2001-2010



Eyjafjallajökull

Es war spät- Zeit, um zu Bett zu gehen. Aber am iPhone spielte noch die perlende Klaviermusik von Anat Fort, Karl konnte sich nicht davon trennen. Er rauchte die letzte Zigarette am offenen Dachfenster, und da sah er ihn: Den tief orange- farbenen Sichelmond, der in empfangender Gebärde am Himmel stand. Eine kleine Wolke aus Glas und Asche, die morgens die Autos bedeckte, hatte ihm diesen orangen Anstrich verpasst. So tönte er mit einer Stimme, die den kommenden Frühling ankündigte und begleitete. Der Mond in seinem goldfarbenen Gewand verbreitete eine Stimmung, die in Karls innerem Auge etwas Marienhaftes hatte: Etwas von dem mythischen Geheimnis der Ewigen Jungfrau.

Jeder, der sprechen konnte, sagte an diesem Tag: Wie still es heute ist. Man genoss, falls man nicht fliegen musste, den totalen Stillstand von Lohausen am anderen Rheinufer. Wie einig man sich doch ist, wenn es darauf ankommt. Man fühlte ganz allgemein, wie schnell unser tägliches Leben doch vom vibrierenden Takt der Maschinen durchzogen ist, selbst in den abgelegensten Ecken des Seins. Zwei Tage Ruhe, und man hatte für einen kurzen Augenblick einen anderen Blick auf seine Zeit.


Karls Frühling

Wahrscheinlich hatte er schon als junger Mensch neben den unvermeidlichen Rockkonzerten, den verrückten Reisen nach Amsterdam und London und dem Studium eines Buches von Sri Aurobindo einfach zu viel Novalis gelesen. Für Karl war die Romantik kein Klischee und keine Kunstepoche, sondern eine Betrachtungsweise.

Hingebungsvoll sah er den Frühlingsmond im Fenster. Es hätte in diesem Moment nur dieser Mond sein können, diese Form, dieser Ausdruck: Eine blasse, schmale Sichel, die nur den unteren Rand des Mondes zeigte und daher wirkte wie eine Schale. Einen Augenblick lang war es Karl, als stünde er in der Stille. Es war Mitte Februar und für die Jahreszeit viel zu kalt. Auch die am Morgen und gelegentlich auch im Laufe des Tages trällernden melodiösen Schlenker der Vögel, die in ihrem Klang weite Räume umfassten, wirkten, als wollten sie den scharfen, kalten, aber lockenden ersten Frühlings- Sonnenstrahlen eine Schale bauen.

Die Stimmung am Himmel wie in den kahlen Bäumen war in Erwartung getaucht. Unter dem Schnee, der langsam schmolz, fühlte Karl das rege Leben, Würmer und Wurzeln. Aus den Teichen, auf deren Oberflächen das Eis nur mühsam wich, trat der intensive Geruch von moderndem altem Laub aus. Im Wald wühlte Karls Hund im Boden, wo ihn der aufsteigende pilzige Duft reizte.

Einen Augenblick lang war es Karl, als stünde er in der Stille. Die Natur trat auf ihn zu und in ihn ein. Sie war innerlich ganz ineinander abgestimmt, ein gleich klingendes Wollen. Karl rauchte noch eine Zigarette, dann schloss er das Fenster.


Karls Ostersonntag

In der Nacht vor dem Ostertag hatte es in dem kleinen Bergdorf in den italienischen Alpen erst ein wenig geregnet. Dann war der Regen in Schnee übergegangen, verhuschte kleine Flocken, die sich in den Winkeln der Holzhäuser festsetzten, die Hänge, die von den Skifahrern abgenutzt waren, wieder erfrischten und den Straßen einen klaren, sauberen Überzug gaben.

Karl ging früh zu Bett. Er blätterte noch etwas in der dickbäuchigen "Geschichte des Islam", die er gerade studierte und schlief ein.

Wie immer in diesem Dorf schlief er unruhig. Lag es an der weichen Matratze, an der ungewohnten Höhenluft, die durch das Fenster hineinströmte, an den fremden nächtlichen Geräuschen von späten menschlichen und tierischen Passanten ? Spürte er den Duft der Berge, der von den tief vereisten Dreitausendern in sein Zimmer wehte ? Flog die Seele anders, wenn die Luft dünner war ?

