Gesellschaft
K20, Düsseldorf
06.Apr.2013 23:46 Uhr
Das Palazzo Regale ist, wie man an dem überdimensionalen Plakat sieht, das neben dem Eingang des Museums K20 in Düsseldorf steht, eines der Highlights der Landeshauptstadt. Es ist die letzte Arbeit von Joseph Beuys vor seinem Tod, und es handelt sich dabei, was sofort bemerkbar wird, wenn an ihn betritt, um einen sakralen Raum.

In der Mitte, vor dem Betrachter, liegen in einer großen, gläsernen Vitrine Überreste, die mit Kopf und Fell und anderen Gegenständen nicht nur zu einer Figur werden. Sie haben auch alle autobiografische Bezüge:
"In der vorderen Vitrine ist ein Eisenguss des Kopfes aus der Arbeit Straßenbahnhaltestelle in Venedig aus dem Jahr 1976 zu finden, sowie ein Luchsmantel, gefüttert mit blauer Seide, den Beuys bei seiner Performance Titus Andronicus / Iphigenie (1969) im Rahmen der „experimenta 3“ in Frankfurt am Main trug; des Weiteren finden sich in dieser Vitrine zwei Konzertbecken sowie das Gehäuse eines Tritonshorns (s. a. Triton), das auch als Blasinstrument verwendet werden kann. Beuys benutzte die Schnecke als Signalhorn im Oktober 1971, um, nach einer Besetzung des Sekretariats der Düsseldorfer Kunstakademie, den Erfolg seines Kampfes gegen den Numerus clausus zu feiern." Wiki
Das Sakrale des Raums wird nicht zuletzt erzeugt durch die sieben Goldstaub- bedeckten Tafeln, die auf eigentümliche Weise angeordnet sind. Durch die "autobiografische" Vitrine schaut man auf die fünfte Tafel, vier liegen rechts, zwei links. Die fünfte bekommt durch diesen autobiografischen Blickwinkel etwas von einer Zeitangabe, einer bestimmten Stunde im Weltgeschehen, inszeniert wie die Mittsommerwende in Stonehenge („Die Verehrung der Sonne und des wiederkehrenden Lichtes geht auf Traditionen in prähistorischer Zeit zurück.[1] Die Sonne hatte essentielle Bedeutung für das irdische Überleben. Die Sommersonnenwende trug einen Aspekt des Todes und der Vergänglichkeit in sich. Dem gegenüber standen die längerwerdenden Tage nach der Wintersonnenwende, die Leben und Auferstehung verkörperten. Diese Wendepunkte schlugen sich entsprechend in Ritus und Mythologie nieder.Bemerkenswert ist, dass die Sonne im abendländischen Kulturkreis immer dem männlichen Prinzip zugeordnet ist, jedoch hier eine Ausnahme im germanischen Sprachraum besteht, welcher in der Sonne die Mutter sieht. Schon steinzeitliche Kultstätten wie Stonehenge erfassten diesen Zeitpunkt mittels der relativ leicht feststellbaren Auf- und Untergangspunkte der Sonne, die zu Winterbeginn etwa im Südosten bzw. Südwesten liegen. Auch die Himmelsscheibe von Nebra als wichtiger bronzezeitlicher Fund dokumentiert die Sonnenwende. Quelle)
Ich denke, Beuys verweist hier als Zeitangabe auf die fünfte nachatlantischen Zeitepoche nach Rudolf Steiner, die eben die Gegenwart markiert. Beuys beschreibt sich damit als jemand, der seine Zeit tatsächlich repräsentiert hat.
Aber er selbst ist, wie er mit der zweiten Vitrine andeutet, schon auf der großen Zeitenuhr weiter gewandert - eine Uhr übrigens, die gegenläufig zur ganz irdischen Orientierung gerichtet ist. Die zweite Vitrine beinhaltet "einen graugrünen Rucksack mit einem Filzkeil in der Seitentasche, drei elektrische Klammern mit Kupferdrähten, zwei große Nadeln, sowie zwei Spazierstöcke aus Kupfer, drei vertrocknete Scheiben Schinken und ein großes Stück Speck Quelle.“
Das ist alles Wegzehrung, die man gut gebrauchen kann auf diesem langen Weg von einer Zeit in eine andere. Natürlich verdichten und erweitern wir uns als geistiges Wesen unterschiedlich, abhängig vom "Milieu", in dem wir uns befinden. Momentan ist es eine leibliche Selbsterfahrung, in Geschlechter getrennt, was ständig Reibereien gibt. Wir verschmelzen zeitweilig tatsächlich in unserem Körper, der doch nur ein einziger Ausdruck unseres Wesens ist, und ziemlich ungenau geraten, was noch hinzu kommt, und auch nur vorübergehend intakt. Gut, wenn man, wie in der zweiten Vitrine, mit Kupferstab und Drähten gerüstet ist für eine non- sensuelle und nicht-leibliche Kommunikation. Und Filz, damit wir warm bleiben in einer nicht- räumlichen Existenz, denn die Wärme ist es, die uns trägt, die uns ausmacht. Alles andere liegt nur darüber.
