Lorenzo Ravagli über Benesch

Im Novemberheft 2007 von "Die Christengemeinschaft- Zeitschrift zur religiösen Erneuerung" gibt nun auch Lorenzo Ravagli seine Besprechung von Schroeders Benesch-Biografie zum Besten. Der Titel "Verschleiertes Leben" gibt Anlass zur Hoffnung, dass die nationalsozialistische Vergangenheit des Säulenheiligen Benesch nicht wiederum verschleiert wird. Tatsächlich kommt Ravagli in der Betrachtung der Biografie schnell zu dem Schluss, dass diese ein Rätsel darstelle, zu dem "Beneschs Bekenntnis zum Nationalsozialismus" gehöre. Die Schritte Beneschs vom Mitläufer bis hin zum nationalsozialistischen Funktionär stellt Ravagli sorgfältig dar, auch wenn schon bald erste Relativierungen einfliessen ("Wieweit und in welcher Art er sich mit den Zielen dieser Vereinigungen identifizierte, bleibt an dieser Stelle offen"). Man könnte ja auf solche Formulierungen hin auch fragen, wieweit sich Benesch mit der Vereinigung "Christengemeinschaft" tatsächlich identifiziert oder seine bedeutende Rolle dort nur inszeniert hat. Zweifel bringt Ravagli aber nur in Bezug auf Beneschs nationalsozialistische Aktivitäten zum Ausdruck. Auch der Einsatz "für eine Reihe sozialer Belange" bis 1944 -während Beneschs Funktion als ehrenamtlicher "Kreisleiter des "Volksbundes der Deutschen in Ungarn und Stellvertreter des Gebietsführers"- bleibt eine für mich schwer nachvollziehbare Formulierung. Die Aufgaben eines solchen Kreisleiters sind uns im Detail noch nicht bekannt. Im ferngesteuerten Auftrag der SS in einem Gebiet tätig zu sein, in dem Hunderttausende von Juden kaserniert, vertrieben und ermordet worden sind, kann nicht bedeuten, dass lediglich "soziale Belange" von Benesch verfolgt worden sind. Es liegen aber bislang keine Nachweise für aktiv begangene Vergehen Beneschs vor, auch wenn weltweit nach Zeitzeugen, Vermächtnissen und schriftlichen Hinterlassenschaft aus der Region und Zeit gesucht wird.

Dennoch leugnet Ravagli die umfassende Fälschung von Beneschs Lebenslauf nicht: "Im Fall von Benesch aber besteht eine zusätzliche Problematik: die Selbstinterpretation seines inneren und äußeren Werdegangs, die vom Biografen (Schroeder, M.E.) über weite Strecken der Rekonstruktion der ersten Lebenshälfte zugrunde gelegt wird". In dieser Hinsicht wird Schroeders Biografie von Ravagli deutlich kritisiert. Sein Standpunkt ist der, dass man Beneschs "Selbstinterpretation" keinesfalls zur "Grundlage der Deutung der ersten Lebenshälfte" machen kann- eben weil man Beneschs Selbstzeugnissen nicht trauen sollte. Die Frage, wie weit man einem aktiven Nationalsozialisten, dessen Aussagen man in dieser Hinsicht keinesfalls trauen darf, in Fragen der Christologie folgen sollte, stellt Ravagli nicht. Dagegen hat Ravagli Schwierigkeiten mit den Aussagen Beneschs, er sei bereits 1931 "Anthroposoph" geworden: "Wäre er aber wirklich Anthroposoph geworden, hätte er die "Philosophie der Freiheit" oder die Vorträge über das Johannes-Evangelium damals auch nur ansatzweise verstanden, hätte er dann Nationalsozialist bleiben können?"

Am Ende aber schwenkt Ravagli wieder in eine andere Richtung über und interpretiert schwärmerisch- nationalsozialistische Äußerungen Beneschs über "positives Christentum" und "germanische Substanz" so, als riefe Benesch, "über den Nationalsozialismus und Hitler" hinausführend, "nach einem Propheten, der den Begriff des positiven Christentums mit Inhalt füllen kann". Diese Interpretation, Benesch habe sich "jenseits des Nationalsozialismus" positioniert, erscheint jedem, der Beneschs Schriften und Aktivitäten in dieser Zeit studiert, an den Haaren herbei gezogen. Die Rolle des Nationalsozialisten sei für Benesch nichts als eine "Fassade" gewesen: Diesem argumentativen Salto mortale kann und will ich allerdings nicht mehr folgen.
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