Karl wälzte sich hin und her. Er marschierte mit Karawanen durch Wüsten, gründete Kalifate und fand sich in gebildeten Runden arabischer Gelehrter, die den Koran auf die eine und die andere Weise auslegten. Früh am Morgen erwachte er vom hell tönenden Gezwitscher eines Vogels. Wie laut das war, wie klar ! Es erfüllte die Landschaft und schallte durch die Berge empor, als wollte es Raum bilden, als wollte es hinauflangen in die Weite des Blaus, erfüllt von reiner Freude.

Karl schien es, als ob die ganze Natur sich in diesem zwitschernden Gesang zusammengetan hätte. Und da fiel es ihm ein: natürlich, es war Ostersonntag. Die Berge, die Tiere, die tief verschneiten Bäume stimmten in die Töne ein und begrüßten diesen Tag. Und Karl empfand einen Augenblick lang, dass auch er Teil dieses Gesangs war.

Er schlief wieder ein.



Meteor


Karl erwachte nochmals. Er spürte, dass ein Grollen in der Luft lag. Er stand auf, schob die Vorhänge am Fenster beiseite und schaute hinaus. Nein, der Himmel war ganz klar, von dem tauben Grau des Augenblicks, wenn die Nacht übergeht in den Morgen.

Aber als Karl weiter stand und blickte (es fröstelte ihn etwas), erschien es ihm so, als ob sich der Himmel in einem weiten Riss spaltete. Eine Feuerwalze stürzte hinab, mit einem krachenden, brechenden Geräusch, und ein Ball aus Licht und Lärm schlug vielleicht 100 Meter entfernt von ihm laut in den Boden ein.

Karl war bestürzt, aber er fühlte sich nicht verängstigt, vielmehr in einer erhebenden Weise erregt. Dass er so etwas erleben durfte!

Er schaute auf die hellgraue Schneelandschaft, ob etwa Flammen aus ihr hervor schlugen oder etwas getroffen worden war. Aber er sah nichts.

So legte er sich wieder hin und schlief.

Nach dem Frühstück zog er sich an und ging in erwartungsvoller Stimmung hinaus ins Tageslicht. Er wollte den Meteor – oder zumindest dessen Einschlagstelle – sehen. So sehr er aber durch den Schnee hin und her stapfte – er konnte nichts entdecken. Er fragte die Nachbarn, er fragte die Kinder auf der Straße –"Habt ihr heute Nacht den Lärm gehört ?" -, aber niemand hatte irgendetwas vernommen. Sie waren auch sehr mit den österlichen Vorbereitungen beschäftigt und wollten seine seltsamen Fragen nicht weiter verfolgen.

So saß Karl am Tisch, trank noch einen seiner unvermeidlichen schwarzen italienischen Kaffees, die er sich mit einer kleinen zinnernen Maschine auf dem Herd zubereitete, und dachte nach. Hatte er das nur geträumt ? Wie klar kann ein Traum sein, wie prägnant ? War er ein bisschen verrückt? Und wie sehr hatte ihn dieses Ereignis doch getroffen! Es war nicht anders, als wäre der Meteor mitten durch ihn selbst hindurchgezogen. Zitternd, berührt und bewegt rührte er mit dem Löffel im Kaffee, um den Zucker zu verteilen.




Der Hase auf dem Mond


Früher, als sie noch klein waren, hatte Karl den Kindern oft eine Ostergeschichte erzählt, die einzige, die er kannte, auch wenn er nicht eigentlich wusste, woher.

Sie handelte von den Zeiten, als der Herr, um die Wesen der Erde zu prüfen, noch leibhaftig auf Erden umherging. So kam er auch in den Himalaja. Der Herr hatte sich in dieser kargen Gebirgswelt in einen abgerissenen Bettler und Wanderer verwandelt.