Die scheinbare Asymmetrie der Vitrine - sie stellt aber auch das Gleichgewicht gegenüber der Last der vier golden- bronzenen Tafeln wieder her- deutet hin auf etwas wie eine Bewegung- auf etwas hin, was außerhalb der zeitlichen Achse liegt.
Mit einem Besuch würden Sie das Museum und sich selbst erfreuen.

In der Mitte, vor dem Betrachter, liegen in einer großen, gläsernen Vitrine Überreste, die mit Kopf und Fell und anderen Gegenständen nicht nur zu einer Figur werden. Sie haben auch alle autobiografische Bezüge:
"In der vorderen Vitrine ist ein Eisenguss des Kopfes aus der Arbeit Straßenbahnhaltestelle in Venedig aus dem Jahr 1976 zu finden, sowie ein Luchsmantel, gefüttert mit blauer Seide, den Beuys bei seiner Performance Titus Andronicus / Iphigenie (1969) im Rahmen der „experimenta 3“ in Frankfurt am Main trug; des Weiteren finden sich in dieser Vitrine zwei Konzertbecken sowie das Gehäuse eines Tritonshorns (s. a. Triton), das auch als Blasinstrument verwendet werden kann. Beuys benutzte die Schnecke als Signalhorn im Oktober 1971, um, nach einer Besetzung des Sekretariats der Düsseldorfer Kunstakademie, den Erfolg seines Kampfes gegen den Numerus clausus zu feiern." Wiki
Das Sakrale des Raums wird nicht zuletzt erzeugt durch die sieben Goldstaub- bedeckten Tafeln, die auf eigentümliche Weise angeordnet sind. Durch die "autobiografische" Vitrine schaut man auf die fünfte Tafel, vier liegen rechts, zwei links. Die fünfte bekommt durch diesen autobiografischen Blickwinkel etwas von einer Zeitangabe, einer bestimmten Stunde im Weltgeschehen, inszeniert wie die Mittsommerwende in Stonehenge („Die Verehrung der Sonne und des wiederkehrenden Lichtes geht auf Traditionen in prähistorischer Zeit zurück.[1] Die Sonne hatte essentielle Bedeutung für das irdische Überleben. Die Sommersonnenwende trug einen Aspekt des Todes und der Vergänglichkeit in sich. Dem gegenüber standen die längerwerdenden Tage nach der Wintersonnenwende, die Leben und Auferstehung verkörperten. Diese Wendepunkte schlugen sich entsprechend in Ritus und Mythologie nieder.Bemerkenswert ist, dass die Sonne im abendländischen Kulturkreis immer dem männlichen Prinzip zugeordnet ist, jedoch hier eine Ausnahme im germanischen Sprachraum besteht, welcher in der Sonne die Mutter sieht. Schon steinzeitliche Kultstätten wie Stonehenge erfassten diesen Zeitpunkt mittels der relativ leicht feststellbaren Auf- und Untergangspunkte der Sonne, die zu Winterbeginn etwa im Südosten bzw. Südwesten liegen. Auch die Himmelsscheibe von Nebra als wichtiger bronzezeitlicher Fund dokumentiert die Sonnenwende. Quelle)
Ich denke, Beuys verweist hier als Zeitangabe auf die fünfte nachatlantischen Zeitepoche nach Rudolf Steiner, die eben die Gegenwart markiert. Beuys beschreibt sich damit als jemand, der seine Zeit tatsächlich repräsentiert hat.
