Jun 2011

Burghard Schildt: Magie der Moderne – IV >Eine Zwischenbetrachtung<


Lieber Leser, Du befindest dich jetzt bereits in Text IV einer offenkundig wachsenden Textfolge, die jeweils überschrieben ist mit dem Titel „Magie der Moderne“. Dadurch wird weiterhin offenkundig, die Textfolgen I-IV sind Zustände eines „Gewächses“, das in Entwicklung begriffen
ist. Das sich dabei Entwickelnde, das wird in Textfolge III mit Substanz bezeichnet. Was für ein Gewächs ist das? Denn, mit dem Wort Gewächs bezeichnet man bisher doch das Lebewesen „Pflanze“.

Die Pflanzen jedoch, die man so kennt, entwickeln die sich? Oder sind sie allein noch in Entfaltung ihres bereits entwickelten Wesens begriffen? Warum frage ich danach? Nun, indem ich danach Frage, dabei schwebt mir ein Schillersatz vor Augen, dieser hier. „ Suchst du das Höchste, das
Größte? Die Pflanze kann es dich lehren. Was sie willenlos ist, sei du es wollend, das ist´s!“ Schiller geht es darum, das willentlich zu sein, was die Pflanze bereits ist. Doch, wie kann man sich dahin entwickeln, das willentlich zu sein, was das Lebewesen Pflanze bereits ist?
Mit dem Wort Lebewesen ist auf eine Fähigkeit verwiesen. Es ist diejenige, seine Entwicklungsschritte aus sich selbst heraus setzen zu können. Das wiederum verweist auf den Begriff Organismus. Der kommt her von den alten Griechen und deren Wort Organon. Und das heißt Werkzeug.

In Textfolge III steht geschrieben, die Werkzeuge jeglicher Entwicklung sind Denken, Fühlen, Wollen, Phantasie. Alle vier sind mithin als Werkzeuge die Glieder eines Organismus. Und, Textfolge III gibt zudem die Antwort auf weiter oben aufgeführte Frage: Was für ein Gewächs ist
das? Die Antwort auf die Frage ist der Name Ich.

Indem ich oben von Gewächsen rede, dabei habe ich nicht allein die bereits erwähnte Textfolge im Blick. Bilder sind auch Gewächse. So manche Malateliers gleichen Gewächshäusern. Meine Erlebnisse mit der Malerei und sich dazu gesellende Reflexionen, führten dahin, dass ich allmählich
davon Kenntnis erlangte, wie Seelensubstanz sich so entwickelt, dass sie als persönlichste Substanz, zugleich mit der unendlichen Substanz, eine Werkgemeinschaft bildet. Ich muss noch, zu den bisher erwähnten Werkzeugen, ein weiteres hinzufügen. Genauer gesagt freilegen, da es den bereits angeführten Werkzeugen wie eingegliedert erscheint. Ein kurzer Blick in die Natur. Alles, was man dort auf Naturgesetzlichkeit reduziert, das ist in einem erweiterten sinnlich-sittlichem Sinne „Absolute Gewissenhaftigkeit“. Die ganze Naturordnung erweist sich dabei als ein Geschehen aus Bildekräften, die Werte und Gesinnungen durchströmen.

Beim Malen von Bildern ist das ebenso. Man findet sich im Empfindungsfluss reiner Aufmerksamkeit. Die hat zwei treue Begleiter. Deren Namen lauten Sympathie und Antipathie. Die beiden haben wiederum einen treuen Begleiter, das Gewissen. Es ist die Stimme, die aus der Selbstgewissheit des Menschen tönt. Die Stimme des Ich in Übereinstimmung mit sich selbst. Sie durchwaltet gewissenhaft jegliches Handeln der Seele aus Selbstbestimmung.

