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Michael Eggert: Bömmel und Lametta

Eine kleine Soziologie des Weihnachtsfests




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Bömmel und Lamett
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Die Säkularisierung der ehemals christlichen Feste schreitet voran. Nach einer Umfrage des Allensbacher Forschungsinstituts (2002) feiern 94% aller Einwohner Deutschlands Weihnachten. Fast alle feiern zu Hause, bei Verwandten oder Freunden. Das sind aber mehr, als es überhaupt Christen in Deutschland gibt. Das Weihnachtsfest hat sich also längst religions- übergreifend als zentrales familiäres Ereignis etabliert. So erstaunt es auch nicht, dass in China im vorletzten Jahr eine weihnachtliche Hysterie losbrach, mit Weihnachtsmännern, Bömmeln, Tannenbäumen und dem entsprechenden Lametta. Dieses Jahr soll wegen dieser chinesischen Begehrlichkeiten schon eine gewisse Knappheit an heimischen Bäumen feststellbar sein. Und man wundert sich auch nicht, am ehemals Heiligen Abend im heimatlichen Wald ganze Belegschaften türkischer Ehemänner mit ihren Kindern anzutreffen, während zu Hause die Ehefrauen den Baum schmücken. „Wir warten aufs Christkind“ ist da eine eher altertümliche Anmutung. Die Symbolik ist breit angelegt, erlaubt Freiräume für private Interpretationen und wird weder hinterfragt noch in ihrem Ursprung auf christliche Inhalte erkannt. Es interessiert auch niemanden. Deutsche Kinder und Jugendliche, die man fragt, warum genau Weihnachten oder Ostern begangen werden, geraten auch ohne PISA- Studie im Nacken deutlich ins Schwitzen.


Im Auge des Konsumhurrikans


Wenn das Fest selbst der Höhepunkt ist, dann hat sich das Vorspiel deutlich ausgeweitet. Im Spätherbst wird das adventliche Tirilum eingeleitet, die Gassen und Einkaufsmeilen sind geschmückt, die Deko umgestellt, allerlei stechendes Grün gehauen und ausgestellt. Lichter überall. Die Lichterdekoration führt zu heftigen Konkurrenzkämpfen in den Vororten, wo Nachbar gegen Nachbarn antritt, um diesen in Sachen Wattzahlverbrauch zu übertrumpfen. In unserem winzigen Ort hat ein Eigenheimbesitzer, der ordentliches Vermögen aus Nachtclubs und verwandten Etablissements herauszieht, seinen großen Garten in ein weihnachtliches Las Vegas verwandelt, ließ Opernsängerinnen herankarren, die zu Lichterketten und Lasershows Arien schmetterten- dies alles täglich für 10 Euro Eintritt. Im Nachbarort ging eine ganze Straße gegen einen anderen Eigenheimbesitzer gerichtlich vor, der sein Haus in eine blinkende Orgie von hyperaktiv blitzenden Lämpchenmeeren verwandelt hatte. Nicht nur, dass die dörfliche Strasse ununterbrochen durch Schaulustige verstopft war – er hatte auch vor seinem Haus eine Bude aufgestellt, in der er Glühwein und Plätzchen verkaufen ließ. Offensichtlich gehören Konsumorgien, klaustrophobische Gefühle im Gewühl im Elektromarkt, stundenlanges Eingekeiltsein beim Versuch, ein Innenstadtparkhaus mit dem Auto zu erwischen ebenso untrennbar zur „Stillen Nacht, Heiligen Nacht“ wie schlitzohrige Geschäftemacherei, erhöhte Stromrechnungen, Printenduft und feierliche Chöre.

Der Spannungsbogen, der am Heiligen Abend kulminieren sollte, braucht die Unruhe, das aufgeregte Geschaffe, das aggressive Gehupe, das wütende Schubsen in der menge, denn nur mit dieser Unruhe, mit der sich das Fest umgibt, kann es die „Aura der Ruhe“ erreichen, die den 24. Dezember zwischen – sagen wir- 18.00 und 21.00 Uhr charakterisieren. Höchstens. Denn nach dem Pflichtprogramm wartet neue Unruhe, Hektik, Bewegung: Die Zeit der Partys. Für fast alle unter 25 Jahren gilt: Die Heilige Nacht wird durchgetanzt. In den Diskotheken flackern die hektischen Lichter der Adventszeit wieder auf. In den Warteschlangen vor den Türwächtern wird die Intimität des familiären Festes abgeschüttelt.
Denn eben diese Intimität wird zwar gesucht. Das Weihnachtsfest ist kein religiöser, sondern ein familiärer Kulminationspunkt. Die lange Zeit der Erwartung, das enge Korsett der internen Sitten und Gebräuche aber führt auch dazu, dass allerlei schwelende Konflikte ebenfalls kumulieren. So wird der Weihnachtsabend noch mehr als mancher lang erwartete Urlaub mehr zur Konfrontation als zur Besiegelung familiärer Bünde. Man trennt sich gern und häufig nach Weihnachten. Wenn unter dem Weihnachtsbaum die Flöten nervig klingen, die Geschenke wieder vollkommen daneben lagen und Vater schon um 20.00 Uhr den Fernseher einschaltet, zerreißen hörbar allerlei Tischtücher, die schon vorher deutlich vorweisbare Risse aufwiesen. Wenn das Korsett zu eng geschnürt ist, ringt so mancher nach Luft. Das beginnt bei der für Viele sakrosankten Speiseordnung, der sonst kaum gekannten Kleiderordnung und endet noch lange nicht bei der geplanten Besuchsabfolge der nächsten Tage.