Aber er selbst ist, wie er mit der zweiten Vitrine andeutet, schon auf der großen Zeitenuhr weiter gewandert - eine Uhr übrigens, die gegenläufig zur ganz irdischen Orientierung gerichtet ist. Die zweite Vitrine beinhaltet "einen graugrünen Rucksack mit einem Filzkeil in der Seitentasche, drei elektrische Klammern mit Kupferdrähten, zwei große Nadeln, sowie zwei Spazierstöcke aus Kupfer, drei vertrocknete Scheiben Schinken und ein großes Stück Speck Quelle.“
Das ist alles Wegzehrung, die man gut gebrauchen kann auf diesem langen Weg von einer Zeit in eine andere. Natürlich verdichten und erweitern wir uns als geistiges Wesen unterschiedlich, abhängig vom "Milieu", in dem wir uns befinden. Momentan ist es eine leibliche Selbsterfahrung, in Geschlechter getrennt, was ständig Reibereien gibt. Wir verschmelzen zeitweilig tatsächlich in unserem Körper, der doch nur ein einziger Ausdruck unseres Wesens ist, und ziemlich ungenau geraten, was noch hinzu kommt, und auch nur vorübergehend intakt. Gut, wenn man, wie in der zweiten Vitrine, mit Kupferstab und Drähten gerüstet ist für eine non- sensuelle und nicht-leibliche Kommunikation. Und Filz, damit wir warm bleiben in einer nicht- räumlichen Existenz, denn die Wärme ist es, die uns trägt, die uns ausmacht. Alles andere liegt nur darüber.
Die scheinbare Asymmetrie der Vitrine - sie stellt aber auch das Gleichgewicht gegenüber der Last der vier golden- bronzenen Tafeln wieder her- deutet hin auf etwas wie eine Bewegung- auf etwas hin, was außerhalb der zeitlichen Achse liegt.
Mit einem Besuch würden Sie das Museum und sich selbst erfreuen.
Comments
Ingrid Haselberger: Fokus
21.Okt.2012 20:58 Uhr
»Wenn nun der Mensch durch seine esoterischen Übungen seine Seele so erstarkt, daß er in der geistig-seelischen Wesenheit, die in der Nacht bewußtlos außerhalb des Leibes ist, erkennend, wahrnehmend, also geistig erkennend und wahrnehmend wird, wenn er das Geistig-Seelische wirklich erlebt als sein Menschliches außerhalb des Leibes, dann tritt für ihn eine neue Welt auf, eine geistige Umwelt, so wie für den Menschen eine physische Umwelt vorhanden ist, wenn er sich der Sinne und seines Gehirns bedient, das ja dem Denken dient. Diese geistige Umwelt, die man dann betrachten kann, ist durchaus nicht immer dieselbe. Der Mensch kann sich sozusagen in die Lage des Geistesforschers versetzen zu verschiedenen Zeiten, in verschiedener Weise. Und es wirkt eigentlich immer auf das, was der Mensch geistig sieht, die Absicht mit – aber die nicht eigentlich verstandesmäßige Absicht, sondern die in seinem ganzen Seelenleben mehr unbewußt instinktiv liegende Absicht –: was er eigentlich erkennen will. Wenn der Mensch zum Beispiel aus seinem Leibe herausgeht, um eine Beziehung zu finden zu einem verstorbenen Menschen, dann wirkt diese Absicht auf sein ganzes geistiges Bewußtseinsfeld. Er übersieht gleichsam alles, was nicht zu dieser Absicht gehört. Er steuert, wenn ihm die Sache überhaupt gelingt, auf den Toten los und dessen Geschick, um das zu erkennen, was er an dem Toten eben erschauen will. Die übrige geistige Welt bleibt gleichsam – nun, der Ausdruck ist ungeschickt – unbeachtet, bleibt unaufgehellt, und der Mensch erlebt eben dann nur den Zusammenhang mit dem Toten. So hängt es von seinen Absichten ab, was der Mensch gerade in der geistigen Welt sieht. Daher ist es begreiflich, daß das, was das hellsichtige Bewußtsein beschreibt von dem, was es in der geistigen Welt gesehen hat, in unendlicher Weise verschieden sein kann bei den verschiedenen hellseherischen Individuen. Jeder kann ganz richtig gesehen haben, was er eben sehen mußte nach der Tendenz, die in ihm lag, als er sich mit seinem Seelisch-Geistigen aus dem Physisch-Leiblichen herausgebracht hatte.«
(GA 153, Vortrag vom 9. April 1914)
Auf den ersten Blick scheinen wir als Nichthellseher keine Möglichkeit zu haben, diese Worte Rudolf Steiners zu überprüfen: Wer von uns könnte etwas darüber sagen, was er während des Schlafes „erkennt“ – wie Steiner ganz richtig sagt: da sind wir bewußtlos! Wir sind also offenbar ganz darauf angewiesen, das alles entweder zu glauben – oder eben nicht.