Übereinstimmung, da ist endlich das Passwort. Die Zwischenbetrachtung neigt sich ihrem Ende entgegen. Oft werde ich danach gefragt, woran ich sehe, dass ein Bild „fertig“ ist. Hier habe ich noch nicht einmal angefangen zu erzählen, wie Substanz sich entwickelt und bin schon bei fertigen Bildern. Dennoch, meine jeweilige Antwort lautet: >Wenn ein Bild in Übereinstimmung mit sich selbst ist.< In Betrachtung so eines Gemäldes tritt unmittelbar ein Erlebnis in Kraft. Das hier: Ich.

Aber, nicht ich! Der Maler hat sich, in Betrachtung eines Gemäldes, schon längst vergessen. Also auch alle anderen Bilder, die er bislang malen konnte. Das „Nicht Ich“ Erlebnis, es kann, so es denn gut geht, ebenso in Kraft treten im Anblick einer leeren, weißen Leinwand. Jener Leere, jenen Hör - und Lehrsaal, der in seiner aktuellen Bestimmungslosigkeit und so in Übereinstimmung mit sich selbst denjenigen Raum eröffnet, in dem Gleiches durch Gleiches spricht. Und die Stimme des Gewissens spricht: >Moin, Moin, Burghard. Höre! Erlebst du diese Leere als das Können der unendlichen Seele? Ihr Nichts und Alles in einem, deinem Augenblick. Und so ihr in Übereinstimmung sein mit mir. Also mit der Selbstgewissheit des Gewissens. Erlebst du ihre Güte, indem sie sich dir als denjenigen Freiraum hinschenkt, in dem du so handeln kannst, wie du willst. Frei und zugleich in Übereinstimmung mit ihr. Bleibe dir recht treu in deinem Ideal, dass ein Bild „fertig“ ist, indem es die Übereinstimmung mit sich selbst erlangt. Und so, als ein Gebilde
freier Bildekräfte, also wiederum in Gewissheit, demjenigen Ursprung eingegliedert erscheint, dem es entsprang. Dir weiterhin ein gutes Schaffen, dein Gewissen.< Eine leere Leinwand gleicht mithin einem Springbrunnen. Dem Können des Nichts entspringen
Bildekräfte. Die fallen ins Becken, auch benannt der gebärfreudiger Schoß. Ich kenne Maler, die sehen Bilder als ihre Kinder. Wohl gemerkt, als! Und als das kommen sie aus derselben Region, aus der alle Kinder kommen. Es ist die der Ungeborenheit. Aber aus der kommt nicht alles auf einmal! Das was vorläufig kommt, es bedarf der Wärme, der Nahrung, des Schlafes.

Ebenso ist das beim Bildermalen. Dazu kommt, man muss seine Erinnerungen zügeln. Ein sich entwickelndes als Kind, das will nicht einer Unmenge an Eindrücken ausgesetzt sein. Als Kraftnahrung dient die persönliche Seelensubstanz jeweils desjenigen, der in einen Malprozess
Substanz als Bildekräfte einströmen lässt. Dafür muss man Bildekräfte, unabhängig von den Vorgängen, an den sie sich weiterbildeten, in die Aufmerksamkeit heben können. Eben frei bekommen von den Prozessen, in denen sie zuvor dienten. Sonst können sie nicht anderen Vorgängen zu deren freier Verfügung stehen und alles artet aus in eine Gleichmacherei mechanischer Abläufe. Freigelegte Bildekräfte sind nicht in Zuständen „inkarniert“, sondern allein in der Region der „Ungeborenheit“ erlebbar. So trifft dort wiederum Gleiches auf Gleiches, Inspiration auf Inspiration.

Malend ist man also nicht inspiriert von „Etwas“, das unabhängig von dem Handeln eines Malenden bereits da ist. Man muss persönlichste Substanz zur Verfügung stellen können dafür, dass Anderes sich, seiner Anlage und seinem Wesen nach, in Freiheit entwickeln wie bilden kann.
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Blor: Youngster setzt BND weiter unter Druck

Es ist Sonntag – der letzte Konferenztag der „International Intelligence History Association“.

Seit Freitag setzte sich die Konferenz mit der „German Intelligence from Bismarck to Present“ auseinander.

