Die grosse Armuth

„Ganz von selbst ist es gekommen, dass ich diesen ganzen deutlichen und aufwandvollen Frühling mit der sachlichen und stillen Aufmerksamkeit, die mein Schauen immer mehr annimmt, rein botanisch aufnahm und lernte, dass mich seine Bewegungen und Stimmen und der Aufflug und Zug seiner Vögel ganz sachlich interessierte, ohne dass ich jemals ihn als Ganzes, Lebendiges, Geheimnisvolles empfand, als Seele, die an meine Seele lebend grenzte.

Ich konstatierte Einzelheiten und, da ich bisher so wenig beobachtet habe und im einfachen Schauen, wie in so vielem, Anfänger bin, - befriedigte mich solche Beschäftigung, in der es zu Fortschritten kam. Geschah es aber, dass ich einmal von dem Ganzen etwas erwartete oder brauchte, so schloss ich mich auf und ging leer wieder zu und hungerte tief. Wie in einer Lunge in einem verbrauchten Raum, so wurde es meiner Seele schwer in einer erschöpften Welt in die mit dem Frühling nichts Neues kommt, nichts Weites und Unabsehbares. Die grosse Armuth fühlte ich, die im Reichsein liegt: wie bei uns eine Blume, eine erste Blume, die ringt und kommt, eine Welt ist, ein Glück, an dem theilzunehmen unendlich gut macht, - und wie hier Heerden von Blumen kommen, ohne dass sich etwas rührt in Einem, ohne dass etwas theilnimmt und sich verwandt fühlt und im anderen sich anfangen ahnt.“

Rom, 12. Mai 1904
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Rainer Maria Rilke - Lou Andreas-Salome: Briefwechsel Zürich 1952
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