Und selbst wenn wir es glauben wollten – bedeutet das, was Steiner hier sagt, nicht: „Der Hellseher sieht nur das, was er sehen will. Und jeder einzelne sieht etwas anderes.“?
Wir fragen daher mit Recht:
Das will eine „Wissenschaft“ sein?
Und sehr begreiflicherweise lassen wir die „höheren Welten“ höhere Welten sein und halten uns lieber an die uns in jedem Augenblick umgebende, auch Nichthellsehern ohne weiteres zugängliche, mit unseren Sinnen wahrnehmbare „niedere“ Welt, die voller Erlebnisse und Abenteuer und Freuden ist, ja, natürlich auch voll Schmerz und Leid, aber es ist dann wenigstens unser eigenes Leid, und nicht etwas, das ein anderer uns glauben machen will...
Ja. Gehen wir also von der uns allen vertrauten Sinnenwelt aus.
Wir wollen ein Experiment machen, um zu erfahren, wie sich denn hier, in der Sinnenwelt, unsere Absichten auswirken auf das, was wir schließlich erkennen:
Bitten wir einen Menschen, sich einmal umzusehen und auf alles zu achten, was rot ist.
Und wenn er das getan hat, dann bitten wir ihn: „Nun schließe Deine Augen und sag mir, was Du alles gesehen hast, das --- grün ist.“
---------
Zum ganzen Text
(GA 153, Vortrag vom 9. April 1914)
Auf den ersten Blick scheinen wir als Nichthellseher keine Möglichkeit zu haben, diese Worte Rudolf Steiners zu überprüfen: Wer von uns könnte etwas darüber sagen, was er während des Schlafes „erkennt“ – wie Steiner ganz richtig sagt: da sind wir bewußtlos! Wir sind also offenbar ganz darauf angewiesen, das alles entweder zu glauben – oder eben nicht.
Und selbst wenn wir es glauben wollten – bedeutet das, was Steiner hier sagt, nicht: „Der Hellseher sieht nur das, was er sehen will. Und jeder einzelne sieht etwas anderes.“?
Wir fragen daher mit Recht:
Das will eine „Wissenschaft“ sein?
Und sehr begreiflicherweise lassen wir die „höheren Welten“ höhere Welten sein und halten uns lieber an die uns in jedem Augenblick umgebende, auch Nichthellsehern ohne weiteres zugängliche, mit unseren Sinnen wahrnehmbare „niedere“ Welt, die voller Erlebnisse und Abenteuer und Freuden ist, ja, natürlich auch voll Schmerz und Leid, aber es ist dann wenigstens unser eigenes Leid, und nicht etwas, das ein anderer uns glauben machen will...
Ja. Gehen wir also von der uns allen vertrauten Sinnenwelt aus.
Wir wollen ein Experiment machen, um zu erfahren, wie sich denn hier, in der Sinnenwelt, unsere Absichten auswirken auf das, was wir schließlich erkennen:
Bitten wir einen Menschen, sich einmal umzusehen und auf alles zu achten, was rot ist.
