Erzählung
Karls Frühling
21.Feb.2010 18:50 Uhr

Wahrscheinlich hatte er schon als junger Mensch neben den unvermeidlichen Rockkonzerten, den verrückten Reisen nach Amsterdam und London und dem Studium eines Buches von Sri Aurobindo einfach zu viel Novalis gelesen. Für Karl war die Romantik kein Klischee und keine Kunstepoche, sondern eine Betrachtungsweise.
Hingebungsvoll sah er den Frühlingsmond im Fenster. Es hätte in diesem Moment nur dieser Mond sein können, diese Form, dieser Ausdruck: Eine blasse, schmale Sichel, die nur den unteren Rand des Mondes zeigte und daher wirkte wie eine Schale. Einen Augenblick lang war es Karl, als stünde er in der Stille. Es war Mitte Februar und für die Jahreszeit viel zu kalt. Auch die am Morgen und gelegentlich auch im Laufe des Tages trällernden melodiösen Schlenker der Vögel, die in ihrem Klang weite Räume umfassten, wirkten, als wollten sie den scharfen, kalten, aber lockenden ersten Frühlings- Sonnenstrahlen eine Schale bauen.
Die Stimmung am Himmel wie in den kahlen Bäumen war in Erwartung getaucht. Unter dem Schnee, der langsam schmolz, fühlte Karl das rege Leben, Würmer und Wurzeln. Aus den Teichen, auf deren Oberflächen das Eis nur mühsam wich, trat der intensive Geruch von moderndem altem Laub aus. Im Wald wühlte Karls Hund im Boden, wo ihn der aufsteigende pilzige Duft reizte.
Einen Augenblick lang war es Karl, als stünde er in der Stille. Die Natur trat auf ihn zu und in ihn ein. Sie war innerlich ganz ineinander abgestimmt, ein gleich klingendes Wollen. Karl rauchte noch eine Zigarette, dann schloss er das Fenster.
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Zur ganzen Erzählung, die mit diesem Abschnitt fortgeführt wird..
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