Die Kunst des Schenkens


Die Frohe Botschaft der Weihnachtstage ist doch die: Unsere Familie steht noch. Es gibt keinen anderen Anlass im Jahreslauf, der alle Beteiligten an diesem Konstrukt „Familie“ mit solcher Macht versammeln könnte, weder Grillfeste, noch Urlaube, noch Geburtstage. Noch nicht einmal das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft. Dieses Phänomen ist übrigens noch nicht sehr alt. Der ritualisierte familiäre Höhepunkt namens „Weihnachtsfest“ mit seiner lamettaseligen Innerlichkeit existiert in dieser Form in Deutschland seit „mehr als 200 Jahren.“ [1]
Die Säkularisierung besteht offensichtlich nicht nur in der Bestückung des Festes mit einer unüberschaubaren Anzahl von Symbolen, in der Transponierung der symbolischen Gaben der Könige auf das materielle Beschenktwerden und Schenken, sondern auch im in Beziehung- Setzung der „Heiligen Familie“ zu der eigenen. Der Anspruch, sich der Existenz der eigenen Familie Jahr für Jahr neu zu vergewissern, produziert allerdings einen nicht geringen Anspruch, dem man erst mal gerecht werden muss. Da das Fest gleichzeitig mit höchst privaten Ritualen gespickt ist („Wir essen seit Menschengedenken Ente zum Fest“), entstehen Konflikte notgedrungen spätestens dann, wenn unterschiedliche Familien bei der Gründung einer neuen Familie aufeinander stoßen. Die einen singen und musizieren, die anderen gehen in ein weihnachtliches Konzert oder in den Gottesdienst, die dritten gehen spazieren, die vierten fliegen in die Karibik. Eine Vielzahl von ritualisierten ungeschriebenen Gesetzen überlagern die privaten sakrosankten Gewohnheiten: „Männer schenken Frauen, Ältere schenken Jüngeren teurere Dinge – nicht umgekehrt. (..) Geldgeschenke sind innerhalb der Verwandtschaft zulässig – aber nur von der älteren zur jüngeren Generation..“. [2] Das Geschenk soll verpackt sein -oder zumindest soll eine Verpackung angedeutet sein, etwa in Form einer Schleife oder eines beiläufig angepappten Sterns. Das Auspacken erfolgt in einem gemeinsamen Akt und nennt sich „Bescherung“. Ältere Menschen benehmen sich dabei überlegt und zeigen keine Gier, haben aber freudige Überraschung zu zeigen. Jüngere Familienangehörige dürfen gierig sein, müssen aber selbst dann Überraschung mimen, wenn sie die Geschenke durch waghalsige Kletteraktionen in der Vorweihnachtszeit längst erkundet haben.

Kränkend ist die Zurückweisung oder die offensichtliche Enttäuschung beim Auspacken des Geschenks, denn der Austausch der Waren spiegelt immer auch die emotionale Beziehung zwischen Schenker und Beschenktem. Wenn das Geschenk nicht „passt“, stimmt offensichtlich auch etwas nicht in der Beziehung von Geber und Nehmer zueinander. Das aber ist ungehörig, weil es dem Sinn der stabilisierenden Familienweihnacht zuwiderläuft. Der enttäuschte Beschenkte fühlt sich in seinen Wünschen nicht erkannt, die Mühen des Schenkenden waren vergebens. Eine Katastrophe. In zahllosen Familien entzündet sich auch an diesem Punkt der sowieso schwelende Streit. Häufig gehören Zurückweisung und Enttäuschung längst auch zum alljährlich praktizierten Ritual. Schließlich kann man am Maß des Wertes der Geschenke auch den Grad der Liebe festmachen wollen. In der Zurückweisung des einen wird auch symbolisch das andere - die Zuneigung – abgewiesen. Die Nichtabgemessenheit der Geschenke kann in vieler Hinsicht zu Tage treten: Zu teure Geschenke können kränkend wirken, Absprachen (die Eheleute verzichten auf gegenseitige Geschenke, der eine Partner hat sich daran aber nicht gehalten) können gebrochen werden und daher peinliche Situationen hervorrufen, bestimmte Familienangehörige können sich mit minderwertigen Gaben abgespeist fühlen (Heinrich kriegt immer Socken, die anderen Geldgeschenke) oder die Geschenke können didaktische Absichten beinhalten, die vom Beschenkten als aufdringlich empfunden werden (schon wieder ein Geschichtsbuch).