Und wenn er das getan hat, dann bitten wir ihn: „Nun schließe Deine Augen und sag mir, was Du alles gesehen hast, das --- grün ist.“
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Wir sind ganz nah dran- die technologische Revolution und ihre Kinder
23.Jul.2012 20:50 Uhr
Die Klagelieder von nicht ganz jungen, nicht ganz alten Ex- Anthroposophen, sie fühlten sich durch Anthroposophie nicht mehr inspiriert, klingen mir in den Ohren- vor allem deshalb, weil die, die jetzt das Weite suchen, abgestossen vor allem durch die Real Existierende Anthroposophie, eigentlich die sein sollten, die ihr die Impulse geben und sie in gewisser Weise auch repräsentieren sollten. Tatsächlich sind die sich Abwendenden tatsächlich nicht selten die, die in den anthroposophischen Institutionen länger aktiv tätig waren, die Diskurse betrieben und Initiativen voran getrieben haben. Der bleischwere Traditionalismus innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft, bewegungsunfähig, selbstherrlich, kulturfeindlich, technophob, hat sie ebenso abblitzen lassen wie die selbstverliebte Sprechweise mancher wenigstens aktiver Repräsentanten, die ihre Festtagsansprachen mit Vokabeln schmücken, die aus absolutem Insiderspeech bestehen. Man müsste parallel ein Übersetzungsprogramm laufen lassen, um Nicht- Anthroposophen zu veranschaulichen, worum es eigentlich geht- nun, meist um nicht gerade viel. Aber die, die gehen, die also keine Inspiration, keine Anregung mehr aus Anthroposophie ziehen können, scheinen nicht selten auch dem Irrtum zu verfallen, aus einem Wissenssteinbruch einfach Antworten ziehen zu können- fix und fertig wie aus einem Automaten. Es handelt sich aber eben nicht um einen Kanon von Information, sondern um ein Material, das ganz und gar individualisiert - verdaut- werden müsste, ohne jedes Vorbild, auf unnachahmliche Art und Weise, in einer Sprachform, die der Zeit, Kultur und Technik angemessen ist und in Schritten innerer Entfaltung, die man in keinem Buch, auch nicht in denen von Steiner, auffinden kann. Dass man das den Orthodoxen und Traditionalisten nicht erklären kann, ist klar, sie sind ja die modernen Pharisäer, die lieber einer wundertätigen Heiligen nachlaufen und Mysterien fortspinnen wollen, die esoterische Wonneschauer über ihren Rücken laufen lassen.
Wir haben in den letzten hundert Jahren kaum vorstellbare Veränderungen erlebt, von der unfassbaren Erosion jeglicher Moral im Zweiten Weltkrieg, über Weltreiche, die zerfielen, einen Kalten Krieg (samt atomaren Wettrüstens), der sich verkrümelte, bis hin zur Emanzipation der Frau, dem Erwachen des Islam, dem Entstehen neuer mächtiger wirtschaftlicher Regionen, der Mechanisierung der Ernährung, unausgesetztem Bevölkerungswachstum. Und natürlich (neben Vielem, was unerwähnt blieb), einer exorbitant wachsenden Technologie, die nicht mehr einer Mechanisierung der Glieder, sondern der des Geistes entspricht. Heute schauen Grundschulkinder einen ungläubig an, wenn man von einer Zeit vor Telefon, Fernsehen, Computer und Smartphone spricht. In ihren Augen muss eine solche Vorzeit barbarisch wie das frühe Mittelalter gewesen sein. Einer solchen Vorzeit ist, nebenbei, auch Rudolf Steiner entsprungen. Er hat daher eine ganz andere Fokussierung gehabt- etwa, was die Intelligenz, das michaelische Prinzip, betraf. Er hat von einer Zeit gesprochen - bis etwa 600 vor Christus -, in der man allgemein die Gedanken als etwas empfand, was man empfing, nicht als etwas, was man aus sich selbst heraus brachte: "Während, wie gesagt, was man früher als Weisheit durchaus wie die Atemluft empfand, empfand man später die Gedanken als etwas, was in dem Menschen selbst erzeugt wird wie das Blut. Man möchte sagen, der Atemluft ähnlich empfand man die Gedanken in der alten Zeit." Heute (zu Steiners Zeit) sind die Gedanken etwas, „was im Menschen selber entsteht, was irdisch ist." (R. St., Das Verhältnis der Sternenwelt zum Menschen und des Menschen zur Sternenwelt, GA 219, S. 124 ff)
Wo stehen wir heute? An ganz anderer Stelle, denn der Prozess der "Freisetzung" der Gedankenwelt hat längst eingesetzt. Wir delegieren die Intelligenz an die Technik - einerseits in deren Produktion, Architektur und Vernetzung, andererseits in der Verwaltung des Wissens durch diese Technik. Was wir wissen wollen, holen wir aus Google und Wikipedia, wohin wir fahren wollen, entnehmen wir dem Navigationsgerät, die Geräte rechnen und erinnern für uns, konstruieren, zeichnen, bilden ab, verwalten. Alles, was an Sinnlichkeit und Denken mechanisierbar ist, wird durch die Geräte in immer mehr miniaturisierter, demokratischer und globalisierter Art und Weise abgebildet. Die Schnelligkeit der Prozessoren ersetzt den Akt des Denkens. Das führt dahin, dass auch zwischenmenschlicher Austausch technisiert und globalisiert wird- der Austausch mit einem Menschen, von dem wir nicht einmal wissen, wo er leben mag, tritt vor den Kontakt mit unserem konkreten Nachbarn. Im Smartphone sehen wir das miniaturisierte Alter Ego, unser winziges Abbild, das wir so weit wie möglich individuell eingerichtet haben.
