Bücher
Michael Eggert: Die wilde Waldorf- Puppenstube, Ein-Mann-Sekten & hermetische Weltbilder
16.Jan.2012 21:15 Uhr
Zu Christian Grauers Buch Es gibt keinen Gott, und das bin ich! Anthroposophie im Nadelöhr, Basel 2011
Natürlich hatte ich schon von dem Buch gehört, und zwar in dem Sinne, dass da einer mit seinem anthroposophischen Elternhaus abrechnet. Der Rezensent bekennt, dass er beruflich mit allen möglichen familiären Traumata befasst war und war daher einigermaßen gespannt. Mir ist, glaube ich, wirklich jeder vorstellbare Abgrund bekannt, jedenfalls in dieser Hinsicht. Aber schon in dieser Hinsicht ist Grauers Buch eine Enttäuschung. Die geschilderten Traumata bestehen vor allem darin, dass es keine gab. Zwar litt der junge Grauer unter einem „extrem dogmatische(n), christlich- pietistische(n) anthroposophische(n)“ Elternhaus, bekennt aber selbst, dass er es im Jünglingsalter versäumt hatte, ordentlich dagegen zu opponieren, also z.B. nach Goa zu ziehen oder sich die Gespenster des Elternhaus in nächtelangen Partys in Ibiza aus dem Kopf zu tanzen. Vielmehr pflegte er dieses enge Weltbild „als junger Anthroposoph selbst“. Ich habe in Studentenzeiten staunend auf Tagungen der Christengemeinschaft und anderswo wilde Mädchen erlebt, die lieber auf Sex und Drogen setzten und nach Findhorn abhauten, als „diese bigotte Waldorf- Puppenstube“ noch länger zu ertragen. Grauer dagegen las im „christengemeinschaftlichen Religionsunterricht“ Bücher über das Leben nach dem Tod, formte sich die Welt „zu einer kompakten, geschlossenen Veranstaltung“ und erklärte für sich Steiner zu einem großen Boddhisattwa, einem „Propheten und Eingeweihten“. Die „geistige Welt“, die den Vorträgen Steiners als scheinbar geschlossenes Weltbild entsprang, wurde so für Grauer zu einem „Offenbarungsglauben“.
(…)
Im folgenden Philosophie- Studium stellte Grauer fest, dass er „durchaus positiv voreingenommen gegen Publikationen aus anthroposophischen Verlagen“ war. Aber allmählich - endlich!- dämmerte auch die Erkenntnis, dass „der übermenschliche Anspruch, den ich selber an die Anthroposophie stellte, nicht haltbar war.“
Er erkannte, dass er sein hermetisches Weltbild durch Abschirmung „von allen Einflüssen der Wirklichkeit“ künstlich am Leben hielt, auch wenn er bemerkte, dass es vor allem eines, nämlich „langweilig" war. Sich aus der selbst geschaffenen Hermetik heraus zu manövrieren, kostete Grauer einige Jahre. Die Desillusionierung wurde dann so radikal, wie der naive Glaube vorher gewesen war- was einen nicht sehr überraschenden Reflex darstellt. Bei Grauer waren es dann der Nihilismus Nietzsches, der sich als „beste Medizin gegen dogmatische metaphysische Wahnvorstellungen“ erwies und (ausgerechnet!) die wachsende Freude an dem Komiker Helge Schneider. Aber auch heute noch grollt der Autor Grauer, seine „ästhetische Bewertungsneurose“ und der „Zwang, meine Mitmenschen zu beurteilen“, sei „anerzogen“. Die harten Schemata seiner Urteile bezeichnet er tief bis ins Erwachsenenalter hinein als „meine anthroposophischen Raster“. Das klingt allerdings in den Ohren des kritischen Lesers selbstbeschönigend- eine sehr verbreitete Art und Weise, Schuldzuschreibungen zu vergeben. Grauer beklagt an mehreren Stellen das Pathos und den mangelnden Raum für „Humor und Gelassenheit.“ Das Befolgen seiner virtuellen anthroposophischen „Mission“ bezeichnet er als „besonders gesteigerte Form von Egozentrik und Intoleranz.“ Dabei kommt dieses anklagende, sich über viele Seiten erstreckende Lamento selbst reichlich egozentrisch und pathetisch daher. Es ist halt das Klagelied des Klosterschülers, der seinen Glauben verloren hat und jetzt über die verpassten Jahre jammert.
(...)
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Im folgenden Philosophie- Studium stellte Grauer fest, dass er „durchaus positiv voreingenommen gegen Publikationen aus anthroposophischen Verlagen“ war. Aber allmählich - endlich!- dämmerte auch die Erkenntnis, dass „der übermenschliche Anspruch, den ich selber an die Anthroposophie stellte, nicht haltbar war.“
Er erkannte, dass er sein hermetisches Weltbild durch Abschirmung „von allen Einflüssen der Wirklichkeit“ künstlich am Leben hielt, auch wenn er bemerkte, dass es vor allem eines, nämlich „langweilig" war. Sich aus der selbst geschaffenen Hermetik heraus zu manövrieren, kostete Grauer einige Jahre. Die Desillusionierung wurde dann so radikal, wie der naive Glaube vorher gewesen war- was einen nicht sehr überraschenden Reflex darstellt. Bei Grauer waren es dann der Nihilismus Nietzsches, der sich als „beste Medizin gegen dogmatische metaphysische Wahnvorstellungen“ erwies und (ausgerechnet!) die wachsende Freude an dem Komiker Helge Schneider. Aber auch heute noch grollt der Autor Grauer, seine „ästhetische Bewertungsneurose“ und der „Zwang, meine Mitmenschen zu beurteilen“, sei „anerzogen“. Die harten Schemata seiner Urteile bezeichnet er tief bis ins Erwachsenenalter hinein als „meine anthroposophischen Raster“. Das klingt allerdings in den Ohren des kritischen Lesers selbstbeschönigend- eine sehr verbreitete Art und Weise, Schuldzuschreibungen zu vergeben. Grauer beklagt an mehreren Stellen das Pathos und den mangelnden Raum für „Humor und Gelassenheit.“ Das Befolgen seiner virtuellen anthroposophischen „Mission“ bezeichnet er als „besonders gesteigerte Form von Egozentrik und Intoleranz.“ Dabei kommt dieses anklagende, sich über viele Seiten erstreckende Lamento selbst reichlich egozentrisch und pathetisch daher. Es ist halt das Klagelied des Klosterschülers, der seinen Glauben verloren hat und jetzt über die verpassten Jahre jammert.
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Comments
Michael Eggert: Buchbesprechung von "Endstation Dornach"
30.Dez.2011 18:30 Uhr