Wolfgang Krieger, führender Kopf der Unabhängigen Historikerkommission zur Aufarbeitung der Geschichte des BND und zugleich Vorstandvorsitzender des „Arbeitskreises Geschichte der Nachrichtendienste“ hatte bereits vor Monaten das Who-is-Who der internationalen Geheimdienst-Elite ins oberhessische Marburg geladen: Spezialisten aus Israel, Slowenien, Deutschland und den USA sind seinem Ruf gefolgt – darunter unter anderem Michael Herman (Oxford), Shpiro Shlomo (Bar Ilan University), Kristie Macrakis (Atlanta) oder Matitiahu Mayzel (Cummings Center for Russian and Eurasian Studies, Tel Aviv University)

Unter den heutigen Referenten ist auch der erst 24 jährige Mainzer Student Peter Hammerschmidt, der im vergangenen Jahr im Rahmen seinen Recherchen erstmals im Archiv des Bundesnachrichtendienstes Akten zu Klaus Barbie, dem „Schlächter von Lyon“, einsehen durfte.
Seine exklusiven Recherchen belegten: Barbie war Agent des BND von Mai bis Dezember 1966. Für seine Arbeit erhielt der Kriegsverbrecher insgesamt 5300 DM aus dem Topf bundesdeutscher Steuergelder.

Und Hammerschmidt? Der Youngster, der in wenigen Wochen sein erstes Staatsexamen ablegen wird, rückte innerhalb weniger Wochen ins mediale und fachwissenschaftliche Rampenlicht, trieb mit seinen Forschungen gar die Bundesregierung vor sich her (Internationale Medien berichteten).

Es verwundert daher nicht, dass sein Vortrag mit dem Thema „The Butcher of Lyon on BND and CIC/CIA Payroll“ mit Spannung erwartet wurde.

Nach Hammerschmidts Recherchen steht nunmehr fest: Die Waffenhandelsfirma „MEREX“ vertrieb 1966 überschüssiges Bundeswehrmaterial an lateinamerikanische Staaten. Unterstützt wurde das Unternehmen direkt vom BND, der dabei half, die Waffendeals an südamerikanische Militärdiktaturen mit dem Verteidigungsministerium abzuwickeln. Brisant ist, dass die MEREX – mit Unterstützung des BND - in Lateinamerika auf ein etabliertes Netzwerk ehemaliger SS-Kameraden zurückgriff: Bereits zu Beginn der 1960er Jahre hatten Barbie, Friedrich Schwend (während des Krieges: Unternehmen Bernhard) und das Flieger-Ass Hans-Ulrich Rudel „La Estrella“ (Der Stern“ gegründet – ein Netzwerk, mit Hilfe dessen sich ehemalige NS-Verbrecher unterstützten. Die Merex trat an Rudel heran, wurde daraufhin an Schwend und von diesem dann an Barbie vermittelt. Auf der Merex-Tour durch Lateinamerika, wo die Firma nach verlässlichen Repräsentanten des Unternehmens suchte, kam man auch mit anderen Mitgliedern von La Estrella in Kontakt: Willem Sassen und Otto Skorzeny. Beide wurden als Repräsentanten für die MEREX geworben und fanden anschließend, so Hammerschmidts These, ebenso wie Barbie, Schwend und Rudel, den Weg auf die Soldliste des westdeutschen Geheimdienstes. (vgl. Taz)

Die Analysen, die Hammerschmidt auf einer Power-Point beeindruckend zusammenfasst, scheinen in Konkurrenz zu dem offiziellen Forschungsvorhaben der UHK zu stehen – enthüllt der Junghistoriker mit seinen mühevoll aus US-amerikanischen Archiven doch Ergebnisse, mit denen er den Forschungen der Kommission vorausgreift.

Dabei scheint klar: Sollte die Kommission einen der Forschungsschwerpunkte auf das Beziehungsgeflecht des BND mit den in Südamerika untergetauchten NS-Eliten legen, wird sie ohne Hammerschmidts Vorarbeit nicht auskommen. Längst ist der Mainzer in diesem Sujet zum Experten avanciert.

