
Singen wir den Anthro- Society- Blues!
Sesamkörnchen auf der Fettucine
Diese Sumsemänner. Diese Arroganz, die sich daraus speist, einen Saab zu fahren und dennoch so frei zu sein, alternativ zu denken und eine wirklich bedeutende Mission zu verfolgen, von der die Alltagsdämel keine Ahnung haben. Man bewegt sich stets in seinen Kreisen: Am schlimmsten die Mischung mit Opern- und Schauspielfamilien, Werbefuzzis, alternativen Architekten, Zahntechnikeranthros & Chirurgen.
Beim gemeinsamen Essen parliert man über große Projekte. Man spricht stets über bedeutungsvolle Dinge. Der Architekt deutet an, er werde in den Dämmstoffplatten Torffasern verarbeiten, um die Bewohner damit vor radioaktiver Strahlung zu schützen. Er hat einen sagenhaften Elektroingenieur an der Hand, der schädliche elektromagnetische Strahlung durch raffinierte Induktionsschleifen im Keller beseitigen kann. Gewiss, dessen Hellsichtigkeit ist ein bisschen archaisch, aber immerhin hat er Steiner schon gelesen. Und Wünschelruten nimmt er nicht. Nein, er hat elektronische Feldmesser, die leise vor sich hinknarzen, wenn sie auf Erdstrahlen und elektromagnetische Strahlung stoßen.
Und wo stoßen sie nicht darauf ? Man ist umzingelt von Elektrosmog. Die Ätherleiber werden geradezu torpediert davon. Natürlich ist man sich einig über die katastrophale Lage, in der sich die Menschheit durch die Ausbreitung der Handys befindet. Die Leute sind selber schuld, wenn sie vom Krebs zerfressen werden.
Ein oder zwei Gäste lächeln dennoch den ganzen Abend in einer verklärten Indifferenz und in tiefem Schweigen, weil sie gerade die "Nebenübungen" meditieren. Sie verbreiten Gleichmut und inneres Gleichgewicht, selbst wenn die Sesamkörnchen auf den Fettucine heute etwas angebrannt wirken.
Die unsichtbare Frau
Natürlich sind auch die Künstler nicht zu verachten in ihrer bodenlosen Selbstbespiegelung. Er hat in Dornach studiert und befindet sich mitten im Krieg gegen die Witwe seines toten Meisters. Schließlich lässt sie Broschüren, Plakate, Kalender drucken.
Der Maler verachtet die Kommerzialisierung der wahren Kunst. Er stammt aus einer angesehenen anthroposophischen Familie, in der man schon seit drei Generationen "Theosophie" liest. Das geht nicht spurenlos an einem vorbei.
Er gibt ein paar Kurse auf einem alternativen Bauernhof. Dort versucht er, seine Schüler zu lehren, wie sich die Formen gesetzmäßig aus den Farben entwickeln.
Aber es ist nicht leicht. Die Leute sind geistig so wenig beweglich. Sie wollen einfach die Gesetze nicht erkennen, auch wenn er sie wieder und wieder darauf hinweist.
Marion ist eine der Frauen, die bei ihm sehen lernen wollen. Man kann wenig zu ihr sagen. Sie kleidet sich, als wollte sie sich unsichtbar machen. Ihre grässliche Ehe, ihr grässliches Gefühl, nichts wert zu sein, ihre grässlichen Begründungen für ihr Unglück. Früher hat ihr Mann getrunken, heute ist er Waldorflehrer. So radikal, wie er sich den Alkohol abgewöhnt hat, pocht er jetzt auf seine Ansichten. Marion und die Kinder müssen schweigend essen. Geschenke zu Geburtstagen und zu Weihnachten gibt es nicht. Das alles, sagt er, ist materialistischer Kram. Marion schweigt und macht den Abwasch. Viele Kinder & eine Frau, die alles das und sich selber hasst. Sich aber unterwirft, weil sie an Steiner glaubt.
Freudloses Älterwerden
Graue Wesen in wollenen Unterhosen, die systematisch ihr Karma abarbeiten. Sie überfahren jeden und alles, was ihnen in den Weg kommt, und sie haben immer recht.
Freudloses Älterwerden. Ehemalig alternativ. Einige Karrieren ausgeschlagen mit der wilden Gebärde des NochImmerJungseins. Dann ABM- Stellen & arbeitslos.
Ausgebeutet in einigen anthroposophischen Heimen. Hungerlöhne und die eigentlich nie formulierte Erwartung an die Mitarbeiter, sich aufopfern zu müssen. Heimlich lesbisch seit 45 Jahren, aber nie etwas ausgelebt. Man darf nicht drüber sprechen. Rosa Schleier über den gewissen Stellen.