Dorian Schmidt: Lebenskräfte- Bildekräfte
18.Dez.2011 17:49 Uhr
An dieser Stelle noch ein Hinweis auf Dorian Schmidts neues Buch „Lebenskräfte- Bildkräfte. Methodische Grundlagen zur Erforschung des Lebendigen“. Hier müssen die Sonntagsanthroposophen, denen es auf warme Gefühle und ebensolche Worte ankommt, einmal weghören, denn es geht um ein Übungsbuch, dem Gefühligkeiten, Spekulatives & Mystisches völlig fremd sind. Schmidt legt Wert darauf, seine Arbeit als „religionsneutral“ zu bezeichnen. Das ist ja auch völlig richtig und sachlich. Wem ein Übungsweg in Bezug auf die Annäherung an das Lebendige fremd geblieben ist, wird mit diesem Buch nicht warm werden. Schmidt entwirft eine Methodik des Übens, geizt auch nicht mit Tabellen und Schemata, allerdings stets im Dienst der Sache, nicht um gegenüber Teilhabern einer Powerpoint- Generation gegenüber zu punkten. An manchen Stellen - gerade zu Beginn des Übungsweges- gehören auch mathematische Aufgaben zum Standard. Im Kern geht es darum, dass „die Wahrnehmung sich in Richtung eines Miterlebend der Lebenskräfte (oder Ätherkräfte oder Bildekräfte) vertieft.“ (S. 22) Die „lahme Ente“ des alltagstauglichen Standarddenkens soll gekräftigt werden, um Beweglichkeit, Flüssigkeit, Kraft, Eindringlichkeit, Weite und Geschwindigkeit zu verbessern. Aber auch Qualitäten wie das Erlernen des „hingebungsvollen Warten(s)“ (S. 24) werden gepflegt. Schmidt verbringt viel Zeit damit, in diesen Prozessen denken, Fühlen und Wollen zu differenzieren und jeweils konkrete Erfahrungen, die sich einstellen können, darzustellen. Er geht dabei sehr angenehm vor; d.h. er hat selbst genügend Übung, um ganz unterschiedliche mögliche Erfahrungen zu umreißen. So ist die „Bandbreite von Möglichkeiten“ in der ersten „Wahrnehmung der Ätherkräfte“ (S. 46) denkbar weit gestreut, je nachdem, welche Sinnesqualitäten beim jeweiligen Übenden dominieren: „Die Ätherkräfte können als reine Kraftimpulse erlebt werden; das entspräche der Sinneswahrnehmung durch den Tastsinn, oder aber als leuchtende, strahlende, innerlich sich bewegende Bilder oder Folgen von Bildern.“ (S. 46) Das erschwert die Verständigung, zumal auch andere Sinnesqualitäten im Vordergrund stehen können. Typisch ist, dass solche Erfahrungen in ihren jeweiligen Spezialitäten gemeinsam haben, dass „das Bild einer wahrgenommenen Ätherkraft Kraft abstrahlt, Kraft spendet, eine Art über- oder ausquellenden Charakter hat.“ (S. 47)
Schmidt verwendet auch viel Energie dafür, denkbare Schwierigkeiten anzusprechen, spezifische und doch typische Hindernisse wie etwa „die fortwährende Kommentierung von Denkergebnissen durch die fühlende Seele“ (S. 52) - alles Aspekte des Alltagsdenkens mit seinen „eindeutig autistische(n) Züge(n)“ (S. 51), die andernorts (etwa bei Carlos Castaneda) als „innerer Monolog“ qualifiziert werden. Die „Verdünnung“ der Ich- Kräfte in die „vielfältigen Seelentätigkeiten“ (S. 54) soll überwunden werden, um sich dann, im folgenden Teil des Buches, konkret auf die Lebensqualitäten der umgebenden Natur einlassen zu können. Dies geschieht nun nicht in einer bloß seelischen Öffnung, sondern in einer qualifizierten Konzentration, einer erhöhten Präsenz. Ausgangspunkte sind zunächst Erscheinungen in einer weitläufigen Landschaft, dann zunehmend konkrete Pflanzen. Für den Naturwissenschaftler wird es befremdlich wirken, dass dabei auch Empfindungen wie die eines „tiefen, offenen Staunens“ auftreten können, die eine Begleitung des Prozesses oder einen Grundakkord anschlagen. Typisch für die einsetzenden ersten Wahrnehmungen des Ätherischen sind „Bewegungen wie Strömen, Strahlen, Verdichten, Spreiten, Einhüllen und vieles andere mehr, insgesamt alles Formbewegungen.“ (S. 59) Schmidt bemüht sich in der Folge, diese Formbewegungen zu spezifizieren.
Etwas bedauerlich an dem sonst ausgesprochen konkreten und hilfreichen Buches ist allenfalls, dass es nicht stringent durch geschrieben ist, sondern mehr eine überarbeitete Kombination von schon bekannten Aufsätzen darstellt; es wiederholt sich Manches. Es wird auch manche Übung nicht in aller Konsequenz ausgearbeitet; Vieles bleibt angedeutet und daher für den, der nicht in konkreter Meditationsarbeit steht, nicht immer ganz nachvollziehbar. Das liegt aber in der Sache selbst; hier liegt ein Werkstattbuch vor, mit vielen Forschungsansätzen und noch mehr Andeutungen, in welcher Richtung es weiter gehen kann. Die Schwerpunkte legt ohnehin jeder selber für sich fest; nicht zuletzt hängt man auch an spezifischen Fragestellungen und Problemen fest. Es kann in dieser Hinsicht nicht das eine, stringente Übungsbuch geben. Dieses hier ist jedenfalls von hohem qualitativem Standard. Es behauptet nichts, sondern gibt Anregungen und weist Wege für den, der tatsächlich praktisch tätig ist. Eine umfangreiche Besprechung (inklusive der üblichen schrecklichen Fragestellung, wie anthroposophisch das denn sei) gibt es bei Die Drei (Wolfgang Kilthau).
Im letzten Teil des Buches (der aber vom Umfang und von der Bedeutung her einiges Gewicht hat, stellt Schmidt den von ihm vertretenen Übungsweg mit dem der Philosophie der Freiheit nebeneinander, untersucht die Querbezüge und die Unterschiede. Das ist wirklich gut und anschaulich gemacht, aber in seiner Nuanciertheit hier, an dieser Stelle, kaum darstellbar.
Schmidt verwendet auch viel Energie dafür, denkbare Schwierigkeiten anzusprechen, spezifische und doch typische Hindernisse wie etwa „die fortwährende Kommentierung von Denkergebnissen durch die fühlende Seele“ (S. 52) - alles Aspekte des Alltagsdenkens mit seinen „eindeutig autistische(n) Züge(n)“ (S. 51), die andernorts (etwa bei Carlos Castaneda) als „innerer Monolog“ qualifiziert werden. Die „Verdünnung“ der Ich- Kräfte in die „vielfältigen Seelentätigkeiten“ (S. 54) soll überwunden werden, um sich dann, im folgenden Teil des Buches, konkret auf die Lebensqualitäten der umgebenden Natur einlassen zu können. Dies geschieht nun nicht in einer bloß seelischen Öffnung, sondern in einer qualifizierten Konzentration, einer erhöhten Präsenz. Ausgangspunkte sind zunächst Erscheinungen in einer weitläufigen Landschaft, dann zunehmend konkrete Pflanzen. Für den Naturwissenschaftler wird es befremdlich wirken, dass dabei auch Empfindungen wie die eines „tiefen, offenen Staunens“ auftreten können, die eine Begleitung des Prozesses oder einen Grundakkord anschlagen. Typisch für die einsetzenden ersten Wahrnehmungen des Ätherischen sind „Bewegungen wie Strömen, Strahlen, Verdichten, Spreiten, Einhüllen und vieles andere mehr, insgesamt alles Formbewegungen.“ (S. 59) Schmidt bemüht sich in der Folge, diese Formbewegungen zu spezifizieren.
Etwas bedauerlich an dem sonst ausgesprochen konkreten und hilfreichen Buches ist allenfalls, dass es nicht stringent durch geschrieben ist, sondern mehr eine überarbeitete Kombination von schon bekannten Aufsätzen darstellt; es wiederholt sich Manches. Es wird auch manche Übung nicht in aller Konsequenz ausgearbeitet; Vieles bleibt angedeutet und daher für den, der nicht in konkreter Meditationsarbeit steht, nicht immer ganz nachvollziehbar. Das liegt aber in der Sache selbst; hier liegt ein Werkstattbuch vor, mit vielen Forschungsansätzen und noch mehr Andeutungen, in welcher Richtung es weiter gehen kann. Die Schwerpunkte legt ohnehin jeder selber für sich fest; nicht zuletzt hängt man auch an spezifischen Fragestellungen und Problemen fest. Es kann in dieser Hinsicht nicht das eine, stringente Übungsbuch geben. Dieses hier ist jedenfalls von hohem qualitativem Standard. Es behauptet nichts, sondern gibt Anregungen und weist Wege für den, der tatsächlich praktisch tätig ist. Eine umfangreiche Besprechung (inklusive der üblichen schrecklichen Fragestellung, wie anthroposophisch das denn sei) gibt es bei Die Drei (Wolfgang Kilthau).
Im letzten Teil des Buches (der aber vom Umfang und von der Bedeutung her einiges Gewicht hat, stellt Schmidt den von ihm vertretenen Übungsweg mit dem der Philosophie der Freiheit nebeneinander, untersucht die Querbezüge und die Unterschiede. Das ist wirklich gut und anschaulich gemacht, aber in seiner Nuanciertheit hier, an dieser Stelle, kaum darstellbar.
Michael Eggert: Hochstapelei
29.Sep.2011 22:44 Uhr
Sünden, sagte mir der Philosoph mit der glatten Haut im inzwischen vorgerückten Alter (so alt wie ich jetzt, in etwa), seien die verpassten Gelegenheiten. Die Situationen, meinte er, in denen man nicht gegenwärtig war und es doch, wie eigentlich immer, hätte sein sollen. Wir träumen uns durchs Leben.
Sünden, dachte ich (der auch in jungen Jahren keine faltenfreie Haut gehabt hatte), meine Sünden sind die guten Ratschläge. Neulich habe ich X zum Beispiel geraten, sich nicht in seinem Roman und in der Aufarbeitung seiner näheren Vergangenheit zu verfangen. Was habe ich da nur gesagt? Es war nicht nur ein blöder Spruch ins Leere, es war noch viel dümmer: Ich selbst schlug mich schließlich gerade extensiv mit meinen spezifischen Vergangenheiten herum und war darin verwickelt wie ein junger Hund in einem übergroßen Wollknäuel. Weich, nein, dergleichen fühlt sich nie angenehm an.
Sünden, dachte ich, sind es, die eigenen Kübel von Unrat über Andere auszuschütten und das mit dem Zahnpastalächeln des Besserwissenden zu garnieren.
Sünde ist unser ewiges Jungsein, und diese chronische Hochstapelei.
Martin Amis schreibt: „Ich duckte mich innerlich davor weg - so wenig begriff ich. Ich war fast fünfundzwanzig, aber wie jung war ich da noch, wie furchtbar jung. Und wie lange das dauert, die Jugend, diese Zeit ständiger Hochstapelei, wenn man so tun muß, als verstehe man alles, während man in Wahrheit überhaupt nichts versteht. Man hat überhaupt keinen Begriff von Zeit.“
____
(Amis, Die Hauptsachen, München Wien 2005, S. 67)
Sünden, dachte ich (der auch in jungen Jahren keine faltenfreie Haut gehabt hatte), meine Sünden sind die guten Ratschläge. Neulich habe ich X zum Beispiel geraten, sich nicht in seinem Roman und in der Aufarbeitung seiner näheren Vergangenheit zu verfangen. Was habe ich da nur gesagt? Es war nicht nur ein blöder Spruch ins Leere, es war noch viel dümmer: Ich selbst schlug mich schließlich gerade extensiv mit meinen spezifischen Vergangenheiten herum und war darin verwickelt wie ein junger Hund in einem übergroßen Wollknäuel. Weich, nein, dergleichen fühlt sich nie angenehm an.
Sünden, dachte ich, sind es, die eigenen Kübel von Unrat über Andere auszuschütten und das mit dem Zahnpastalächeln des Besserwissenden zu garnieren.
Sünde ist unser ewiges Jungsein, und diese chronische Hochstapelei.
Martin Amis schreibt: „Ich duckte mich innerlich davor weg - so wenig begriff ich. Ich war fast fünfundzwanzig, aber wie jung war ich da noch, wie furchtbar jung. Und wie lange das dauert, die Jugend, diese Zeit ständiger Hochstapelei, wenn man so tun muß, als verstehe man alles, während man in Wahrheit überhaupt nichts versteht. Man hat überhaupt keinen Begriff von Zeit.“
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(Amis, Die Hauptsachen, München Wien 2005, S. 67)
Michael Eggert: Nach der Erleuchtung Wäsche waschen
20.Sep.2011 21:51 Uhr
Jack Kornfields Buch „Nach der Erleuchtung Wäsche waschen und Kartoffeln schälen“ (hier das englischsprachige Original) ist schon deshalb so sympathisch, weil es ehrlich ist. Es bringt den ganzen elenden Erleuchtungs- Hype auf den Boden zurück und fragt quer durch alle möglichen Bewegungen - von Sufis über Himalaya-Gurus bis hin zu christlichen Nonnen- diese danach ab, wie es den Menschen nach und mit etwas wie „Erleuchtung“ (die meisten würden sich schämen, es so zu nennen) denn erging. Zahllose Anekdoten aus all diesen Milieus erheitern manchmal, kommen manchmal besinnlich daher und beleuchten das Buch jedenfalls so sehr, dass es auch mit 350 Seiten sehr gut zu lesen ist. Wenn Kornfeld selbst einer „Richtung“ zuzuordnen ist, dann jeweils einer, die es konkret und alltäglich meint- so etwa wie in folgender Anekdote:
„Als ein Zen- Schüler zu seinem Meister sagte: „Nun fehlen mir nur noch ein paar Details“, rief der Meister aus: „Aber es gibt nur Details.“ (S. 231)
Kornfeld geht es um Achtsamkeit, um „Gegenwärtigkeit“, aber eben auch um die Wahrnehmung und Akzeptanz der eigenen Schattenseiten: „Ja, ein reifes Herz weiß um die Dimension des Egoismus und der Sünde. Aber es ist sich auch der umfassenderen Wirklichkeit des Menschseins bewusst, der ursprünglichen Einheit und grundlegenden Güte, die unsere göttliche Natur, unsere Buddha- Natur ist.“ (S. 206). Illusionärer Perfektionismus oder vorgetäuschte Vollkommenheit werden hier nicht gesucht, denn „das Bewusstsein, das man auf einem Gebiet entwickelt hat, überträgt sich nicht auf andere Lebensbereiche.“ (S. 199) Das führt zu den Widersprüchen, die man überall - auch an spirituellen Orten- erleben muss: „Meditationsmeister, die sich mit außergewöhnlichen Bewußtseinszuständen auskennen, können auf emotionalem, zwischenmenschlichem Gebiet Schwierigkeiten haben. Fromme, sich für Gott aufopfernde Nonnen oder Mönche können eine problematische, ja selbst Kaputte Beziehung zu ihrer Familie- oder zu ihrem eigenen Körper haben. Und Yogis und Gurus, die über eine unglaubliche Körperbeherrschung verfügen und ihre Atmung und Gedanken unter Kontrolle haben, können blind übernommene Überzeugungen und Meinungen vertreten, die sich negativ auf ihre Anhänger auswirken. Die meisten Mönche, Nonnen, Meditationsmeister und spirituellen Schüler entdecken nach einiger Zeit Lebensbereiche, denen sie bisher keine Aufmerksamkeit geschenkt haben. Für viele Lehrer hat die spirituelle Ausbildung selbst zur Vernachlässigung oder Verdrängung ihrer grundlegenden menschlichen Bedürfnisse geführt.“ (S. 199)
Kornfeld hat keinerlei Hemmungen, über die Alltagsprobleme hoch angesehener Yogis zu berichten, wenn auch häufig anonym, die plötzlich trotz aller Erfahrungen in eine existentielle Krise geraten und sich selbst völlig in Frage stellen. Vielen geht es offenbar gerade nach lang anhaltenden und weit gehenden Retreats so. Kaum zurück gekehrt, brechen alte Wunden mit Wucht wieder auf oder es besteht völlige Verwirrung darüber, „wie man seine Spiritualität mit dem beruflichen Alltag verbinden soll.“ (S. 158) Er verbindet das mit netten Geschichten wie das von dem Kloster auf einem Berggipfel, das den „schönsten Buddha in ganz Korea“ anpreist, aber nur einen leeren Altar mit weitem Blick in die Umgebung bietet: „Als er näher herantrat, entdeckte er eine Inschrift auf dem Altar: „Wenn du hier keinen Buddha siehst, geh hinunter und übe noch ein wenig.“
Aber neben diesen eher amüsanten Exkursen bearbeitet Kornfeld auch unangenehme Züge wie den spirituellen Ehrgeiz. Dazu die Geschichte von dem Mönch, der den Meister fragte, wie lange er bis zur Erleuchtung denn bräuchte: Zehn Jahre, ist die antwortet. Und wenn er sich besonders bemühen würde? Dann würde es zwanzig Jahre dauern. Der Adept murrt und beklagt die mangelnde Fairenss. „Wieso doppelt so lang?“. In seinem Fall, antwortet der Meister, würde es dann wohl eher dreissig Jahre dauern.
Wenig glanzvoll erscheinen auch die zahlreichen Geschichten, in denen gerade in Schüler- Lehrer- Verhältnissen Zustände eintreten können und eingetreten sind, in denen es um sexuelle und finanzielle Ausbeutung ging. Das eine oder andere Mal plaudert Kornfield aus dem Nähkästchen und verrät Namen. Bei vielen tibetischen Lamas hat der Missbrauch auch von Kindern sogar Tradition. Kornfield geht aber nicht so weit, das System von Klosterleben, Guruismus, jahrelangem Rückzug in Frage zu stellen. Die Abhängigkeitsverhältnisse in vielen klassischen spirituellen Bewegungen führen offensichtlich häufig zu schwer wiegendem Missbrauch. Kornfield sieht diese Probleme und meldet durchaus Reformbedarf an. Die Systemfrage stellt er aber nicht.
„Als ein Zen- Schüler zu seinem Meister sagte: „Nun fehlen mir nur noch ein paar Details“, rief der Meister aus: „Aber es gibt nur Details.“ (S. 231)
Kornfeld geht es um Achtsamkeit, um „Gegenwärtigkeit“, aber eben auch um die Wahrnehmung und Akzeptanz der eigenen Schattenseiten: „Ja, ein reifes Herz weiß um die Dimension des Egoismus und der Sünde. Aber es ist sich auch der umfassenderen Wirklichkeit des Menschseins bewusst, der ursprünglichen Einheit und grundlegenden Güte, die unsere göttliche Natur, unsere Buddha- Natur ist.“ (S. 206). Illusionärer Perfektionismus oder vorgetäuschte Vollkommenheit werden hier nicht gesucht, denn „das Bewusstsein, das man auf einem Gebiet entwickelt hat, überträgt sich nicht auf andere Lebensbereiche.“ (S. 199) Das führt zu den Widersprüchen, die man überall - auch an spirituellen Orten- erleben muss: „Meditationsmeister, die sich mit außergewöhnlichen Bewußtseinszuständen auskennen, können auf emotionalem, zwischenmenschlichem Gebiet Schwierigkeiten haben. Fromme, sich für Gott aufopfernde Nonnen oder Mönche können eine problematische, ja selbst Kaputte Beziehung zu ihrer Familie- oder zu ihrem eigenen Körper haben. Und Yogis und Gurus, die über eine unglaubliche Körperbeherrschung verfügen und ihre Atmung und Gedanken unter Kontrolle haben, können blind übernommene Überzeugungen und Meinungen vertreten, die sich negativ auf ihre Anhänger auswirken. Die meisten Mönche, Nonnen, Meditationsmeister und spirituellen Schüler entdecken nach einiger Zeit Lebensbereiche, denen sie bisher keine Aufmerksamkeit geschenkt haben. Für viele Lehrer hat die spirituelle Ausbildung selbst zur Vernachlässigung oder Verdrängung ihrer grundlegenden menschlichen Bedürfnisse geführt.“ (S. 199)
Kornfeld hat keinerlei Hemmungen, über die Alltagsprobleme hoch angesehener Yogis zu berichten, wenn auch häufig anonym, die plötzlich trotz aller Erfahrungen in eine existentielle Krise geraten und sich selbst völlig in Frage stellen. Vielen geht es offenbar gerade nach lang anhaltenden und weit gehenden Retreats so. Kaum zurück gekehrt, brechen alte Wunden mit Wucht wieder auf oder es besteht völlige Verwirrung darüber, „wie man seine Spiritualität mit dem beruflichen Alltag verbinden soll.“ (S. 158) Er verbindet das mit netten Geschichten wie das von dem Kloster auf einem Berggipfel, das den „schönsten Buddha in ganz Korea“ anpreist, aber nur einen leeren Altar mit weitem Blick in die Umgebung bietet: „Als er näher herantrat, entdeckte er eine Inschrift auf dem Altar: „Wenn du hier keinen Buddha siehst, geh hinunter und übe noch ein wenig.“
Aber neben diesen eher amüsanten Exkursen bearbeitet Kornfeld auch unangenehme Züge wie den spirituellen Ehrgeiz. Dazu die Geschichte von dem Mönch, der den Meister fragte, wie lange er bis zur Erleuchtung denn bräuchte: Zehn Jahre, ist die antwortet. Und wenn er sich besonders bemühen würde? Dann würde es zwanzig Jahre dauern. Der Adept murrt und beklagt die mangelnde Fairenss. „Wieso doppelt so lang?“. In seinem Fall, antwortet der Meister, würde es dann wohl eher dreissig Jahre dauern.
Wenig glanzvoll erscheinen auch die zahlreichen Geschichten, in denen gerade in Schüler- Lehrer- Verhältnissen Zustände eintreten können und eingetreten sind, in denen es um sexuelle und finanzielle Ausbeutung ging. Das eine oder andere Mal plaudert Kornfield aus dem Nähkästchen und verrät Namen. Bei vielen tibetischen Lamas hat der Missbrauch auch von Kindern sogar Tradition. Kornfield geht aber nicht so weit, das System von Klosterleben, Guruismus, jahrelangem Rückzug in Frage zu stellen. Die Abhängigkeitsverhältnisse in vielen klassischen spirituellen Bewegungen führen offensichtlich häufig zu schwer wiegendem Missbrauch. Kornfield sieht diese Probleme und meldet durchaus Reformbedarf an. Die Systemfrage stellt er aber nicht.
Michael Eggert: Kiffen ist gesünder. Zu Powells „Christus und der Mayakalender"
05.Sep.2011 17:41 Uhr
Es gibt so allerlei, über das man schreiben könnte, bei dem sich aber zwar nicht gerade die Tastatur verklemmt, aber reichlich innere Widerstände aufbauen. So geht mir das mit offensichtlich verschwörungstheoretischen, okkult- suggestiven und anderweitig im Trüben fischenden Büchern. Es ist schwierig, mit Texten umzugehen, die sensationelle Offenbarungen verheißen, wie nun im heutigen Fall mit Robert Powells „Christus und der Mayakalender. 2012 und das Erscheinen des Antichristen“ (Basel 2009).
Der Name des Buches, das im „Informationslücke-Verlag“ erschienen ist, ist Programm und verdeutlicht hinreichend den gesamten Inhalt. Interessant sind die Quellen und die Methodik, mit der das angebliche apokalyptische Geschehen produziert wird. Powell benutzt Textstellen der Apokalypse (selbstredend), Rudolf Steiners, Valentin Tombergs, Daniil Andrejews, Jeane Dixons, Judith von Halles und seiner selbst, je nach Bedarf, je nachdem, ob es passt. Ab und zu wird auch schon mal eine Marienerscheinung o.ä. eingestreut, etwas ägyptische Mystik oder das eine oder andere Buch zum rudimentären, aber zur Zeit top modischen Mayakalender. Gelegentlich betont Powell auch seine eigenen „Forschungsergebnisse“: „Durch meine eigene Forschung war ich in der Lage, Daniil Andrejews Ankündigungen bzgl. der bevorstehenden (..) Offenbarung Christi im Ätherischen und das Kommen des Antichrist „in nicht zu ferner Zukunft“ zu bestätigen.“ Holla.
Nähere oder auch nur ungefähre Angaben zu seinen Arbeitsmethoden macht Powell nicht, aber es klingt gut. Im ersten Teil benutzt er allerlei Zahlenmystik, um zu den gewünschten Jahresangaben zu kommen, die er allen möglichen Quellen entnimmt (auch Rudolf Steiner, natürlich), aber nach vorne oder hinten ausdehnt, variiert und kombiniert. Das Meiste wird aus anderen Texten über den Mayakalender abgeschrieben. Zwischen Templern, Echnaton, Dämonen und Sophienkult streut Powell auch noch Bilder der Milchstrasse hinein. Die sich daraus ergebenden Bezüge sind natürlich beliebig und passen sich notgedrungen in das behauptete apokalyptische Geschehen hinein. Bei dieser Methode könnte man auch einige Micky-Maus-Hefte als Quelle heran ziehen und einbauen- es würde passen, wenn man nur das Nichtpassende passend ausblendet.
Zweifel räumt Powell durch immer weiter addierte beliebige Textfragmente aus - etwa in folgendem Zitat:
„Bezüglich des Datums vom 21. Dezember 2012 mag der skeptische Leser einfach sagen, „Warum soll ich den Apokalypse Code für gültig erachten?“ Aber es ist nicht nur der Apokalypse Code, der uns dazu führt, den langjährigen Mayakalender als eine prophetische Voraussage für das Ende der 3 1/2 jährigen Regierungszeit des Antichrist anzusehen, sondern auch das Lesen der Bilder der Offenbarung, die uns deutlich ankündigt, wo wir in der Entfaltung der Weltgeschichte stehen. (..)“ (S. 112). Und wer es an diesem Punkt immer noch begriffen hat, dem wird das Werk des (mir unbekannten) russischen Mystikers Andrejew „als sehr hilfreich“ empfohlen.
„Hilfreich“ im Sinne der sinnfreien Argumentationskette von Powell ist alles mögliche, wenn nur das Ziel erreicht wird, „die metahistorische Offenbarung der Apokalypse in eine verständliche Reichweite der Zeit, in der wir leben, zu bringen“ (S. 113). Das haben nun allerdings seit dem Mittelalter Viele versucht. Auch Powell bezieht die apokalyptischen Bilder auf tatsächliche zeitgenössische Katastrophen: „Wie „erfüllen“ die Ereignisse des 11. September 2001 auf der historischen Ebene die sich öffnende Szene des 13. Kapitels der Offenbarung auf der metahistorischen Ebene? Kehren wir zurück zu den Worten, die die Öffnung der Szene des Kapitels beschreiben: „Und ich sah ein Tier aus dem Meer steigen, das hatte zehn Hörner und sieben Häupter.. Und ich sah eines seiner Häupter, als wäre es tödlich verwundet“ (Offenbarung 13:1-3). Die „tödliche Wunde“, die Johannes vor etwas über neunzehnhundert Jahren sah, kann als die „Wunde“ gesehen werden, die mit der Zerstörung der beiden Türme des World Trade Center, dem Computer beladenen „Haupt“ des Welthandels zugefügt wurde. So kündigte dieses dramatische Ereignis am 11. September 2011 der Welt das Aufstehen des „Tieres“, Satan/ Ahriman, an, auf seinem Weg zur Inkarnation, mit einem seiner Häupter verwundet. Der darauf folgende Krieg gegen den Terror, der beabsichtigt, die Menschheit in einem Zustand ständiger Angst zu halten, ist genau das, was die Atmosphäre schafft, die das Tier für seine Inkarnation als Antichrist braucht.“ (S. 116) Diese merkwürdigen apokalyptischen Kurzschlüsse folgen dabei - ohne das zu be- oder vermerken- einer Dämonisierung, die auch Bin Laden in seiner Dschihad- Ideologie betrieb. Powell muss sich in seinen hektischen Argumentationsmanövern offenbar doch an den Duktus des in seiner Zielgruppe beliebten Anti- Amerikanismusses halten. Die beigefügte Bemerkung, das „Haupt“ des World Trade Centers sei „Computer beladen“ (was für ein schreckliches Deutsch!), mixt noch eine Prise Technikphobie mit hinein.
Die „Qualität“ der beliebigen assoziativen Querbezüge, die Powell herstellt, zeigt sich an allen Ecken und Enden. Auf Seite 124 springt er von dem „großen roten Drachen“ nahtlos herüber zum Kommunismus, wie überraschend: „Der Name für die Bolschewisten - die Roten - deutet auf das Bild aus der Vision des Johannes.“ Ja, aber wenn ich „die Roten“ bei Google eingebe, erhalte ich auch noch 25 Millionen andere Bezüge, von Rosen über Fußballvereine bis hin zu roten Zahlen. Mithin könnten wir spontan ein Buch schreiben über den Bezug der Finanzkrise zur Apokalypse. Und auch wir könnten mit geschwellter Brust hinein schreiben: „Die Visionen der Offenbarung sind wahr.“ (S. 125). Alles wird wahr, wenn man es nur passend zurecht strickt. Nur wer diese Strickmuster dann in seinen Weltkosmos übernimmt, hat zwar ein unanfechtbares Erklärungsmodell für Alles, aber auch ein echtes Problem.
Unser Ratschlag zum besprochenen Buch: Kaufen Sie es nicht, wenn Sie einen assoziativen Rausch suchen. Kiffen ist gesünder. Folgt man diesem Buch aber doch, muss man mehr Sorge um die eigene geistige Integrität als Angst vor dem kommenden Antichristen haben.
Der Name des Buches, das im „Informationslücke-Verlag“ erschienen ist, ist Programm und verdeutlicht hinreichend den gesamten Inhalt. Interessant sind die Quellen und die Methodik, mit der das angebliche apokalyptische Geschehen produziert wird. Powell benutzt Textstellen der Apokalypse (selbstredend), Rudolf Steiners, Valentin Tombergs, Daniil Andrejews, Jeane Dixons, Judith von Halles und seiner selbst, je nach Bedarf, je nachdem, ob es passt. Ab und zu wird auch schon mal eine Marienerscheinung o.ä. eingestreut, etwas ägyptische Mystik oder das eine oder andere Buch zum rudimentären, aber zur Zeit top modischen Mayakalender. Gelegentlich betont Powell auch seine eigenen „Forschungsergebnisse“: „Durch meine eigene Forschung war ich in der Lage, Daniil Andrejews Ankündigungen bzgl. der bevorstehenden (..) Offenbarung Christi im Ätherischen und das Kommen des Antichrist „in nicht zu ferner Zukunft“ zu bestätigen.“ Holla.
Nähere oder auch nur ungefähre Angaben zu seinen Arbeitsmethoden macht Powell nicht, aber es klingt gut. Im ersten Teil benutzt er allerlei Zahlenmystik, um zu den gewünschten Jahresangaben zu kommen, die er allen möglichen Quellen entnimmt (auch Rudolf Steiner, natürlich), aber nach vorne oder hinten ausdehnt, variiert und kombiniert. Das Meiste wird aus anderen Texten über den Mayakalender abgeschrieben. Zwischen Templern, Echnaton, Dämonen und Sophienkult streut Powell auch noch Bilder der Milchstrasse hinein. Die sich daraus ergebenden Bezüge sind natürlich beliebig und passen sich notgedrungen in das behauptete apokalyptische Geschehen hinein. Bei dieser Methode könnte man auch einige Micky-Maus-Hefte als Quelle heran ziehen und einbauen- es würde passen, wenn man nur das Nichtpassende passend ausblendet.
Zweifel räumt Powell durch immer weiter addierte beliebige Textfragmente aus - etwa in folgendem Zitat:
„Bezüglich des Datums vom 21. Dezember 2012 mag der skeptische Leser einfach sagen, „Warum soll ich den Apokalypse Code für gültig erachten?“ Aber es ist nicht nur der Apokalypse Code, der uns dazu führt, den langjährigen Mayakalender als eine prophetische Voraussage für das Ende der 3 1/2 jährigen Regierungszeit des Antichrist anzusehen, sondern auch das Lesen der Bilder der Offenbarung, die uns deutlich ankündigt, wo wir in der Entfaltung der Weltgeschichte stehen. (..)“ (S. 112). Und wer es an diesem Punkt immer noch begriffen hat, dem wird das Werk des (mir unbekannten) russischen Mystikers Andrejew „als sehr hilfreich“ empfohlen.
„Hilfreich“ im Sinne der sinnfreien Argumentationskette von Powell ist alles mögliche, wenn nur das Ziel erreicht wird, „die metahistorische Offenbarung der Apokalypse in eine verständliche Reichweite der Zeit, in der wir leben, zu bringen“ (S. 113). Das haben nun allerdings seit dem Mittelalter Viele versucht. Auch Powell bezieht die apokalyptischen Bilder auf tatsächliche zeitgenössische Katastrophen: „Wie „erfüllen“ die Ereignisse des 11. September 2001 auf der historischen Ebene die sich öffnende Szene des 13. Kapitels der Offenbarung auf der metahistorischen Ebene? Kehren wir zurück zu den Worten, die die Öffnung der Szene des Kapitels beschreiben: „Und ich sah ein Tier aus dem Meer steigen, das hatte zehn Hörner und sieben Häupter.. Und ich sah eines seiner Häupter, als wäre es tödlich verwundet“ (Offenbarung 13:1-3). Die „tödliche Wunde“, die Johannes vor etwas über neunzehnhundert Jahren sah, kann als die „Wunde“ gesehen werden, die mit der Zerstörung der beiden Türme des World Trade Center, dem Computer beladenen „Haupt“ des Welthandels zugefügt wurde. So kündigte dieses dramatische Ereignis am 11. September 2011 der Welt das Aufstehen des „Tieres“, Satan/ Ahriman, an, auf seinem Weg zur Inkarnation, mit einem seiner Häupter verwundet. Der darauf folgende Krieg gegen den Terror, der beabsichtigt, die Menschheit in einem Zustand ständiger Angst zu halten, ist genau das, was die Atmosphäre schafft, die das Tier für seine Inkarnation als Antichrist braucht.“ (S. 116) Diese merkwürdigen apokalyptischen Kurzschlüsse folgen dabei - ohne das zu be- oder vermerken- einer Dämonisierung, die auch Bin Laden in seiner Dschihad- Ideologie betrieb. Powell muss sich in seinen hektischen Argumentationsmanövern offenbar doch an den Duktus des in seiner Zielgruppe beliebten Anti- Amerikanismusses halten. Die beigefügte Bemerkung, das „Haupt“ des World Trade Centers sei „Computer beladen“ (was für ein schreckliches Deutsch!), mixt noch eine Prise Technikphobie mit hinein.
Die „Qualität“ der beliebigen assoziativen Querbezüge, die Powell herstellt, zeigt sich an allen Ecken und Enden. Auf Seite 124 springt er von dem „großen roten Drachen“ nahtlos herüber zum Kommunismus, wie überraschend: „Der Name für die Bolschewisten - die Roten - deutet auf das Bild aus der Vision des Johannes.“ Ja, aber wenn ich „die Roten“ bei Google eingebe, erhalte ich auch noch 25 Millionen andere Bezüge, von Rosen über Fußballvereine bis hin zu roten Zahlen. Mithin könnten wir spontan ein Buch schreiben über den Bezug der Finanzkrise zur Apokalypse. Und auch wir könnten mit geschwellter Brust hinein schreiben: „Die Visionen der Offenbarung sind wahr.“ (S. 125). Alles wird wahr, wenn man es nur passend zurecht strickt. Nur wer diese Strickmuster dann in seinen Weltkosmos übernimmt, hat zwar ein unanfechtbares Erklärungsmodell für Alles, aber auch ein echtes Problem.
Unser Ratschlag zum besprochenen Buch: Kaufen Sie es nicht, wenn Sie einen assoziativen Rausch suchen. Kiffen ist gesünder. Folgt man diesem Buch aber doch, muss man mehr Sorge um die eigene geistige Integrität als Angst vor dem kommenden Antichristen haben.
Dieses Leben das wir haben
23.Mär.2011 22:22 Uhr

