Emil Bock an die Witwe Ohlendorfs

Schwierigkeiten macht mir ein Brief an Frau Ohlendorf vpm 21. 6.1951, dokumentiert in Elisabeth Kleins Erinnerungen "Begegnungen" (siehe Anmerkungen hier). Es ist ein Kondolenzbrief, geschrieben von einem treuen Begleiter durch die Jahre bis 1951, der endgültigen Hinrichtung Ohlendorfs. Es hatte eine ganze Reihe von Einsprüchen und Bittgesuchen um eine Begnadigung gerade von anthroposophischen Persönlichkeiten gegeben, die sich nun als vergeblich heraus gestellt hatten. Die Tatsache, dass Ohlendorf als Massenmörder zu titulieren ist, ist unstreitig: ""During the first nine months of Ohlendorf's year in command of Einsatzgruppe D, this force destroyed more than 90,000 human beings. These thousands, killed at an average rate of 340 per day, were variously denominated Jews, gypsies, Asiatics, and "undesirables". Between 16 November and 15 December 1941, this Einsatzgruppe killed an average of 700 human beings per day for the whole 30-day period. The intensity of the labors of Einsatzgruppe D is suggested by an April 1942 report upon its work in the Crimea, which states- "The Crimea is freed of Jews..."" Mobile killing Commandos Elisabeth Klein übernimmt allerdings die nachträgliche Deutung Ohlendorfs, er habe Schlimmeres zu verhindern versucht, denn er kenne seinen Nachfolger, der "grausam war". Was genau war Ohlendorf?

Bock schreibt: "Schon die Folter der langen Ungewissheit (das Warten auf die Hinrichtung Ohlendorfs, M.E.) war aber ein Ergebnis derjenigen politischen Rücksichtnahmen und Machenschaften, die nachher erst recht den äußeren Verlauf bestimmt haben. Und so musste ja auch schon zu Ostern und später immer wieder damit gerechnet werden, dass der äußere Verlauf ein tragischer werden würde. Trotzdem habe ich bis zum letzten Augenblick gehofft, dass sich letzte Regungen von Menschlichkeit und Gerechtigkeit gegen die kalten politischen Berechnungen durchsetzen könnten.

Es ist anders gelaufen. Eine Tragik kam, zustande, in der sich die letzte Kälte und Herzlosigkeit, die aus der heute üblichen Denkungsart resultiert, weltgeschichtlich symbolisiert. Fast noch deutlicher als durch die Hinrichtung selbst ist das in der Strategie des Totschweigens zutage getreten, durch die man erreicht hat, dass weite Kreise der Weltöffentlichkeit schließlich meinen mussten, es handele sich um eine Bagatelle, wo es sich in Wirklichkeit um ein Zeichen der Zeit allerersten Ranges handelte. Sie wissen, und ich habe auch in meinem Brief zu Ostern darüber gesprochen, dass wir uns in die Arena des Politisierens niemals begeben haben und auch niemals begeben werden. Wir müssen es uns zur Aufgabe machen, im Spirituellen, wenn auch in aller Stille, Gegentatsachen zu schaffen gegen die Taten des Ungeistes, die das politische Feld heute mehr denn je beherrschen".

Ich hatte gemeint, die "Taten des Ungeistes" hätten eben gerade im Vorfeld des jungen demokratischen Deutschland, im überwundenen apokalyptischen Dritten Reiches nicht nur die politische Ebene beherrscht. Emil Bock aber sieht diesen Ungeist nach meinem Verständnis dort gerade nicht, sondern in denjenigen die diese "Taten" aufarbeiten wollen- wenn u.a. auch mit der Hinrichtung eines überführten extremen Kriegsverbrechers und Mörders. Sind da Emil Bock nicht die Relationen vollkommen verrutscht? Kann man unwidersprochen behaupten, in der entstehenden Demokratie Deutschlands herrsche "heute mehr denn je" ein Ungeist- vor allem vor dem Hintergrund der gerade überwundenen nationalsozialistischen Schande und bei einem derartigen Anlass, bei dem einer dieser Vertreter des Ungeist-Regimes zu Grabe getragen worden war? Für mich geht es da um mehr als um Mangel an Fingerspitzengefühl.
blog comments powered by Disqus





Kommentare

Powered by Disqus


Blogs

Waldorfblog
Uribistan Daily
Michel Gastkemper
Zooey
Canaillo


Informationsportale

Institut für anthroposophische Meditation
Steiner Gesamtwerk Datenbank
Jörgen Smit
Anthromedia
Georg Kühlewind
Alanus Hochschule Alfter
Themen der Zeit
Nachlass Rudolf Steiners
Zeitschrift Die Drei
Info3
Online Archiv Rudolf Steiner


Historiker

Klaus Popa
Peter Hammerschmidt