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Michael Eggert: Abschied von der Gesellschaft

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Goetheanum
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Schweiz

Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrter Vorstand,

da ich die meiste Zeit meines erwachsenen Lebens als aktives Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft gelebt habe, sehe ich nun, da die Zeit für einen Austritt gekommen ist, die Notwendigkeit, mich für meine inneren Zweifel zu rechtfertigen. Es gab für mich schon einmal eine längere Auszeit, die sehr ähnliche Gründe hatte, und ich bin zweifellos ein schwieriges, weil kritisches Mitglied gewesen. Die Anlässe, herum zu reisen, lokale Arbeitsgruppen zu leiten, öffentlich zu sprechen, Zweigen anzugehören, zu publizieren, sind mit der Zeit weniger geworden, und ich habe letztlich auch darauf verzichtet, Klassenmitglied zu werden. Dennoch darf ich für mich in Anspruch nehmen, ein aktives Mitglied gewesen zu sein und in Publikationen und im Internet ein kleines Stück anthroposophisches Gegenwartsleben zu repräsentieren.

Ich habe in den letzten Jahren die Trends innerhalb der Gesellschaft begleitet und verfolgt.. Dazu gehören als einschneidende äußere Geschehnisse sicherlich der Abschied von Walter Kugler und Sergej O. Prokofieff. Kugler und seine Mitarbeiterinnen waren für mich Repräsentanten einer kulturellen Öffnung der Gesellschaft in die Gegenwart hinein. Das war ein Impuls, den ich mit Interesse und Wärme verfolgt habe. Diese Hoffnung ist jäh gekappt worden. Ich kann nicht umhin, den vielleicht etwas theatralischen Rückzug von Herrn Prokofieff insofern in einem gewissen Zusammenhang zu sehen, als dieser zumindest den ungehemmten Zugriff der in meinen Augen sektierischen von-Halle-Kreise aufzuhalten versuchte. Ich habe die Stellungnahmen einzelner Leitungsmitglieder in der Öffentlichkeit verfolgt. Ich schätze einerseits den Versuch, ausgewogen, ausgleichend, moderierend zu reagieren. Aber mit dem Aufkommen einer Welle des für mich neu- theosophischen Okkultismus von stigmatisierten Wunderpredigern wird die Axt nicht nur an die viel beschworene Weihnachtstagung gelegt, sondern an die Abgrenzungen Rudolf Steiners von dergleichen durch die Gründung von 1912. Das heute wieder populäre, von Sponsoren, Opportunisten und gläubigen Anhängern getragene Visionieren ist in meinen Augen ein gründlicher Abgesang von den Intentionen Rudolf Steiners. Ich kann das michaelische und eigentlich- substantiell christliche Element in diesen Elementen schlichtweg nicht mehr erkennen- in der Entscheidung entweder für die aktivierte individuelle Imagination oder den Rückfall in atavistische Hellseherei a la „Zeitreisen“ liegt so viel begraben, dass für den, dem es ein intimes inneres Anliegen ist, darin nicht viel Zweifel liegen kann, wohin die Reise jeweils geht. Mag sein, dass das lediglich mein persönliches Verständnis davon betrifft, was Anthroposophie für die Entwicklung von Menschen heute bedeutet. Aber ebenso wie gegenüber rechtsradikalen oder antisemitischen Elementen hätte ich mir doch ein klares Statement der anthroposophischen Repräsentanten gegenüber diesem Populismus gewünscht, auch und gerade weil er grassiert und sich verbreitet. Das Verkommen zu einem Kult mit populistischen Führern wird zu einer realen Möglichkeit, aber natürlich wird die anthroposophische Bewegung mit derlei Variete- Nummern einfach auch dem Gespött preisgegeben.

Nun kommen derlei - für mich indiskutable- spirituelle Abwege nicht von Ungefähr. Sie stossen in einer anthroposophischen Gesellschaft dort auf Gehör, wo der Durst nach realer Geisterfahrung sich durch den Anspruch auf „michaelisches Denken“ und uneinnehmbare Positionierungen selbst aufhebt. Die Phrase und der Dünkel, der Pseudo- Okkultismus und die Arroganz gegenüber einem als materialistisch verachteten Zeitgeist, einer Kultur und Gegenwart sind seit 33 Jahren die Dinge gewesen, auf ich ich seelisch und geistig angestossen bin- schmerzhaft, zermürbend, persönlich deprimierend. Trotz aller Anläufe komme ich darüber nicht hinweg. Es war eine permanente Mauer, an der ich mich als Suchender und als Mitglied wieder und wieder wund stieß. Ich erlebe dieses Problem immer wieder aufs Neue, heute aktuell auch in großen anthroposophischen Diskussionsforen in den USA.

Es hat vielleicht wirklich lange gedauert und hat zahlloser Anläufe bedurft, um endlich zu erkennen, dass die anthroposophische Gesellschaft für mich nicht der richtige Ort sein kann, dass ich Rudolf Steiner zwar als einen zentralen Bezugspunkt in meinem Leben sehe, aber die Art, wie ich seinem Werk begegne, dem, wie es in der organisierten Anthroposophie gelebt und gewünscht wird, nicht entsprechen und keinen Platz darin finden kann.

Daher bitte ich meine Mitgliedschaft nun endgültig als beendet zu betrachten.

Mit freundlichen Grüßen
Michael Eggert
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