Shep, der Ehemann in diesem Buch, ist ein moderner Hiob. Seine Frau Glynis, mit ihrer unausstehlichen, allzu offenen Art, hat die Diagnose Krebs gerade dann erhalten, als Shep, auf die Fünfzig zugehend, sich endlich entschieden hat, sein bisheriges Leben aufzugeben und auszuwandern. Shep wollte nun seinen lang gehegten Traum verwirklichen. Aber- so zeigt sich- ein Träumer ist er nicht. Er stellt sich dem, was nötig ist. Das ist keinesfalls nur die letztlich tödliche Krankheit seiner Frau, die angesichts der Diagnose auf Rache an allen sinnt, die sie überleben werden. Sheps Vater wird zugleich pflegebedürftig, ein Freundin ist schwer erkrankt, die Schwester erweist sich als extrem egozentrisch, der beste Freund ist ein Bankrotteur, der die merkwürdigsten Dinge unternimmt, um sich und seine Ehe zu ruinieren. Und auch die Freunde, das ganze soziale Netzwerk und Umfeld schrumpft:
„“Eine Zeitlang“, sagte Shep, als die Besuche immer weniger wurden, hat sie noch relativ viele E-Mails bekommen. Wir drücken dir die Daumen, wir denken an dich, solche Sachen. Ich persönlich halte das Internet für ein Medium für Feiglinge. Aber diese Zweizeiler waren immer noch besser als gar nichts.“
Shep wächst angesichts der niederschmetternden Umstände. Er begleitet all diese Menschen, die da mit ihm verbunden sind- selbst als es ihn finanziell ruiniert, als die hoch bezahlten Therapeuten sich als Scharlatane erweisen, die nicht nur um Geld, sondern auch um Lebensqualität betrügen. Trotz des nahenden Todes, der Unausweichlichkeiten und Nackenschläge gelingt es Shep am Ende, dem Leben ein radikale Wende zu geben.
In diesem Buch wird sicher nichts beschönigt. Für Jeden, der Ehrlichkeit zu schätzen weiss und den Fragen des Lebens und Sterbens nicht ausweichen mag, wird dieses Buch ein Gewinn sein.
_____
Wer mehr davon erfahren möchte, sollte die Rezension von Felicitas von Lovenberg lesen.
Arno Geigers Buch "Der alte König in seinem Exil"
04.Mär.2011 22:22 Uhr
Arno Geigers Buch „Der alte König in seinem Exil“ ist schon deshalb ein Phänomen, weil sonst kaum je ein Buch mit dem Thema Alzheimer bis in die Top Ten des deutschen Buchhandels vorgerückt ist. Da es das Schicksal des Vaters von Arno Geiger betrifft, handelt es sich auch um biografischer Material, vielleicht aber auch um ein Sachbuch? Einigen Kritikern macht die Einteilung Schwierigkeiten, andere sind berührt und überaus angetan, die Leser aber kaufen.
Arno Geiger bringt es fertig, liebevoll, aber kühl betrachtend, warmherzig und analysierend zugleich zu schreiben. Er blendet sich nie aus, auch nicht in seinem (allzu verständlichen) Versagen, jahrelang die Demenz nicht erkannt zu haben. Zu dieser Zeit wurde der Vater zu einem Sonderling, vor allem nachdem seine Frau ihn verlassen hatte. Dass er litt und sich zunehmend verwirrte, wurde erst nach und nach deutlich. Die Alzheimererkrankung schritt dann langsam weit über ein Jahrzehnt voran, bis hin zu Zuständen, in denen der Vater selbst einen Baum nicht mehr als solchen erkannte. Er sah ihn, aber hatte dafür keinen Begriff, keinerlei Vorstellung, was für ein Ding das war. Zwischendurch gab es immer wieder helle Augenblicke, in denen der Vater sich nicht nur in Selbstkenntnis seines Zustandes äußerte, sondern dies auch in ungewollt poetischer, ja imaginativer Art äußerte. Diese Momente berührten den Dichter Arno Geiger, und er protokollierte sie mit. Mit der Entdeckung dieser Poesie hat Geiger die Alzheimer- Erkrankung gewissermaßen geadelt, hat ihr und seinem Vater die Würde zurück gegeben. Inmitten dieser Verwüstung gedeihen die schönen und weisen Worte- manchmal gerade aus der Not geboren, auf den „richtigen“ Begriff zu kommen. Der Vater begründet eine Art Bildsprache, in der er seinen Zustand auch umschreibt und definiert.
An diesem Buch stimmt einfach alles- es ist mitfühlend und beglückend, nie larmoyant, nie „klinisch“, nie bloß tröstlich. Dennoch erlebt man den Zerfall sehr deutlich mit. Aber, so lehrt das Buch, es ist eben nicht nur Zerfall. Es ist, selbst in den späten Aufenthalten im Pflegeheim, nie so, dass die Person, die da die Kontinuität ihres Bewusstseins verliert, doch ganz verloren wäre. Inmitten des Zerbröckelns der Person besteht ein Charakter fort, der sich nur noch ab und zu aus dem Dickicht der Demenz erheben und sich äußern kann. Es ist nicht nur die Geschichte eines Untergangs, sondern auch eine des Bestehens.
Deshalb und weil es so un-ambitioniert, so scheinbar anstrengungslos geschrieben ist, muss man das Buch mögen. Auch dann, wenn es gegen Ende etwas verflacht. Die Stringenz des Erzählens dieser Biografie und dieser Beziehung verebbt etwas- es wird fragmentarischer, stichwortartiger- so, wie das Leben des Vaters auch monotoner zu werden scheint.
___
Als Gegenpol und Kontrast sei hier noch einmal auf das Buch von Judith von Halle zu diesem Thema in diesem Blog verwiesen.
Arno Geiger bringt es fertig, liebevoll, aber kühl betrachtend, warmherzig und analysierend zugleich zu schreiben. Er blendet sich nie aus, auch nicht in seinem (allzu verständlichen) Versagen, jahrelang die Demenz nicht erkannt zu haben. Zu dieser Zeit wurde der Vater zu einem Sonderling, vor allem nachdem seine Frau ihn verlassen hatte. Dass er litt und sich zunehmend verwirrte, wurde erst nach und nach deutlich. Die Alzheimererkrankung schritt dann langsam weit über ein Jahrzehnt voran, bis hin zu Zuständen, in denen der Vater selbst einen Baum nicht mehr als solchen erkannte. Er sah ihn, aber hatte dafür keinen Begriff, keinerlei Vorstellung, was für ein Ding das war. Zwischendurch gab es immer wieder helle Augenblicke, in denen der Vater sich nicht nur in Selbstkenntnis seines Zustandes äußerte, sondern dies auch in ungewollt poetischer, ja imaginativer Art äußerte. Diese Momente berührten den Dichter Arno Geiger, und er protokollierte sie mit. Mit der Entdeckung dieser Poesie hat Geiger die Alzheimer- Erkrankung gewissermaßen geadelt, hat ihr und seinem Vater die Würde zurück gegeben. Inmitten dieser Verwüstung gedeihen die schönen und weisen Worte- manchmal gerade aus der Not geboren, auf den „richtigen“ Begriff zu kommen. Der Vater begründet eine Art Bildsprache, in der er seinen Zustand auch umschreibt und definiert.
An diesem Buch stimmt einfach alles- es ist mitfühlend und beglückend, nie larmoyant, nie „klinisch“, nie bloß tröstlich. Dennoch erlebt man den Zerfall sehr deutlich mit. Aber, so lehrt das Buch, es ist eben nicht nur Zerfall. Es ist, selbst in den späten Aufenthalten im Pflegeheim, nie so, dass die Person, die da die Kontinuität ihres Bewusstseins verliert, doch ganz verloren wäre. Inmitten des Zerbröckelns der Person besteht ein Charakter fort, der sich nur noch ab und zu aus dem Dickicht der Demenz erheben und sich äußern kann. Es ist nicht nur die Geschichte eines Untergangs, sondern auch eine des Bestehens.
Deshalb und weil es so un-ambitioniert, so scheinbar anstrengungslos geschrieben ist, muss man das Buch mögen. Auch dann, wenn es gegen Ende etwas verflacht. Die Stringenz des Erzählens dieser Biografie und dieser Beziehung verebbt etwas- es wird fragmentarischer, stichwortartiger- so, wie das Leben des Vaters auch monotoner zu werden scheint.
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Als Gegenpol und Kontrast sei hier noch einmal auf das Buch von Judith von Halle zu diesem Thema in diesem Blog verwiesen.
Opak
01.Jul.2010 00:09 Uhr
„Von seiner frühesten Jugend an gelang es Cincinnatus, der durch einen seltsamen und glücklichen Umstand seine Gefährdung begriff, eine gewisse Eigenheit zu verbergen. Er war undurchdringlich für die Strahlen der anderen und wirkte darum, wenn er nicht aufpaßte, bizarr, wie ein einsames dunkles Hindernis in dieser Welt der für einander durchsichtigen Seelen; jedoch lernte er, Transparenz vorzugaukeln, sozusagen mit Hilfe eines komplexen Systems optischer Täuschungen- aber er brauchte sich nur einmal zu vergessen, einen Augenblick lang die Herrschaft über sich zu verlieren und über die klüglich beleuchteten Facetten und Winkel, die er seine Seele einnehmen ließ, und sofort gab es Alarm. Mitten in der Aufregung eines Spiels ließen ihn seine Altersgenossen plötzlich im Stich, als hätten sie gespürt, daß sein klarer Blick und das Himmelblau seiner Schläfen nur eine listige Täuschung darstellten und daß Cincinnatus in Wahrheit opak war. Manchmal raffte der Lehrer inmitten seiner plötzlichen Stille in bekümmerter Bestürzung alle seine Hautreserven um die Augen zusammen, blickte ihn lange an und sagte schließlich: „Was ist nur mit dir los, Cincinnatus?“ Dann nahm sich Cincinnatus zusammen, preßte sein eigenes Ich an die Brust und brachte es an einen sicheren Ort.“
Es sind nicht nur diese komplexen, wunderbar gebauten Sätze, die einen schwärmen lassen, diese komplexen und grazilen Gebilde, die den Lesegenuss von sich aus verlängern, schon aufgrund ihrer mäandernden Struktur. Das ist nicht altertümelnd, sondern einfach gut. Damit ist der literarische Anspruch verbrieft.
Aber es gibt noch die Falltüren, irgendwo zwischen Opak und Himmelblau, zwischen Hautreserven und dem Ich, das man an der Brust ins Sichere bringt.
Die Metaphorik als Methode lässt das Ganze nicht nur bunt werden, sondern bringt Deutungs- und Bedeutungsebenen hinein, die die formale Gestaltung konterkarieren. Hier kann man sich auf Überraschungen gefasst machen, hier schwingt die Sprache und schimmert, aber sie weist eben auch noch auf eine Schilderung von innen her hin, auf eine biografische Besonderheit, vielleicht eher auf einen Makel, ja auf ein Fatum. Diese Sätze am Anfang enthalten die Tragik und die Grundtonstimmung von Vladimir Nabokovs Roman „Einladung zur Enthauptung“ bereits voll und ganz; von hier aus, vom innersten Punkt aus wird sich die ganze Geschichte entfalten.
Es sind nicht nur diese komplexen, wunderbar gebauten Sätze, die einen schwärmen lassen, diese komplexen und grazilen Gebilde, die den Lesegenuss von sich aus verlängern, schon aufgrund ihrer mäandernden Struktur. Das ist nicht altertümelnd, sondern einfach gut. Damit ist der literarische Anspruch verbrieft.
Aber es gibt noch die Falltüren, irgendwo zwischen Opak und Himmelblau, zwischen Hautreserven und dem Ich, das man an der Brust ins Sichere bringt.
Die Metaphorik als Methode lässt das Ganze nicht nur bunt werden, sondern bringt Deutungs- und Bedeutungsebenen hinein, die die formale Gestaltung konterkarieren. Hier kann man sich auf Überraschungen gefasst machen, hier schwingt die Sprache und schimmert, aber sie weist eben auch noch auf eine Schilderung von innen her hin, auf eine biografische Besonderheit, vielleicht eher auf einen Makel, ja auf ein Fatum. Diese Sätze am Anfang enthalten die Tragik und die Grundtonstimmung von Vladimir Nabokovs Roman „Einladung zur Enthauptung“ bereits voll und ganz; von hier aus, vom innersten Punkt aus wird sich die ganze Geschichte entfalten.
Wilfrid Jaensch kreist um die "wahre Natur des Ich"
23.Mai.2010 17:52 Uhr

Reden wir nicht drum herum, lassen wir ihn selbst zu Wort kommen:
„Frei kommt von Freya, der germanischen Göttin der Liebe und des Todes. Ich mache den freien, also tödlichen Satz über den Abgrund. Den Satz der Liebe. Ich stürze mich selbst und mein „Ich denke“ in das kochend fließende eiserne Meer des Lebens. Ich stürze mich selbst vereinigend ion das Leben, in welchem mein „Ich denke“ ertrinkt, erlischt, verbrennt und verschlungen wird. Indem ich selbst verschwinde, höre ich aus dem eisern kochenden Meer des Lebens einen Satz, der nicht mehr der meinige ist. Der Satz lautet: „Ich bin“. Das „Ich“ ist die Selbstaussage des allgemeinen, sich selbst denkenden Lebens, das aus allen einzelnen Lebewesen erschallt.“ (S. 42)
Auf Jaenschs Blog hatten wir ja schon aufmerksam gemacht. Texte, Fotos und Grafiken gibt es bei Facebook, hier eine Veranstaltung mit Jens Prochnow:

Anthroposophie als Ich- Berührung
14.Mai.2010 21:00 Uhr

Das scheinbar Konventionelle in der Sprachgebung täuscht aber: Ständig ist Klünker bemüht, klassische anthroposophische Begriffe auf heutige Phänomene (und auch Krankheitsbilder) zu beziehen. Man merkt Klünker an, wie vorsichtig und sorgsam er dabei vorgeht und dass er sich an keiner Stelle nahe liegende, simple Zuweisungen gestattet. So kommt er z.B. zu einer Betrachtung, in der die klassischen Schritte von Imagination- Inspiration- Intuition heute kein ferne liegendes Ziel mehr darstellen, sondern Selbsterneuerungskräfte sind, die die gesamte innere seelisch- geistige Landschaft beleben sollen und müssen: „Wille und Ich- Aktivität“ sollten „spätestens in der Lebensmitte (..) in das Denken einziehen“, ohne das Horchen auf inspirative Fähigkeit „entindividualisiert sich das menschliche Fühlen“ und ohne eine „Intuition“, die in der Lage ist, umfassend „die eigene Denk- und Gefühlslage“ zu überblicken, gleitet der Wille ins Depressive oder chaotisch Unbewusste ab. Das, was vor hundert Jahren „Schulungsweg“ gewesen sein mag, stellt sich bei Klünker für die Moderne als eine Art Hygiene dar: Meditation ist der Faktor, der verkrustende seelische Prozesse beleben und erneuern kann.
Dabei geht es ihm um eine realistische Selbsteinschätzung. Heute sollte man nicht vor Ehrfurcht erstarren in Erwartung „der „großen“ geistigen Einsicht oder der „objektiven“ Geistwirksamkeit“: Es kommt vielmehr auf das „individuelle geistige Verhältnis, das ich im Laufe meines Lebens ausbilden kann“, an; meine persönliche „Qualifikation geistiger Wirklichkeit“. Anthroposophie versteht Klünker als einen Vermittler für die individuelle Tastbewegung; fertig und abgeschlossen ist hier nichts. Klünker postuliert daher keine scheinbar objektiven „geistigen Tatsachen“, sondern fragt vorsichtig: „Zu welchem Aspekt geistiger Wirklichkeit kann ich mich realistisch in Beziehung setzen?“
Diese Haltung, die ja vor allem dem verbreiteten Kulturpessimismus eine Absage erteilt und auf die Würde und Selbstaktivierung des Individuums setzt, fällt in Klünkers Augen auch als „Anspruch, den die Anthroposophie an sich selbst stellen muss“, auf diese zurück. Denn „niemand will mehr Deutungen, Weltanschauungen vom Menschen sehen, sondern den Menschen selbst.“ Die Zeiten, in denen sich Anthroposophie als „Lehre“ verstand, sind ein für allemal vorbei: „Die Überzeugungskraft liegt nicht im Begriff, sondern im Sein- genauer in demjenigen Begriff, der im Menschen Sein geworden ist.“
In diesem Sinne bewegt sich Klünkers Buch an der Nahtstelle der individuellen und kollektiven Schwellen. Ein zentrales, immer wieder kehrendes Thema ist auch das der Krankheit. Die „mitgebrachte leiblich- seelische Konstitution“ des Menschen stellt heute für das sich emanzipierende Ich nicht immer eine dauerhaft tragende Grundlage dar. In der Nähe der Schwelle kann sich das, was wir als „Krankheit“ zu bezeichnen gewohnt sind, durchaus auch als Chance erweisen, inneren Suchbewegungen Kraft und Raum zu vermitteln; Krankheit kann Chance sein und sollte so auch verstanden werden. Ein -vielleicht temporär- prekäres Verhältnis zur Leiblichkeit kann Anstoss zu einem Aufbruch werden.
Klünkers Buch löst das ein, was der Autor vertritt: Eine freie, unbefangene Positionsbestimmung von anthroposophischer Arbeit und Kultur heute. Anthroposophie versteht sich hier als ein praktizierter Weg jenseits der Katechismen und begrifflichen Einbahnstrassen. Daher finden sich zwar bei Klünker mehr Fragen als Antworten, aber auch mehr Anregungen als anderswo. Es ist eine Freude, so etwas zu lesen.
Wolf-Ulrich Klünker: Über Inkarnationsstörungen und Geisterfahrung
01.Mai.2010 20:20 Uhr
In seinem neuen Buch (März 2010) schreibt Wolf- Ulrich Klünker:
„Darüber hinaus zeigt sich immer deutlicher das Problem, dass die mitgebrachte leiblich-seelische Konstitution nicht mehr die ganze Biographie über für das Ich eine tragfähige Grundlage bildet. Die individuell vorgefundenen seelisch-leiblichen Gegebenheiten können sich als für das Ich nicht handhabbar, als Gegenkraft für Ich-Intentionen oder als krankheitsanfällig darstellen. Das Ich kann sich innerhalb eines solchen Leib-Seelen-Gefüges nur schwer greifen. Solche Schwierigkeiten sind früher ungefähr von der Lebensmitte an für manche Menschen biographisch relevant geworden. In-zwischen ist schon an Kindern und Jugendlichen spürbar, dass sich geistige Individualität und Leib-Seelen-Konstitution widersprechen können. Daraus entstehen zuweilen Krankheitssymptome, die im Hinblick auf die zugrunde liegende (in dem beschriebenen Sinne „konstitutionelle“) Ursache recht wenig aussagefähig sind. Vielmehr kann hier ein Inkarnationsproblem vorliegen, das darauf hinweist, dass das Ich gegenwärtig und zukünftig vor der Aufgabe steht, die eigenen seelisch-leiblichen Existenzvoraussetzungen selbst mitzugestalten.
Zu den biographischen Erfahrungen gehört auch immer öfter, dass das eigene Selbstgefühl gefährdet ist – entweder als Folge oder auch als Ursache der leiblich-seelisch konstitutionellen Schwächung. Wenn das Selbstgefühl unsicher wird, beginnen die inneren Beziehungen zur Welt und zu anderen Menschen zu schwanken: es fehlt der Bezugspunkt im eigenen Innenempfinden. (...)
Es könnte inzwischen für viele Menschen eine innere Situation gegeben sein, die eine solche „klassische“ Beziehung von Ich und Geistselbst im Seelenraum nicht mehr ohne weiteres zulässt. Vielleicht muss dann ein Verhältnis ins Auge gefasst werden, in dem sich das Ich zunächst gleichsam michaelisch-abstrakt mit Geistselbst-Kräften in Beziehung bringt; in dem die fehlende Tragfähigkeit von Selbstgefühl und seelischem Innenraum zunächst so weit wie möglich akzeptiert wird; in dem ein zunächst gewissermaßen „abstrakter“ Wille an der eigenen geistigen Tätigkeit festhält, auch wenn diese erst einmal keine positiven Wirkungen in der eigenen seelischen Befindlichkeit zeigt – denn es könnte sein, dass gerade das fehlende seelische Resonanzerleben Ausdruck davon ist, dass eine tiefer leiblich-seelisch gesundende Kraft im Organismus zu wirken beginnt: eine Kraft aus dem Geistselbst-Bereich, die vielleicht erst in einem zweiten Schritt auch zu einer Konsolidierung des seelischen Selbstgefühls und damit auch der Beziehung zur Welt und zu anderen Menschen führen kann.
Dann aber wäre eine Situation gegeben, in der die Beziehung des Ich zum Geistselbst nicht mehr allein darin besteht, dass eine tragfähige seelische Grundlage geistselbstfähig umgewandelt und so eine Beziehung zur Engel-Dimension aufgenommen wird. Vielmehr würde das Ich in den geistigen Bereich hinein arbeiten, aus dem heraus dann seelisch-leibliche Gesundungskräfte wirken und schließlich auch einen neuen seelischen Innenraum mit befriedigendem Selbstgefühl ausbilden. Die Seele wäre dann zunehmend eine Wirkung der geistigen Tätigkeit des Ich, in der das Ich sich der Geistselbst-Kraft öffnet und damit im seelischen Innenraum gestaltend wirkt, unter Umständen bis in den Organzusammenhang hinein. An diese Geistselbst-Wirkung könnten positive Kräfte aus dem Bereich der dritten Hierarchie anknüpfen: Kräfte, die zur Neugestaltung von Seele und Leib in der Lage sind.“
Okay, die Sprache ist gewöhnungsbedürftig und offensichtlich an Insider gerichtet- schade. Wer heute mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat, kann aber den angesprochenen Sachverhalt - ein wenig befriedigendes Selbstgefühl, eine innere Kluft von hoher geistiger und intellektueller Präsenz in einem manchmal eher infantilen seelischen Innenraum- nicht selten beobachten. Ich habe Klünkers Buch noch nicht gelesen, sondern erst bestellt. Das Zitat stammt aus dem Rundbrief AGiD Aktuell- Mai 2010.
„Darüber hinaus zeigt sich immer deutlicher das Problem, dass die mitgebrachte leiblich-seelische Konstitution nicht mehr die ganze Biographie über für das Ich eine tragfähige Grundlage bildet. Die individuell vorgefundenen seelisch-leiblichen Gegebenheiten können sich als für das Ich nicht handhabbar, als Gegenkraft für Ich-Intentionen oder als krankheitsanfällig darstellen. Das Ich kann sich innerhalb eines solchen Leib-Seelen-Gefüges nur schwer greifen. Solche Schwierigkeiten sind früher ungefähr von der Lebensmitte an für manche Menschen biographisch relevant geworden. In-zwischen ist schon an Kindern und Jugendlichen spürbar, dass sich geistige Individualität und Leib-Seelen-Konstitution widersprechen können. Daraus entstehen zuweilen Krankheitssymptome, die im Hinblick auf die zugrunde liegende (in dem beschriebenen Sinne „konstitutionelle“) Ursache recht wenig aussagefähig sind. Vielmehr kann hier ein Inkarnationsproblem vorliegen, das darauf hinweist, dass das Ich gegenwärtig und zukünftig vor der Aufgabe steht, die eigenen seelisch-leiblichen Existenzvoraussetzungen selbst mitzugestalten.
Zu den biographischen Erfahrungen gehört auch immer öfter, dass das eigene Selbstgefühl gefährdet ist – entweder als Folge oder auch als Ursache der leiblich-seelisch konstitutionellen Schwächung. Wenn das Selbstgefühl unsicher wird, beginnen die inneren Beziehungen zur Welt und zu anderen Menschen zu schwanken: es fehlt der Bezugspunkt im eigenen Innenempfinden. (...)
Es könnte inzwischen für viele Menschen eine innere Situation gegeben sein, die eine solche „klassische“ Beziehung von Ich und Geistselbst im Seelenraum nicht mehr ohne weiteres zulässt. Vielleicht muss dann ein Verhältnis ins Auge gefasst werden, in dem sich das Ich zunächst gleichsam michaelisch-abstrakt mit Geistselbst-Kräften in Beziehung bringt; in dem die fehlende Tragfähigkeit von Selbstgefühl und seelischem Innenraum zunächst so weit wie möglich akzeptiert wird; in dem ein zunächst gewissermaßen „abstrakter“ Wille an der eigenen geistigen Tätigkeit festhält, auch wenn diese erst einmal keine positiven Wirkungen in der eigenen seelischen Befindlichkeit zeigt – denn es könnte sein, dass gerade das fehlende seelische Resonanzerleben Ausdruck davon ist, dass eine tiefer leiblich-seelisch gesundende Kraft im Organismus zu wirken beginnt: eine Kraft aus dem Geistselbst-Bereich, die vielleicht erst in einem zweiten Schritt auch zu einer Konsolidierung des seelischen Selbstgefühls und damit auch der Beziehung zur Welt und zu anderen Menschen führen kann.
Dann aber wäre eine Situation gegeben, in der die Beziehung des Ich zum Geistselbst nicht mehr allein darin besteht, dass eine tragfähige seelische Grundlage geistselbstfähig umgewandelt und so eine Beziehung zur Engel-Dimension aufgenommen wird. Vielmehr würde das Ich in den geistigen Bereich hinein arbeiten, aus dem heraus dann seelisch-leibliche Gesundungskräfte wirken und schließlich auch einen neuen seelischen Innenraum mit befriedigendem Selbstgefühl ausbilden. Die Seele wäre dann zunehmend eine Wirkung der geistigen Tätigkeit des Ich, in der das Ich sich der Geistselbst-Kraft öffnet und damit im seelischen Innenraum gestaltend wirkt, unter Umständen bis in den Organzusammenhang hinein. An diese Geistselbst-Wirkung könnten positive Kräfte aus dem Bereich der dritten Hierarchie anknüpfen: Kräfte, die zur Neugestaltung von Seele und Leib in der Lage sind.“
Okay, die Sprache ist gewöhnungsbedürftig und offensichtlich an Insider gerichtet- schade. Wer heute mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat, kann aber den angesprochenen Sachverhalt - ein wenig befriedigendes Selbstgefühl, eine innere Kluft von hoher geistiger und intellektueller Präsenz in einem manchmal eher infantilen seelischen Innenraum- nicht selten beobachten. Ich habe Klünkers Buch noch nicht gelesen, sondern erst bestellt. Das Zitat stammt aus dem Rundbrief AGiD Aktuell- Mai 2010.
Talent
10.Feb.2010 23:28 Uhr
„Ich hatte ein Talent zur Absurdität, und ein Talent wirft man nicht weg.“
_______________
Saul Bellow, Humboldts Vermächtnis, Köln 2008, S. 67
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Saul Bellow, Humboldts Vermächtnis, Köln 2008, S. 67
Slumdogs
07.Nov.2009 20:54 Uhr
"Gesetze erlassen ist für Politiker das gleiche wie Wasser lassen", erwiderte Narayan. "Beides geht den Gully runter."
Am Wahltag stellten sich die Wahlberechtigten vor dem Wahllokal auf. Wie üblich kontrollierte Thakur Dharamsi die Stimmenabgabe. Sein System, unterstützt von den anderen Grundbesitzern, hatte schon seit Jahren reibungslos funktioniert. Der Wahlbeamte wurde beschenkt und fortgeführt, um den restlichen Tag mit Speisen und Getränken bewirtet zu werden. Die Türen öffneten sich, und die Wahlberechtigten marschierten durch. "Streckt eure Finger aus", sagte der Aufseher, der die Warteschlange beaufsichtigte.
Die Wähler gehorchten. der Sekretär am Schreibtisch schraubte eine kleine Flasche auf und markierte jeden ausgestreckten Finger mit wasserunlöslicher schwarzer Tinte, um Betrug zu verhindern.
"Und jetzt macht eure Daumenabdrücke hier drauf", sagte der Sekretär.
Sie drückten ihre Daumen auf das Register, um zu bestätigen, daß sie gewählt hatten, und gingen dann wieder heim.
Anschließend wurden die leeren Stimmzettel von den Männern des Grundbesitzers ausgefüllt. Nach Schließung kehrte der Wahlbeamte zurück, um den Transport der Wahlurnen zur Abzählunsstelle zu überwachen und zu bezeugen, daß die Wahl auf faire und demokratische Weise verlaufen war."
Wer Slumdog Millionär geliebt hat, wird auch dieses Buch lieben. Es ist allerdings wesentlich detaillierter und breiter angelegt, und es wird natürlich auch nicht von Gewinnshows und musikalischen Tanzeinlagen unterbrochen. Auf etwa 850 Seiten wird das Schicksal zweieri Unberührbarer - beide Schneider- geschildert, die aus den Dörfern um Mumbai herum in die Stadt fliehen müssen, um sich in der gigantischen Metropole durch zu schlagen. Sie leben in einem dieser wuchernden Slums, aber das ist die einzige ihnen verbliebene Chance. "Charme und die Tragödie eines ganzen Kontinents" (Klappentext) werden auf wunderbar lebendige Weise aufgerollt. Etwas für lange Winterabende.
Rohinton Mistry: Das Gleichgewicht der Welt
Am Wahltag stellten sich die Wahlberechtigten vor dem Wahllokal auf. Wie üblich kontrollierte Thakur Dharamsi die Stimmenabgabe. Sein System, unterstützt von den anderen Grundbesitzern, hatte schon seit Jahren reibungslos funktioniert. Der Wahlbeamte wurde beschenkt und fortgeführt, um den restlichen Tag mit Speisen und Getränken bewirtet zu werden. Die Türen öffneten sich, und die Wahlberechtigten marschierten durch. "Streckt eure Finger aus", sagte der Aufseher, der die Warteschlange beaufsichtigte.
Die Wähler gehorchten. der Sekretär am Schreibtisch schraubte eine kleine Flasche auf und markierte jeden ausgestreckten Finger mit wasserunlöslicher schwarzer Tinte, um Betrug zu verhindern.
"Und jetzt macht eure Daumenabdrücke hier drauf", sagte der Sekretär.
Sie drückten ihre Daumen auf das Register, um zu bestätigen, daß sie gewählt hatten, und gingen dann wieder heim.
Anschließend wurden die leeren Stimmzettel von den Männern des Grundbesitzers ausgefüllt. Nach Schließung kehrte der Wahlbeamte zurück, um den Transport der Wahlurnen zur Abzählunsstelle zu überwachen und zu bezeugen, daß die Wahl auf faire und demokratische Weise verlaufen war."
Wer Slumdog Millionär geliebt hat, wird auch dieses Buch lieben. Es ist allerdings wesentlich detaillierter und breiter angelegt, und es wird natürlich auch nicht von Gewinnshows und musikalischen Tanzeinlagen unterbrochen. Auf etwa 850 Seiten wird das Schicksal zweieri Unberührbarer - beide Schneider- geschildert, die aus den Dörfern um Mumbai herum in die Stadt fliehen müssen, um sich in der gigantischen Metropole durch zu schlagen. Sie leben in einem dieser wuchernden Slums, aber das ist die einzige ihnen verbliebene Chance. "Charme und die Tragödie eines ganzen Kontinents" (Klappentext) werden auf wunderbar lebendige Weise aufgerollt. Etwas für lange Winterabende.
Rohinton Mistry: Das Gleichgewicht der Welt
"Die Erfindung des Lebens"
03.Okt.2009 18:24 Uhr
"Die Erfindung des Lebens" geht eigentlich vom Vater aus, der mit dem Kind wegfährt, es von der Mutter trennt. Auf dem Land beginnen die Beiden eine Art schriftliche Vermessung der natürlichen Umgebung. Der Junge zeichnet und be- zeichnet alles, was er auf den Spaziergängen mit dem Vater sieht, in schließlich Hunderten von Kladden. Dieses Material bringt dem Kind nicht nur die Sprache nahe, sondern bildet in der Präzision der Beobachtung den Grundstock für die spätere schriftstellerische Tätigkeit. "Das Leben" des Jungen wird aber zunächst eine Karriere als Pianist, die ihn immer wieder auch nach Italien führt. Als er diese sehr viel versprechende Karriere aus gesundheitlichen Gründen zu beenden gezwungen ist, wird das Schreiben zu seiner neuen Profession. Das Liebesglück und -unglück begleitet diese Lebensschritte wie ein Kontrapunkt.
Die Untiefen dieser Biografie sind die Oberfläche dieses Romans, unter der sich wunderbare Beziehungen, Freundschaften, beglückende Zufälle auftun. Natürlich ist das Ganze, wie immer, schön und präzise geschrieben. Es ist die Geschichte eines Künstlers, dem es gelingt, sich am eigenen Schopf aus der ihm drohenden Skurillität heraus zu ziehen. So ist das Buch ein Plädoyer für die Selbsterfindung, den Anfang und das Glück, das einem zustösst, das man aber auch ergreifen muss.
"Du mußt dein Leben ändern"
24.Apr.2009 22:16 Uhr
Ich lese mich gerade erst ein- aber wenn mein Lieblings- Cafehaus- Philosoph Peter Sloterdijk in seinem gerade erschienenen Buch „Du mußt dein Leben ändern“ über den Menschen „als Übender, als sich durch Übungen selbst erzeugendes und dabei über sich selbst hinausgehendes Wesen“ schreibt - also über Spiritualität in einer sicherlich auf auch befremdliche Art ungewohnten Weise- darf es auch einmal erlaubt sein, lange vor Ende der Lektüre auf diese aufmerksam zu machen. Dies um so mehr, als Sloterdijk für mich in seinen logischen Schlenkern, sprachlichen Neuschöpfungen, exzessiven Exkursen stets ungemein anregend, aber auch auf Dauer anstrengend wirkt. Ich muss in der Lektüre stets längere Pausen einlegen, um die Freude an ihr neu zu gewinnen. Allerdings ist dieser überbordende Fluss seiner logischen Wendungen für mich wirklich einmalig in seiner Art, seine Sichtweisen sind immer wieder ungewohnt und erfrischend, seine begrifflichen Gegenüberstellungen erhellend.
Nehmen wir in dieser ersten Stellungnahme nur einmal seine Begriffsbetrachtungen zu „bis heute attraktiven Formen von Spiritualität und Zivilisiertheit“ (S. 29): „Dazu rechnen eine nicht- ökonomische Definition von Reichtum; eine nicht- aristokratische Definition des Vornehmen; eine nicht- athletische Definition von Spitzenleistung; eine nicht- herrschaftliche Definition von Oben; eine nicht- asketische Definition von Vollkommenheit; eine nicht- militärische Definition von Tapferkeit; eine nicht- bigotte Definition von Weisheit und Treue.“ (S. 30)
Wunderbar.
Die deutsche Vergesslichkeit
15.Apr.2009 23:40 Uhr
Es ist Tilman Jens verschiedentlich vorgeworfen worden, er habe in seinem Buch „Demenz. Abschied von meinem Vater“ die Alzheimer- Erkrankung von Walter Jens auf unanständige Weise mit der Tatsache, dass dieser, wie erst zu dessen 80. Geburtstag publik wurde, seine Mitgliedschaft in der NSDAP verschwiegen hatte, vermengt und in einen kausalen Zusammenhang gebracht. Es mag sein, dass dieser Zusammenhang etwas konstruiert und zufällig ist. Schließlich hatte Jens, wie sein Sohn berichtet, bereits erheblich früher unter schweren Schüben von Depressionen und einer zumindest zeitweiligen Persönlichkeitsveränderung gelitten, die man durchaus als Vorboten oder Teil der Alzheimer- Erkrankung sehen kann. Jens hatte auch, wie so viele Prominente, massiv und suchtartig erhebliche Mengen von Barbituraten konsumiert. Aber solche Anwürfe werden dem Buch in seiner Vielschichtigkeit in keiner Weise gerecht.

Die Tragik und Rätselhaftigkeit eines Mannes wie Walter Jens, der die politische Korrektheit nicht nur in Reden beschwor, sondern tatkräftig und tatsächlich lebte, der der Inbegriff des deutschen Gewissens zu sein schien, ein unbestechlicher Chronist in vorderster Front, wurde ebenso wie andere Vertreter seiner Generation (Siegfried Lenz, Günter Grass) nicht nur eines gewissen Mitläufertums („die braune Verirrung eines nicht einmal 20jährigen“) in jungen Jahren überführt, sondern flüchtete sich mit 80 Jahren, statt sich den Tatsachen zu stellen, in eine merkwürdige Vergesslichkeit und Vagheit: „Und warum muss er jetzt, da eine sechzig Jahre alte Karteikarte aufgetaucht ist, so erbärmlich eiern?“ (Tilman Jens, S. 81). Und Tilman Jens bohrt nach. Aber er bohrt, wie beim Lesen des Buches zu erkennen ist, in einer Art und Weise, in der seine eigene Betroffenheit vollkommen deutlich wird. Denn in einer zweiten Schicht sieht der Leser die tiefe Zuneigung und Bewunderung des Sohnes gegenüber seinem Vater. Jens schreibt aus dieser Bewegtheit heraus, ja auch aus einer gewissen Nachfolge seines Vaters, aus derselben Korrektheit, derselben inneren Aufrichtigkeit. Er wird mit dem Riss im Bild des Vaters nur schwer fertig. Die deutsche Vergesslichkeit, das Unter-den-Teppich-Kehren hätte der Sohn bei Jedem, nur nicht bei seinem verehrten Vater erwartet.
Die dann einsetzende Demenz ist die dritte Schicht des Buches. Die allmählich fortschreitenden Wesensveränderungen bis hin zur fast völligen Regression werden Schritt für Schritt geschildert. Ein anschaulicher, bitterer Bericht. Und es gibt zum „Abschied von meinem Vater“ Weiteres zu berichten: Wie Walter, der nicht mehr selbst schreiben kann, am Anfang seiner Alzheimer- Erkrankung wütend, ablehnend, eifersüchtig auf seine Frau reagiert, die weiter schreibt und publiziert. Wie ausgerechnet der friedliebende Walter die Hand gegen sie erhebt, unberechenbar wird. Wie frühe Arbeiten Walters entdeckt werden, in durchgängig nationalsozialistischem Duktus. Wie sich der alte Nachbar, der sich liebevoll wie ein Grossvater um Tilman gekümmert hatte, im Nachhinein als nationalsozialistischer Verbrecher entpuppt. Wie die politisch korrekten Jensens ihren Sohn in die für ihn unerträgliche Waldorfschule stecken, der er erst nach einem Eklat entkommt.
„Demenz“ kann man lesen als eine Fallstudie an den Abgründen der politischen und moralischen Korrektheit. Das Buch ist so widersprüchlich wie seine Protagonisten. Es ist so schwierig wie die meisten Vater-Sohn- Beziehungen. Es ist sehr deutsch.
Die Geschichte der Autobombe
17.Jan.2009 22:05 Uhr

