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In: G.u.G. O`Neil, "Der Lebenslauf", Verlag Freies Geistesleben, 1994
Spirituelle Strömungen haben schon immer unter der Problematik des Persönlichen gelitten. Im ersten Vortrag der Allgemeinen Menschenkunde für Lehrer weist Rudolf Steiner auf die Auswirkungen dieses "Persönlichkeitsgeistes" hin. Seine Worten gelten ganz allgemein auch für alle Arbeitszentren, wo immer wieder zwischen den "abnormen Geistern der Persönlichkeit" Konflikte ausbrechen.

Wenn wir Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft werden, haben wir bestimmte Ziele: klar zu denken, verständlich zu sprechen und die Literatur anstelle eines persönlichen Lehrers zu Rate zu ziehen. Leider hält man sich nicht immer daran. Und dafür gibt es Gründe. Es stellen sich Hindernisse von links und von rechts in den Weg.
Viele in unseren Reihen finden den Weg zur Anthroposophie als Reaktion auf unser tödliches Kulturleben, vor allem die Schulbildung. So bringen wir einen starken luziferischen Unabhängigkeitsdrang im guten Sinne mit, aber nur allzuoft auch die negative Neigung, das ahrimanische, das kognitive Element zu umgehen. So lässt uns der "wissenschaftliche" Aspekt der Anthroposophie kalt. Wir fühlen uns zum "Handlungsaspekt" hingezogen, zur praktischen Arbeit und zur Kunst. Denken, Schreiben und Studium der Schriften gehören nicht zum Stundenplan.
Auch die Tendenz zu einem falsch verstandenen Elitären ist eine häufig auftretende Schwäche in geistig orientierten Gemeinschaften. Dieses Gefühl, "auserwählt" zu sein, ohne persönliches Verdienst. Natürlich hat der Sektierer in der anthroposophischen Arbeit nichts zu suchen, dennoch mussten in den Anfangsjahren dauernd Warnungen gegeben werden, auch vor Cliquenbildung und persönlicher Anhängerschaft.
Das ist wahrscheinlich eine der subtilsten, nur scheinbar harmlosen luziferischen Versuchungen, die wir geerbt haben. Wie oft werden wir nicht von sogenannten "esoterischen Tatsachen" verführt, plappern die größten Wahrheiten aus, aus dem Zusammenhang gerissen, und genießen die Bewunderung, die wir bei ahnungslosen Zuhörern wecken. Wie oft sind unser Wahrheitsgefühl und das Gefühl für das Angemessene allzu schwach. Wir geben vor, etwas zu wissen, weil wir es irgendwo gehört oder gelesen haben, und meinen, das Recht zu haben, es auszusprechen, auch wenn wir uns nicht einmal genau erinnern!
Wer Anthroposophie ernsthaft studiert, erschrickt darüber, wie rasch er vergisst, was er gelesen hat, und wie schwer es ist, das im eigenen Leben zu verwirklichen, was er studiert hat. Doch der Luzifer in uns hat wenig Gefühl für die Wahrheit und noch weniger für Realität und gar kein wissenschaftliches Gewissen. Das Syndrom des "geschwollenen Kopfes" ist eine reale Gefahr in jeder Bewegung, die sich mit dem Hypersensiblen, einschließlich in uns selbst, beschäftigt.
"Damit aber bin ich bei etwas angekommen, das im eminentesten Sinne notwendig ist für die Erlangung übersinnlicher Erkenntnisse, wie auch bei etwas, das, wenn es nicht mit Beobachtung all derjenigen Gesetzmäßigkeiten vollzogen wird, die ich angedeutet habe in meiner Schrift "Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?" und in meiner "Geheimwissenschaft im Umriss", sogar in einem gewissen Sinn zwar nicht eine Gefahr für den Organismus, wohl aber zunächst für die seelische, namentlich die moralische Verfassung des Menschen sein kann. Das Ich-Gefühl muss gesteigert werden, die Besonnenheit auf sich selbst muss kraftvoller werden. Damit wird bei Menschen, welche nicht zugleich die von mir oftmals geschilderten Vorkehrungen treffen, um ein solches verstärktes Ich-Gefühl ohne moralische, ohne psychische Einbuße zu ertragen, schon etwas von seelischem nicht pathologischem - Größenwahn erzeugt.
