"Am Abgrund"
01.Apr.2008 00:00 Uhr Abgelegt in:Anthroposophie | Nationalsozialismus
Nun hat auch Armin Husemann in der Zeitschrift "Anthroposophie- Vierteljahresschrift zur anthroposophischen Arbeit in Deutschland"* zur Benesch- Biografie Hans-Werner Schroeders Stellung genommen. Für mich ist es die erste Besprechung in einem "offiziellen" Organ, die ohne beschönigende Scheuklappen die Sache auf den Punkt bringt. Husemann schreibt, dass Benesch "seit seiner Jünglings- und Studentenzeit verschiedenen nationalsozialistischen Organisationen" angehört hat. Er war "früh Mitglied der nationalsozialistischen Erneuerungsbewegung in Rumänien und stellte Anträge zur Mitgliedschaft in der SS, was ihm aber als nicht deutschem Staatsbürger versagt wurde". Husemann stellt nicht in Frage, dass Benesch höchst aktiv als nationalsozialistischer Propagandist war. In diesem Sinne "benutzte" er auch seine "Stellung als Pfarrer in Birk", was ihm mit "brausendem Sieg-Heil" seiner Bauern vergolten wurde.
Für Husemann sind diese Zeugnisse aus Schroeders Biografie "ein deprimierendes Erlebnis". Kühn vermutet er im Sinne von Schroeder, dass Benesch angesichts der "Vernichtungsmaßnahmen an Juden" (was für ein Ausdruck!) ab 1942 Zweifel am nationalsozialistischen Staat kamen. Diese Annahme allerdings teile ich nicht.
Die Selbstdarstellung Beneschs nach 1945 aber bezeichnet Husemann als "Abgrund dieser Unaufrichtigkeit sich selbst und den Mitmenschen gegenüber". Er hat natürlich auch erhebliche Schwierigkeiten damit, einen derart verbohrten Nationalsozialisten wie Benesch in seinem Tätigkeitsfeld als anthroposophischer Repräsentant zu sehen. In der Anthroposophie sieht Husemann einen "diametralen Gegensatz gegen jedwedes nationalistische oder rassistische Gedankengut". Aber der Zugang Beneschs zur Anthroposophie bestand ja nicht erst seit 1945. Er hatte sie bereits mit 19 Jahren kennen gelernt, allerdings ausgerechnet den Volksseelenzyklus (GA 121) Steiners und einen Vortrag mit dem Titel "Die germanische Seele und der deutsche Geist" (14. 1. 1915). So rutschte Benesch zeitgleich in einer spezifischen Perspektive in die Anthroposophie hinein, in der er sich auch "in dem völkischen Artamanen-Bund" engagierte. Die beabsichtigte "Kolonisation" der "benachbarten slawischen Länder" war erklärtes Ziel der Artamanen. Benesch hat diese Ziele, indem er in dem Dorf Birk im nationalsozialistischen Sinne als Pfarrer zu wirken begann, faktisch tatsächlich umgesetzt. Husemanns Erschrecken darüber, dass Lesern, "die Anthroposophie nicht kennen", hier und an anderen Stellen der Eindruck aufkommen muss, "Anthroposophie passt zur nationalsozialistischen Entwicklung von Friedrich Benesch wie der Schlüssel zum Schloss", ist daher nur allzu verständlich.
So kommt Husemann zu dem Schluss, dass Schroeder es versäumt, "die Anthroposophie und Rudolf Steiner gegen Beneschs Missverständnisse in Schutz zu nehmen". Das ist kein Wunder, denn wenn Schroeder die unüberbrückbaren Gegensätze zwischen Anthroposophie und Nationalsozialismus explizit heraus stellen würde, wäre die Tätigkeit Benschs als Seelsorger, anthroposophischer Autor, als Priester und Ausbilder nur schwer zu vermitteln. Auch die von Schroeder doppeldeutig und schwärmerisch angebrachte "Naturverbundenheit und -anschauung" Beneschs sieht Husemann durchaus im Zusammenhang mit dessen völkischer "Blut- und Boden- Ideologie". Die Naturbegeisterung Beneschs hatte ihn ja nun auch zum Studium der "Rassekunde" nationalsozialistischer Prägung gebracht. Das, fragt Husemann, soll der von Schroeder vorgebrachte angebliche "jugendliche Goetheanismus" Beneschs sein? Diese vorgeblichen "Kompatibilitäten" in den Interessen Beneschs, sind- so Husemann- "zum Schaden der Anthroposophie und der Christengemeinschaft". Die Versuche Schroeders, Beneschs Biografie von den unübersehbaren Rissen und Unwahrhaftigkeiten zu glätten, können in der Öffentlichkeit nur zu katastrophalen Rückschlüssen in Bezug auf Anthroposophie führen- ein gefundenes Fressen für diejenigen, die darin ohnehin ein rassistisches Gedankengut sehen.
