Leserbrief von Sebastian Gronbach

Lieber Michael,

du beschreibst - das scheint Deine Stärke zu sein - die Gefahren und Abirrungsmöglichkeiten.
Du beschreibst die luziferische Hybris und die ahrimanische SELBSTverachtung sehr schön und vergisst dabei vielleicht, dass es die Mitte gibt.
Ich versthe das nicht ganz, denn der utopische Impuls, der Drang sich durch die verschiedenen Ebenen des Bewusstseins zu entwickeln (von der heutigen BewusstseinseelenEbene zum Geistselbst z.B.) ist doch etwas Ur-Anthroposphisches.

Watzlawick beschreibt etwas als jemand, wenn ich so sagen darf, der nicht weiss, was die Christus-Sonne ist, der nichts von der Sonne als kosmischer Liebe weiss, der nicht sehen kann, was die erleuchteten Hirten und Königshäupter wahrgenommen haben.
Natürlich "Utopia" heisst "Nirgendwo", aber bitte, lieber Michael, dieses "Nirgendwo" übersetzt Du doch wohl nicht mit "Gibts nicht", oder??? Das wäre billig auf SPIEGEL-Nieveau.
"Nirgendwo" "Kein" Ort", das bedeutet doch in diesem Zusammenhang "das Eine ohne ein Zweites", das Gottes-Bewusstsein, die Stille, das absolute Sein, aus dem wir als Monisten schöpfen, dessen Teilhaber wir (zum Beispiel durch das Denken PdF) werden können.
Mit Watzlawick, so amüsant und berechtigt er auch ist, bis Du einfach nicht auf der Höhe der Zeit, wenn Du das Thema "Utopie" spirituell denken willst.
Ich empfehle Dir die neue Ausgabe von WIE - mit einem Schwerpunkt zum Thema Utopie.
Ganz im Ernst - ich denke Du wirst da finden, die auch auf die von Dir skizierten Fehler eingehen - aber eben auch darüber hinaus.

http://www.wie.org/DE

Herzlich
Sebastian
Sebastian Gronbach
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Lieber Sebastian,

wolltest Du am Ende ein wenig spammen? Keine Sorge, die meisten Leser und auch ich kennen durchaus Website und Zeitschrift von Cohen. Letztere erscheint am hiesigen Bahnhof am selben Tag wie Info3, die stehen dann wie Schwesterchen und Brüderchen einträchtig im Regal nebeneinander in der Esoterikabteilung und wurden beide in diesem Monat überhaupt nicht gekauft. Ich kam bei WIE bis Seite 3, da bist Du gleich mit einem umfangreichen Leserbrief vertreten. So weit zum Thema Spam.

Was
Watzlawick betrifft, so sehe ich ihn gar nicht als veraltet oder überlebt an, im Gegenteil. Er schildert unser aller Überforderung inmitten der von uns geschaffenen Utopien. Es ist ja zutiefst menschlich, sich selbst und Andere mit (vielleicht nicht einmal bewusst gewordenen) Erwartungen zu überfordern. Der grobe Keil mit Luzifer-Ahriman-Gewicht trifft die Vielfalt der Erscheinungen nicht. Es geht ja zunächst nur vielleicht darum, zu viel von einer Beziehung zu erwarten. Oder von uns selbst zu viel zu erwarten. Vielleicht tut gerade dies aber uns und unserer Beziehung auch zeitweise gut.
Es gibt sicherlich unsichtbare Nahtstellen, an denen diese alltäglichen Konstruktionen unserer Wirklichkeit einen Riss bekommen. Dann überlagert eine Utopie immer grössere Teile unseres Seins. Eventuell wird unser gesamtes Denken, Empfinden, Wahrnehmen von einem glühenden Ideal eingenommen. Nimm z.B. die RAF. Wenn die Schnur einmal zerrissen ist, kann es geschehen, dass jemand buchstäblich über Leichen geht. Man ist von dem Ideal von innen her komfortabel ausgestattet, da man der herkömmlichen Moral - auch der essentiellsten- nicht mehr unterliegt. Da liegt eine Art geistigen und sozialen Krebsgeschwürs vor.

Auf ganz andere Weise folgt die Hybris des Gurus dieser Linie. Er ist das Ideal, zu dem er sich selbst konstruiert hat (auch in seiner eigenen Wahrnehmung), und das kann er natürlich nur bleiben, wenn ihn nie jemand erreicht. Das meinte ich mit der
"Soziopathie" des Guruismus. Der Guru muss qua seiner Funktion einen Graben zu seinen Anhängern ziehen. Nur so lange dieser von niemandem überschritten ist, bleibt er autark. Die Adepten unterliegen der anderen Form von Utopie: Sie misstrauen sich selbst, trauen sich nichts zu (dafür muss ER sorgen), idealisieren ihren Guru aber um so mehr. Solche auf solch utopistischen Grundpfeilern aufgebaute Systeme sind ebenso wacklig und bedroht wie die Haltung des Terroristen kaum erschütterlich ist. Die Gurusysteme können schnell zu Paranoia umkippen, zu immer umfänglicheren Feindbildern mit gefährlichen Aktivitäten (z.B. Osho) oder Katastrophen wie bei Jones oder den Sonnentemplern.
Das sind keine Geschwüre, sondern Verkalkungen, Verhärtungen: Denn die Vielfalt möglicher Verhaltensformen ist auf das reduziert, was das Guru-Adept-Geflecht jeweils zulässt. Eine soziale Eindimensionalität.

Irgendwann begegnet die eigene persönliche Utopie vielleicht solchen "totalen" Systemen, und dann sieht man, ob das passt. Man dockt dann da an. Oder auch nicht.

"Utopia" vernebelt in meinen Augen immer die Sicht. "Etwas erreichen wollen" ist selbst im erlebten Monismus (so nenne ich jetzt mal das "reine Denken") alles andere als nützlich; es versperrt lediglich die Aufmerksamkeit auf die gegenwärtige Erfahrung, weil es
irgendwo hinwill. Dorthin will es immer. Dort ist Utopia. Insofern würde ich sagen: Gibts schon, wenn Du es dort hinstellst.
Herzlich
Michael
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