Patchwork- Weihnachten


Ein sehr heikles Thema ist auch die Besuchsordnung über die Tage. Wenn ein Paar erstmals Weihnachten unter dem eigenen Baum feiert, wird es so als eigenes familiäres System anerkannt, wie eine Bienenkönigin, die ausgeschwärmt ist, um einen eigenen Bau zu beziehen. Nun muss eine neue Besuchsordnung entwickelt werden. Der Friede kann nur wieder hergestellt werden, wenn die Elternfamilien zu Besuch eingeladen werden, und zwar meist am Ersten und Zweiten Weihnachtstag. Das ist ein heikler Akt, nicht nur, weil neue Rituale ausverhandelt werden müssen, sondern auch, weil sich die, die am Zweiten Weihnachtstag erscheinen, sich schnell als zweiter Aufguss fühlen können. Im allgemeinen erscheinen die Eltern der Frau zuerst.
Denn bei den Frauen liegt die „Weihnachtsmacht“ [3] – sie sind die Garanten des Kerns der Familie. Hier kämpft denn auch die junge Frau mit der alten Macht von Mutter und Schwiegermutter, die häufig keinesfalls gewillt sind, über die – in ihren Augen- existierenden Mankos der Durchführung schweigend hinweg zu gehen. Man kann ihren Ansprüchen auf gar keinen Fall genügen, weil diese Ansprüche auf unausgesprochenen privat- familiären Ritualen gründen. Die junge Frau weiß vielleicht nicht, dass die Schwiegermutter Weihnachten auf Knödeln und Ente auf Senfsauce gründet. Fatal, wenn sie es wagt, eine schlaffe Gänsebrust zu servieren. Dem jungen Mann obliegt es, zwischen einer ratlosen Frau und der eifersüchtigen Mutter zu vermitteln. Die alte Bienenkönigin ist nun einmal zu Gast bei ihrer Nachfolgerin. Solche Situationen sind nie angenehm.

Insgesamt steigen die möglichen Komplikationen mit der Größe der Familie an. Bei derart komplizierten familiären Konstellationen müssen monatelange Verhandlungen dem eigentlichen Fest voran gehen. Möglicherweise ist der Schwiegervater oder der Bruder der Ehefrau dann schon seit Ende Oktober beleidigt, hat sich aber beim eigentlichen Fest wieder beruhigt. Diese schwelenden Emotionen kollidieren an den Tagen dann mit dem Harmoniegesetz des Weihnachtsfests, das alle anderen Ansprüche überlagert. In solchen Fällen ist es nur zu verständlich, dass Viele buchstäblich vor den Heiligen Tagen die Flucht ergreifen möchten. Ob die karibische Einsamkeit wirklich Zufriedenheit erzeugt, ist aber noch die Frage. Ein andere Möglichkeit ist die Umdefinierung des Konstrukts „Familie.“ Es müssen ja nicht die Blutbande sein. Vielleicht feiern befreundete Familien miteinander, vielleicht kommen gute Bekannte mit ihren (einsamen) Anverwandten, vielleicht finden sich eigentlich sehr entfernt Verwandte zusammen. Dieser Sachverhalt wird durch die vielerorts entstandenen Patchworkfamilien verstärkt. Welches Kind feiert mit dem neuen Lebensabschnittsgefährten von Mutti, vor allem, wenn der seine drei Kinder aus der ersten Ehe mitbringt? Welches Kind fährt wann zu Papi, der alle drei Monate eine neue unbekannte Frau an seiner Seite hat? Wer schenkt wem was, und mit welchem Wert? Komplikationen ohne Ende.

Ein schönes Fest.
Aber nächstes Jahr fliegen wir nach Fuerteventura.

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[1] Karl Otto Hondrich, „Stille Nacht“ in: FAZ Nr. 301, 24.12.2004, Seite 6

[2] Hondrich, s.o.

[3] Hondrich
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