Bleibt abzuwarten, inwiefern sich die Kommission auch der Kollaboration des BND mit NS-Eliten in Südamerika widmen – dass dieser Schwerpunkt ein besonders düsteres Kapitel der BND-Geschichte offenbart ist nunmehr von Hammerschmidt deutlich belegt worden.

Blor

Hinweis: Weiterer Beitrag zum Thema bei der TAZ
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Nach dem Sommerregen

sommerregen
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Verlust, Verdauung und sprachliche Überlagerung

Die einstige Erfahrung ist keine Erfahrung mehr, nachdem sie es einmal gewesen ist. Sie ist kontextualisiert, tausendmal durchdacht, an einen Ort in meinem privaten Kosmos abgestellt, sprachlich durchdrungen und „verarbeitet“. Das betrifft natürlich alle Erinnerungen. Vielleicht stechen einige besonders tragische oder freudige Elemente heraus. Es kann ja ein Trauma sein, eine bestimmte Erfahrung wieder und wieder machen zu müssen, so wie sie war. Ja, es sind gerade die traumatischen Erlebnisse, die so da stehen blieben, unverdaut, unverdaulich. Es steht einem vor Augen. Bei anderen Erfahrungen bin ich nicht so sicher, schon weil ich öfter daran gedacht habe. Jedes Mal habe ich sprachlich daran gedacht, ich habe es in Worte gefasst. Ich habe es so oft gedreht und gewendet, bis ich nicht mehr wusste, wie viel davon ist meine Kontextualisierung, wie viel davon sind meine Worte, wie viel davon ist so, wie es war. Das Verdaulichmachen bedeutet auch, es zu interpretieren. In der Erinnerung bleibt ein Konstrukt, ein Produkt der Bemühungen, das so weit weg ist von der Erfahrung, wie - sagen wir - ein Apfel von dem, was im Darm davon übrig geblieben ist.

Dies gilt um so mehr für frühe „geistige“ Erfahrungen, die sich mit etwas Glück gerade in der ersten Lebenshälfte einstellen, wie Geschenke- etwas Unverdientes. Kann Bemühung auf „Verdiensten“ beruhen, die Bemühung, durch ein Nadelöhr zu klettern? Ja, weil immer ganz persönliche Wandlungen damit verbunden sind. Wir befinden uns hier als moralische Wesen auf einem moralischen Feld.

Aber erinnern kann man diese Erfahrungen kaum, sie bleiben an sich nebelhaft, und dazu hat man sie so oft durchdacht, dass sie sich untrennbar mit dem Denken über sie verbunden haben. Sie sind teils Konstrukt, vielleicht sogar eine Legende im inneren Kontext, aber teils bleiben sie auch schlechthin ungreifbar, vage. Man kommt mit dem eigenen Gegenwartsdenken nicht richtig an die Unmittelbarkeit der Erfahrung heran. Man müsste sich erst wieder auf das Niveau geistiger Intimität heben können, um dem frühen Erlebnis zu entsprechen. Das aber ist oft gar nicht möglich. Die frühen Geschenke sind Wegmarken, die unsere Fähigkeiten übersteigen. Sie weisen auf eine Möglichkeit der Erfahrung und des Denkens hin. Das Gefühl dagegen ist sich ganz sicher. Es gibt ein helles Fühlen, das nicht selbstbezüglich ist, sondern wie ein moralisches Schneckenhorn fungiert: Man tastet den moralischen Geschmack einer Erfahrung. Das Gefühl sagt: Ja, das ist wahr. Aber erinnern kann ich es nicht.
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Burghard Schildt: Magie der Moderne III

