Schwimmen lernen

SWIMANI

Anthroposophie ist eigentlich überhaupt erst durch den Gebrauch - d.h. durch die individuelle Vereinnahmung- zu erkennen. Sie ist ja kein Lehrsystem und kein Katechismus. Sie ist ein Steinbruch voller Hin-weise. So wird sie erst durch die persönliche Rezeption existent- sie verkörpert sich nur dadurch. Daher kann man sie eigentlich nicht "wiedererkennen"- man ist in gewissem Sinn ihr Erschaffer. Inwieweit das Konsequenzen für einen selbst hat -inwieweit man durch die Rezeption selbst verändert wird- sei mal dahingestellt. Das eigentlich Gefährliche ist zu viel Konsens über das, was Anthroposophie darstellt. Bei zu viel Einigkeit sollte man vielleicht etwas misstrauisch sein; vielleicht unterliegt da eine Gruppe einer Normierung.
Die grösste Gefahr sind Nachplapperer, Wortgläubige und Sektierer. Die Wortgläubigen erkennen den Hinweis- Charakter der Vorträge Rudolf Steiners nicht. Die Sektierer dagegen erkennen nicht die Relativität ihrer eigenen Interpretation. Sie verabsolutieren sie; finden auch sicherlich Material für ihren Standpunkt in dem Steinbruch. Die Nachplapperer sind die Traditionalisten, die aus den tradierten Denkweisen und Gebräuchen eine Art Lifestyle basteln.
Was not tut ist, dass man schwimmen lernt. Man muss Anthroposophie realisieren. Möglicherweise auf eine Art und Weise, die mit den internen Traditionen bricht. Ich denke sogar, dass man nicht an den „Übungen“ Rudolf Steiners kleben sollte. Sie sind alt und vielfach für eine bestimmte Zuhörerschaft entwickelt. Heute hat man möglicherweise andere Bedürfnisse- zumindest wenn man über die essentiellen Konzentrationsübungen hinaus gehen möchte. Es ist schädlich, dabei lediglich nachzuahmen, Traditionen nachzuvollziehen und bei Trockenübungen stehen zu bleiben. Irgendwann muss man ins Wasser und probieren. Zweifellos kann man einen eigenen Stil entwickeln. Dann erst gibt man Anthroposophie etwas zurück, dann erst entwickelt man sie weiter, dann erst macht man sich selbständig. Man muss schwimmen lernen.
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