sondern an den Liebsten und der ungeklärten Beziehung zu ihnen. Vielleicht ist es günstig, das einigermaßen glimpflich absolviert zu haben, bevor man sich entweder an zen- buddhistische Meditationspraktiken oder direkt an die "Schwelle zur geistigen Welt" heranwagt, um dort sicherlich spannende Schwellenphänomene zu erleben wie "Der Doppelgänger und ich [14] ". Mancher mag dann lieber "Hygienische Eurythmie für Senioren [15] " oder die "Wirkung der Milchstraße [16] " auf das persönliche Horoskop bevorzugen. 

So stellt sich doch immer wieder die Frage, ob wir "Kapitän, ein Matrose oder ein Fahrgast auf dem eigenen Lebensschiff" sind, wann "unser Schiff gehoben (wird) von den Wassern des Lebens, und wann zwingen uns Unwetter und Stürme zur Kursänderung oder gar vor Anker zu gehen [17] ". Tja, schwer auf Anhieb zu sagen.
Vielleicht könnte ich es in einem Kurs mit beruhigendem Mandala- Malen ergründen. Dort hätte ich eine volle Woche Zeit, zum "Kern oder Ursprung
[18] " meines Wesens vorzustoßen. Das alles wirkt "klärend, beruhigend und entspannend", wenn man sich darauf einlassen kann, tagelang Kreise zu malen und darauf zu warten, das zu erfassen, was "sich von innen heraus in einem bestimmten Moment aus dem eigenen Impuls ausdrücken will [19] ". Ja, und wenn es nicht will ? Mich hat schon der Puls fühlende tibetische Heilpraktiker ganz nervös gemacht.

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Aktivierung des Gehirns

Möglichweise wäre es dann doch besser für mich, "mit Elementarwesen Freundschaft (zu) schließen [20] ". Der Kursleiter spricht es unmissverständlich an: "Wer sieht nicht die Notwendigkeit des im Seminar- Thema Angesprochenen ein? Wohl jeder aufgeschlossene Zeitgenosse möchte gewiß nicht nur Freund der guten Elementarwesen sein, sondern mit ihnen auch bewusst das Gespräch führen können. Aber wie?" [21] Ja, das ist die Frage. Ich sehe das ein. Ich finde das notwendig. Und ich hätte auch gern einen Hut wie der auf Seite 62 abgebildete Eurythmist und Sprachgestalter Michel Vitales. Solche Hüte laufen eigentlich nur noch in anthroposophischen Studienstätten umher und strahlen eine unnachahmliche dezente Arroganz aus. Herrlich. Nebenbei vermittelt Herr Vitales anhand "Offenbarungen" in Rudolf Steiners "Seelenkalender" "in knappster Form tiefste esoterische Weisheiten [22] ". Neben solchen Meditationen als "Ergebnis vieljähriger okkulter Untersuchungen und Erfahrungen [23] " nehmen sich die Betrachtungen Anton Kimpflers zum "Lebenslauf als Einweihungsweg [24] " richtig bescheiden aus. Herr Kimpfler stellt -wobei ihm niemand widersprechen wird- fest, dass "unsere Biographie (..) voll von Überraschungen, aber auch manchem Geprüftsein [25] " ist. Er kündigt dann aber schon an, die "Gesetzmäßigkeiten" der Biographie aufzuspüren und dadurch zu "Einweihung in tiefe Lebensgeheimnisse" zu führen.
Man merkt also schon deutlich Unterschiede zwischen eher "randständigen" auf der einen Seite und "grundständig- anthroposophischen" Veranstaltungen auf der anderen. Während die ersten sich häufig als konkrete Lebensberatung verstehen, wimmelt es bei den zweiten von "tiefen esoterischen Weisheiten", von "Schwellenerlebnissen", okkulten Erfahrungen, "sakraler Geometrie
[26] " und "Einweihungen". Zu den eher zurückhaltenden Veranstaltungen zählt sicherlich die der sensorischen Integrationstherapeutin X.X (die Dame möchte nicht, dass ihr Name bei den Egoisten genannt wird !), die als einen wesentlichen Themenschwerpunkt "Aktivierung des Gehirns" anbietet. Es wäre vielleicht empfehlenswert, diese Erfahrung unbedingt vorher zu machen, bevor man sich auf die okkulteren grundständig- anthroposophischen Seminare stürzt.