Lieber Leser! Der Text, in den Du gerade eintrittst, er trägt den Titel „Magie der Moderne“. So Du auch die dazu gehörigen Texte, I + II, lesen wirst oder bereits gelesen hast, könnte Dir zur Frage werden, wieso ich mich hier in Text III, im Besonderen mit dem Wort „Seele“ befasse. Das tue ich von daher, ich erlebe mich wie dazu genötigt, da die ganze Universalgeschichte des Menschen, nahezu allerorts von den „Alten Meistern“, als eine Seelenentwicklung geschildert wird. Der Entwicklung wohnt ein Ideal inne. Das ist die „Schöne Seele“. Spricht das Wort Seele zu mir? Nun kommt `s. Nein! Und noch einmal , nein. Das Wort „Seele“ sagt mir gar nichts! Da geht bei mir das Licht aus. Oder umgekehrt. Selbst bei voller Beleuchtung bleibt bei dem Wort Seele alles im Dunkeln. Ebenso ergeht es mir bei dem Wort „Geist“. Und noch so ein Unwort ist für mich das Wort „Leib“. Unworte sind mir diejenigen, die ich nicht mit einer Handlung meinerseits begleiten kann. Genauer, die ich mir nicht als Selbsterfahrung in die Aufmerksamkeit heben kann. Selbsterfahrung bedeutet mir, ich muss tun, wofür das Wort steht. Hier, im Besonderen, geht es um das Wort Seele. Mit dem Wort mache ich also gleich mal das, was ich mit allen Worten mache, die nicht zu mir sprechen. Ich frage mich, wohin und auf was für ein Handeln mich so ein Wort verweist.

Was für Handlungen kenne ich? Zu viele, um sie alle anzuführen, indem ich sie hier ausführe. Aber, ich habe gelernt, dasjenige Handeln, dem alle weiteren Handlungen im Besonderen entspringen, das benennen wir mit den Worten, Denken, Fühlen, Wollen. Und mit denen kann ich etwas anfangen, da ich doch gerade jetzt, indem ich hier Text produziere, das tue, wofür die Worte stehen. Zudem habe mal gelesen, das sei das Tun der Seele. Aber, was besagt das schon, habe mal gelesen. Ich habe
ebenso Sachen gelesen von Leuten, die das Gegenteil behaupten. Denken, Fühlen, Wollen, das sei ein Vorgang innerhalb der „Materie“. Ein Glück! Ich arbeite, seit guten 3o Jahren, künstlerisch als Maler. Und von daher bin ich mir dessen gewiss, meine Bilder, die kommen nicht aus einem Denken, Fühlen, Wollen. Und auch nicht aus der Farbtube. Andererseits, ohne Farben und ohne Denken, Fühlen, Wollen, kann ich keine Bilder in die Welt setzen.

magiemod

Eben schrieb ich das Wort „Bilder“. Es bietet mir jetzt die Gelegenheit, den Schauplatz zu wechseln. Im Folgenden richte ich meine Aufmerksamkeit auf das Wort „Werkstatt“, denn Werkstätten sind die Handlungsräume, in denen Bilder entstehen. Seele wird mir dadurch zum Schauplatz „Werkstatt“. Eine Werkstatt beinhaltet ihr zugehörige Werkzeuge. Die der Werkstatt „Seele“ zugehörigen Werkzeuge sind: Denken, Fühlen, Wollen. Ich muss jetzt noch ein weiteres Werkzeug erwähnen, die Phantasie. Ohne sie ist Entwicklung nicht möglich. Die eben angeführten Werkzeuge können dienen zur Herstellung weiterer Werkzeuge. Pinsel, Farben, Leinwand, eine Staffelei. Aber die schwebt nicht in leerem Raum. Sie steht auf einem Fußboden. Der wiederum auf einem Fundament. Das ruht auf der Erde. Die bewegt sich im Universum. Damit weitet sich der „Werkraum für Seelenentwicklung“ in die endlosen Weiten des Universums. Das wiederum entspricht in seiner Unendlichkeit dem Werkzeug „Phantasie“. Die endlose Weite des Universums, sie ist der Grant dafür, das der Phantasie und damit der Seelenentwicklung keine Grenze gesetzt ist.
Über den Wolken, da muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Bloß dort? Das kann nicht wahr sein!