Es entsteht ein Gegenbereich zum "Himmlischen", aus dem sich die vorchristlichen Menschen inspiriert fühlten, eine eigene Sphäre frei gesetzter Intellektualität. Das ist etwas, was orthodoxe Anthroposophen simpel und pauschal dämonisieren. Die richtige Frage der Zeit stellen aber doch eher gerade die KI (Künstliche Intelligenz)- Philosophen wie Hans Moravec, auch wenn sie uns nicht gefällt: Was an uns unterscheidet sich denn noch von dieser Technik? Was an uns ist wirklich originell, was menschlich- originär? Was entzieht sich dem technischen Spiegel und behauptet sich? Wer bin ich? Nie hat sich - außer vielleicht in den Exzessen der Kriege und der Gewalt - diese Frage so drängend gestellt. Sie wird sich, je mehr die Technik voran schreitet, immer mehr stellen, sie steht ganz dicht neben jedem Zeitgenossen. Den Geist lebendig in sich zu erfahren, ist doch die Sehnsucht dieser Zeit- zumindest bei den Zeitgenossen, die wach erleben können. Und um eben diese Wachheit und Präsenz geht es doch an jeder Straßenecke, in allen möglichen Gruppierungen, auf allen möglichen Websites, bei allen möglichen Lehrern und Gurus. Es reicht, ein wenig aktiv zu twittern, um nach wenigen Tagen Menschen zu finden, die von diesen Fragen konkret umgetrieben werden, die innerlich tief damit beschäftigt sind. Es ist ja auch ein Freiwerden von den Elementen, die an uns mechanisierbar sind, was die Intention hervor ruft, nach unseren originären inneren Quellen zu fragen. Die intelligente Maschine lässt uns nackt davor stehen, nach dem eigentlich Menschlichen zu fragen, nach den Quellen des Geistes, der Moral und der Liebe. Wir sind ganz nah dran. Unser Smartphone fragt nach uns.
Der Netzbewohner. Die vielfältigen Ebenen unserer Wirklichkeit
15.Jul.2012 22:10 Uhr

Das ist das eigentlich Innovative am Netz: Es erfindet sich permanent neu, in immer neuen, immer anderen kommunikativen und sozialen Gestaltungen, in denen sich Netzbewohner ausdrücken und austauschen können. Man kann das Netz nicht mit der Gutenbergschen Erfindung des Buchdrucks vergleichen, denn das Netz multipliziert die medialen Möglichkeiten in immer neuen Gestaltungen, die heute über leicht zu programmierende kleine Apps stetig weiter zu variieren sind und durch Smartphones und Tablets immer mehr Teil des Alltags werden. Das Netz ist eine permanente Buchdruck- Erfindung. Und es ist natürlich ein demokratisches Medium, denn jeder Bürger kann entscheiden, inwieweit und in welchem Maß und mit welchen Methoden er sich Formen und Spiegelungen seines Selbst im Netz verschafft- einen individuellen Netzkörper. Vielleicht baut er sich eine Netzidentität, die provokative Reime in die Welt trägt, mit brüllenden Filmen, die er aus Youtube mit Musik seinem Blog hinterlegt. Vielleicht baut er ein Netzwerk voller Selbstreferenzen via Facebook und Twitter, in denen sich Gleichaltrige gegenseitig Gefühle und Reflektionen hinterher tragen. Vielleicht verbindet er sein Blog mit sozialen Netzwerken und Twitterlisten, das all seine Meldungen, Musikwünsche und Lieblings- Literatur- Zitate widerspiegelt. Jedermann sieht jeden Beitrag in seinem Blog, das wiederum bei Facebook und Twitter gepostet wird, ebenso wie alle seine Fotostreams in die Cloud verlegt werden, von sie jederzeit abrufbar sind- ebenso wie die Spotify-Musiklisten, die er mit seinen Netzfreunden teilt. Vielleicht. Die Ausdrucksmittel sind vielfältig und unergründlich. Man wird mit dem Netz nie fertig werden, es ist die technische Realisation seines Ausdrucksvermögens, es ist ein Sprachorgan, eine Spielwiese. Inhaltlich liegen in seinen digitalen, individualisierten Nischen meist irrelevante, sogar unverständliche Informationen für den, der nicht zu der Interessen- und Altersgruppe des Netzbewohners gehört.