Sexualisierte Astralleiber und Drachenkämpfer

Wenn auch mancher jetzt meinen mag, dass ausreichend Lebens- und Fragebereiche durch die Fülle von Themen abgedeckt sei, so kennt er noch nicht Stephan Mögle-Stadel. In der unnachahmlichen Geste des Drachenkämpfers zieht Herr Mögle-Stadel gegen allerlei zeitgenössische Widerwärtigkeiten zu Felde, vornehmlich gegen die "Innenwelt- Verschmutzung" und "Ich-Schwächung" [28] . Im Gegensatz zu den zahlreichen oben angeklungenen Ursachen für die geschwächten Iche kämpft Herr Mögle- Stadel aber nicht gegen Qi, Lilith, den Schwarzen Mond, Familienkonstellationen oder unterirdische Wasseransammlungen, sondern direkt gegen "Werbeindustrie und Massenmedien [29] ". Denn diese sind es, die "unser Wachbewusstsein" einschläfern und "unseren" [30] unschuldigen Astralleib "sexualisieren" wollen.
Wozu führt das alles ? Das klärt Mögle- Stadel schon im Ankündigungstext: zu einer "vaterlosen Gesellschaft", zu "Ehescheidungen" und zu "astralischen Suchtphänomenen"
[31] Das alles "offenbart" sich für Mögle-Stadel "phänomenologisch". Die Wortwahl entspricht gängigem Anthro- Speech und bedeutet übersetzt für Nicht- Insider: was sich "gesetzmäßig" oder "phänomenologisch" "offenbart", ist so offenkundig, dass es weder hinterfragt noch diskutiert werden muss. Leider teilt sich diese Offenkundigkeit Nicht- Anthroposophen nicht immer ohne weiteres mit, was  an ihrem mangelnden Intuitionsvermögen und ihrer nicht existenten anthroposophischen Textkenntnis liegt. In diesem Sinne zückt Mögle- Stadel auch sein Schwert in seinem Osterkurs über den verstorbenen 2. Generalsekretär der Vereinten Nationen, Dag Hammarskjöld.  Folgerichtig trägt dieses Seminar auch den Untertitel "Drachenkampf und Globalisierungskrise". Hier wird nicht nur nach der Person Hammarskjölds gefragt, sondern auch gleich das Rätsel geklärt werden, wer "die Gegenmächte (waren), die versuchten, ihn mittels eines Attentats, welches auch eine rituell- okkulte Seite hat, zu eliminieren" [32] .  Hier wird Ð sicherlich "phänomenologisch"- offenbart werden, welches die "politischen Drachenkräfte" unserer Welt sind. Wir werden Zeuge eines "Geisteskampfes" sein. Aber nicht nur das. Gleichzeitig wird auch enthüllt werden, welches ""die besondere Mission der nordischen Volksseele" im Michaelszeitalter [33] " ist. Denn durch die Biographie Hammarskjölds leuchtet schließlich "der Christus- Impuls".
Wer Hammarskjölds hinterlassenes kryptisches Tagebuch kennt und um seine tiefe, aus jeder Zeile sprechende Bescheidenheit weiß, dem wird bei diesen pompösen Ankündigungen etwas übel. Aber ausgebucht ist dieses Seminar mit großer Wahrscheinlichkeit.

Fernöstliche Meditationspraktiken und begriffliche Wagenburgen
Dem unbefangenen Betrachter teilt sich als Resultat der tibetischen Pulsdiagnose am Objekt "Rüspe" eine Fülle von Stoff mit, eine bunte Palette von Interessen. Neben den seriösen anthroposophischen Workshops und den zahlreichen praktischen Arbeitsfeldern werden einerseits Personen angesprochen, die eine Fragehaltung haben und sich "auf der Suche" nach sich selbst empfinden. An dieser Stelle knüpfen viele attraktive Fernreisen, aber auch zahlreiche eher fernöstliche Meditationspraktiken an. Auf der anderen Seite stehen gelegentlich pompös anmutende anthroposophisches Wortgeklingel, das auch dem, der keine Frage hat, Antworten in Fülle und mit  kaum zu überbietender Gewissheit anbietet. Aber wem in solchen selbstbezüglichen begrifflichen Wagenburgen  der Atem stocken sollte, der findet genug Wald und Stille in den sauerländischen Bergen hinter dem Haus. 
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[1] Siehe auch www.studienhaus-ruespe.de
[2] alle Zitate aus dem Prospekt des Studienhauses, zu beziehen unter Tel. 02759-9441-10
[3] S. 122, Ferienkurs 210
[4] S.123
[5] S. 116
[6] Kurs 21, S. 31
[7] S. 31
[8] S. 33, Kurs 24
[9] Kurs 25, S. 33
[10] Kurs 41, S. 39
[11] Kurs 110
[12] S. 68
[13] Kurs 174
[14] Kurs 184
[15] Kurs 185
[16] Prospekt S. 100, Kurs 198
[17] alles: S. 64 des Prospekts, Kurs 104
[18] Kurs 106
[19] S. 66
[20] Kurs 101
[21] S. 63
[22] S. 62
[23] nach Rudolf Steiner, S. 61
[24] S. 60
[25] S. 60
[26] Kurs 83
[27] Kurs 86, "Leichter lernen durch Bewegung"
[28] S. 55, Kurs 81
[29] Alles. S. 55
[30] Dieses suggestive "unsere" ist tatsächlich in vielen Ankündigungen spezifisch anthroposophischer Kurse zu finden
[31] S. 56
[32] S. 40, Kurs 44
[33] S. 41