Die grenzenlose Freiheit bezeugt, jedenfalls mir, bereits der Dreck unter meinen Fingernägeln. Der Dreck ist Farbe. Vom Bildermalen. Das geht nicht ohne Phantasie. Und, wie ich bereits sagte, Phantasie ist grenzenlos. Sie erweist sich so als selbstbestimmt und frei „unter den Wolken, in den Wolken, neben den Wolken, über den Wolken.“ Die Freiheit der Phantasie, sie ist das dazugehörige „Etwas“, worin die weiter oben erwähnte „Schöne Seele“ ihre Selbstbestimmung gewahrt. Alles Weltgeschehen ist in stetiger Erwartung der Phantasie des Menschen. Die ist wiederum der Garant dafür, das unsere Welt, in der Unendlichkeit des Universums, nicht ihr Ende findet in einem Dasein als eine lediglich gesetzmäßige Abfolge von Vorgängen. Also als ein Automat. Nein! Der Mensch ist kein Automat, er ist automobil. Aus Phantasie wird bereits Gewordenes wiederum ins Werden übergeführt. Alles Weitere, eben, wie wiederum „Etwas“ und das nicht allein auf Erden, werden wird, das obliegt der Autonomie des Menschen.

Mithin ist Seele jeweils so ein Werkraum, in dem die Phantasie es ist, der die drei anderen Werkzeuge dienen. Wem nun dient das Werkzeug Phantasie? Es dient, wie oben schon angedeutet, allem übrigem Weltgeschehen. Das besagt, das Werkzeug Phantasie, im Werkraum für Seelenentwicklung, bereits allein dieses Werkzeug, es bezeugt die Universalität der Seele. Also ist Seele ebenso unendlich wie das Universum. Na danke! Jetzt sehe ich ,warum ich weiter oben nichts gesehen habe. Dort schrieb ich: > Das Wort „Seele“ sagt mir gar nichts! Da geht bei mir das Licht aus. Oder umgekehrt. Selbst bei voller Beleuchtung bleibt bei dem Wort Seele alles im Dunkeln.< Seele ist ebenso unendlich wie das Universum. Also unsichtbar. Wer denn könnte sich der Unendlichkeit entgegen stellen, auf das er sie in seinen Blick bekäme? Niemand! Seele und Unendlichkeit, es ist ein und dasselbe Geschehen.

Was ist nun dasjenige der Seele, das in Entwicklung begriffen ist? Es ist dasjenige der Seele, das bei allem Wechsel ihrer „Zustände“ die Kontinuität wahrt. Das besagt, sie kann sich ihren Zuständen gegenüber stellen und ist mithin aus und in sich selbst gründend. Dasjenige nun, das aus und in sich selbst gründend ist, das nennen die „Alten Meister“ Substanz. Weiterhin, woher kommt dasjenige, anhand dessen die Seele sich zu einer „Schönen Seele“ entwickelt? Zum Einen sind das die Werkzeuge Denken, Fühlen, Wollen. Der Gebrauch dieser Werkzeug, der ist hingeordnet auf das Werkzeug Phantasie. Zudem ist es all dasjenige, auf das ich oben mit dem Wort Tube hinweisen wollte. Die gewordene und dadurch bereits gegebene Welt, die einem jeden in seiner Art und Weise bekannt ist. Durch ihre Kontinuität kann Seelensubstanz so erlebt werden, das man sie jeweils als sein Persönlichstes betrachtet und auch danach handelt. Man kann sie ausschließlich personalen Zwecken zuordnen. Jedoch, als „Substanz“ ist sie eins mit derjenigen Substanz, die das Persönliche „und“ die Universalität des unendlichen Seelenlebens ist. Subtanz wäre nicht das, was sie ist, wäre sie teilbar. Die Kriterien Ihrer Entwicklung erzeugt sie in und aus sich selbst, anhand der Werkzeuge, Denken, Fühlen, Wollen, Phantasie.