So kam er zum Bären. Er bat ihn um eine Kleinigkeit zu essen und zu trinken, um der Barmherzigkeit willen. Und der Bär war ihm gut, führte ihn in seine Höhle und bereitete ihm ein gutes Mahl aus frischem Gebirgswasser und mit viel Honig. Der Wanderer aß und trank, dankte dem Bären und zog weiter.
Dann kam der Herr zum Fuchs. Auch diesen bat er um eine Speise. Der Fuchs war ihm gut. Er bat ihn in seine Höhle. Er rückte ihm einen Stuhl hin. Er sagte, er möge einen Augenblick warten. Der Fuchs rannte aus der Höhle fort, riß ein Schneehuhn, brachte es dem Herrn, um es mit ihm zu teilen.
Als er gesättigt war, dankte der Herr dem Fuchs für seine Güte und Gastfreundschaft und setzte den Weg fort. Er zog immer höher und höher, dort, wo es fast unerträglich karg war. Hier wuchs nichts mehr außer einigen Flechten und Moosen.

In dieser Ödnis traf der arme Wanderer den Schneehasen. Auch diesen fragte er um ein wenig zu speisen. Der Hase war ihm gut. Aber er besaß rein gar nichts. Er war eigentlich selbst fast verhungert. Dennoch bat er den Wanderer in seine winzige, leere Höhle und bat ihn, auf einem Felsen Platz zu nehmen.
Der Hase schürte ein Feuer an, setzte einen Topf darauf und schmolz darin etwas Schnee. Als das Wasser kochte, hielt er inne und sprang mit einem großen Satz in den Topf hinein.

Der Herr lief rasch hinzu und holte den Hasen an den Ohren wieder hinaus. Er heilte ihn mit einem Streich seiner Hände von seinen Wunden. "Du", sagte er, "bist das Beste aller Wesen. Willst du dich doch selbst hingeben, um der Gastfreundschaft willen. Dich will ich heiligen. Du sollst von nun an, damit man Dein Opfer nicht vergesse, von mir auf den Mond versetzt werden und dort für immer leben." So seltsame Syntax verwendete der Herr, als er noch auf Erden wandelte.

Seit dieser Zeit kann man, wenn man genau hinsieht, den Hasen auf der Scheibe des Mondes betrachten.

Am Abend, als es in der Zirbelholzstube nach Mohnstrudel, Zimt und heißem Fett roch, ging Karl in sein Zimmer und setzte sich aufs Bett. Für einen, der aus der Stadt kommt, ist diese Stille in den Bergen fast unerträglich. Karl lauschte hinaus in die verschneiten Höhen, um in diese Stille hinein zu hören. Es ist ja eigenartig, dass das Nichts zuerst fremd und bedrückend erscheint, dann aber eigentlich die Seele weitet und heilt, wenn sie sich auf die Stille einlassen kann.

Karl trat an das Fenster, das beschlagen war und wischte mit der Hand über die feuchte Scheibe. Draußen am nachtschwarzen Himmel stand der Vollmond über weißen Hängen. Einen Augenblick lang sah Karl auf der Scheibe den Hasen.


Karls Sommer


Karl ging die lange Treppe vom Arno hinauf, auf Stufen, die für Riesen gemacht sein könnten. Nur hinterließen Riesen keine Plastikflaschen im Gebüsch. Es ging ein paar Hundert Meter bis zum Platz des Michelangelo. Auch dort stand eine Kopie des David. Aber man hatte von dort oben die beste Aussicht auf Florenz. Die Talsenke breitete sich weit aus, durchschnitten vom Wasserlauf des Arno und in der Mitte gekrönt von den Kuppeln des Doms und des Baptisteriums.

Von hier aus stieg Karl über eine dröhnende Strasse zweihundert Meter bergauf bis zum schmaleren Treppengang der Kirche San Miniato al Monte. Hier sollte schon - so liest man- Michelangelo oft gesessen und die Aussicht auf seine Stadt genossen haben. San Miniato war die Perle, klar strukturiert mit weißen und schwarzen Marmorbändern. Das Pompöse der großen Sakralbauten der Stadtmitte war hier verschwunden. Über dem Türsturz der Hinweis, dass man die Pforte des Himmels durchschritt. Und dann die Stille. Dieser Stätte merkte man an, dass sie Tausende von Jahren alt sein musste. In der kargen, aber weitläufigen Krypta vollzogen Mönche liturgische Gesänge als Teil ihrer Abendmesse.

