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Hans Büchenbacher- Wo der Hammer hängt

buechenbacher
Ansgar Martins zeigt in „Hans Büchenbacher. Erinnerungen 1933- 1949“*, wo der Hammer hängt, nämlich wie man heute ein anthroposophisches Sachbuch schreibt. Es geht um methodische Vielfalt, um Kontextualisierung, vor allem gelungen durch einen die historischen Erinnerungen begleitenden Text in Form von Anmerkungen, in denen nicht nur Textvarianten, Erklärungen von Orten, Worten, Umständen einfließen, sondern auch biografische Kurzabrisse aller im Text auftretenden Personen- und das sind eine Menge, das Who is Who der Anthroposophischen Gesellschaft. Martins schafft so einen Hypertext, der, gut lesbar, die eigentlichen Erinnerungen Büchenbachers, des esoterischen Schülers von Rudolf Steiners, führenden professionellen Vortragsredner in Sachen Anthroposophie, der in den Vorständen von Stuttgart und Dornach ein und aus ging, des Netzwerkers und Organisators, begleitet. Diesem Text folgt eine umfängliche Biografie Büchenbachers von Ansgar Martins, Anmerkungen zur politischen Orientierung der frühen Anthroposophie und Ausführungen zu den „politischen Sünden“ der Dornacher in Bezug auf den Nationalsozialismus. Weitere Anmerkungen und Dokumente ergänzen den umfangreichen Band.

Man muss dazu wissen, dass der prominente Hans Büchenbacher aus nationalsozialistischer Sicht als „Halbjude“ einzustufen war und bereits 1933 erfahren musste, dass seine und die Positionierung des damaligen deutschen Vorstands, „keine unanthroposophischen Kompromisse“ mit dem Nationalsozialismus einzugehen, ja, die Gesellschaft lieber „freiwillig“ zu schließen, vom Dornacher Vorstand nicht im geringsten geteilt wurde. Ganz im Gegenteil. Günther Wachsmuth und Marie Steiner galten als pronazistisch, Albert Steffen hielt sich in der Öffentlichkeit (nicht in seinen Tagebüchern) heraus. Marie Steiner protegierte den psychisch kranken, absolut nationalsozialistisch positionierten Roman Boos, und bezeichnete die Vorgänge in Deutschland mit „es ist offenbar dort alles in bester Ruhe und Ordnung.“

Es ging dabei nicht nur um politische Bewertungen- es ging auch die Sorge vor einem Wegbruch der Gelder der mitgliederstarken deutschen Anthroposophenschaft im Falle eines Verbotes. So sollte es ja auch kommen. Statt in irgend einer Weise Flagge zu zeigen gegenüber der immer mächtiger werdenden Gewaltherrschaft entfernte die Anthroposophische Gesellschaft lieber in vorauseilendem Gehorsam die jüdischen und „halbjüdischen“ Mitglieder aus ihren Reihen und Gremien. Bereits 1934 erfuhr auch Büchenbacher von diesem Ansinnen- man verlangte selbstverständlich von ihm, „ganz freiwillig“ aus dem deutschen Vorstand auszutreten. Marie Steiner beeilte sich, Büchenbacher umgehend schnellstens seine Wohnung im Zweighaus zu kündigen. Wachsmuth hatte sich ja bereits 1933 öffentlich zu seiner Sympathie gegenüber allem, „was z Zt. in Deutschland geschieht“ bekannt und versuchte zu verhindern, dass sich jüdische Mitglieder in Dornach einzuschreiben gedachten: „er könne doch nicht am Goetheanum einen Judenstall haben“. Trotz dieser Umstände blieb Hand Büchenbacher als Vortragsredner sehr aktiv. Von der international, dezentral orientierten Ita Wegman hielt Büchenbacher übrigens gar nichts- er unterstützte trotz aller Fragwürdigkeit Marie Steiner darin, Wegman endgültig kalt zu stellen.

Nach dem Verbot der Anthroposophischen Gesellschaft 1935 zog Hans Büchenbacher nach Arlesheim bei Dornach, was ihm den, wie er später sagte, „Verrat der anthroposophischen Sache an den Nazismus“ so nahe vor Augen führte, dass er das Angebot, 1946 in den Dornacher Vorstand einzutreten, ablehnte.

Ansgar Martins umfassende Untersuchung, auf die noch an vielen Stellen eingegangen werden kann und wird, stellt einen wesentlichen Baustein, ja einen Meilenstein zur Aufarbeitung der anthroposophischen Historie dar. Die fundierten Materialien ermöglichen eine weiter gehende Forschung. Selbst die schweren internen Konflikte - etwa zwischen den Fraktionen, für die Marie Steiner und Ita Wegmann standen, erhalten eine ganz andere, nämlich politische und wirtschaftliche Dimension. Man stelle sich eine engagierte, mutige Gesellschaft vor, die sich 1933 für ihre jüdischen Mitglieder eingesetzt und sich gegen Faschismus positioniert hätte, um sich strukturell dezentral und global aufzustellen! Man stelle sich vor, die Impulse seien von Dunlop, Büchenbacher und Wegman ausgegangen! Die Anthroposophische Gesellschaft hat diese Chance leider restlos verpasst, hat Zweifel an ihrer humanitären, esoterischen und politischen Integrität genährt, und sich der vielen initiativen Menschen durch Ausschluss entledigt, um weiter im eigenen trüben Saft zu schmoren.

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*Ansgar Martins: Hans Büchenbacher. Erinnerungen 1933-1949. Zugleich eine Studie zur Geschichte der Anthroposophie im Nationalsozialismus, Mayer Info3, Frankfurt 2014
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