Auch der Krieg globalisiert und individualisiert sich- vor allem aber wendet er sich gegen die Zivilisten, deren Tod als eine Art Fanal benutzt werden soll. Je ziviler die Opfer und je mehr es sind. desto besser. Auch wenn der erklärte Krieg zwischen Staaten oder staatlichen Enklaven ständig geführt wird, wird der zum Terror miniaturisierte Krieg zum global gegenwärtigen Phänomen. Mike Davis, über dessen großartiges Buch „Planet der Slums“ hier bereits berichtet wurde, geht in „Eine Geschichte der Autobombe“ auf eben diesen Terror, der sich im 20. Jahrhundert entwickelte, ein.
Davis, der häufig aus einer gewissen politischen und gesellschaftlichen Emphase heraus schreibt, hält sich bei diesem Thema persönlich weitgehend zurück und entwickelt einfach eine gewisse Chronologie des schrecklichen Phänomens. Das Entsetzliche dieser Attentate benötigt nicht nur nichts neben seiner reinen Faktizität- jede einseitige Kommentierung, Instrumentalisierung, Kontextualisierung wäre geradezu obszön.
In Sri Lanka - so Davis- hielt man die dort bombenden „Tamil Tigers“ „für übermenschlich grausam und gerissen - für allgegenwärtig wie böse Geister.“ Diese Allgegenwärtigkeit erinnert an ein globales Phänomen, das Rudolf Steiner den „Krieg aller gegen alle“ nannte. Rudolf Steiner schrieb: „Man weiss, daß auf dem Grunde der menschlichen Seele durch Verkehrung der edelsten Opferwilligkeit der Wunsch entstehen kann, den Mitmenschen zu töten.“ (Gesamtausgabe 145, Seite 144 f). Das weist auf die Doppelbödigkeit des Terrorismus hin: Denn im Sinne ihrer Angelegenheiten sind die Terroristen natürlich ganz und gar idealistisch. Diesem schrecklichen Idealismus unterliegen wir prinzipiell alle. In Steiners Ansicht liegt nur eine Art Schleier, eine „Betäubung“ über dem „Wunsch (..), den anderen zu töten“, über „Wünsche(n), die auf Vernichtung, auf Zerstörung des menschlichen und sonstigen auf dem physischen Plan wirkenden Zusammenseins hingehen.“ (dito)
Die Gründe für die Verirrungen des Idealismus in den Terror sieht Steiner vor allem in einer wachsenden Individualisierung im Sinne einer inneren Verhärtung: „Wenn die Menschen immer mehr und mehr voneinander isoliert werden, ein jeder sich immer mehr in seinem eigenen Ich verhärtet, wenn die Trennungslinien, die Seele von Seele scheiden, immer stärker werden, so dass sich Seele und Seele immer weniger verstehen kann, dann werden die Menschen in der äußeren Welt immer mehr zu Streit und Hader kommen, der Streit aller gegen alle auf der Erde wird an die Stelle der Liebe treten.“ (Gesamtausgabe 112, S. 206). Vom zeitlichen Rahmen sagt Rudolf Steiner auch ganz konkret: „Wenn man die Dinge so weiter laufen läßt, so werden wir am Ende des 20. Jahrhunderts stehen vor dem Krieg aller gegen alle! Da mögen die Menschen noch so schöne Reden halten, noch so viele wissenschaftliche Fortschritte gemacht werden, wir würden stehen vor diesem Krieg aller gegen alle. Wir würden eine Menschheit heran rücken sehen, welche keine sozialen Instinkte mehr hat, um so mehr aber reden würde von sozialen Dingen.“ (Gesamtausgabe 206, Seite 92)
Der Beginn des hier angesprochenen Terrors lag bereits zu Lebzeiten Steiners. Der erste Anschlag ereignete sich - als Rache für die Verhaftung der Anarchisten Sacco und Vanzetti - im September 1920 in der Wall Street in New York, direkt gegenüber von J.P. Morgan & Company. Es handelte sich um einen mit Sprengstoff beladenen Pferdewagen. Die Explosion tötete und verletzte zahlreiche Menschen. Auch damals strömten entsetzte New Yorker aus den Hochhäusern und flohen. Auch damals wurde der nationale Notstand erklärt. Es war bis dahin undenkbar gewesen, dass ein einzelner Mensch mit wenigen möglichen Mittätern einen derartig verheerenden Anschlag ins Zentrum einer Stadt und eines Staates würde tragen können. Auch die Absicht, nationale Symbole zu treffen, klang bereits in diesem ersten Anschlag dieser Art an.
Die eigentliche Geschichte der Autobombe aber setzte nach diesem Fanal erst 1947 ein, und zwar bereits in Palästina. Der Anschlag wurde von einer „rechtszionistische(n) Guerilla“ mit de Namen „Stern Gang“ gegen eine britische Polizeistation in Haifa verübt. Neben den Briten war die palästinensische Bevölkerung Ziel der Terroristen. Palästinensische Extremisten nahmen die Technik in der Folge auf und nutzten sie ihrerseits. Vietnam und Algerien waren die nächsten Haupteinsatzorte. Von da an wanderte diese Variante des Terrors praktisch dauernd um den Planeten. Die Stationen werden von Davis akribisch aufgeführt. Er spricht in diesem Zusammenhang von einer „unumkehrbare(n) Globalisierung“, von einem Phänomen „wie ein hartnäckiger Virus“, das dazu neigt, „sich unendlich zu vermehren.“ So gab es alleine zwischen 1992 und 1999 bereits 25 grosse Anschläge in 22 verschiedenen Städten. Weit über 1000 Menschen wurden getötet, weit über 10000 verletzt. Vielleicht erscheint die Formel Rudolf Steiners vom „Krieg aller gegen alle“ als übertrieben. Er ist aber ohne Zweifel ein ganzes Stück näher gerückt.
Die kleinen Männer und ihre viel zu grossen Träume
20.Dez.2008 20:52 Uhr
Schon lange habe ich eines der in den letzten Jahren erschienenen Bücher des Österreichers Norbert Gstrein besprechen wollen, der für mich zu den ganz grossen zeitgenössischen deutschsprachigen Autoren gehört. Sein neues Buch, „Die Winter im Süden“, gibt dazu wieder einen Anlass. Aber natürlich habe ich auch Das Handwerk des Tötens und Die englischen Jahre geradezu verschlungen. Es geht um eine inzwischen fünfzig Jahre alte Tochter, die aus Zagreb stammt, mit einem arrivierten österreichischen Journalisten verheiratet ist und - auf der anderen Seite- um ihren verschollenen Vater, der vor Jahrzehnten nach Argentinien ausgewandert war und dort eine junge Frau aus sehr armen Verhältnissen geheiratet hatte.
Beide brechen - ohne voneinander zu wissen- in Erwartung eines neuen Krieges nach Zagreb auf und treffen aufeinander. „Der Alte“ hat in seinem Exil jeden Bezug zur Realität verloren. Seine Tochter aber, die eigentlich nur aus ihrer herunter gekommenen Ehe ausbrechen will, wird durch das Treffen mit der Vergangenheit konfrontiert und wird gezwungen, sich zu stellen.
Wie immer bei Gstrein erscheinen die Männer als die krampfhaft Agierenden, die ihrer eigenen Logik folgen, selbst wenn diese sie in den Abgrund führt. Marija dagegen, die sich eigentlich treiben lassen will, personifiziert eine weibliche Klarsichtigkeit, die bodenständig und realistisch erscheint, aber von äußeren Umständen gestossen und geführt wird.
Ihren Mann, den Erfolgreichen, Arrivierten, verlässt sie, da sie nicht mehr ertragen kann, in welchem Maß er sich in seine Widersprü
che verstrickt hat. Er selbst spiegelt sich genussvoll in seinem ehemaligen Revoluzzertum, bei dem „jedes öffentliche Urinieren ein Akt des Widerstands war, eine Geste der Solidarität mit den Unterdrückten der Erde, ein Protest gegen Armut und Ausbeutung, ein stummer Schrei gegen das Reich des Bösen in Amerika.“ Er und „die paar Wirrköpfe, die er um sich geschart hatte“, gefallen sich in ihren alternativen Selbstbildern, gehören aber längst selbst zur Speerspitze des Wiener Establishments: „So unsicher er als junger Mann gewesen sein mochte, er vertraute doch längst darauf, noch seinen Henkern die Tür weisen zu können, im Augenblick des Todes eine Stimme zu haben, die ihn ein letztes Mal vor allem bewahrte, egal, ob wegen seiner Verdienste oder aus einer Anmaßung, die ihm mit den Jahren selbstverständlich geworden war, während sie von sich dachte, es könnte ihr jederzeit alles passieren und sie hätte kein Recht, auch nur zu klagen.“
Und so geschieht es auch. Er, ein „wohlgenährtes, verhätscheltes Riesenkind“ verbleibt im Kokon seiner Illusionen, während sie dorthin geht, wo ihr „jederzeit alles passieren“ kann. Sie will eigentlich nur die Lebenslügen überwinden, weil sie sie satt hat. Ihr Mann bemerkt nicht, dass er „als Blüte der Aufrechten und Anständigen im Land“ längst in seinem verlogenen Kokon erstickt ist.
Sie aber gerät in einen vagen Alptraum, in dem die Begegnung mit dem Vater (die nie wirklich statt findet) nur ein Aspekt ist.
Wie immer komponiert Gstrein kunstvoll und führt die Erzählstränge wie auf einem Webstuhl ineinander. Und wie immer reflektiert er die Gegenwärtigkeit des alltäglichen Grauens. Es sind vor allem die Personen, die in ihrer Widersprüchlichkeit in den schwierigsten Situationen so beleuchtet werden, dass sie einerseits als Individuen Kontur gewinnen, aber andererseits auch als Prototypen auftreten. Daher beleuchten sie nicht zuletzt auch den Leser selbst. Von der Ästhetik seiner Sprache her ist Gstrein auch in diesem neuen Buch einfach ein Genuss, den man sich nicht entgehen lassen sollte, wenn man an Literatur ein Vergnügen findet.
Die viel zu grossen Träume der Männer übrigens führen unweigerlich in Stagnation oder Gewalt- meist aber in Beides zugleich.
Beide brechen - ohne voneinander zu wissen- in Erwartung eines neuen Krieges nach Zagreb auf und treffen aufeinander. „Der Alte“ hat in seinem Exil jeden Bezug zur Realität verloren. Seine Tochter aber, die eigentlich nur aus ihrer herunter gekommenen Ehe ausbrechen will, wird durch das Treffen mit der Vergangenheit konfrontiert und wird gezwungen, sich zu stellen.
Wie immer bei Gstrein erscheinen die Männer als die krampfhaft Agierenden, die ihrer eigenen Logik folgen, selbst wenn diese sie in den Abgrund führt. Marija dagegen, die sich eigentlich treiben lassen will, personifiziert eine weibliche Klarsichtigkeit, die bodenständig und realistisch erscheint, aber von äußeren Umständen gestossen und geführt wird.
Ihren Mann, den Erfolgreichen, Arrivierten, verlässt sie, da sie nicht mehr ertragen kann, in welchem Maß er sich in seine Widersprü

Und so geschieht es auch. Er, ein „wohlgenährtes, verhätscheltes Riesenkind“ verbleibt im Kokon seiner Illusionen, während sie dorthin geht, wo ihr „jederzeit alles passieren“ kann. Sie will eigentlich nur die Lebenslügen überwinden, weil sie sie satt hat. Ihr Mann bemerkt nicht, dass er „als Blüte der Aufrechten und Anständigen im Land“ längst in seinem verlogenen Kokon erstickt ist.
Sie aber gerät in einen vagen Alptraum, in dem die Begegnung mit dem Vater (die nie wirklich statt findet) nur ein Aspekt ist.
Wie immer komponiert Gstrein kunstvoll und führt die Erzählstränge wie auf einem Webstuhl ineinander. Und wie immer reflektiert er die Gegenwärtigkeit des alltäglichen Grauens. Es sind vor allem die Personen, die in ihrer Widersprüchlichkeit in den schwierigsten Situationen so beleuchtet werden, dass sie einerseits als Individuen Kontur gewinnen, aber andererseits auch als Prototypen auftreten. Daher beleuchten sie nicht zuletzt auch den Leser selbst. Von der Ästhetik seiner Sprache her ist Gstrein auch in diesem neuen Buch einfach ein Genuss, den man sich nicht entgehen lassen sollte, wenn man an Literatur ein Vergnügen findet.
Die viel zu grossen Träume der Männer übrigens führen unweigerlich in Stagnation oder Gewalt- meist aber in Beides zugleich.
Die "andere Ordnung des Schauens und Denkens"
02.Nov.2008 00:10 Uhr
Man kann durch alle möglichen Nackenschläge, aber auch durch geschulte Beobachtung, durch ein gerütteltes Maß an Sensibilität oder durch tausend andere Anlässe an einen Punkt kommen, an dem die geistige Erfahrung praktisch zum Greifen nah ist. Das Gerede von „Esoterik“ ist natürlich irreführend. Die gewissen Momente hat vermutlich jeder. Die Frage ist nur, ob man an solchen Punkten einhaken und die Sache vertiefen möchte. Heute habe ich die Tagebücher „des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares“ von Fernando Pessoa („Das Buch der Unruhe“) gelesen, der als der bedeutendste portugiesische Dichter des 20 Jahrhunderts gilt:
„Wir alle sind daran gewöhnt, uns selber vorzugsweise als geistige Wirklichkeit zu betrachten und die anderen als unmittelbare körperliche Wirklichkeiten; nur ganz vage betrachten wir uns als körperliche Wesen mit Auswirkungen auf die Augen unserer Mitmenschen; nur vage betrachten wir auch die Mitmenschen als geistige Wirklichkeit, doch nur in der Liebe oder im Konflikt wird uns wahrhaft deutlich, dass die anderen vor allem Seele besitzen, so wie wir für uns selbst. (...)
Ich habe es nie vermocht, mich von außen her anzusehen. Es gibt keinen Spiegel, der uns uns selber als äußere Wesen zeigen könnte, weil es keinen Spiegel gibt, der uns aus uns selbst herausziehen könnte. Dazu wäre eine andere Seele, eine andere Ordnung des Schauens und Denkens notwendig.“ (S. 71)
1914 soll Pessoa dieses Buch erstmals erwähnt und in Folge zwanzig Jahre daran gearbeitet haben. Der Hilfsbuchhalter, der an diesem Scheitelpunkt des zersplitternden Ichs steht, beginnt an diesem Punkt allerdings nicht, nach dieser „anderen Ordnung“ zu suchen, sondern flüchtet sich eher in eine larmoyante Melancholie, in der er seine eigene Entfremdung beklagt, vor allem aber „die Grobheit“ der anderen, die nicht mehr zustande brächten als „nur sie selber zu sein.“
„Wir alle sind daran gewöhnt, uns selber vorzugsweise als geistige Wirklichkeit zu betrachten und die anderen als unmittelbare körperliche Wirklichkeiten; nur ganz vage betrachten wir uns als körperliche Wesen mit Auswirkungen auf die Augen unserer Mitmenschen; nur vage betrachten wir auch die Mitmenschen als geistige Wirklichkeit, doch nur in der Liebe oder im Konflikt wird uns wahrhaft deutlich, dass die anderen vor allem Seele besitzen, so wie wir für uns selbst. (...)
Ich habe es nie vermocht, mich von außen her anzusehen. Es gibt keinen Spiegel, der uns uns selber als äußere Wesen zeigen könnte, weil es keinen Spiegel gibt, der uns aus uns selbst herausziehen könnte. Dazu wäre eine andere Seele, eine andere Ordnung des Schauens und Denkens notwendig.“ (S. 71)
1914 soll Pessoa dieses Buch erstmals erwähnt und in Folge zwanzig Jahre daran gearbeitet haben. Der Hilfsbuchhalter, der an diesem Scheitelpunkt des zersplitternden Ichs steht, beginnt an diesem Punkt allerdings nicht, nach dieser „anderen Ordnung“ zu suchen, sondern flüchtet sich eher in eine larmoyante Melancholie, in der er seine eigene Entfremdung beklagt, vor allem aber „die Grobheit“ der anderen, die nicht mehr zustande brächten als „nur sie selber zu sein.“
Mehr
20.Okt.2008 21:08 Uhr
„Das Leben forderte mehr von uns: etwas anderes, von dem wir uns nicht vorgestellt hatten, dass es uns fehlen würde, und von dem wir ahnten, dass es irgendwo in uns liegen musste, aber wir wussten nicht wo.“
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Rafael Chirbes, Die schöne Schrift. Roman
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Rafael Chirbes, Die schöne Schrift. Roman
Esoterikforschung
01.Okt.2008 21:25 Uhr

Endlich komme ich dazu, das mir von Michel Gastkemper auf unserer gemeinsamen Egocomm- Seite ans Herz gelegte Büchlein von Johannes Kiersch „Vom Land aufs Meer- Steiners Esoterik in verändertem Umfeld“ in Ruhe zu lesen. Ausschnitte aus dem Vorwort sind auf Egocomm zu lesen. Darüber hinaus hat Michel zusammen mit der Redaktion der Zeitschrift Die Drei eine Reihe von Adressen - von der Sorbonne bis hin zur Päpstlichen Universität Angelicum in Rom - gesammelt, die sich zur Zeit mit Esoterikforschung beschäftigen. Es scheint seit Jahren ein diesbezüglicher Trend beobachtbar zu sein, sich mit nichtkonventionellen „Religionen und Spiritualitätsformen“ zu beschäftigen, auch in ihren Auswirkungen auf Gesellschaft, Philosophie und Wissenschaft.
Am Anfang des Buches resümiert Kiersch - anlehnend an Antoine Faivres- gewisse „gemeinsame Eigenheiten“, die die spezifischen Denkformen von Esoterik - gleichgültig welcher Herkunft - zu bestimmen scheinen. Zunächst findet man Entsprechungen (wie etwa Mikrokosmos- Makrokosmos), die dem ganzen Kosmos eine sinnvolle Struktur geben. Erde und Welt werden als Lebewesen verstanden. Bilder oder Imaginationen helfen in der Vermittlung esoterischer Erfahrung. Transmutation bezeichnet den typischen Wegcharakter in der Beschäftigung des Einzelnen mit Esoterik- es findet eine Verwandlung des Erkenntnissuchers statt.
Kiersch ist der Ansicht, dass Anthroposophie aber doch eine gewisse Sonderstellung einnimmt. Denn Anthroposophie überzeugt vor allem in den praktischen Tochtergesellschaften, die sich aus ihr entwickelt haben. Die ureigene Esoterik dagegen, die ihren Kern ausmacht, wird höchst unterschiedlich aufgefasst, manchmal als dogmatischer Katechismus, manchmal als blosser Traditionsstrom, als Glaubensinhalt oder aber auch als Steinbruch, aus dem sich jeder nach Belieben nach seinen Bedürfnissen bedient. So ist es vor allem die Esoterik gewisser Berufe - Priester, Lehrer, Landwirte, Heilpädagogen, Mediziner-, die am präzisesten formuliert worden ist- meist noch von Rudolf Steiner selbst. Ansonsten kann man in Bezug auf die anthroposophische Esoterik von einer gewissen Unschärfe sprechen.
Dies konstatiert Kiersch auch in Bezug auf Rudolf Steiner selbst. Er fragt sogar, ob Steiners Anspruch, eine „Wissenschaft vom Geist“ zu begründen, „angesichts der neueren wissenschaftstheoretischen Diskussion nicht inzwischen überholt sei“: „Haben wir nicht vielleicht inzwischen Anlass, seine bewundernswerte Lehre als Wissenschaft von Möglichkeiten aufzufassen?“ Möglichkeiten sind dabei gemeint, die sich als „zeitgemäße Esoterik“ eben inmitten der notwendigen und begrüssenswerten „Entzauberung der Welt“ durch die Wissenschaften anbieten.
Konstituierendes Element der Steinerschen Esoterik ist - trotz seiner ursprünglichen Anknüpfung an esoterische Traditionen- vor allem seine transparente „Methodenlehre des übersinnlichen Erkennens“. Steiner hat sich in seiner Biografie und in seinem Werk erst allmählich und - wie Kiersch ausführt- in dramatischen Wendungen in diese moderne Richtung entwickelt: „Steiner behauptete nicht apodiktisch, dass seine Aussagen über die „geistige Welt“ wahr seien. Er beschreibt, auf welche Weise die zugrundeliegenden „übersinnlichen“ Wahrnehmungen erreicht werden können, begründet also nicht ihre Faktizität, sondern ihre Möglichkeit.“ Steiners Bedeutung liegt also auch nicht in seinen persönlichen Fähigkeiten, sondern „in der Präzision seiner erkenntnis- psychologischen Argumente“.
Der Kern der Aussagen von Kierschs Buch aber beginnt erst an dieser Stelle, denn er unterscheidet auch in Bezug auf Anthroposophie selbst zwischen „gewordener“ und „werdender“ Esoterik, und zwar vor dem Hintergrund einer sich rasant wandelnden Gesellschaft. Die Forderung des späten Steiners, „nicht ein starres, totes Begriffssystem“ zu entwickeln, sondern ein „lebendiges Meer, in welchem der Geist des Menschen lebt“, ist nach seinem Tod sicherlich bis heute nur in Ansätzen verwirklicht worden. In Wirklichkeit gibt es heute in Bezug auf die Beschäftigung mit anthroposophischer Esoterik nichts mehr, „auf das wir uns stützen könnten“. Aber dazu vielleicht demnächst mehr.
Erkenntniswege - Jostein Saether
14.Jul.2008 20:29 Uhr

Ich lese gerade noch einmal- diesmal mit Zeit und Muße- Jostein Saethers Autobiografie „Wandeln unter unsichtbaren Menschen- Eine karmische Autobiographie“. Wie weich, wie vage sich dieses Leben anfühlt. Sein erwachsenes Leben bis zum 42. Jahr scheint Jostein wie von verborgenen Strömungen im Meer bewegt zuzubringen- ganz unbürgerlich. Eine neue Liebe, ein Auftrag, ein Studium- alle möglichen Anstöße scheinen ihn immer wieder umzutreiben, aus der Heimat in Norwegen erst zu den skandinavischen Nachbarn, dann immer weiter durch Europa. Manchmal sind es nur Stippvisiten, manchmal feste Beziehungen, Lebens- und Arbeitsverhältnisse, die dann aber doch scheinbar undramatisch an einen Wendepunkt kommen. Dieses weiche, wie umspülte Leben bringt ihn zu verschiedenen Aufgaben als Künstler, aber auch an Mysterienstätten des Mittelalters und Altertums. Und es bringt ihn sehr früh in eine anthroposophische Vita, in der er zahlreiche Arbeitsstätten und auch Persönlichkeiten kennen lernt. Dieses sanfte Getriebenwerden stellt sich natürlich nur von außen als angenehm dar. Als ob er mit einem Köcher durch Erfahrungen ginge. Von innen gesehen werden es Mal um Mal auch Lebenskrisen gewesen sein.
Das Krisenhafte spitzt sich in den Vierzigern dann so zu, dass er selbst von einem Burn- Out- Syndrom spricht. Man könnte es auch eine handfeste Depression nennen- ein buchstäbliches Zum- Stillstand-Kommen.
Genau an diesem Punkt setzen seine Imaginationen ein, in denen die Erfahrungen, die erlebten Orte, das Gelesene, Studierte sich kraftvoll zu sammeln scheinen und zu einem geistigen Erleben führen, das von nun an Saethers Fixpunkt wird. Von nun an beginnt er sich intensiv mit Karma zu beschäftigen und setzt somit sein sanftes Bewegtsein auf einer höheren Ebene fort. Aber eine feste Spur ist eben doch gefunden. Es ist, als könnte er das in seinem Köcher Aufgesammelte nun innerlich bearbeiten und sich davon leiten lassen.
In seinen Augen wird kein Zufall im biografischen Zeitpunkt liegen, da das 21. Jahr in seinen Augen einen biografischen Scheitelpunkt beinhaltet, an dem man im Fortgang bis 42 innerlich biografisch zurück wandert bis zur eigenen Geburt. Das 42. Jahr ist in dieser Sicht ein Nullpunkt, durch den man hindurch muss. Das Krisenhafte aber kann – wie man an seinem Beispiel sieht- auf einer höheren Ebene zu einer neuen Perspektive und zu neuen Aufgaben führen.
Übrigns auch zu neuen Krisen, da der offenherzige Umgang Saethers mit Karma - auch dem persönlichen- ihn in den Augen vieler Anthroposophen fast aller Fraktionen (der modernistisch wie der fundamentalistisch orientierten) unmöglich macht. Die öffentlichen Aussetzer eines Platzhirschen wie Keimeyer sind zwar mehr als exotisch- im Kern gehört aber nach wie vor viel Mut dazu, sich heute so zu positionieren, wie es Saether tut.
"Der Heilige Gral"
08.Jul.2008 18:57 Uhr
Mit „Der Heilige Gral“ legt ein nicht- wie der Titel zunächst nahe legt- antiquiertes Einheitsbrei- Esoterik- Mainstream- Buch vor, sondern enes, das sich zumindest in der ersten Hälfte praktisch und pragmatisch mit einer modernen geistigen Schulung befasst.
Natürlich geht Mieke Mosmuller auf Rudolf Steiner ein- der Kern ihrer Darstellungen besteht aber aus eigenen, authentischen und für den Leser nachvollziehbaren Schritten.
Mosmuller, 1951 in Amsterdam geboren, publiziert seit 1994. Ihre wichtigsten Quellen liegen zweifellos in der anthroposophischen Geisteswissenschaft, auch wenn sie seit langem aus der Anthroposophischen Gesellschaft ausgetreten ist. Modern ist das Buch für mich deshalb, weil sie keine Behauptungen in die Welt setzt, sondern, wie oben dargestelt, ihre methodischen Schritte transparent macht. Man muss heute wissen, wer esoterische Sachverhalte darsttellt und auf welche Weise er/ sie dazu gekommen ist. Mosmullers Versicherung, dass „die Autorin aus eigener spiritueller Erfahrung schöpft“, ist einsehbar und nachvollziehbar. Da diese Erfahrungen einen (in Grenzen) universellen Charakter haben - auch wenn die Art der Darstellung sehr unterschiedlich sein kann- ist diese ihre Behauptung verifizierbar.
weiter..
"Ewigkeit"
26.Apr.2008 22:38 Uhr