San Miniato ist der Ort, an den Karl immer wieder zurück kommen möchte. Nicht nur, weil hierhin normalerweise wenig Publikum hinauf findet in dieser überlaufenen, vibrierenden Stadt. Sondern auch, weil er hier sofort zu sich selbst kam. Es wurde gleich von irgendwo her die Frage gestellt: Was hast du gemacht, wie hast du gelebt? Er stellte sie sich selbst, empfand aber etwas wie einen Blick auf sich, einen Jemand, einen ewigen Freund. Es war Karl nicht klar, wieso er gerade hier in die innerste Klarheit geriet, als hätte diese auf ihn gewartet.

Die Mönche sangen, und der Schweiß lief Karl in Strömen von Schädel herab. Er fühlte sich körperlich nicht wohl, wie so oft. Er wusste keine Antwort auf die Fragen. Aber das war nicht schlimm, es war wie es war, und auch das wusste Karl genau. Es fand eine Art Zwiegespräch statt, an das er sich später nur unscharf erinnern konnte. Karl wusste, es war nicht schlimm, dass er ein so untalentierter, durchschnittlicher Kerl mit seinen kleinen Geheimnissen war. Er spürte seine Eitelkeit wie ein brennendes Ekzem auf dem ganzen Körper, aber das machte nichts, denn in diesem Augenblick konnte er es abstreifen wie ein Bärenfell im Märchen.

Er wusste, vor ihm waren gerade die Bilder, die innersten Intentionen seines Lebens aufgetan worden, aber er konnte sich nicht erinnern. Wie hätte er dieses Leben auch sonst leben können? Es war gut, sich nicht zu erinnern. Seine Vision war kein pathetisches Gegenüber, sondern ein präzises und rationales, aber ihm ganz zugewandt. Er hatte kein Bild gehabt und keine Vorstellungen gebildet. Er wusste, es war ein Gegenüber, weil es ihm gegenüber sein wollte, Es hatte etwas von einer Lagebesprechung über den Verlauf von Karls Leben- eine Art umgekehrtes Resümee.

Über der Krypta tobte trotz des österlichen Konzerts ein Stimmenmeer. Die Florentiner picknickten, telefonierten, stillten Babies in der Kathedrale. Es war, als wäre der Zentralbahnhof zum Konzert erschienen. Langsam löste sich Karl aus dem Dialog. Er stieg die Treppen hinauf, winkte seiner Begleiterin zu, die ihn aus den Augen verloren hatte. Arm in Arm stiegen sie in den warmen Sommerabend von Florenz, und die Nacht verschluckte sie.


Die Welt der Toten und der Auferstandenen


Tagsüber ging man in die Seminarräume und hörte Vorträge. Nachmittags trank man Kaffee zusammen oder ging spazieren. Nein, unter diesen Gästen traf man keine Snowboarder. Es handelte sich eher um gesetzte Damen und Herren, die gerne gesetzten Worten über die "Geistige Welt" lauschten. Sie pflegten ihre kleinen seelischen Erschütterungen im festgesteckten Rahmen. Sie türmten theosophische Wortgebilde, bis sie dahinter nicht mehr zu erkennen waren. Sie sprachen so viel von Selbsterkenntnis, bis die Worte wie saure Milch gerannen und allmählich zu Masken wurden, zu Formen geronnenen Lebens.

Aber als Karl den Versammlungsraum zum ersten Mal betrat, sah er Madeleine in der ersten Reihe sitzen und wusste, dass sie so nicht war. Er musste sie kennenlernen. Sie saß, die schmalen, langen Beine gefährlich überkreuzt, wach nach vorn gebeugt auf ihrem Stuhl. Gelegentlich schob sie ihre langen Haare mit einer Hand energisch hinter das Ohr, von wo sie allmählich wieder ins Gesicht rutschten. Aber trotz ihrer wachen Anteilnahme an allem, was um sie herum geschah, war etwas an ihr, das Karl vorkam wie die Stille der Landschaft am Abend, wenn er aus dem Fenster sah: Eine schmerzliche Ruhe, ein Frieden im Unfrieden, ein geordnetes Chaos, eine Stille, die sprach und vor allem: Hell fühlte.