Das ist überhaupt etwas, was man zunächst - gestatten Sie den Ausdruck - bei <übern> zu übersinnlichen Erkenntnissen leicht bemerken kann, weil sie hinüberhuschen möchten über die nötigen Vorkehrungsmaßregeln, dass sie nicht bescheidener werden, sondern wirklich in eine Art Größenwahn verfallen. Man muss dies ungeschminkt aussprechen, damit niemand auf den Glauben kommt, derjenige, welcher innerhalb einer wirklichen anthroposophischen Erkenntnis steht, wolle verkennen, dass ein solcher Größenwahn vielfach wirklich unter denen wütet, die sich nun vielleicht aus diesen oder jenen Untergründen heraus zur Anthroposophie bekennen." (GA 78, Anmerkung ME)
Unter Anthroposophen, vor allem hier in Amerika, wo das spirituelle Leben eine so stark luziferische Tendenz bekommt, ist das Wort "Intellekt" geradezu zu einem Schimpfwort verkommen. jemanden "intellektuell" zu nennen ist beinahe eine Beleidigung; betont wird stattdessen oft das "Künstlerische", wo Luzifer Alleinherrscher ist. Und gerade hier wird die Ablehnung des Kognitiven so oft erlebt. Unterrichtende Künstler sind nicht gerade dafür bekannt, dass sie die wunderbaren Kunstvorträge Rudolf Steiners in einer verständlichen Weise ihren Schülern vermitteln - selbstverständlich gibt es Ausnahmen. Hier schleicht sich vielleicht Ahriman ein, um Rache zu nehmen. Er lässt die Köpfe der geistig inaktiven Luziferschüler vertrocknen. Wir sollten nämlich nicht vergessen: Anthroposophie war und ist eine Wissenschaft des Geistes, nicht eine Kunst des Geistes.
Als Gegensatz zum "Intellekt" spricht man nur allzu gern vorn "Herzen". Weit verbreitet ist die Tendenz, die späteren Werke Rudolf Steiners ohne eine solide Grundlage durch die früheren zu lesen und zu zitieren. Der Fehlinterpretation der Weisheitsworte, die er auf dem Höhepunkt seines Lebens aussprach, sind Tür und Tor geöffnet, wenn ihr Hintergrund und ihre Geschichte nicht beachtet werden. Das "Herzensdenken" ist solch ein Fall. Dieser Begriff, der das Denken der Zukunft charakterisiert - "Die Herzen beginnen, Gedanken zu haben", ist ein terminus technicus. Er setzt unser Verständnis dafür voraus, dass es hier um eine Metamorphose des Herzensdenkens der Vergangenheit geht. Die Ägypter dachten mit dem Herzen. Sie konnten Gedankenwesen hellsichtig wahrnehmen. Dieses Denken muss durch die Todeskräfte des Intellekts hindurchgehen und in der Zukunft als Kraft der exakten Imagination wiedergeboren werden. Es wird dann aus dem ätherischen Herzen strömen, frei von Sentimentalität, objektiv und überpersönlich. Alles Gerede vom "Herzensdenken" aus dem Mund von Menschen, die ihren Kopf überhaupt noch nicht klar gebrauchen können, ist nichts weiter als luziferisches Geschwafel.
Zu diesem Thema gehört auch die "Bildersprache", der Gebrauch von Geschichten und bildhaften Darstellungen zur Sinnvermittlung. Für Kinder ist das die richtige Methode, doch schon Oberschüler lehnen sie als zu kindisch ab. Für Erwachsene ist es Poesie, die man in kleinen Dosen zu besonderen Gelegenheiten genießt. Bildhaftes Denken als Gewohnheit ist eine Versuchung für den ungeübten Geist und oft typisch für jene, die sich mit Kunst oder Erziehung in der Unterstufe zu beschäftigen beginnen und daher die glanzlose Strenge der höheren Bildung vermeiden, in der Metaphern und bildhafte Darstellungen tabu sind.
