Wahrheit, Lüge, Spiritualität

Momentan erleben wir eine Kampagne in einer Reihe anthroposophischer Medien - in Biografien, Zeitungsartikeln, Vorträgen, Tagungen -, die den offensichtlichen Zweck haben, den Priester und Autor Friedrich Benesch, dessen nationalsozialistische Vergangenheit vor nunmehr 4 Jahren bekannt geworden ist, wenn nicht zu rehabilitieren, so doch zumindest in beschönigender Art "zu verstehen". Nun hat sich Benesch, der sich zeitlebens ja nie bekannt - mithin eine offensichtliche Lebenslüge gepflegt hat - selbst in Vorträgen sehr deutlich zu den Folgen geäußert, die es hat, wenn man "es mit der Wahrheit nicht genau nimmt". Man verliert dann nämlich etwas, sagt Benesch, "von seiner aufrichtigen, freien Menschenwürde." Es entsteht etwas wie eine Art "Ablagerung von Nicht-ganz-Wahrheit" im Inneren, eine Art "Lähmung" mit Konsequenzen für das ganze innere spirituelle Leben: "Es hat nämlich die Folge, dass man zum Beispiel nicht mehr richtig beten kann, oder dass man beim Meditieren, beim geistigen Üben, beim geistigen Arbeiten, frühzeitig erlahmt".

Lebenslügen haben - so Benesch- Folgen für "die allerintimste eigene menschliche geistige Existenz". Wenn man dieses Verlorengehen des Zusammenhangs mit dem Geist bemerkt, kann man und muss man "diese innere Ehrlichkeit, diese Wahrhaftigkeit vor mir selbst und vor meinen Mitmenschen üben". Nun macht Benesch an diesem Punkt, den man gern auf seine eigenen persönlichen Lebenslügen beziehen möchten, eine signifikante Einschränkung. Von der "Wahrhaftigkeit vor meinen Mitmenschen" spricht er auf einmal in der Folge nicht mehr, sondern reduziert die Wahrhaftigkeit auf die persönliche innere Welt: "Ich brauche sie ja (die Wahrheit, M.E.) nicht immer auszusprechen, sie muss aber in meinem Bewusstsein vorhanden sein."

Das finde ich auch deshalb interessant, weil es Benesch noch im Satz vorher anders darstellt. Da geht es ihm noch sehr deutlich auch um Wahrhaftigkeit vor der Öffentlichkeit und in "rein sozialen Vorgängen". Nun aber schwenkt er um:, Es komme darauf an, eine Kraft zu bekommen, "wenn ich zum Beispiel den Mut habe, im Gebet wahrhaftig zu sein, das heisst, der göttlichen Welt mich so zu präsentieren, wie ich bin, statt vielleicht den Versuch zu machen, irgend etwas von dem, wie ich bin, zu verbergen". Es geht Benesch um die Reinheit in der "Meditation".

Diese Doppelmoral nimmt er in der Folge allerdings auch noch einmal zurück und betont wiederum die "Lähmung in unserem innersten geistigen Sein" für den, der das "nicht-ganz-innerlich-Ehrliche" in sich duldet- diesmal auch wieder in Bezug auf das Leben in der Öffentlichkeit.

Kategorische moralische Forderungen auf schwankendem moralischem Boden- so möchte man Beneschs Worte deuten. Die logischen Brüche in seiner Argumentation, seine Einschränkungen ("Ich brauche sie ja nicht immer auszusprechen") deuten auf sein persönliches Dilemma hin. In diesem Sinn möchte man Beneschs persönliche Einschränkungen einerseits als Akt der Selbsterkenntnis werten und andererseits den heutigen anthroposophischen Autoren ans Herz legen, dieser Doppelmoral nicht weiter zu folgen. Denn - so Benesch - das "nicht-ganz-Wahrhaftige" zerstört das "Verhältnis zur geistigen Welt selber."

Alle Zitate aus: Friedrich Benesch, "Christliche Feste. Johanni und Michaeli" Urachhaus Verlag, Stuttgart 1994, S. 145 ff
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