Die Generalin
Frau Dings könnte Generalin sein, aber sie ist nur in der "Klasse". Zweigvorsitzende ist sie zwar nicht, aber selbst ihr Mann schleicht immer gebückt hinter ihr her.
Wer käme an ihr vorbei ? Sie ist der lebende Beweis, dass ein Intelligenzdefizit oft nicht nur mit mangelndem Taktgefühl, sondern auch mit Rechthaberei einhergeht.
Wenn Menschen ihr komisch kommen, ignoriert sie sie königlich. Dabei ignoriert sie nicht nur jede andere Meinung, sondern überhaupt jeden Gedanken. Sie hat sich ein umfangreiches Repertoire an Steinerzitaten zurechtgelegt und bringt diese bei jeder Gelegenheit an.
Eindrucksvolle Leute
Auch die andere Grande Dame in einer anderen Stadt ist bekannt.
Vor Jahren kam sie aus dem Osten, um in unserer Stadt eine Schule zu formen, die keine Experimente duldet. Auf großen anthroposophischen Versammlungen spricht sie gern über Christus. Nichts wirklich Wichtiges, aber eindrucksvoll. Sie unterbricht auch jede interessante Diskussion mit diesen nicht stimmigen, aber eindrucksvollen Einwürfen.
Sie ist wirklich eine beeindruckende Persönlichkeit, wenn sie mit ihrem Stock so gebeugt über den Hof schlurft, einen kleinen Staat von Anhängern um sich herum, die an ihren Lippen hängen. Manchmal schwankt sie, dann stürzen ihr hagere Wesen in grauwollenen Pullis zu Hilfe. Manchmal kommt sie unangemeldet in eine Versammlung, sieht einen so unverwandt irgendwie esoterisch an und spricht dann: "Ich glaube, Sie sollten Heilpädagoge werden". Sie sagt irgendwie so etwas Zukünftiges, dass man ganz erschüttert ist.
Schade, dass ich sie hasse.
Nur ein klein wenig sektiererisch
Ihr Mann war auch so. Er hat vieles in diesen Kreisen gegründet und war landauf, landab bekannt. Auch er, wie so viele andere, gehörte noch einer ganz anderen religiösen Gruppierung an, über die wir heute lieber nicht sprechen.
Eine Zeitlang hatte er mich in seine engeren Kreise aufgenommen, als er noch glaubte, ich könnte vielleicht nützlich sein. Nun als ich zu verstehen glaubte, dass es Manipulatoren nicht nur im Big Business gibt, strich er mich von seiner Liste.
"Das liegt wahrscheinlich an deinem luziferischen Doppelgänger", sagte ein Bekannter.

Hüter der Schwelle
Hey peacemaker, wo ist deine Seilschaft ?
He edler Mann, wer steht dir im Weg ?
Hey baby run, der Hüter der Schwelle wartet darauf, zu sehen, was du schaffst.
Hey baby run
Selbst gewählte Verblödung
Und dieser Pfarrer. Was für ein böses Mundwerk, wenn er privat wurde. Am Altar war er wirklich toll.
Er vertrat eine Generation, die ganz und gar wahrhaftig wirkte, wenn sie zelebrierte. Keine verschmockten Gefühle. Er wirkte intensiv und ehrlich.
Aber so geradlinig er am Altar auch war, konnte er doch nicht dulden, dass man seine Gemeinde unterwanderte. Eine gewisse Führerschaft, fand er, musste schon sein. Deshalb wanderte ein Großteil der Gemeinde ganz weg. Die meisten wollten ernst genommen, nicht geführt werden. Vor allem die unter 50.
Und dieser Pfarrer: Er war so stolz, sagte er, nichts zu lesen außer dem Heftchen
DIE CHRISTENGEMEINSCHAFT.
Ziesel mit Esprit
Und dann die zieseligen Gestalten. Die Hochaufgeschossenen mit dem intellektuellen Esprit. Manche sind schon in jungen Jahren ein wenig kahl.
Sie haben auf irgendwie liebenswerte Art eine Art gedankliches Paradies gefunden, in das man sich hinein verheddern kann, dass es ein Vergnügen ist. Folgen kann und will ihnen sowieso nie jemand.
Und im Alltag klappt es auch nie so recht. Ganz abgesehen von der sonstigen Ungeschicklichkeit ist die Wahl des Partners auch ein wenig unglücklich geraten.
Und die Geschäftspartner rebellieren. Und in der Bilanz ist, vor lauter Drehungen und intellektuellen Windungen, ein ganz kleiner, aber entscheidender Fehler unterlaufen, der eine Differenz von 150000 Euro ausmacht. Aber Irrtümer unterlaufen schließlich jedem. Und was soll man von einer Gesellschaft erwarten, die so ist, wie sie ist.
Es ist für einen geistvollen Menschen einfach nicht leicht.

Monika aus der Schwitzhütte
Und Monica, die auch auf Schwitzhütten und Indianermystik steht.
Sie hat schon wieder ein Kind, aber auch einen neuen Freund.
Neulich war sie auch im Zweig, aber da waren nur alte Leute, die hatten von Indianermystik keinen Schimmer. Monica hat sich auf den Stuhl gesetzt, im Schneidersitz, und ihnen mal klargemacht, dass die Anthroposophen das ja erst seit 60 Jahren machen, aber die Indianer seit 20000 Jahren.
Die ganze Sache hat Monica ein bisschen fickerig gemacht, aber nicht weil die alten Herren so glotzten, sondern weil es so total ungeil war. Sie hat aber alle trotzdem zum Saunazelt eingeladen, aber sie haben gesagt, sie wüssten noch nicht, ob sie kämen. Vor allem die Generalin war echt komisch drauf.
Geistesforscher mit eigenem Stil
Monicas neuer Freund ist wohl etwas älter, aber ganz okay. Er ist auch Esoteriker, obwohl nicht ganz Anthroposoph. Weil er einer geheimen Gruppe angehört, die nicht "dem Regime von Dornach" gehorcht. Monica findet das geil.
Sie haben übrigens herausgefunden, dass Christus immer noch in einer geheimen Höhle in Südfrankreich lebt. Er hat den Auftrag, eine Teufelssekte, die in der Nähe ihr Weltzentrum hat, spirituell zu eliminieren. Man soll aber nicht den Namen der Teufelsgruppe denken, weil diese sonst zu einem finden können. Das kann ziemlich unangenehm werden.
Deshalb - vor allem aus Mitgefühl für die Menschheit- sagen ihr Freund und seine Freunde weiter nix darüber.
Es ist ein Scheissgefühl, so die Last der ganzen Erde auf den Schultern zu tragen, sagt Monica.