Fragmentarisierung
11.Jan.2009 16:57 Uhr Abgelegt in:Anthroposophie

Gestern rief mich Wolfgang Garvelmann und berichtete, dass es Klagen darüber geben würde, weil ich hier in einem Artikel die blutenden Hände der stigmatisierten Judith von Halle gezeigt hätte. Ihm sei natürlich klar, dass ich nicht die Originale vorliegen habe, aber manche Anthroposophinnen seien eben entsetzt. Nebenbei erklärte er mir, er sei ein Anhänger dieser Dame - er ist organisiert in der „Freien Vereinigung für Anthroposophie Morgenstern“- und ich würde sie sicher ebenfalls zu schätzen wissen, sie sei so warmherzig und integer. Ich habe nun jedes Bild des genannten Artikels mit erläuternden Kommentaren versehen und hoffe, naive Anthroposophinnen nicht weiter zu brüskieren. Anhänger der Frau von Halle bin ich weiterhin nicht. Der Anruf war in dieser Sache nicht der erste. Aber es gibt auch die genau gegenteiligen Ansichten zu denen von Wolfgang Garvelmann. Es kommen sogar detaillierte Schilderungen und Protokolle von Auftritten Frau von Halles ins Haus, in denen sie als geltungssüchtige und autoritäre Matrone dargestellt wird, die bewusst einer Katholizisierung der Anthroposophischen Bewegung zuarbeitet. Von den Zeitzeugen und Stellungnehmenden möchte allerdings niemand genannt werden, daher habe ich auf Berichte verzichtet.
Auf Mieke Mosmullers kritisches Buch zu Judith von Halle habe ich allerdings schon hingewiesen. In dasselbe Horn bläst Holger Niederhausen auf seiner Website- nicht nur in diesem Aufsatz. Er beschäftigt sich auch mit der „Christusleere“ Sebastian Gronbachs, macht aber in einem Aufwasch auch die gesamte gegenwärtige Anthroposophie herunter: „Die Anthroposophie ist tot. Sie starb, weil niemand das reine Denken entwickelte, zu dessen Entwicklung Rudolf Steiner im Grunde immer wieder aufgerufen hatte. Wenn aber die Anthroposophie tot ist, kann sie auch die menschliche Kultur nicht mehr befruchten.“ Niederhausen lässt in seinem pessimistischen, engen Blick offenbar nur die Bücher Mieke Mosmullers gelten: „Man muss es so drastisch beschreiben, wie Mieke Mosmuller es in Ihrem erschütternden Buch „Der lebendige Rudolf Steiner“ tut. Die Anthroposophie liegt als Leichnam am Boden. Sie starb mit Rudolf Steiner – und wurde wie eine Mumie so gepflegt, dass nachfolgende Generationen von „Anthroposophen“ sie mit ihrem eigentlichen Wesen verwechselten – so wie man ihr Wesen schon zu Steiners Zeiten nicht erkannt hatte, sondern immer wieder ein zu äußerliches Verständnis hatte: von der Philosophie der Freiheit, von der sozialen Dreigliederung, von allem...“
Diese Beispiele ließen sich nahezu endlos fortsetzen. Auf staatlicher Ebene würde man von „separatistischen Bewegungen“ mit einem Alleinvertretungsanspruch sprechen, der mehr oder weniger drastisch vorgebracht wird. Fast alle Separatisten beklagen das Ende der Anthroposophischen Bewegung - ob die von Halle-Ecke, ob Niederhausen oder Gronbach - und präsentieren ihre jeweiligen allein selig machenden Lösungen. Man hat den Eindruck, dass die Fragmentarisierung der Bewegung voran schreitet, mit zunehmend schrilleren Tönen.
Wie angenehm ist es dagegen, die Statements von Wolfgang Held in einer ganz anderen Angelegenheit wahrzunehmen. In Themen der Zeit äußert er, der Gedanke, „dass die Anthroposophische Gesellschaft einen Alleinvertretungsanspruch auf Anthroposophie habe und haben wolle, ist sicherlich ein Irrtum. Einzelne Mitglieder mögen so fühlen, aber es liegt nicht in der Natur der Anthroposophischen Gesellschaft.“ Es existiere auch keine „Deutungshoheit“. Dieser Verzicht allerdings führt, wie wir an den oberen Beispielen sehen, zu immer mehr separatistischen Nischen, die eben diese Deutungshoheit mit der ihnen eigenen Autorität besetzen wollen und zu diesem Zweck ihre Anhängerschaft um sich scharen. In diesem Kontext erscheint es als einigermaßen optimistisch, wenn Held behauptet, die „Geisteswissenschaft“ sei „mittlerweile erwachsen geworden“. Held fordert ein „souveränes und freies Verhältnis“ zu Rudolf Steiner, aus einer „engagiert-erkennenden und lebensvollen Begegnung“ mit Anthroposophie heraus und inmitten einer interessierten und kritischen Öffentlichkeit. Als Voraussetzungen für eine solche Haltung sieht Held „die Weltlichkeit, das heißt die Befähigung für die Welt, die Bewährung in der Welt, und das weite Herz für die anthroposophische Gemeinschaft, die Treue zu Rudolf Steiner.“
An der „Treue“ fehlt es den zahlreichen Separatisten wohl nicht, sehr wohl aber am „weite(n) Herz“.
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