"Kein Haus verwandte einen Blick auf die Strasse; der Feigenbaum dunkelte über dem Eingang; die kleinen Portale, höher als die gestreckten Linien der Mauern, schienen aus dem gleichen unendlichen Stoff gebildet wie die Nacht. Der Bürgersteig überragte hochkantig die Strasse, die Strasse war Schlamm, noch uneroberter Urschlamm Amerikas. Das Gässchen am Ende schlängelte sich schon ländlich zum Maldonado hin. Über der trüben und chaotischen Erde schien eine blassrosa Lehmwand nicht Mondschein zu beherbergen, sondern von innen heraus Licht zu verströmen. Die Zärtlichkeit beim Namen zu nennen, kann es nichts Besseres geben als diese Rosenfarbe. (...)
Ich fühlte mich tot, ich fühlte mich als abstraktes Wahrnehmungsorgan der Welt: unbestimmte Furcht, durchtränkt von Wissen, das beste Licht der Metaphysik. Ich glaubte keineswegs, ich sei die so genannten Wasser der Zeit hinauf geschwommen; eher hatte ich mich im Verdacht, als sei ich Inhaber der entgleitenden oder abwesenden Bedeutung des unfassbaren Wortes Ewigkeit."
Jorge Luis Borges: Niedertracht und Ewigkeit. Erzählungen und Essays, Frankfurt 1991
Der gute Wanderer lässt keine Spur zurück
02.Feb.2008 20:56 Uhr
In seinem neuen Büchlein "Abwesen" begibt sich der koreanische, in der Schweiz lehrende Philosoph Byung-Chul Han auf einen unangestrengten Weg des Kulturvergleichs zwischen Ost und West. Unangestrengt auch deshalb, weil Han sich nicht nur zwischen Kant, Nietzsche, Heidegger, Laotse und Konfuzius bewegt, nicht nur Grammatik, Kunst, Städtebau, Architektur und Kochen betrachtet, sondern auch scheinbar banale Tätigkeiten wie das Grüßen. Er scheut auch keinesfalls Wiederholungen. Sein Buch folgt auch in der (fehlenden) Struktur dem besprochenen Nicht- Linearen, Nicht- Teleologischen des Ostens. Denn der gute Wanderer verfolgt keine Richtung und Absicht, er "geht nirgends hin". Er "verschmilzt ganz mit dem Weg, der seinerseits nirgends hin-führt".
Es ist das "Begehren, die Appetition, die einen zu Jemand macht. Wer Jemand im emphatischen Sinne ist, hat keinen Zugang zum Wandern". Die Abwesenheit der Zielgerichtetheit, der unbedingten Personalisierung und des Sinns "führt nicht zu einem Nihilismus, sondern zu einer himmlischen Freude am Sein, das ohne Richtung, ohne Spur ist." So unterscheidet sich der östliche und westliche Daseinsentwurf ganz erheblich. Das ateleologische Wandern des Ostens zeigt sich in vielen Alltagsphänomenen. Das ständige Abgrenzenmüssen im Westen "erzeugt ein Gefühl der Enge. Trotz des Gedränges von Menschen und Häusern erscheint die fernöstliche Großstadt dagegen als eine Stadt der Leere und der Abwesenheit". Nicht nur in der Architektur der Tempel und Kirchen, sondern selbst in ihrer Lage zeigen sich diese Unterschiede: "Außerdem stehen die buddhistischen Tempel des Fernen Ostens oft in einer Waldlichtung, umgeben und geschützt von den Berghängen. Und sie liegen abseits, während die Münster oder auch die griechischen Tempel die Mitte bilden und besetzen. Der buddhistische Tempel ist auch in diesem Sinne abwesend."
Selbst die Metaphorik von Erleuchtung unterscheidet sich erheblich: "Satori (Erleuchtung) hat eigentlich nichts mit dem Leuchten oder mit dem Licht zu tun. (...) Das Licht potenziert die Anwesenheit. Der Buddhismus ist dagegen eine Religion der Abwesenheit. So bedeutet auch das Nirvana, der sanskritische Ausdruck für die Erleuchtung, ursprünglich "Verlöschen"".
So werden Licht und Schatten als gleichwertig gesehen, Wandlungen und Veränderungen gelten im Osten nicht als Bedrohung: "Sie stellen nur den natürlichen Lauf der Dinge dar, dem es sich anzupassen gilt". Es gilt, "das Denken so geschmeidig wie möglich zu halten, dass es sich der Vielfalt von Möglichkeiten öffnet. Das fernöstliche Denken ist freundlich in dem Sinne, dass es sich nicht auf Grundsätze und Prinzipien versteift". Daher hinterlässt der Wanderer keine Spur.
Es ist das "Begehren, die Appetition, die einen zu Jemand macht. Wer Jemand im emphatischen Sinne ist, hat keinen Zugang zum Wandern". Die Abwesenheit der Zielgerichtetheit, der unbedingten Personalisierung und des Sinns "führt nicht zu einem Nihilismus, sondern zu einer himmlischen Freude am Sein, das ohne Richtung, ohne Spur ist." So unterscheidet sich der östliche und westliche Daseinsentwurf ganz erheblich. Das ateleologische Wandern des Ostens zeigt sich in vielen Alltagsphänomenen. Das ständige Abgrenzenmüssen im Westen "erzeugt ein Gefühl der Enge. Trotz des Gedränges von Menschen und Häusern erscheint die fernöstliche Großstadt dagegen als eine Stadt der Leere und der Abwesenheit". Nicht nur in der Architektur der Tempel und Kirchen, sondern selbst in ihrer Lage zeigen sich diese Unterschiede: "Außerdem stehen die buddhistischen Tempel des Fernen Ostens oft in einer Waldlichtung, umgeben und geschützt von den Berghängen. Und sie liegen abseits, während die Münster oder auch die griechischen Tempel die Mitte bilden und besetzen. Der buddhistische Tempel ist auch in diesem Sinne abwesend."
Selbst die Metaphorik von Erleuchtung unterscheidet sich erheblich: "Satori (Erleuchtung) hat eigentlich nichts mit dem Leuchten oder mit dem Licht zu tun. (...) Das Licht potenziert die Anwesenheit. Der Buddhismus ist dagegen eine Religion der Abwesenheit. So bedeutet auch das Nirvana, der sanskritische Ausdruck für die Erleuchtung, ursprünglich "Verlöschen"".
So werden Licht und Schatten als gleichwertig gesehen, Wandlungen und Veränderungen gelten im Osten nicht als Bedrohung: "Sie stellen nur den natürlichen Lauf der Dinge dar, dem es sich anzupassen gilt". Es gilt, "das Denken so geschmeidig wie möglich zu halten, dass es sich der Vielfalt von Möglichkeiten öffnet. Das fernöstliche Denken ist freundlich in dem Sinne, dass es sich nicht auf Grundsätze und Prinzipien versteift". Daher hinterlässt der Wanderer keine Spur.
Vor der Sprache
27.Jan.2008 17:57 Uhr
"Das Schweigen, das Geheimnis besitzt eine Initiationsbedeutung, da die Welt ursprünglich ohne Worte existierte. Meine Redeweise ist bis heute umständlich, ich bin instinktiv ungelenk, in meiner Jugend aber stand es damit überhaupt schlimm (ich wurde beim Reden rot vor Verlegenheit), die Lippen sind angespannt, krampfhaft verzerrt. Redegewandte Leute sind mir suspekt, die Nachrichtensprecher im Fernsehen, Kommentatoren, Leute, die viel schwätzen, empfinde ich als Verräter. Das berühmte stalinistische Plakat mit der aufrechten Frau, die einen Finger an die Lippen legt, plaudere keine Geheimnisse aus!, gefällt mir metaphysisch, ich habe Angst zu sprechen: Ich fürchte, die Welt aufzuschlitzen, aus der dann die Eingeweide der Erscheinungen und Folgen herausquellen, ich weiß, dass die Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung jedes Sinns entbehren. Ursprünglich, in meinen frühkindlichen Träumen, brauchte ich keine Sprache, denn alles, was existierte, verstand das unhörbare Wort, das stete Rauschen der Luft."
Viktor Jerofejew, Der Gute Stalin, Berlin 2004
Viktor Jerofejew, Der Gute Stalin, Berlin 2004
Bro
18.Jan.2008 21:33 Uhr
In einem weiteren Buch namens "Bro" widmet sich Vladimir Sorokin - nach dem auch bei den Egoisten besprochenen "Ljod. Das Eis" - der schrägen, esoterisch- sarkastischen Saga um eine Geheimorganisation, die sich daran macht, Menschen mit Hilfe von Eishämmern "das Herz aufzuklopfen": "Als ich am Abend in der Runde saß und ins Feuer blickte, während die anderen aßen, überkam mich ein nie da gewesenes Gefühl. Es war, als hätte ich keinen Körper mehr. Nur das Herz war, frei im Raum schwebend, noch vorhanden. Ich fühlte es. Es ließ mich an einen Embryo denken. Ein stet pulsierendes Stück Leben, schlafend noch, ungeboren. Und das Verblüffendste war: Die Herzen derer, die neben mir am Feuer saßen, spürte ich ebenso."
Vom zeitlichen Ablauf her ist "Bro" vor "Ljod" angesiedelt- es steltt die Vorgeschichte dar, allerdings in jeder Hinsicht - stilistisch, in Bezug auf Gewalt und Sexualität - zurück genommen. "Bro" hat daher etwas von einer innigen Heilsgeschichte- mit allerdings umgekehrten Vorzeichen. Denn die Erleuchteten stellen eine Art rassistische Sekte dar, eine Evolution in der Menschheit. Sie widmen sich nach der Entdeckung eines 1908 in Sibirien niedergegangenen Meteoriten nicht nur ihrer eigenen damit verbundenen Erweckung, sondern verbünden sich mit den stalinistischen Schergen und ermorden bei ihren Erweckungsversuchen zahllose Menschen. Ihr "Herzdenken" stellt eine Art Geheimdienstoperation dar: "Um in Russland zum Ziel zu gelangen, mussten wir Teil des Staatsapparats werden; unter seinem Deckmantel, in der Montur seiner Bediensteten, konnten wir unser Werk vollbringen; einen anderen Weg gab es nicht. Jedwede Geheimgesellschaft, die außerhalb des totalitären Staates zu existieren versuchte, wäre dem Untergang geweiht gewesen."
So benutzt Sorokin gängige Muster von Erleuchtungsgeschichten und paranoiden Verschwörungstheorien, um eine merkwürdige Historie des Totalitarismus im 20. Jahrhunderts zu schreiben: "So suggerierten es unsere weisen Herzen." Aus dem Blickwinkel dieser "Gemeinschaft des Lichtes" stellen die normalen Menschen nur "Fleischmaschinen" dar. Am Ende des Romans expandiert die Organisation, auch und vor allem ins "Ordnungsland", in dem sie in Massenveranstaltung des "Führers" neue Opfer sucht und den "großen Krieg" erlebt. Aber auch den Terror der Vernichtungslager.
Was soll man nun mit dieser provokativen Anti- Erweckungsgeschichte machen? Lesen, natürlich. Denn vor allem ist Sorokins Konstrukt ein Perspektivenwechsel, aus dem heraus sich der Terror des 20. Jahrhunderts verfremdet und daher mit anderen Augen erzählen lässt. Der Schrecken wird aus der Sicht dieser erleuchteten Terroristen, die bis auf ihre Gruppeninteressen jede menschliche Empfindung vermissen lassen, keinesfalls gemildert, ganz im Gegenteil. Und das Kunstmittel Verfremdung erschöpft sich auch nicht- der Roman, der wohl auch diesmal als grosse Literatur anzusehen ist, bleibt schrecklich faszinierend bis zum letzten Augenblick.
Vom zeitlichen Ablauf her ist "Bro" vor "Ljod" angesiedelt- es steltt die Vorgeschichte dar, allerdings in jeder Hinsicht - stilistisch, in Bezug auf Gewalt und Sexualität - zurück genommen. "Bro" hat daher etwas von einer innigen Heilsgeschichte- mit allerdings umgekehrten Vorzeichen. Denn die Erleuchteten stellen eine Art rassistische Sekte dar, eine Evolution in der Menschheit. Sie widmen sich nach der Entdeckung eines 1908 in Sibirien niedergegangenen Meteoriten nicht nur ihrer eigenen damit verbundenen Erweckung, sondern verbünden sich mit den stalinistischen Schergen und ermorden bei ihren Erweckungsversuchen zahllose Menschen. Ihr "Herzdenken" stellt eine Art Geheimdienstoperation dar: "Um in Russland zum Ziel zu gelangen, mussten wir Teil des Staatsapparats werden; unter seinem Deckmantel, in der Montur seiner Bediensteten, konnten wir unser Werk vollbringen; einen anderen Weg gab es nicht. Jedwede Geheimgesellschaft, die außerhalb des totalitären Staates zu existieren versuchte, wäre dem Untergang geweiht gewesen."
So benutzt Sorokin gängige Muster von Erleuchtungsgeschichten und paranoiden Verschwörungstheorien, um eine merkwürdige Historie des Totalitarismus im 20. Jahrhunderts zu schreiben: "So suggerierten es unsere weisen Herzen." Aus dem Blickwinkel dieser "Gemeinschaft des Lichtes" stellen die normalen Menschen nur "Fleischmaschinen" dar. Am Ende des Romans expandiert die Organisation, auch und vor allem ins "Ordnungsland", in dem sie in Massenveranstaltung des "Führers" neue Opfer sucht und den "großen Krieg" erlebt. Aber auch den Terror der Vernichtungslager.
Was soll man nun mit dieser provokativen Anti- Erweckungsgeschichte machen? Lesen, natürlich. Denn vor allem ist Sorokins Konstrukt ein Perspektivenwechsel, aus dem heraus sich der Terror des 20. Jahrhunderts verfremdet und daher mit anderen Augen erzählen lässt. Der Schrecken wird aus der Sicht dieser erleuchteten Terroristen, die bis auf ihre Gruppeninteressen jede menschliche Empfindung vermissen lassen, keinesfalls gemildert, ganz im Gegenteil. Und das Kunstmittel Verfremdung erschöpft sich auch nicht- der Roman, der wohl auch diesmal als grosse Literatur anzusehen ist, bleibt schrecklich faszinierend bis zum letzten Augenblick.
Alles eine Frage der Perspektive
01.Okt.2007 21:34 Uhr
Als Bettina vor zwei Jahren durch Nepal reiste, war neben allen wunderbaren Erfahrungen auch ein Stich von Enttäuschung dabei: Die Berge waren so klein. Schließlich waren die Erwartungen an die grössten und erhabensten Gebirge ein Leben lang gewachsen, und dann das: Die Monumente aus Stein waren auch nicht gewaltiger als ein gewöhnliches Alpenpanorama. Das lag an Bettinas Perspektive. Schließlich lief sie bereits auf einer Höhe von über 3000 Metern.
In den letzten Tagen ging es uns nicht besser. In einer hochalpinen Landschaft verbrachten wir eine Woche aus der Perspektive des Eifelvorlandes. Das lag an Nebel und Regen, die kaum eine Chance boten, über die allernächsten Hügel weit hinweg zu blicken. In der Zeit machte ich mich an das nächste Werk des Verlags Freies Geistesleben zum Thema Herzdenken, und zwar von Rudy Vandercruysse ("Herzwege. Von der emotionalen Selbstführung zum meditativen Leben"). Vom Titel her ein klarer 6000ender. Und dazu empfohlen vom Verlagsleiter Lin.

Das Buch setzt auch spannend an beim Intelligenzbegriff Golemans, bespricht dessen Vorstellung von der Emotionalen Intelligenz und zeigt dessen Grenzen auf. Vandercruysse greift danach zu der Frage, wie man mit eigenen heftigen Emotionen umgehen kann- etwa mit der Wut. Er kommt zu der Vorstellung einer "selbstreflexiven Meta-Position des Ich", zu der Fähigkeit, wie "ein interessierter, aber unbeteiligter Zeuge" auf die eigenen Seelenerlebnisse zu schauen. Leider schwenkt er an diesem Punkt, der Weitblick und personale Beteiligung verspricht, allzu rasch auf eine Interpretation von Übungen (vor allem den so genannten "Nebenübungen") Rudolf Steiners um. Dabei kommen flache Erkenntnisse wie zum "selbstgeführten Denken" heraus, man möge
"-selber denken
-logisch denken
-sachgemäß denken".
Wer hätte das je bezweifelt? Von nun an konstruiert Vandercruysse alle möglichen Diagramme, die sich sicherlich schön auf Overheadfolien für Seminare machen, aber insgesamt den Charme einer Powerpoint- Demonstration von Verkaufsleitern ausstrahlen. Und tatsächlich betitelt er einen Abschnitt des Buches mit "Der innere Versuchsleiter". In dieser Art und Weise dann "Die Verwandlung des Gefühls" abzuhandeln, mag jeden Anthroposophen zur Verzweiflung treiben, der z.B. schon einmal die Arbeiten Georg Kühlewinds in ihrer inneren Grösse, Konkretheit und Weitsicht kennen lernen durfte.
Für wen ist das Buch geschrieben? Möglicherweise für intellektuelle Zeitgenossen, die einen Zugang zu Steiners "Übungen" in einem quasi vertrauten Kontext finden wollen. Für Menschen, die sich im Eifler Vorbergland wohl fühlen. Für Powerpointfreaks. Für Gebietsleiter der Handelskette dm, die ihre Karlsruher Vorgesetzten beeindrucken wollen. Für alle, die auf "Übungen" im Sinne eines Trimmpfades stehen. Für alle, die nie ein Originalbuch von Rudolf Steiner anfassen wollen.
Wir sind dann frühzeitig abgereist.
In den letzten Tagen ging es uns nicht besser. In einer hochalpinen Landschaft verbrachten wir eine Woche aus der Perspektive des Eifelvorlandes. Das lag an Nebel und Regen, die kaum eine Chance boten, über die allernächsten Hügel weit hinweg zu blicken. In der Zeit machte ich mich an das nächste Werk des Verlags Freies Geistesleben zum Thema Herzdenken, und zwar von Rudy Vandercruysse ("Herzwege. Von der emotionalen Selbstführung zum meditativen Leben"). Vom Titel her ein klarer 6000ender. Und dazu empfohlen vom Verlagsleiter Lin.

Das Buch setzt auch spannend an beim Intelligenzbegriff Golemans, bespricht dessen Vorstellung von der Emotionalen Intelligenz und zeigt dessen Grenzen auf. Vandercruysse greift danach zu der Frage, wie man mit eigenen heftigen Emotionen umgehen kann- etwa mit der Wut. Er kommt zu der Vorstellung einer "selbstreflexiven Meta-Position des Ich", zu der Fähigkeit, wie "ein interessierter, aber unbeteiligter Zeuge" auf die eigenen Seelenerlebnisse zu schauen. Leider schwenkt er an diesem Punkt, der Weitblick und personale Beteiligung verspricht, allzu rasch auf eine Interpretation von Übungen (vor allem den so genannten "Nebenübungen") Rudolf Steiners um. Dabei kommen flache Erkenntnisse wie zum "selbstgeführten Denken" heraus, man möge
"-selber denken
-logisch denken
-sachgemäß denken".
Wer hätte das je bezweifelt? Von nun an konstruiert Vandercruysse alle möglichen Diagramme, die sich sicherlich schön auf Overheadfolien für Seminare machen, aber insgesamt den Charme einer Powerpoint- Demonstration von Verkaufsleitern ausstrahlen. Und tatsächlich betitelt er einen Abschnitt des Buches mit "Der innere Versuchsleiter". In dieser Art und Weise dann "Die Verwandlung des Gefühls" abzuhandeln, mag jeden Anthroposophen zur Verzweiflung treiben, der z.B. schon einmal die Arbeiten Georg Kühlewinds in ihrer inneren Grösse, Konkretheit und Weitsicht kennen lernen durfte.
Für wen ist das Buch geschrieben? Möglicherweise für intellektuelle Zeitgenossen, die einen Zugang zu Steiners "Übungen" in einem quasi vertrauten Kontext finden wollen. Für Menschen, die sich im Eifler Vorbergland wohl fühlen. Für Powerpointfreaks. Für Gebietsleiter der Handelskette dm, die ihre Karlsruher Vorgesetzten beeindrucken wollen. Für alle, die auf "Übungen" im Sinne eines Trimmpfades stehen. Für alle, die nie ein Originalbuch von Rudolf Steiner anfassen wollen.
Wir sind dann frühzeitig abgereist.
Herzdenken
15.Sep.2007 19:39 Uhr
Beim in neo-anthroposophischen Kreisen gern und häufig verwendeten Begriff des "Herzdenkens" (mir ist der Spruch von Beuys, er denke mit dem Knie, viel näher) zieht sich bei mir immer etwas zusammen, als hätte ich in eine phraseologische Zitrone gebissen. Hier in meiner Region gibt es anthroposophische Zusammenrottungen, von denen man nur im Flüsterton spricht und in denen "echt am Schulungsweg" gearbeitet wird. Man raunt, wispert und fühlt sich wichtig. Wenn ein Buchtitel dann lautet "Wenn Herzen beginnen, Gedanken zu haben" (Karl-Martin Dietz) überkommt mich zudem ein Gefühl von einem Courths-Mahler- Roman. Ich habe, da der Verleger Jean-Claude Lin eben dieses Buch empfahl, über diese schlichten Vorurteile hinweg gesehen und es flugs gelesen.