Wenn „die“ Seele sich selbst einen Namen gäbe, und wer anderes sollte das Unendliche namentlich aussprechen, denn es sich selber, der Name wäre: „Ich“. Das ist nun derselbe Name, anhand dessen jeder Mensch die Besonderheit seiner Person aussagt. Dennoch ist das zugleich der alleinige Name, der allein darin seinen Sinn und Vollzug aufleuchten lässt, indem er sich in sein Können versetzt.

Was ist das für ein Können? Es ist das Können des Ich, unter Aufrechterhaltung seiner Unendlichkeit, in der Endlichkeit seiner Zustände, in seinem Tatenstrom, genannt „Tatort Seele“, also in der Verschiedenheit seines Wesens, sich erleben zu können. Und dabei, in einem jeglichen Anderen, das den Taten und Leiden seiner Phantasie entsprang, sein Können erkennt. Die Entwicklung zur „Schönen Seele“ vollzieht das Ich also aus Selbstanschauung in Gegenseitigkeit mit all dem, das ich oben mit dem Wort Tube benannte. Das ist jeweils der Strom aller, aus dem Tun des unendlichen Seelenlebens quellenden wie gegebenen Sinneswahrnehmungen. Er ist der „Tatort Seele.“ Als das ist er der Handspiegel des Ich. Handspiegel, da er dessen Handlungen widerspiegelt. Die Handlungen der Seele sind, Denken, Fühlen, Wollen, Phantasie. Letztere ist in jeder einzelnen Person Träger des Ideals „Schöne Seele“. Ihr Ideal wiederum ist Einklang als Zusammenklang persönlichster Seelensubstanz mit der Substanz der unendlichen, ewigen Seele. Im Zusammenklingen leuchtet auf das Denken des Wahren, das Fühlen des Schönen, das Wollen des Guten. Zum Ausklang das noch. Nachdem ich die vorherigen Zeilen getippt hatte, begab ich mich alsbald in die „Raucherküche“. Dort lief das Radio und ich hörte, wie die Pianistin Yuja Wang folgenden Satz aussprach:

"Das Besondere an Claudio Abbado ist, dass er so unendlich (!) genau zuhört. Dadurch bringt er jeden dazu, so gut zu spielen, wie er nur kann. Ich höre mir nicht mal selbst so genau zu, aber er hört jede Phrase ganz genau, jede Pedalbewegung. Er spricht fast nie, aber er beobachtet mit den Ohren, ihm entgeht nichts. Am Ende hatte ich das Gefühl, dass er für mich hört. Fast ist es, als klinge ich wie Claudio."
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Unauslotbar

Du schaust in die Sonne, das Licht tut dir weh.
Du bist Ikarus ohne Flügel. Bei dir ist schon lange geschmolzen, was dich zusammen hielt, du bist flugunfähig.

Du bist wie ein zusammen gebackenes Zimtmännlein, da ein Kopf,
da ein Rumpf, und da die ausladenden Apparate.
Du bist ein zusammen gepapptes Seelenmännchen, eine Sirene:
Du fühlst so, du denkst so, und du tust etwas anderes. Zumindest manchmal, in den helleren und den dunkleren Momenten.

Keine Kreatur auf diesem Planeten als diese kann zu sich sagen: Ich verstehe mich selbst nicht. Wir können das.
Keine kann, im kleinen oder großen Schwunge, von sich sagen: Ich missbillige, was ich tue.

