Michael Eggert: Bloggen als geistige Übung. Ein Manifest | EgoBlog | Die Egoisten

Michael Eggert: Bloggen als geistige Übung. Ein Manifest

Mein kleines Manifest „Bloggen als geistige Übung“ erscheint nun doch nicht als Printversion. Daher stelle ich es hier ins Netz. Eine Textprobe, worum es u.a. geht:

„Es gibt ein typisches Kennzeichen - bei mir und vielen Zeitgenossen-, das darauf hindeutet, dass frei werdende Kräfte im ätherischen Kopfbereich ein Breitenphänomen sind, aber als solche nicht unbedingt erkannt werden: Es ist die Fähigkeit, Gesprächsverläufen in Gruppen zu folgen, die spezifische Verlaufsart eines Gesprächs um ein Thema zu erkennen und damit eventuell intuitiv aussprechen zu können, worum es der Gruppe eigentlich geht, ohne dass es den Beteiligten bisher bewusst geworden ist.
Ebenso kann man auf die mäandernden oder scheinbar gegenläufigen Verläufe im eigenen Lebenslauf schauen oder die komplexe Dynamik psychischer Abläufe, deren Hemmnisse und emotionale Abgründe in sich oder anderen erkennen. Das Denken ist potentiell prozessual geworden; man kann Entwicklungen, Trends und Irrwege erkennen. Das kann nur durch eine Instanz im Inneren entstehen, die nicht restlos in die Vorgänge verwickelt ist, der so genannte „Zeuge“. In einer Weltgesellschaft, in der die Teamarbeit (und nicht mehr der omnipräsente, alles bestimmende Generalist) essentiell wird, ist das eine grundlegende Ich- Kompetenz.

Auch beim Bloggen ist diese Kompetenz gefragt; einmal, um Kommentar- Threads und Diskussion offen laufen lassen zu können, um nur hier und da an den Stellschrauben zu drehen, aber die Lebendigkeit und Widersprüchlichkeit gelten zu lassen. Zum zweiten ist diese Kompetenz notwendig, um eben wirklich die volle Zeitgenossenschaft zu erlangen, d.h. relevant und aktuell das anzusprechen, „was in der Luft liegt“. Man kommt auf diese Weise weg von den alten "senkrechten" Strukturen, in denen Leser eigentlich Konsumenten eines kunstvoll komponierten Aufsatzes oder Vortrages sind. In den "waagerechten" neuen Strukturen ist ein Beitrag des Bloggers nur der Anstoß für einen gleichwertigen Diskurs, der Fragen aufwirft, Aspekte beleuchtet, die im Glücksfall im virtuellen Gespräch zu einem befriedigenden Schluss geführt werden. Viele solcher Threads sind in den letzten Jahren in meinen Blogs geführt worden, häufig mit weit mehr als 100 Beiträgen von Lesern. Genau diese Diskurse haben sich als das Attraktivste an den Blogs erwiesen. Es besteht meist eine deutliche Korrelation zwischen Dichte der Diskussion und Zugriffszahlen von Lesern; die Leute wollen Gesprächsverläufe und offene Diskurse verfolgen, nicht vor sie hingesetzte Meinungsbekundungen eines Autors. Die Meinungsbildung findet heute im Prozess statt- daher ist das Blog auch ein geeignetes Medium. Wenn es gelingt, werden neue Beiträge im Blog aus den laufenden Diskussionen gewonnen; manchmal finden auch Rollenwechsel statt, indem einzelne Leser selbständige Beiträge als Teil des Blogs publizieren.

Anzumerken ist an dieser Stelle, dass der Blogger natürlich kein Ideal darstellt; zwar stimmt die tolerante Grundeinstellung, aber es gibt Schwachpunkte in Bezug auf Temperament und Verletzlichkeit. Es ist erstaunlich, wie stark diese Gegebenheiten, Stärken und Schwächen von Teilnehmern der Diskurse im Internet untereinander erkannt werden, auch ohne den ganzen Ausdrucksapparat wie Mimik und Gestik, Stimmlage und Körperhaltung. Offensichtlich übertragen wir Gedanken- und Ich-Sinn auf den Duktus, den Stil und die Art von schriftlichen Beiträgen Anderer. Die Technik behindert die ungeteilte Wahrnehmung des Anderen nicht wirklich.“

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