Der im Titel von Husemanns Artikel verwendete Begriff des Abgrunds kann daher nicht nur in Bezug auf die Biografie Beneschs verstanden werden, sondern auch auf die Rezeption durch manche anthroposophischen Kreise, die sich diesen Nationalsozialisten so lange schön schreiben wollen, bis die Anthroposophie selbst daran Schaden nimmt.
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*Anthroposophie 62. Jahrgang, Ostern I/2008, Nr.243, Seite 89 ff
Für Husemann sind diese Zeugnisse aus Schroeders Biografie "ein deprimierendes Erlebnis". Kühn vermutet er im Sinne von Schroeder, dass Benesch angesichts der "Vernichtungsmaßnahmen an Juden" (was für ein Ausdruck!) ab 1942 Zweifel am nationalsozialistischen Staat kamen. Diese Annahme allerdings teile ich nicht.
Die Selbstdarstellung Beneschs nach 1945 aber bezeichnet Husemann als "Abgrund dieser Unaufrichtigkeit sich selbst und den Mitmenschen gegenüber". Er hat natürlich auch erhebliche Schwierigkeiten damit, einen derart verbohrten Nationalsozialisten wie Benesch in seinem Tätigkeitsfeld als anthroposophischer Repräsentant zu sehen. In der Anthroposophie sieht Husemann einen "diametralen Gegensatz gegen jedwedes nationalistische oder rassistische Gedankengut". Aber der Zugang Beneschs zur Anthroposophie bestand ja nicht erst seit 1945. Er hatte sie bereits mit 19 Jahren kennen gelernt, allerdings ausgerechnet den Volksseelenzyklus (GA 121) Steiners und einen Vortrag mit dem Titel "Die germanische Seele und der deutsche Geist" (14. 1. 1915). So rutschte Benesch zeitgleich in einer spezifischen Perspektive in die Anthroposophie hinein, in der er sich auch "in dem völkischen Artamanen-Bund" engagierte. Die beabsichtigte "Kolonisation" der "benachbarten slawischen Länder" war erklärtes Ziel der Artamanen. Benesch hat diese Ziele, indem er in dem Dorf Birk im nationalsozialistischen Sinne als Pfarrer zu wirken begann, faktisch tatsächlich umgesetzt. Husemanns Erschrecken darüber, dass Lesern, "die Anthroposophie nicht kennen", hier und an anderen Stellen der Eindruck aufkommen muss, "Anthroposophie passt zur nationalsozialistischen Entwicklung von Friedrich Benesch wie der Schlüssel zum Schloss", ist daher nur allzu verständlich.
So kommt Husemann zu dem Schluss, dass Schroeder es versäumt, "die Anthroposophie und Rudolf Steiner gegen Beneschs Missverständnisse in Schutz zu nehmen". Das ist kein Wunder, denn wenn Schroeder die unüberbrückbaren Gegensätze zwischen Anthroposophie und Nationalsozialismus explizit heraus stellen würde, wäre die Tätigkeit Benschs als Seelsorger, anthroposophischer Autor, als Priester und Ausbilder nur schwer zu vermitteln. Auch die von Schroeder doppeldeutig und schwärmerisch angebrachte "Naturverbundenheit und -anschauung" Beneschs sieht Husemann durchaus im Zusammenhang mit dessen völkischer "Blut- und Boden- Ideologie". Die Naturbegeisterung Beneschs hatte ihn ja nun auch zum Studium der "Rassekunde" nationalsozialistischer Prägung gebracht. Das, fragt Husemann, soll der von Schroeder vorgebrachte angebliche "jugendliche Goetheanismus" Beneschs sein? Diese vorgeblichen "Kompatibilitäten" in den Interessen Beneschs, sind- so Husemann- "zum Schaden der Anthroposophie und der Christengemeinschaft". Die Versuche Schroeders, Beneschs Biografie von den unübersehbaren Rissen und Unwahrhaftigkeiten zu glätten, können in der Öffentlichkeit nur zu katastrophalen Rückschlüssen in Bezug auf Anthroposophie führen- ein gefundenes Fressen für diejenigen, die darin ohnehin ein rassistisches Gedankengut sehen.
Der im Titel von Husemanns Artikel verwendete Begriff des Abgrunds kann daher nicht nur in Bezug auf die Biografie Beneschs verstanden werden, sondern auch auf die Rezeption durch manche anthroposophischen Kreise, die sich diesen Nationalsozialisten so lange schön schreiben wollen, bis die Anthroposophie selbst daran Schaden nimmt.
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*Anthroposophie 62. Jahrgang, Ostern I/2008, Nr.243, Seite 89 ff
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