Wie aber kann die Kreatur, die am wenigsten von allen von sich weiss, sagen: Du empfindest nicht tief genug?
Man kann es von sich nur sagen, wenn man weiss, dass es Tiefe gibt und dass sie unauslotbar ist.
Der Tiefe des Empfindens folgt stets eine weitere, und am Ende von allen Tiefen wartet Er, der dich liebt.
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Hüter & Gezücht

Ein Hüter bringt es vor allem dazu, er selbst zu sein, indem er für das, was von ihm ausgegangen ist, Verantwortung übernimmt und auf heilvolle oder verhängnisvolle Art damit verbunden ist. Es war daher schon immer klar, dass Hüter keine ungefährliche Mission verfolgen- sie haben es schließlich mit dem unkalkulierbarsten aller Wesens zu tun, dem Menschen. Man muss auch nicht an einen Schutzengel glauben, um zu wissen, was Verantwortung ist. Auch diese Verantwortung wandelt sich bis zur Lebensmitte des Menschen vielleicht eher in eine neutrale Begleitung um - hoffentlich- in einem kontinuierlichen Prozess, erwachsen zu werden. Da stünden Engel ziemlich im Weg.

Unseren Kindern gegenüber können wir uns vielleicht als Hüter sehen- ihre Menschwerdung bedarf schließlich auch des Freiraums; sie sondern sich von uns ab und reifen. Wir tun nicht gut daran, dauerhaft ihr Hüter sein zu wollen- sie würden sich bedanken, sich dann aber entweder von uns trennen oder abhängig von uns bleiben Vielleicht ist es schwerer, nicht die Kinder aufzuziehen, sondern uns von ihnen zum richtigen Zeitpunkt im rechten Maß zurück zu ziehen.

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Gegenüber der Natur als Ganzes haben wir uns als schlechte Hüter erwiesen; sie war stets ein Raum der Domestizierung und Ausbeutung. Selbst wenn wir ihr Hüter werden könnten, bliebe sie doch etwas Eigenständiges, von uns autonom Wirkendes und Geschaffenes. Für das, was wir an Technik, Maschinen, abstraktem und mechanischem Geist von uns absondern, gilt es, dies zu begleiten. Das wird sich aus den katastrophalen Verirrungen ergeben - etwa dem missbräuchlichen Gebrauch der Atomkraft - in die wir technisch schon herein geraten sind. In einer fernen Zukunft aber wird es auch eine zunehmende Autonomie des materiellen, technischen Verstandes geben- ein quasi- kreatürliches Novum von ausgesuchter Hässlichkeit- so eine apokalyptische imaginative Darstellung Steiners für eine ferne Zukunft der Existenz. Unsere Kreaturen werden uns zwingen, Engel zu werden:

"Und aus der Erde wird aufsprießen ein furchtbares Gezücht von Wesenheiten, die in ihrem Charakter zwischen dem Mineralreich und dem Pflanzenreich drinnen stehen als automatenartige Wesen mit einem überreichlichen Verstande. Und der Mensch wird, insofern er nicht seine schattenhaften intellektuellen Begriffe belebt hat, statt sein Wesen mit den Wesen die heruntersteigen wollen seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, zu vereinigen, er wird sein Wesen mit diesen furchtbaren mineralisch-pflanzlichen Spinnentieren vereinigen müssen. Er wird selber zusammen leben mit diesen Spinnentieren, und er wird sein weiteres Fortschreiten im Weltendasein suchen müssen in derjenigen Entwickelung, die dann annimmt dieses Spinnengetier."
R. Steiner, GA 204, Seite 244f

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In der Gegenwart schiebt sich die technische Welt an die Stelle der Natur- deren Ressourcen werden z.B. ausgeschlachtet, um die Energie für die synthetische elektronische Cyberworld zu produzieren. Aber auch in der Beschäftigung des Menschen mit seinen Geräten hat sich eine Wegwendung vom natürlichen Bezug ergeben. Diese „Gegennatur“ wird nicht in der Weise, wie sich das Sciencefiction - Autoren vorgestellt haben, plötzlich etwas wie eigenen Willen entwickeln, Gefühl oder Absichten und Wünsche. Es ist dies aber - wenn man Steiner so verstehen mag - auch nur ein Probelauf für die ferne Zukunft, wenn es etwas wie eine Ausstülpung geistiger Mechanik aus dem Menschen geben wird- ein „Gezücht“. Das allerdings werden wir sehr gut hüten müssen.
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