Tatsächlich: Keine Spur von Schwulst. Karl-Martin Dietz, der nach eigenem Bekunden anhebt, über die "Spiritualisierung des Denkens" zu schreiben, äußert sich zunächst über Intellekt, Rationalität, Skeptizismus unserer Zeit- aber auch über die entsprechenden Fluchtbewegungen aus diesem Korsett, über verschiedene Abarten des Eskapismus, die darin bestehen, "aus dem Denken überhaupt auszusteigen und das Gefühl zum Mittelpunkt des Menschen zu machen" (S. 15). Zwischen Effizienz und Funktionalität auf der einen, Selbstverwirklichung und Ganzheitlichkeit auf der anderen Seite wird der Mensch seiner selbst entfremdet und findet sich von Pascal treffend beschrieben als "Richter über alle Dinge, stumpfsinniger Erdenwurm, Sachverwalter des Wahren, Kloake voll Unwissenheit und Irrtum, Glorie und Auswurf des Weltalls" (S. 18). Dem stellt Dietz nun den anthroposophischen Anspruch entgegen, "das Denken aus dem Gefängnis des Kopfes zu erlösen und allmählich im Herzen anzusiedeln" (S. 21).
Leider wählt Dietz zur Darstellung der Entwicklung eines solchen Denkens außer Rückgriffen auf griechische Denker und etwas Thomas von Aquin zunächst die anthroposophische Bildsprache (Michael, Luzifer, Drachenkräfte etc) und geht dann etwa ab Seite 35 zu einer reinen Zitiererei aus dem Gesamtwerk Rudolf Steiners über. Dietz moderiert die lange Reihe von Zitaten gekonnt; es ist alles stimmig aneinander gereiht. Als er ab Seite 90 damit fertig ist, geht er zu den klassischen anthroposophischen Übungen über, beispielsweise den so genannten "Nebenübungen". Auch hier behält er stets gute Rückendeckung durch ständig eingestreute Zitate Steiners. Das Highlight stellt auf Seite 133 dann ein Zitat aus den Leitsätzen dar, das jeder, aber wirklich jeder Anthroposoph schon beim Eintritt in die Anthroposophische Gesellschaft gelesen hat. Spätestens. Was soll das? Wie kann man derart ambitioniert über spiritualisiertes Denken schreiben wollen und gleichzeitig keinen einzigen eigenen Gedanken artikulieren? Das "Herzdenken" wird als Anspruch zwar formuliert, aber selbst in keiner Zeile eingelöst. Dietz betreibt leider die urtraditionelle Kunst der Schriftauslegung. Er tut dabei so, als wäre damit irgend etwas gesagt. Wir alle können ja durchaus lesen und viele von uns kennen ihren Steiner. Was sollen wir mit diesem Buch? Uns bestätigt fühlen? Dabei schwadroniert Dietz von "Konkretheit, Weltbezug, Lebenspraxis und Individualität" (S. 133). Ja, wo ist sie denn, die Konkretheit, der Weltbezug, die Lebenspraxis, die Individualität? In diesem Buch jedenfalls nicht.
Ich denke, 1926 wäre das Buch durchaus akzeptabel gewesen. Viele Werke Steiners waren noch nicht publiziert. Warum solche Kompilationen heute noch kursieren, ist mir nicht klar. Hört das denn nie auf?

Tatsächlich: Keine Spur von Schwulst. Karl-Martin Dietz, der nach eigenem Bekunden anhebt, über die "Spiritualisierung des Denkens" zu schreiben, äußert sich zunächst über Intellekt, Rationalität, Skeptizismus unserer Zeit- aber auch über die entsprechenden Fluchtbewegungen aus diesem Korsett, über verschiedene Abarten des Eskapismus, die darin bestehen, "aus dem Denken überhaupt auszusteigen und das Gefühl zum Mittelpunkt des Menschen zu machen" (S. 15). Zwischen Effizienz und Funktionalität auf der einen, Selbstverwirklichung und Ganzheitlichkeit auf der anderen Seite wird der Mensch seiner selbst entfremdet und findet sich von Pascal treffend beschrieben als "Richter über alle Dinge, stumpfsinniger Erdenwurm, Sachverwalter des Wahren, Kloake voll Unwissenheit und Irrtum, Glorie und Auswurf des Weltalls" (S. 18). Dem stellt Dietz nun den anthroposophischen Anspruch entgegen, "das Denken aus dem Gefängnis des Kopfes zu erlösen und allmählich im Herzen anzusiedeln" (S. 21).
Leider wählt Dietz zur Darstellung der Entwicklung eines solchen Denkens außer Rückgriffen auf griechische Denker und etwas Thomas von Aquin zunächst die anthroposophische Bildsprache (Michael, Luzifer, Drachenkräfte etc) und geht dann etwa ab Seite 35 zu einer reinen Zitiererei aus dem Gesamtwerk Rudolf Steiners über. Dietz moderiert die lange Reihe von Zitaten gekonnt; es ist alles stimmig aneinander gereiht. Als er ab Seite 90 damit fertig ist, geht er zu den klassischen anthroposophischen Übungen über, beispielsweise den so genannten "Nebenübungen". Auch hier behält er stets gute Rückendeckung durch ständig eingestreute Zitate Steiners. Das Highlight stellt auf Seite 133 dann ein Zitat aus den Leitsätzen dar, das jeder, aber wirklich jeder Anthroposoph schon beim Eintritt in die Anthroposophische Gesellschaft gelesen hat. Spätestens. Was soll das? Wie kann man derart ambitioniert über spiritualisiertes Denken schreiben wollen und gleichzeitig keinen einzigen eigenen Gedanken artikulieren? Das "Herzdenken" wird als Anspruch zwar formuliert, aber selbst in keiner Zeile eingelöst. Dietz betreibt leider die urtraditionelle Kunst der Schriftauslegung. Er tut dabei so, als wäre damit irgend etwas gesagt. Wir alle können ja durchaus lesen und viele von uns kennen ihren Steiner. Was sollen wir mit diesem Buch? Uns bestätigt fühlen? Dabei schwadroniert Dietz von "Konkretheit, Weltbezug, Lebenspraxis und Individualität" (S. 133). Ja, wo ist sie denn, die Konkretheit, der Weltbezug, die Lebenspraxis, die Individualität? In diesem Buch jedenfalls nicht.
Ich denke, 1926 wäre das Buch durchaus akzeptabel gewesen. Viele Werke Steiners waren noch nicht publiziert. Warum solche Kompilationen heute noch kursieren, ist mir nicht klar. Hört das denn nie auf?
Sex mit der Ex
06.Sep.2007 23:48 Uhr
Natürlich handelt es sich nicht nur um Sex. Natürlich geht es in Hanns-Josef Ortheils neuem Roman um "Das Verlangen nach Liebe". Aber es geht auch um seine Ex. Der Erzähler, ein bekannter Pianist, begegnet in Zürich zufällig der Frau wieder, die er vor 18 Jahren verlassen hat, weil sie ihn betrogen hatte. Sie, Judith, ist inzwischen eine erfolgreiche Professorin in Sachen Kunst. So schnell sie sich wieder stürmisch ineinander verlieben, so sehr parlieren sie auch ausführlich über ihre jeweiligen Fachgebiete. Der Autor Ortheil schreibt ja auch kaum einen Roman, in dem die Musik nicht im Mittelpunkt oder mindestens im Umkreis stünde. Vor allem wenn es um Mozart geht.

Nun hat der Erzähler das Glück, von Frauen geradezu umlagert zu sein. Sein intimes Verhältnis zu seiner Agentin ist durchtränkt vom prallen Saft von Karriere und Gewinn, aber immerhin ein Verhältnis. Und auch die junge Kunstexpertin Anna - nicht zu vergessen die Concierge des Hotels - würden ihm allzu gern nahe kommen. Für kunstbeflissene ältere Herrschaften ist das Buch auch deshalb interessant, weil Ortheil wie eh und je manieristisch anmutende Redewendungen und Satzgefüge einstreut, als wollte er sprachlich Pirouetten drehen. Wahrscheinlich will er das Tempo der Erzählung wenden, aber es mutet gewollt an. Es ist dennoch eine gelungene Erzählung von später Liebe unter neuen Vorzeichen, nämlich denen des Ältergewordenseins: "Ich fahre nicht mehr überallhin, ich suche mir die Städte sehr genau aus, und ich fahre alle paar Jahre in dieselben. Jetzt habe ich Lieblingsstädte mit Lieblingsplätzen und Lieblingshotels- im Grunde suche ich jetzt in der Fremde auch immer etwas Vertrautes".
Eben dieses Vertraute finden die Liebenden auch miteinander wieder, und zwar ohne dass es vieler Anläufe bedürfte. Die Liebe hatte - so scheint es ihnen- immer auf sie gewartet. Und so kommt Ortheil vielleicht auf die Essenz seines Romans (S. 212):"Die Liebe und die Musik - damals hast Du allmählich begriffen, wie ähnlich sie waren, denn die Liebe und die Musik wirkten wie Medien einer Verwandlung der Welt ins Emphatische, so wurde die Welt Text und Klang, so wurde sie Erzählung und Komposition".
Das sind die Punkte, an denen eine schlichte Liebesgeschichte das Meisterliche berührt. Für mich spielt es nun keine besondere Rolle, ob dieses Buch etwas flacher und vielleicht auch angelehnt ist an Ortheils wesentlich bunteres "Die große Liebe" (2003), ich lese sie sowieso alle. Denn auch für mich gilt: Ich lese die Bücher *meiner* Autoren immer, höre meine Songs und besuche die Städte, die ich schon immer mochte.

Nun hat der Erzähler das Glück, von Frauen geradezu umlagert zu sein. Sein intimes Verhältnis zu seiner Agentin ist durchtränkt vom prallen Saft von Karriere und Gewinn, aber immerhin ein Verhältnis. Und auch die junge Kunstexpertin Anna - nicht zu vergessen die Concierge des Hotels - würden ihm allzu gern nahe kommen. Für kunstbeflissene ältere Herrschaften ist das Buch auch deshalb interessant, weil Ortheil wie eh und je manieristisch anmutende Redewendungen und Satzgefüge einstreut, als wollte er sprachlich Pirouetten drehen. Wahrscheinlich will er das Tempo der Erzählung wenden, aber es mutet gewollt an. Es ist dennoch eine gelungene Erzählung von später Liebe unter neuen Vorzeichen, nämlich denen des Ältergewordenseins: "Ich fahre nicht mehr überallhin, ich suche mir die Städte sehr genau aus, und ich fahre alle paar Jahre in dieselben. Jetzt habe ich Lieblingsstädte mit Lieblingsplätzen und Lieblingshotels- im Grunde suche ich jetzt in der Fremde auch immer etwas Vertrautes".
Eben dieses Vertraute finden die Liebenden auch miteinander wieder, und zwar ohne dass es vieler Anläufe bedürfte. Die Liebe hatte - so scheint es ihnen- immer auf sie gewartet. Und so kommt Ortheil vielleicht auf die Essenz seines Romans (S. 212):"Die Liebe und die Musik - damals hast Du allmählich begriffen, wie ähnlich sie waren, denn die Liebe und die Musik wirkten wie Medien einer Verwandlung der Welt ins Emphatische, so wurde die Welt Text und Klang, so wurde sie Erzählung und Komposition".
Das sind die Punkte, an denen eine schlichte Liebesgeschichte das Meisterliche berührt. Für mich spielt es nun keine besondere Rolle, ob dieses Buch etwas flacher und vielleicht auch angelehnt ist an Ortheils wesentlich bunteres "Die große Liebe" (2003), ich lese sie sowieso alle. Denn auch für mich gilt: Ich lese die Bücher *meiner* Autoren immer, höre meine Songs und besuche die Städte, die ich schon immer mochte.
Schrift & Gedächtnis
01.Sep.2007 00:11 Uhr
Mir erzählt er zu ornamental; Orhan Pamuks Liebe zu Istanbul, seiner Geschichte und seinen Bewohnern mäandert durch die Bücher; oder vielmehr: Die Erzählstränge wuchern um diese Motive ewig herum. Es sind Geschichten, denen es gut zu Gesicht stünde, wenn sie nur mündlich tradiert würden, jahre- und jahrzehntelang. Dennoch ist Pamuk ein überaus genauer Beobachter, man stolpert immer wieder über seine geschliffenen Betrachtungen. Und er ist natürlich auch ein moderner Erzähler, der immer wieder über sich selbst räsoniert; über die Tatsache, ein Selbst zu sein, und genau dieses Selbst:

"Wenn ich nachts nicht schlafen konnte, in meinem Bett auf dem Rücken lag und die Schatten an der Decke verfolgte, dann wünschte ich so sehr, ein anderer Mensch zu sein, daß ich meinte, ich könne aus meiner Haut gleiten wie die Hand aus dem Handschuh und allein durch die Kraft meines Wunsches in die Haut jenes anderen Menschen hineinschlüpfen und ein neues Leben anfangen. Beim Gedanken an dieses andere Menschenwesen und das Unvermögen, mein eigenes Leben auf seine Art zu leben, empfand ich manchmal solch einen Schmerz, daß mir das Wasser aus den Augen schoß, sei es in irgendeinem Kinosessel oder im Gedränge auf dem Markt, wo ich erkannte, daß jeder für sich von seiner eigenen Welt umschlossen war." ("Das schwarze Buch", S. 226)
So findet die Bewusstseinsseele schmerzlich zu sich selbst. Jeder Erkenntnisgewinn wird gleichzeitig durch den Verlust anderer Fähigkeiten erkauft. So ist es auch mit der Schrift: "Der Krämer kann selbstverständlich weder lesen noch schreiben. Du selbst hast einmal geschrieben, daß die Kenntnis der Buchstaben das Gedächtnis schwächt". (S. 384)
So ist es. Die kulturschaffende Kraft der Schrift hat um 3000 vor Christus eingesetzt (das so genannte Kali Yuga) und gleichzeitig das Ende der Erinnerungskultur eingeläutet. Vorbei die Zeiten, da Geschichten, ja erzählte Kosmologien wie die Kalevala von Generation zu Generation tradiert wurden und identitätsstiftend im Sinne der Zusammengehörigkeit mit den Ahnen wirkten. Die Schriftkultur wirft den Einzelnen auf seine persönliche Geschichte zurück und beschränkt den Horizont, der vorher Äonen überspannte. Die Schriftkultur schneidet das Individuum ab von seinen Quellen und wirft es auf sich selbst.
Bei schweren legasthenischen Behinderungen herrscht auch heute noch die Erinnerung. Ich habe viele Kinder kennen gelernt, die schwer oder gar nicht Schreiben und Lesen lernten. Das fiel in der Schule häufig lange Zeit nicht auf, weil diese Kinder problemlos eine Seite im Lesebuch, die zuvor ein Mitschüler verlesen hatte, komplett repetierten, ohne ein einziges Wort lesen zu können. Tausende von Worten konnten diese Kinder als Wortbilder schriftlich wiedergeben, ohne auch nur zwei Silben synthetisierend lesen zu können. Gelang es annähernd, den Lesevorgang doch verspätet einzuleiten, verschwanden diese repetierenden, archivierenden Fähigkeiten meist schnell. Und damit auch der Genuss, diese Kinder von ihren Träumen erzählen zu lassen. Es waren meist wunderbare, umfassende Träume. Ich erinnere mich an ein dickes Mädchen, das jede Nacht von sich als einem Wal träumte, der die Meere der Erde durchquerte. Ich hörte mir Träume an vom Leben als Wal unter dem Eis der Pole. Wir zogen eine Weile träumend durch die Tiefe der Meere.
Als sie lesen lernte, war auch das vorbei.

"Wenn ich nachts nicht schlafen konnte, in meinem Bett auf dem Rücken lag und die Schatten an der Decke verfolgte, dann wünschte ich so sehr, ein anderer Mensch zu sein, daß ich meinte, ich könne aus meiner Haut gleiten wie die Hand aus dem Handschuh und allein durch die Kraft meines Wunsches in die Haut jenes anderen Menschen hineinschlüpfen und ein neues Leben anfangen. Beim Gedanken an dieses andere Menschenwesen und das Unvermögen, mein eigenes Leben auf seine Art zu leben, empfand ich manchmal solch einen Schmerz, daß mir das Wasser aus den Augen schoß, sei es in irgendeinem Kinosessel oder im Gedränge auf dem Markt, wo ich erkannte, daß jeder für sich von seiner eigenen Welt umschlossen war." ("Das schwarze Buch", S. 226)
So findet die Bewusstseinsseele schmerzlich zu sich selbst. Jeder Erkenntnisgewinn wird gleichzeitig durch den Verlust anderer Fähigkeiten erkauft. So ist es auch mit der Schrift: "Der Krämer kann selbstverständlich weder lesen noch schreiben. Du selbst hast einmal geschrieben, daß die Kenntnis der Buchstaben das Gedächtnis schwächt". (S. 384)
So ist es. Die kulturschaffende Kraft der Schrift hat um 3000 vor Christus eingesetzt (das so genannte Kali Yuga) und gleichzeitig das Ende der Erinnerungskultur eingeläutet. Vorbei die Zeiten, da Geschichten, ja erzählte Kosmologien wie die Kalevala von Generation zu Generation tradiert wurden und identitätsstiftend im Sinne der Zusammengehörigkeit mit den Ahnen wirkten. Die Schriftkultur wirft den Einzelnen auf seine persönliche Geschichte zurück und beschränkt den Horizont, der vorher Äonen überspannte. Die Schriftkultur schneidet das Individuum ab von seinen Quellen und wirft es auf sich selbst.
Bei schweren legasthenischen Behinderungen herrscht auch heute noch die Erinnerung. Ich habe viele Kinder kennen gelernt, die schwer oder gar nicht Schreiben und Lesen lernten. Das fiel in der Schule häufig lange Zeit nicht auf, weil diese Kinder problemlos eine Seite im Lesebuch, die zuvor ein Mitschüler verlesen hatte, komplett repetierten, ohne ein einziges Wort lesen zu können. Tausende von Worten konnten diese Kinder als Wortbilder schriftlich wiedergeben, ohne auch nur zwei Silben synthetisierend lesen zu können. Gelang es annähernd, den Lesevorgang doch verspätet einzuleiten, verschwanden diese repetierenden, archivierenden Fähigkeiten meist schnell. Und damit auch der Genuss, diese Kinder von ihren Träumen erzählen zu lassen. Es waren meist wunderbare, umfassende Träume. Ich erinnere mich an ein dickes Mädchen, das jede Nacht von sich als einem Wal träumte, der die Meere der Erde durchquerte. Ich hörte mir Träume an vom Leben als Wal unter dem Eis der Pole. Wir zogen eine Weile träumend durch die Tiefe der Meere.
Als sie lesen lernte, war auch das vorbei.
Harry Potters Ende
25.Jul.2007 21:38 Uhr
Nun ist er also ausgelesen, der letzte Band von JK Rowlings Potter-Serie namens "Harry Potter and the Deathly Hallows". Das Ende ist vielleicht die einzige Enttäuschung. Nach all der Magie, dem gewaltigen Ensemble aus Hexen, Riesen, Zauberern, Monsterspinnen, Einhörnern usw. landet Harry praktisch in unserer aller Wohnzimmer - ein Zauberpapa wie du und ich. Das Buch ist auch keinesfalls der grosse Pubertäts- und Liebesschmöker wie erwartet, nein, es handelt sich sehr viel mehr um einen waschechten Thriller. Man sieht beim Lesen praktisch schon den Action- Film auf der Leinwand. Dies um so leichter, da man die handelnden Figuren ja schon tatsächlich auf der Kinoleinwand gesehen hat, in Folge 1 bis 5.
Das ist aber nicht der einzige Film, der bei mir beim Lesen ablief. Ich konnte nicht anders, als immer wieder den Schleier von Magie beiseite zu schieben. Man kann das problemlos tun. Entkleidet sieht man die Story von einigen tapferen jungen Widerständlern in einer totalitären Gesellschaft. Valdemort wird so zu einem Vertreter einer Ideologie von "reinem Blut", der erbarmungslos alle anderen als diese Rasse nicht nur über einen Kamm schert, sondern sie isoliert, foltert, massenweise ermorden lässt. Harry ist über die gesamte Länge des Buches im Untergrund und auf der Flucht. Die weitaus meisten seiner Bekannten, Freunde und Vorbilder verhalten sich zunächst indifferent, verängstigt oder koalieren mit dem Gegner. Das Buch gibt nur zu gut die gesellschaftliche Stimmung in einem totalitären Regime wider. Auch die heimische Schule, das quasi-staatliche Ministerium für Magie sind unterwandert. Ja, selbst der von Harry verehrte Schulleiter Dumbledore wird nach und nach - zuerst aus propagandistischen Gründen- entlarvt. Denn auch dieser hat in seiner Jugend aus Gründen spirituellen Ehrgeizes heraus gemeinsame Sache mit den Menschenverächtern gemacht - er hat sogar bei seinen Experimenten die eigene Schwester umgebracht.
So weit, so gut. Ein spannender Plot nach dem anderen. In diesem Buch gibt es nicht den klassischen Spannungsbogen, es gibt deren viele. Rowling greift zweifelsohne auch tief in die Kiste, in der alte Schätze wie der "Herr der Ringe" liegen. Aber die Bilder und Imaginationen, die sie entwickelt, sind stimmig. Selten hat ein Lehrbuch für den inneren Widerstand, die eigene Moral und die Solidarität so wenig gelangweilt. Jugendliche müssen das lesen. Gib dich nicht zufrieden mit den Moralvorstellungen der Angepassten, die da lauten: "Don´t go looking for trouble, don´t pick fights, don´t go messing around with stuff that´s best left alone! Just keep your head down, mind your own business and you´ll be OK." (S. 336).
Harry überwindet den dunklen Widerpart Valdemort durch seine Bereitschaft, sich selbst zu opfern. Hier klingt etwas deutlich an von Rudolf Steiners Schilderungen eines magischen Kampfes im mexikanischen Raum. Das tatsächliche Opfer aber bleibt Harry erspart. Die magische Hybris seines Gegenspielers richtet sich selbst. Raffiniert, wie Rowling durch das ganze Buch hindurch Valdemort vom Jäger zum Gejagten macht. Leider ist das Ende dadurch lange zuvor absehbar. Die finale Schlacht erscheint mir in ihrem Getöse und den zahlreichen Opfern als der etwas krampfhafte Versuch, all die Highlights des Buches noch einmal zu toppen. Die Massenschlachten des "Herrn der Ringe" lassen hier wiederum grüssen.
Dann ist es vollbracht. So ganz allein, erweist sich, hat es Harry doch nicht geschafft. Hinter den Kulissen hat der gefallene (und verstorbene), aber längst bekehrte Dumbledore doch noch für Harry die Strippen gezogen. Und alles ist gut. Die letzten 6 Seiten widmen sich dem, was "nineteen years later" geschieht. Das lässt sich auch mit den drei letzten Worten des Romans ausdrücken: "All was well".
Aber wer kann solcher Harmonie schon trauen, in diesen magischen Zeiten?
Das ist aber nicht der einzige Film, der bei mir beim Lesen ablief. Ich konnte nicht anders, als immer wieder den Schleier von Magie beiseite zu schieben. Man kann das problemlos tun. Entkleidet sieht man die Story von einigen tapferen jungen Widerständlern in einer totalitären Gesellschaft. Valdemort wird so zu einem Vertreter einer Ideologie von "reinem Blut", der erbarmungslos alle anderen als diese Rasse nicht nur über einen Kamm schert, sondern sie isoliert, foltert, massenweise ermorden lässt. Harry ist über die gesamte Länge des Buches im Untergrund und auf der Flucht. Die weitaus meisten seiner Bekannten, Freunde und Vorbilder verhalten sich zunächst indifferent, verängstigt oder koalieren mit dem Gegner. Das Buch gibt nur zu gut die gesellschaftliche Stimmung in einem totalitären Regime wider. Auch die heimische Schule, das quasi-staatliche Ministerium für Magie sind unterwandert. Ja, selbst der von Harry verehrte Schulleiter Dumbledore wird nach und nach - zuerst aus propagandistischen Gründen- entlarvt. Denn auch dieser hat in seiner Jugend aus Gründen spirituellen Ehrgeizes heraus gemeinsame Sache mit den Menschenverächtern gemacht - er hat sogar bei seinen Experimenten die eigene Schwester umgebracht.
So weit, so gut. Ein spannender Plot nach dem anderen. In diesem Buch gibt es nicht den klassischen Spannungsbogen, es gibt deren viele. Rowling greift zweifelsohne auch tief in die Kiste, in der alte Schätze wie der "Herr der Ringe" liegen. Aber die Bilder und Imaginationen, die sie entwickelt, sind stimmig. Selten hat ein Lehrbuch für den inneren Widerstand, die eigene Moral und die Solidarität so wenig gelangweilt. Jugendliche müssen das lesen. Gib dich nicht zufrieden mit den Moralvorstellungen der Angepassten, die da lauten: "Don´t go looking for trouble, don´t pick fights, don´t go messing around with stuff that´s best left alone! Just keep your head down, mind your own business and you´ll be OK." (S. 336).
Harry überwindet den dunklen Widerpart Valdemort durch seine Bereitschaft, sich selbst zu opfern. Hier klingt etwas deutlich an von Rudolf Steiners Schilderungen eines magischen Kampfes im mexikanischen Raum. Das tatsächliche Opfer aber bleibt Harry erspart. Die magische Hybris seines Gegenspielers richtet sich selbst. Raffiniert, wie Rowling durch das ganze Buch hindurch Valdemort vom Jäger zum Gejagten macht. Leider ist das Ende dadurch lange zuvor absehbar. Die finale Schlacht erscheint mir in ihrem Getöse und den zahlreichen Opfern als der etwas krampfhafte Versuch, all die Highlights des Buches noch einmal zu toppen. Die Massenschlachten des "Herrn der Ringe" lassen hier wiederum grüssen.
Dann ist es vollbracht. So ganz allein, erweist sich, hat es Harry doch nicht geschafft. Hinter den Kulissen hat der gefallene (und verstorbene), aber längst bekehrte Dumbledore doch noch für Harry die Strippen gezogen. Und alles ist gut. Die letzten 6 Seiten widmen sich dem, was "nineteen years later" geschieht. Das lässt sich auch mit den drei letzten Worten des Romans ausdrücken: "All was well".
Aber wer kann solcher Harmonie schon trauen, in diesen magischen Zeiten?
Ken Wilbers Tragödie
03.Jun.2007 00:51 Uhr

