Ist Andrew Cohens Rücktritt ein Fake? | EgoBlog | Die Egoisten

Ist Andrew Cohens Rücktritt ein Fake?

Nachdem die Egoisten vor einigen Tagen voller Bewunderung und mit einem gewissen Respekt Andrew Cohens Rücktritt als Guru der EnlightenNext- Bewegung und ihrer integralen Sprösslinge konstatiert hatten („Andrew Cohen tritt von seiner Guru- Rolle zurück und entschuldigt sich“), kommen jetzt doch gewisse Zweifel auf, ob es sich um einen strategischen Rückzug handelt. Auf der Stammseite der deutschen Bewegung ist darüber nichts zu lesen; man frönt der eigenen Bedeutsamkeit in der üblichen Art der Selbstdarstellung: „EnlightenNext wurde von dem spirituellen Lehrer und Visionär Andrew Cohen gegründet. In über 25 Jahren Lehrtätigkeit hat Andrew Cohen eine umfassende Philosophie entwickelt, Evolutionary Enlightenment. (..) ..ist EnlightenNext international als Brennpunkt der Begegnung progressiver Denker, spiritueller Visionäre und inspirierter Aktivisten bekannt..“

Im Magazin „Spuren“ dagegen wird die Angelegenheit von Anhängern und ehemaligen Anhängern kontrovers dargestellt. Annette Kaiser schwärmt: „Das ist ein grosser Schritt, den Andrew Cohen getan hat – beispielhaft. Ich freue mich sehr darüber. Damit wird seine eigentliche Grösse sichtbar.“, Andere zweifeln: „Mit seiner Ankündigung erfüllt der amerikanische Guru eine Erwartung, die jahrzehntelang im Raum hing – und macht sich damit zum Hoffnungsträger für ungleich weitere Kreise als jene wenige, die trotz allem auf ihn eingeschworen blieben. Zu Recht? Das ist die grosse Frage.“
Tom Steiniger, Leiter des deutschen Zentrums und Freund von Jens Heisterkamp, sieht es als Ergebnis eines langjährigen Prozesses: „Andrews Erklärung ist auch Resultat vieler Gespräche mit ihm in denen wir ihn gebeten hatten viel weiter über ein altes Guru-Bild hinauszugehen als er es bisher tat, und sich der Fehler viel klarer zu stellen, die aus diesem Festhalten entstanden sind.“ Es gibt aber auch unfreundlichere Interpretationen des gleichen Sachverhalts - nämlich die der EnlightenNext- Dissidenten, die sich dann so anhören: „Noch vor Veröffentlichung der Rücktrittserklärung war dort zu lesen, dass es im Innern des Führungskreises seit längerem rumorte. Offensichtlich verständigten sich einige tragende Personen untereinander, den Guru mit den Missständen zu konfrontieren und ihm die Daumenschrauben anzuziehen, bevor seine Bewegung mit ihm den Bach runtergeht.
Unter diesen Vorzeichen wurde ein PR-Plan aufgesetzt, demgemäss Andrew Cohen sich schrittweise der Öffentlichkeit als reuiger und dann bekehrter Sünder zu präsentieren hat…“

Zentrale Anlaufstelle dieser Cohen- Dissidenten ist die Website What Enlightenment ??! in der Schweiz. Dort sammelt man auf einer Art Übersicht erst einmal die Andrew Cohen in den letzten Jahren, sei es in Büchern oder Websites, gemachten Vorwürfe von Ex- Anhängern, den Katalog von Traumata und Missbrauch durch den Guru. Das geht von Prügel und Demütigung über Zerstörung von intimen Beziehungen, Anweisungen zum Schwangerschaftsabbruch bis hin zur finanziellen Ausplünderung. Dann folgt ein ausführlicher Bericht eines ehemaligen Mitglieds des Führungsstabs über ein gemeinsames Essen mit Andrew Cohen am 22. Juni 2013, bei dem dessen angeblicher Rücktritt zur Sprache kam. Cohen äußert dabei, wenn er überhaupt etwas sagt, eine Reihe von Sprachhülsen, die offenbar zu seinem neuen, kommenden Image als sanftmütiger, nicht- autoritärer Gutmensch gehören: „I asked Cohen what he thought his former students were angry about, and he launched into a philosophical explanation about how, in his role as a “guru,” he had “overemphasized Eros at the expense of Agape,” with the result that he hadn't been as “kind” and “sympathetic” toward these students as he should have been.“ Der Autor empfindet diese mechanisch geäußerten Zugeständnisse Cohens als reine Farce- als etwas, zu dem sich Cohen genötigt fühlt: „“Well that's a new one,” Cohen rejoined with a wry smile. “Most of what I've been hearing lately is that it's not about me, that I should be paying more attention to them and how they feel.” Das Äußerste, was Cohen zugesteht, sind Fehler, die man in eher strategischer Art und Weise verstehen möchte, nicht als ein tatsächlich erfolgter Rollenwechsel: „You did some pretty awful things, Andrew. You. You did those things.”
“I know.”
“And they want you to consider what it means about you as a person that you were capable of such actions. What do you think it means?”
“I know I've made some mistakes,” Cohen admitted.“

So wird es tatsächlich schwer, an eine tatsächliche „Evolution“ bei der angeblich so evolutionären EnlightenNext- Bewegung zu glauben. „Spuren“ ist in dieser Hinsicht auch mehr als skeptisch: „«Kontaktnahme mit Dissidenten und Bekundung von Reue» steht ganz oben auf der Liste der PR-Massnahmen. Andrew Cohen hat diesen Teil des Programms bereits absolviert. Er telefonierte mit ehemaligen Schülern, die, seitdem es mit ihm zum Bruch gekommen war, seit Jahren und Jahrzehnten nichts mehr von ihm gehört hatten. Und er entschuldigte sich. Die Überraschung der Kontaktierten war gross. Längst nicht alle waren nach dem Gespräch mit dem einstigen Meister jedoch davon überzeugt, dass dieser seine Reue ehrlich meine und seine Entschuldigung von Herzen komme. Cohens Stimme habe maschinell geklungen wie die eines Roboters, seine Formuiierungen wie von einem Blatt abgelesen.“ Tatsächlich scheint eine kleine Clique von Insidern an einem taktischen Imagewechsel zu arbeiten, zu dem sich Cohen nicht mehr als genötigt fühlte. Die penetrante Frauenbeauftragte der Integralen, Cordula Frei, gibt dann noch ihren Senf dazu, indem sie Rudolf Steiner in den Sumpf von Missbrauchsanschuldigungen hinein zu ziehen versucht: „Ich sehe die Problematik eher in einer postmodernen Problematik von Guru/Spirituellem Lehrer Status und Schüler-Projektionen auf ihren Lehrer. Dazu tragen beide Seiten bei. Institutionen haben in allen Traditionen mit der reinen Lehrer ihres spirituellen Lehrers Probleme gehabt: man denke an Rudolf Steiner und die Anthroposophische Gesellschaft und an Krishnamurti und die theosophische Gesellschaft.“ Ja, das hatte wohl noch gefehlt.
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