So fühlte Madeleine auch Karls Blicke und wusste sie auch gleich richtig einzuordnen. Seelische Geschwister erkennen sich sofort, unabhängig von ihrer biografischen Verkleidung. Auch wenn die Verkleidung manchmal Begegnung unmöglich machen kann. Beide fühlten, sie waren unter keinem guten oder schlechten Stern geboren, sie waren Kinder des Meteors.

Nach dem Mittagessen fuhr Karl mit Madeleine an die geheimen Orte im Wald, die er liebte. Hier hatte er Steine zu kleinen sakralen Orten geschichtet, hatte sie zu Konstellationen und steinernen Monumenten einer kleinen Andacht zurecht gelegt; Kunst, die vom Schnee bedeckt, vom Regen fort gewaschen, von fallenden Blättern verborgen wurde. Hier kannte er murmelnde Quellorte, an denen er oft innegehalten hatte, bis er nahezu mit der Stelle verwachsen war; eine Pflanze, ein Schweigen.

Auf diesen Wegen erzählte Madeleine auf diesem und auf den nächsten Spaziergängen ihr Leben.

Am ersten Tag erzählte sie von ihren Eltern und ihrem Beruf. Sie spürte aber, dass er eigentlich etwas weiter fragte und antwortete, ohne dass er etwas ausgesprochen hätte: Das erzähle ich dir später.

Am zweiten Tag erzählte sie ihm von ihrem Mann, der vor zwei Monaten tödlich verunglückt war. Wie sie damit ein wenig fertig geworden war. Wie sie hinterher gemerkt hatte, dass er im voraus gewusst, dass er alles geordnet und sich eigentlich von ihr und allen Freunden verabschiedet hatte. Wie man etwas wissen und nicht wissen kann. Wie man als Mensch aus dem Wasser hinausschaut wie ein Eisberg: Es ist ja nur die Spitze sichtbar. Ja, das war ihr Schmerz.

Am dritten Tag erzählte sie ihm, wie sie fühlte. Ihr Mann war seitdem ja immer für sie anwesend. Nicht leibhaftig, aber als Empfindung. Sie war eigentlich über den Schmerz hinaus. Sie beobachtete das Licht, das durch die Äste hindurch flackernd auf dem Schnee spielte, und sie fühlte warm seine Anwesenheit. Aber es tat gut, damit nicht allein zu sein und es mit Karl teilen zu können.

Am vierten Tag erzählte sie Karl, dass sie fühlte, dass etwas mit ihr geschehen musste. Denn ihre Seele war weit offen wie ein Scheunentor, ihre Chakren pulsierten. Es war ihr unmöglich, weit voraus zu planen und das zu tun, was man zu tun hatte: Rechnungen bezahlen, Bankgeschäfte erledigen, Ölwechsel am Auto vornehmen. Sie konnte nicht einmal mehr lügen oder auch nur im geringsten unwahrhaftig sein: Dann zog es in ihrem mittleren Kern, als bohrte ihr jemand mit dem Finger in den Magen, und ihr wurde übel.

Man sagt das so blöd: Das Leben geht weiter. Aber es ist ja tatsächlich so. Es ist Ostern, sie durfte noch einmal feiern mit sich und ihrem Mann, mit den Tautropfen auf den Moosen, mit dem Schmelzwasser und dem lockenden Frühlingslicht, das zwischen den Tannen spielte. Dann aber musste sie sich die schwarze Kappe wieder überziehen, den Gürtel um den Leib schnallen und zurückkehren aus der Welt der Trauer, die für sie zugleich eine Welt der klingenden, hellsten Erfahrung war.

Am fünften Tag berührten sie sich zum ersten Mal. Madeleine umarmte Karl, als sie in ihr Auto stieg. Sie tauschten Adressen aus, er streichelte ihr Gesicht. Sie wussten beide, sie würden nicht schreiben.


Wie ein Tier, das sich schüttelt

Karl glaubte an den Gott der Wahrheit. Er wusste, diesem Gott konnte man sich nur annähern, wenn man in sich im Haus der Wahrheit stehen konnte- für eine diskrete Weile, in einer klaren, kühlen Versenkung.