Ken Wilber schildert in seinem Buch “Mut und Gnade” die wenige Jahre andauernde Ehe mit seiner Frau Treya. Sie haben sich beide in ihren Dreissigern - nach langen Perioden des Alleinelebens und kaum mehr in der Hoffnung, je einen Partner zu finden- kennen- und sehr schnell lieben gelernt. Ken ist ein bereits recht arrivierter Esoterik- Autor, sie hat eine lange Vergangenheit als Community- Girl in verschiedenen New- Age- Gemeinschaften. Sie kommt ursprünglich aus Findhorn*, auf der Suche nach Pan und den riesigen Möhren, um die die Feen tanzten.
Erster Teil..
Zweiter Teil..
* "Die Findhorn-Gemeinschaft wurde 1962 von Eileen und Peter Caddy und Dorothy McLean nahe dem Fischerdorf Findhorn im Nordosten Schottlands gegründet. Sie wurde zunächst bekannt durch ihre Arbeit mit Pflanzen und der Kommunikation mit der Natur. Im Laufe der Zeit hat sie sich zu einem Zentrum für spirituelle und ganzheitliche Erziehung entwickelt." Link
Ljod
17.Feb.2007 21:05 Uhr
Dieser Roman ist haarsträubend, ein literarischer Querfeldeinritt, ein Ärgernis, eine Notwendigkeit, ein Genuss. Vladimir Sorokins Roman "Ljod. Das Eis" hat eine so immense Dichte, Provokationskraft und Meisterschaft, dass einem angesichts dieser brachialen Kunst sonstige Gegenwartsliteratur zur blutleeren Stümperei verblasst. Der Roman schildert - aus den Blickwinkeln unterschiedlicher Akteure und mit ebenso unterschiedlichen Stilen geschrieben - hautnah das Wirken einer Geheimorganisation, die sich nach dem Einschlag eines Meteoriten in Sibirien daran macht, mit Hilfe des an der Einschlagsstelle gefundenen Eises menschliche Herzen "wachzuklopfen". Die Herzen der weitaus meisten Menschen erweisen sich dabei als hohl- nur eine auserwählte Kaste innerhalb der Menschheit überlebt die grausame Prozedur und geht in eine Art Erleuchtung über, aus der sich eine faschistische Elite rekrutiert. Die diversen Stadien der Verzückung werden in leuchtenden Farben geschildert. Die Erweckten sind stets blond und blauäugig. Die Geschichten der gewalttätigen Prozeduren dieser Einweihungen sind kaum an Gewalt und Obszönität zu überbieten. Übethaupt besteht ein irritierendes Element des Romans darin, dass sowohl der Terror der Nazis als auch der der stalinistischen Ära aus dem Wirken dieser Sekte "erklärt" werden. Konzentrationslager, russische Militärgefängnisse und Massenmorde bilden die Rahmenhandlung. Die absurde Ausgangslage, die einem Undergroundschmöker kranker Verschwörungstheorien entsprungen zu sein scheint, bietet die Gelegenheit, eben diesen Terror des 20. Jahrhunderts detailliert und mit meisterhafter Schreibkunst aufzurollen. Der Leser findet sich in einer schwierigen Lage, da er sich in die Geschicke dieser monströsen Erzähler verwickelt sieht, ja sogar mit diesen -sich identifizierend- in ihre berückten, wunderbaren, friedlichen Ekstasen eingeht.
Sorokin gelingt es, diese grelle Absurdität so zu präsentieren, als sei das mörderische Wirken der Protagonisten eine alltägliche Tatsache. Man befindet sich als Leser in der höchst unkomfortablen Lage, zwischen SS-Offizieren und russischem Geheimdienst durchs 20. Jahrhundert zu spazieren. Aus diesem Blickwinkel werden die Absurditäten unserer Zeit, ihre Widersprüchlichkeit, Enthemmtheit und Niedertracht zu selbstverständlichen Beobachtungen. Der Blickwinkel ist nur gänzlich ungewohnt. Am Ende wird das Eis, mit dem die Herzen aufgeklopft werden, als eine Art Computerspiel erfolgreich unter das weltweite Komsumentenpublikum gestreut. Es bedarf keiner konspirativen und mörderischen Geheimdienstoperationen mehr- die Konsumenten greifen selbst nach der angebotenen Verzückung.
Was soll man sagen? Ein schreckliches Buch, ein Meisterwerk.
Sorokin gelingt es, diese grelle Absurdität so zu präsentieren, als sei das mörderische Wirken der Protagonisten eine alltägliche Tatsache. Man befindet sich als Leser in der höchst unkomfortablen Lage, zwischen SS-Offizieren und russischem Geheimdienst durchs 20. Jahrhundert zu spazieren. Aus diesem Blickwinkel werden die Absurditäten unserer Zeit, ihre Widersprüchlichkeit, Enthemmtheit und Niedertracht zu selbstverständlichen Beobachtungen. Der Blickwinkel ist nur gänzlich ungewohnt. Am Ende wird das Eis, mit dem die Herzen aufgeklopft werden, als eine Art Computerspiel erfolgreich unter das weltweite Komsumentenpublikum gestreut. Es bedarf keiner konspirativen und mörderischen Geheimdienstoperationen mehr- die Konsumenten greifen selbst nach der angebotenen Verzückung.
Was soll man sagen? Ein schreckliches Buch, ein Meisterwerk.
Das Heilige Buch der Werwölfe
23.Jan.2007 19:02 Uhr
- so der Titel des neuesten Romans des russischen Autors Viktor Pelewin. Natürlich richtet sich das Buch vor allem an Werfüchse und auch Werwölfe. Für menschliche Augen und Ohren ist es viel zu obszön. Es werden tatsächlich in Bezug auf sexuelle und gewalttätige Praktiken kaum denkbare Szenen ausgelassen. A Huli, die schöne Erzählerin mit dem feuerroten Schweif, erlebt tatsächlich atemberaubende Abenteuer. Sie ist etwas mehr als 2000 Jahre alt, arbeitet in Moskau als Prostituierte, amüsiert sich mit russischen Ölmagnaten, Geheimdienstleuten, indischen Sikhs und englischen Okkultisten. Die meisten von ihnen sind Menschen und überleben die Begegnung nur höchst selten. In all den Gesprächen hat Huli Zeit, über Land und Leute zu philosophieren. Sie verliebt sich in einen mächtigen grauen Werwolf, der seltsamerweise ziemlich spiessige Ansichten hegt:
"Was hast du eigentlich gegen Schwule?", fragte ich
"Sie sind gegen die Natur".
Dafür entpuppt sich der Graue für eine lange Zeit als sensationeller Sexpartner. Im Laufe der mehr als zweitausendjährigen Existenz hat sich nach Hulis Meinung beim menschlichen Geschlecht nicht allzu viel entwickelt: "Die modernen Persönlichkeitsgebäude ähneln eher Unterständen- da kann nicht viel einstürzen, und sie zu erobern kostet wenig Mühe". Das menschliche Leben ähnelt für sie "einer endlosen Theateraufführung", "wo eitle Mimen sich produzieren, die meinen, sie wären die Ersten, die das auf die Bretter bringen. Unglaublich schnell sind sie abgetreten, und an ihre Stelle tritt ein neues Aufgebot, das dieselben Rollen mit demselben Pathos zu spielen anhebt".

Ein englischer Lord -Fan des Schwarzmagiers Aleister Crowley- hält einen interessanten Powerpoint- Vortrag über Kundalinikraft und Chakren. Seine Leidenschaft sind Schwarze Messen. Leider bemerkt er nicht, dass er seine arroganten Belehrungen im Kreise lauter Werwölfe zum Besten gibt- ein tödlicher Irrtum. Aber immerhin hat er noch Gelegenheit A Huli etwas über eine mystische Transformation der Wertiere zum "Überwertier" mitzuteilen, was diese von nun an verfolgt: "Diversen Quellen zufolge ist dies im Jahr 1925 einem Ihrer Landsleute gelungen, dem Moskauer Anthroposophen Bellow alias Scharikow. Er war Schüler von Doktor Steiner, befreundet mit Maximilian Woloschin und Andrej Bely"..
A Huli strebt von nun an nach Vervollkommnung und begegnet chinesischen Eingeweihten und Magiern auf ihrem Weg. Die Vollendung findet sie schliesslich beim Absprung auf einer Skateboardrampe.
Für empfindsame und unerleuchtete Naturen ist das Buch nicht zu empfehlen. Für Werfüchse dagegen ist es praktisch unentbehrlich.
"Was hast du eigentlich gegen Schwule?", fragte ich
"Sie sind gegen die Natur".
Dafür entpuppt sich der Graue für eine lange Zeit als sensationeller Sexpartner. Im Laufe der mehr als zweitausendjährigen Existenz hat sich nach Hulis Meinung beim menschlichen Geschlecht nicht allzu viel entwickelt: "Die modernen Persönlichkeitsgebäude ähneln eher Unterständen- da kann nicht viel einstürzen, und sie zu erobern kostet wenig Mühe". Das menschliche Leben ähnelt für sie "einer endlosen Theateraufführung", "wo eitle Mimen sich produzieren, die meinen, sie wären die Ersten, die das auf die Bretter bringen. Unglaublich schnell sind sie abgetreten, und an ihre Stelle tritt ein neues Aufgebot, das dieselben Rollen mit demselben Pathos zu spielen anhebt".

Ein englischer Lord -Fan des Schwarzmagiers Aleister Crowley- hält einen interessanten Powerpoint- Vortrag über Kundalinikraft und Chakren. Seine Leidenschaft sind Schwarze Messen. Leider bemerkt er nicht, dass er seine arroganten Belehrungen im Kreise lauter Werwölfe zum Besten gibt- ein tödlicher Irrtum. Aber immerhin hat er noch Gelegenheit A Huli etwas über eine mystische Transformation der Wertiere zum "Überwertier" mitzuteilen, was diese von nun an verfolgt: "Diversen Quellen zufolge ist dies im Jahr 1925 einem Ihrer Landsleute gelungen, dem Moskauer Anthroposophen Bellow alias Scharikow. Er war Schüler von Doktor Steiner, befreundet mit Maximilian Woloschin und Andrej Bely"..
A Huli strebt von nun an nach Vervollkommnung und begegnet chinesischen Eingeweihten und Magiern auf ihrem Weg. Die Vollendung findet sie schliesslich beim Absprung auf einer Skateboardrampe.
Für empfindsame und unerleuchtete Naturen ist das Buch nicht zu empfehlen. Für Werfüchse dagegen ist es praktisch unentbehrlich.
Das Jahr magischen Denkens
07.Dez.2006 19:24 Uhr
Ich liebe dieses Buch, aber ich kann es nicht lesen. Ich taste mich drei oder vier Seiten voran, dann lege ich es beiseite. Es ist zu gut für mich. "Das Jahr magischen Denkens" von Joan Didion beschreibt den Zustand der Schriftstellerin bei und nach dem Tod ihres Mannes. Es ist ein beinah beiläufiger Tod. Ihr Mann - ebenfalls amerikanischer Schriftsteller- sackt tot auf der heimischen Couch zusammen- ein schlechter Scherz, wie Didion zunächst annimmt. Und dann geschieht ihr, der Analytikerin, der scharfen Beobachterin, in der "Bewältigung" dieses Todes trotz ihrer Rationalität, trotz ihres entschlossenen Handelns etwas für sie Unfassbares: Sie kann nicht aufhören zu denken, er kehre gleich zurück. Sie stimmt sofort einer Autopsie zu, um den Irrtum seines Todes aufzuklären. Sie verweigert Organentnahmen. Sie gibt seine Schuhe nicht weg. Er braucht diese ja, wenn er wieder kommt: "Oberflächlich gesehen, war ich vernünftig."
Die Liebe schimmert in fast jedem Moment schmerzlich: Beim Aufwachen, bei der die Kehle zugeschnürt ist wie nach einem gemeinsamen Streit. Jeden Morgen, monatelang muss sich Joan Didion vergegenwärtigen, dass dieser Streit nicht zu klären sein wird. Beim Aufräumen seiner T-Shirts, "die er trug, wenn wir frühmorgens durch den Central Park liefen. Wir taten das jeden Morgen. Wir gingen nicht immer zusammen, weil wir verschiedene Routen mochten, aber wir behielten die Route des anderen im Kopf, so daß sich beide Routen kreuzten, bevor wir den Park wieder verließen".
Wie kann man präziser und wunderbarer das gemeinsame Leben zweier Menschen beschreiben? "Wir gingen nicht immer zusammen, weil wir verschiedene Routen mochten.."
Ich werde noch eine Weile brauchen. Man kann sich das Buch selbst schenken. Und dann warten, bis man die Kraft dafür hat.

Foto Michael Eggert
Die Liebe schimmert in fast jedem Moment schmerzlich: Beim Aufwachen, bei der die Kehle zugeschnürt ist wie nach einem gemeinsamen Streit. Jeden Morgen, monatelang muss sich Joan Didion vergegenwärtigen, dass dieser Streit nicht zu klären sein wird. Beim Aufräumen seiner T-Shirts, "die er trug, wenn wir frühmorgens durch den Central Park liefen. Wir taten das jeden Morgen. Wir gingen nicht immer zusammen, weil wir verschiedene Routen mochten, aber wir behielten die Route des anderen im Kopf, so daß sich beide Routen kreuzten, bevor wir den Park wieder verließen".
Wie kann man präziser und wunderbarer das gemeinsame Leben zweier Menschen beschreiben? "Wir gingen nicht immer zusammen, weil wir verschiedene Routen mochten.."
Ich werde noch eine Weile brauchen. Man kann sich das Buch selbst schenken. Und dann warten, bis man die Kraft dafür hat.

Foto Michael Eggert
Jedermann
02.Sep.2006 21:20 Uhr

Philip Roth soll mit dem Schreiben seines neuen Romans "Jedermann" begonnen haben, als sein Freund Saul Bellow (der wohl berühmteste Anthroposoph außer Beuys) starb. Und ganz zweifellos handelt es sich um eine schriftstellerische Essenz, die auch nur ein alter Mensch nach einem langen Leben des Schreibens erreichen kann. Es ist mit ganz leichten Federstrichen gezeichnet, die im Buch um Jahre und Jahrzehnte im Leben des Protagonisten dahinwehen, ohne dass man die Sprünge auch nur bemerkte. Und dann diese raffinierten Schnitte! Sie sind sehr elegant gelöst- ist man am Anfang (der das Begräbnis des Protagonisten schildert) noch ein Fremder, der verständnislos auf die Szenerie blickt, beginnt man in den folgenden Cuts aus verschiedenen Lebensabschnitten, diesen Mann, der da verstorben ist und seine ganze Umgebung zu verstehen. Der Mann, ein erfolgreicher Designer, macht in der typisch-männlichen Krise Anfang 50 seinen schwersten libidinösen Fehler und verliert dabei seine einzige Vertraute, seine zweite Ehefrau. Es ist ein ruinöser Verlust- einer aus einer ganzen Folge, die sich aus Krankheit und Alter speist. Am Ende ist er einsam, unstet, unsicher. Seine Passionen haben sich in Nichts aufgelöst, und die wenigen Freunde sind tot oder verprellt. Nur eine Tochter aus zweiter Ehe kümmert sich -sie hat wohl eine Art Helfersyndrom- um ihn und seine einsetzenden schweren Erkrankungen. Dennoch: Das Alter erweist sich ganz und gar als "Massaker" - ein Fiasko allerdings, zu dem der Protagonist durch seine uns sehr verständlichen Fehlentscheidungen auch kräftig beigetragen hat. Kurz: Die Fehler, die Charakterschwächen, das Unglück, die kleine Tapferkeit: Das ist uns nur allzu bekannt. Dieser Durchschnittsmensch könnten sehr wohl wir sein. Und unser Alter könnte genau so aussehen: "Jedermann" eben.
Ein ganz herausragendes Buch.
Biomedizinische Eingriffe, elektronische Implantate und Identität
10.Jun.2006 22:12 Uhr

„Körper als Maß?“ - hinter dem irreführend unscheinbaren Titel verbirgt sich eine Sammlung von Aufsätzen zu biomedizinischen Eingriffen in den Körper einerseits und für das Verständnis von Identität im Zusammenhang solcher Eingriffe andererseits. Die Autoren und Autorinnen sind dementsprechend Philosophen, plastische Chirurgen, Molekularbiologen, Ethnologen, Kulturwissenschaftler und Theologen.
Die Körperbilder und die Identität werden bereits heute, aber in Zukunft in steigendem Maß in Frage gestellt durch Implantation von tierischen Organen, durch künstlich erzeugte Organismen, Chip- Implantate und „Brain- Computer- Interfaces“, durch gekaufte menschliche Organe („Body- Shopping“) und nicht zuletzt durch bereits heute weit verbreitete Manipulieren des Äußeren durch Schönheitschirurgie.
Das widerspricht zutiefst den uns bekannten menschlichen Selbstkonzeptionen, in denen der Körper stets als „konstitutiver Bestandteil des Selbst“ empfunden wurde und ganz und gar nicht als ein Teil „körperlicher Rohstoffe“, die dazu benutzt werden, durch unterschiedliche Technologien und zurückgreifend auf „Körpermärkte“ andere Körper zu manipulieren. Die Frage, die deshalb in diesen Aufsätzen aus unterschiedlichen Gesichtspunkten aufgeworfen wird, ist, ob wir „auf eine radikale und in ihrer Natur nicht vorhersagbare Veränderung von Körperidentität als Folge“ solcher Manipulationen vorbereitet sind...
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