Die Sprache ist vom Bildhaften zum Abstrakten, zum Begrifflich-Wissenschaftlichen herabgestiegen. Die anthroposophische Sprache hat diese klare, exakte Form, hinter der Imagination steht. Mit beidem weist sie auf eine Sprache der Zukunft hin. Dennoch fällt es den meisten von uns schwer, uns in die "trockene, mathematische Stilweise" der Schriften Rudolf Steiners hineinzufinden, ein Problem, das durch die übersetzung noch verschärft wird. Es ist nicht einfach, zu den verborgenen Imaginationen hindurchzudringen und sie begrifflich zu erfassen.
Doch solange wir in Bildern schwelgen und es an begrifflicher Klarheit fehlen lassen, können wir nicht zu einem breiteren Publikum sprechen oder von erwachsenen Köpfen ernstgenommen werden. Die luziferische Bilderwelt hat Schwingen, doch das Ahrimanisch- Begriffliche sollte dem Gesagten Gewicht verleihen.
Das andere Extrem ist das "Referieren" eines Textes, das einer übernimmt, damit den anderen Teilnehmern eines Treffens die Vorbereitung erspart bleibt. Diese Aufgabe übersteigt oft die Fähigkeiten des Betreffenden, so daß eine seelenlose, trockene Pedanterie die Folge ist. Wenn sich der Sprecher nicht mit den gedanken in ihrem Umfeld und Zusammenhang immer und immer wieder auseinandergesetzt hat und zur imaginativen Substanz durchgedrungen ist, bleibt er notgedrungen an den Worten kleben. Wenn es an Enthusiasmus für die Klarheit der Gedanken fehlt, haben die ahrimanischen Geister leichtes Spiel. Missverständnisse treten auf, Streit über übersetzungsfragen bricht aus, Widerspruchsgeist erhebt sich. Die Atmosphäre der Zusammenkünfte wird vergiftet.
Mit diesen unsichtbaren aber allgegenwärtigen Einflüssen umgehen zu lernen, macht einen wesentlichen Teil der Kunst und Wissenschaft der Mitgliedertreffen aus. Es hat einmal jemand vorgeschlagen, im Versammlungsraum die Portraits von Luzifer und Ahriman aufzuhängen, damit an daran erinnert werde, wachsam und aufmerksam zu m sein. Sie beherrschen viele raffinierte Tricks: Klang der Stimme, Gesten, Wichtigtuerei, die eine "heilige" Stimmung erzeugen soll; das Herstellen von Spannung durch künstliche Pausen, Soloarien der Redekunst oder das Syndrom, immer das letzte Wort an sich zu reißen, und die vertraulichen Mitteilungen, die zu Parteienbildung und Machtkämpfen führen.
All diese Kräfte sollten wir ebenso klar durchschauen wie das Gehabe von Affen im Zoo. Wenn wir sie einmal als das erkannt haben, was sie sind, verlieren sie ihre Macht und ihren Einfluss. So sagt es das geistige Gesetz.
Die Komplexität dieses Dramas lässt vermuten, in einer Institution, in der so viele äußere Faktoren wirksam sind, sei echte anthroposophische Arbeit unter den Mitarbeitern außerordentlich schwierig. Zusammenkünfte zur Klärung wirtschaftlicher und technischer Fragen laufen natürlicherweise nach konventionellen Geschäftsordnungen ab. Aber Begegnungen von wirklich spiritueller Bedeutung können nur zwischen Menschen stattfinden, die sich als Individualität äußern, unabhängig von Rangordnungen und fern von Strategien.
Selbstlosigkeit im sozialen Bereich und Wahrhaftigkeitsempfinden auf dem Erkenntnisgebiet, das sind die notwendigen Voraussetzungen, um in unseren Mitgliedertreffen das nötige Gleichgewicht zu schaffen.