Die DDR lebt!
12.Jan.2008 17:28 Uhr Abgelegt in:Anthroposophie

Nun auch in der "Wochenschrifr für Anthroposophie", "Das Goetheanum" ein Artikel über Friedrich Benesch - oder, genauer gesagt, über Hans-Werner Schroeders umstrittene Biografie. Bernhard Steiner geht in seinem Artikel (4.1.2008, Nr 1/2) von einem Zitat Beneschs aus, das besagt, die "wirkliche Wahrheit ist nicht die Wahrheit, sondern der überwundene Irrtum". Das bezieht B. Steiner auch auf Beneschs Biographie selbst. Seine "Verstrickung in den Nationalsozialismus" habe Benesch nicht nur gegenüber der Öffentlichkeit, sondern "auch gegenüber seinen nächsten Kollegen" verschwiegen. Woher weiss Steiner das? Hat er mit allen gesprochen, oder setzt er das voraus? Emil Bock z.B. hat sehr wohl von den nationalsozialistischen Verstrickungen eines Haverbeck gewusst. Es hat ihn nur nicht interessiert: "Für uns ist es weiterhin nicht von Interesse". Die offene Frage für mich ist, wie dieses "für uns" in diesem Zusammenhang zu interpretieren ist.
Steiner schreibt, Schroeder habe die Biografie "mit viel Fleiß" zusammengetragen. Er lobt Schroeder insbesondere in der Beziehung, dass dieser sich "mit einer Wertung sehr zurückhält". Das archaisch Deutschtümelnde der siebenbürgischen Heimat Beneschs sieht Steiner als etwas wie einen "Strom", in dem etwas "lebte", "das man "Erdenfrömmigkeit" nennen könnte". Von dieser angeblichen Frömmigkeit sei Benesch durchzogen gewesen. Allerdings versteht Steiner zwar Beneschs Einsatz als "Kreisjugendführer für die "Nationalsozialistische Selbsthilfebewegung in Rumänien"" aus diesem Grundtenor heraus, kann aber auch nicht verhehlen, dass darin eine "idealisierende Überhöhung des Deutschtums" zu sehen ist. Die Begeisterung für Hitler erklärt er aus Beneschs Hoffnungen "auf mehr Unterstützung für die Rechte der Deutschen in Rumänien". So wird Beneschs nationalsozialistische Geschichte in wenigen Zeilen auf etwas wie ein frommes Ideal reduziert und verklärt. Die bittere Pille für die Anhänger Beneschs kann mit dieser Verpackung wahrscheinlich besser geschluckt werden. Nach einer schweren Erkrankung habe Benesch dann ein "Christuserlebnis" gehabt. Über die genauen Daten schweigt Steiner sich aus. Das liegt wohl daran, dass die wirklich aktive nationalsozialistische Wirkenszeit Beneschs nach diesem angeblichen Christuserlebnis erst begann. Steiner legt das so zurecht, dass Benesch bis "zur wirklichen Wende in seinem Leben (..) noch Jahre" benötigte. In der Tat. Die wundersame Wendung kam pünktlich mit dem Zusammenbruch des Dritten Reiches.
Warum Benesch da über seine Vergangenheit schwieg? Aus Sensibilität; wegen der "Schamgefühle", die Benesch "wegen ihres intimen Charakters nicht der Öffentlichkeit preisgeben wollte". Da fragt man sich, ob Steiner auch Kriegsverbrecher, die bis zum Schluss hartnäckig leugneten, ob ihrer Frömmigkeit, ihres ausgeprägten Schamgefühls in dieser Weise verteidigen würde. Das anthroposophische Wirken Beneschs wird dann in der weiteren Besprechung in ähnlich glorifizierender Weise gewürdigt, insbesondere der "Beitrag für die Verbreitung der Anthroposophie und des erneuerten Christentums" durch Benesch, der "seinesgleichen sucht".
Nun denn. Die argumentative Mauer ist errichtet und wird in allen möglichen anthroposophischen Medien Stein um Stein weiter erhöht. Der gefallene Engel, der durch die Versuchung ging. Der Idealist, der immer den Christus suchte, selbst in Hitler. Der Saulus, der zum Paulus wurde. Die Einmütigkeit in dieser klischeehaften Argumentation hat in ihrer Konsequenz etwas von Pamphleten der SED. Die Mauer ist errichtet, die DDR lebt. Wenn auch nur in den Köpfen selbstbezüglicher Anthroposophen.
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