Versenkungen dürfen nicht schnulzig sein, nicht glatt, glamourös oder schmierig. Karl wusste, diesem Gott konnte man sich nur annähern, indem man ihn in sich fand, aber ohne Firlefanz und putzige Selbstgefühle: die seelischen Arabesken eben, die die klare Sicht eines Jeden mit fadenscheinigen Vorhängen bedecken. Die Kreise, in denen man sich dreht- ein planetarisches System für sich, eine mit seltsamen Hieroglyphen über und über beschriebene Glaskugel, die nur sich selbst und die eigene Vergangenheit bespiegelt. Es ist eine Welt, in die man wieder und wieder zurück fällt, selbst wenn man einen Augenblick der klaren Sicht ergattern konnte - eine Verzauberung wie von Circe.

Karl stand an einem stürmischen Aprilsonntag im Sand und schaute auf die bewegte Nordsee. Die bulligen Wolken schoben sich mit gewaltigen schwarzen Bäuchen vom Meer kommend übers Land. Alle Seevögel hatten sich im Windschatten der Deiche in zahllosen schwarzen Punkten niedergelassen. Das Dünengras bewegte sich, als schüttele sich ein unabsehbares Tier in Wellen. Die Gischt der See lagerte auf Karls Gesicht einen dünnen Salzfilm ab. In diesem Augenblick, für einen Augenblick, glaubte das Meer an Karl.


Check in, check out


Karl checkte ein, checkte aus. Rauchte eine Zigarette, wartete am Transportband auf seinen Koffer. Kryptische Durchsagen in vier verschiedenen Sprachen. In der Ferne das fliehende Pfeifen, wenn die Turbinen einer startenden Maschine hochdrehen, um sie zu beschleunigen, auf der Rollbahn auf Touren zu bringen, um der Schwerkraft auch diesen Start abzuringen. Karl checkte ein, checkte aus.

Er nahm seinen Koffer, ging durch den Zoll, setzte sich an die Loungebar, um einen Espresso zu trinken. Inmitten des Gewimmels von zahllosen Reisenden, die im Osterreiseverkehr des Flughafens ein- und aus checkten, las Karl einen Artikel von Theo Sommer über den Täter Milosevic, der drei Kriege vom Zaun gebrochen, aber noch nicht genug hat, der vielleicht nicht mehr Herr seiner Sinne ist, der sein Volk dem Bombardement aussetzt, vielleicht um einen trotzigen Kampfwillen heraus zu kitzeln, der Vater, Mutter und Onkel durch Selbstmord verloren hat und vielleicht selbst kalt und eng, in selbstzerstörerischer Gnadenlosigkeit, mit der Stirn an diese Mauer stößt, an der Seelen zerbrechen und Völker, die mitgerissen werden, untergehen können. Das nationale Pathos ist ein gärender Boden, dessen giftige Gase den Verstand zerstören.

Karl las, Karl legte die Zeitung weg, drückte eine Zigarette aus und trank den bitteren Kaffee. Er blickte um sich, beobachtete die Tausenden, die an ihm vorbei hasteten.

Plötzlich hob sich, wie er es manchmal erlebte, etwas von ihm ab, als hätte er den Hut gezogen. Sein Schädel weitete, öffnete sich, eine Blüte, die sich entfaltete, und diese Hastenden um ihn herum waren ihm nicht mehr fremd. Er schaute sie an. Einen jeden, den er fokussierte, sah er, eine sich selbst fühlende Entität. Jeder einzelne ein Kosmos für sich, eine Biografie, ein Schicksal. Ein jeder verwoben in unzählige einzigartige Beziehungen.

Karl sah, und er fühlte das menschliche Band, die reine innere Beziehung, die alle zu tastenden, suchenden, sehnenden, scheiternden Wesen macht, zu Wesen, die niemals mit sich selbst fertig und immer in innerer Bewegung sind. Zweigeteilte, ja vielfach gesplitterte Existenzen, deren innerste Bewegung, vielleicht verschüttet, vielleicht in Verbitterung begraben, dennoch nichts anderes sein kann als hingebende Anteilnahme.

Karl bezahlte, nahm seinen Koffer und ging die Treppe hinab zur U-Bahnstation.


Der Gärtner

Im Grunde war es - dachte Karl- wie früher auf den grossen Parties, wenn ein Haus „sturmfrei“ zur Verfügung stand, für einen Abend, eine Nacht und einen Morgen danach. Eingeladen war Karl nie. Er zog einfach mit den Freunden durchs Städtchen und kehrte irgendwo ein, wohin es sie eben zog. Man klingelte, und irgend jemand öffnete die Tür. Von drinnen drang ein unwiderstehlicher Schwall von Gesprächen, Gerüchen, Musik und Rauch. Manchmal feierte Karl die ganze Zeit mit, ohne ein einziges Mal zu wissen oder zu fragen, wer eigentlich der Hausherr war. Sie alle waren doch einfach durch die Tatsache verbunden, dass sie jung waren.

Hätte er morgens nach kurzem Schlaf in den Garten geschaut, hätte er wahrscheinlich den Gärtner gesehen, der gerade die Büsche schnitt. Aber Karl schaute nicht.

Im Haus der Erleuchtung wird man nicht belehrt. Es werden Fragen erwartet, wie eben von einem materialistischen Parzival des 21. Jahrhunderts. Denn man bemerkt nur das, was man ist, so wie jede Frage der Antizipation der passenden Antwort zugrunde liegt. Man hat es eigentlich schon immer gewusst, es nur durch widrige Umstände zwischenzeitlich vergessen. Im Haus der Erleuchtung ist man endlich zuhause.

Karl drückte seine Zigarette an einem eisernen Zaunpfahl aus und ging. Es war spät, der Himmel wölbte sich in einer Pracht von Indigo, und der warme Frühlingswind roch nach Versprechungen, die keinen Namen haben.


Der Wind, auf den man bauen kann


Manchmal erschien es Karl, als stünde er in einem Gegenwind- ein kühler Wind, der ihn fast physisch berührte und bedrängte, aber selbst nichts körperliches hatte, nichts, was zu hören oder zu sehen gewesen wäre. Er drängte auch nirgendwo hin, denn er entsprang der Stille und führte auch wieder zu ihr hin.

Der Wind, der keiner war, wurde Karls ständiger Begleiter. Es kam so weit, dass Karl ihn sich herbei wünschte, wenn er in Entscheidungen stand, in schwierigen Situationen, wenn er unter Druck stand und vielleicht in Verhaltensmuster zurück gefallen wäre, mit denen er sich das Leben lang genug selbst schwer gemacht hatte. Der sanfte Wind war ein guter Begleiter.

Allmählich lernte Karl, dass der Wind auch Forderungen stellte. Karl dachte an Madeleines unbedingte Aufrichtigkeit. Der Wind duldete keine schiefen Positionen, in die man sich stellen mochte. Vielleicht blies er auch allmählich Karls schroffe Kanten ab- eine Art innerer Erosion. Das war immerhin eine Hoffnung, wenn auch unwahrscheinlich.

Aber Karl musste auch lernen, dass der kühle Wind verschwinden konnte. Er hatte sich geirrt. Er hatte gedacht, der Wind sei inzwischen zu seinem Eigentum geworden. Karl hatte sich auf ihn verlassen. Aber es gab neue Nachrichten, die Karl in den Ohren klingelten. Es gab Umstände, die so laut und schmerzlich waren, dass Karl die Stille verlor. Er hatte vergessen, dass man den Boden unter den Füßen verlieren kann. Es ist ein Fehler, wenn man es so weit kommen lässt. Denn wenn der Wind still steht, gelingt gar nichts mehr. Das Glück wendet sich ab, als hätte es einen nie gekannt. Es ist, als ginge man plötzlich wie ein Fremder durch sein Leben. Man kann nicht glauben, dass das möglich ist. Aber wer vom Wind verlassen ist, hat nichts mehr, auf das er bauen kann.

Wer vom Wind verlassen wird, kann nur warten. Aber vielleicht ist das schreckliche Warten nichts anderes als die Abwesenheit des Windes, der unterwegs abhanden kam. Man darf sich im Warten nicht einrichten, selbst wenn jede Änderung des prekären Zustands als, vernünftig gesehen, unwahrscheinlich gelten muss. Wer den Wind kennt, weiss, dass dieser eigene Wege geht und einen dort erwartet, wo man nicht gewartet hat.