Der Netzbewohner ist ein offenes Buch, aber das ist ihm gleichgültig, die Netzidentität ist eine abgefallene Form von ihm, ein Spiegelwesen im Netz, ein Abbild. Er konturiert sich im Netz, als wäre es ein digitaler Schatten und Schnittmuster- etwas, zu dem wir normalerweise Ich sagen. Das digitale Bild ist etwas zugespitzt, nuanciert, pointiert, weil es doch nur ein Scherenschnitt von ihm ist. Es artikuliert sich nicht selten zu scharf. Es ist so offensichtlich, dass sein Ego im Netz projiziert erscheint- es ist elektronisch auferstanden, aus uns heraus in unsere Netz-Form transponiert. Das ist irgendwie auch entlastend für den Alltag. Wir sehen unsere Formen, und wir denken: Wer sieht es? Wer reagiert? Wie viele Follower werde ich finden, wie viele "Freunde"? Ist meine Netzform relevant?
Aber oft wird diese Präsenz, dieses Hungern nach Gesehenwerden und Anerkennung seiner Netzidentität auch mit Selbstironie und Reflektion durchsetzt. Gerade die ironische, gebrochene Erscheinung in Alltagsrollen und Netzidentität kann auch zu der Frage nach dem führen, der in ihm der Schauende, der Gestaltende ist. Wir sind unser eigener Zeuge. Die Netzidentität macht uns zugleich klar, dass wir mehr sind als unsere Formen. Wir sind auch immer diese Potentialität, diese Beweglichkeit in den Rollen und Gestaltungen. Denk dir, dein Großvater hatte nur eine einzige Rolle im Leben, die gesellschaftlich, sexuell, national, vom Geist seiner Zeit erfüllt war. Der digitale Netzbewohner hat nicht nur Ausdrucksformen- er hat auch eine Variationsbreite davon, je nach Medium, Alter, Situation, Bedürfnis und technischem Entwicklungsstand. Es kann eine Befreiung von normierten Selbstzuschreibungen bedeuten, wenn die Rollen sich mit ihren Manierismen im Netz ausleben können, gebrochen, ironisiert, reflektiert auch von Anderen. Es kann die Frage nach dem aufkommen, was in ihm von Manierismus frei ist, weil es die Formen erst schafft und nutzt, erst mit Willen erfüllt. Ich bin nur die Präsenz vor der Gestaltwerdung. Ich bin die innere Gestalt, die immer neue Formen sucht und aus sich heraus setzt, die sich inkorporiert und ein konkretes Leben zu führen bereit und fähig ist. Aus unserer Gedankenwolke entspringt eine Vogelfeder, die dem Bewusstsein wie ein Form gewordenes Lebendiges entsteigt- eine Formwerdung in der Art glimmernder, hauchdünner, aber doch streng strukturierter innerer Gestalt. Im Lebendigen erfährt man immer neue, unentwegt ungestaltete Gedanken. Wir sind an den Nervenenden des lebendigen Flusses.
Im Netz, zwischen Tweeds, Fotoreihen und Musiklisten, bemerkt der Netzbewohner, dass seine Form und Gestalt wieder an ein neues Ende kommt, die empfindlichen Hotspots rebellieren, und er sieht: Hier, an diesem Punkt bin ich etwas einsam geworden, die Herde, die ich kannte, hat sich offenbar neue Medien gesucht, die Herde zieht weiter und gibt sich technisch eine neue Form, ein neues Forum, eine neue Art des Austauschs. Aber leben, leben kann ich ohne das Netz nicht mehr. Es ist eine Erweiterung meiner geistigen Potentialität, meines Willensrauschens, das etwas ausdrücken möchte, sei es nichtig oder bedeutend, sei es wahrgenommen oder nicht, ist es in jedem Fall einfach nur das: Ausdruck meiner selbst, individuell und sozial zugleich, Kultur schaffend, prägend, verwandelnd- ein zutiefst menschliches Feld.
Cyborgs revisited
19.Mai.2012 21:35 Uhr
Nach und nach schalte ich wieder einige meiner eigenen Texte aus dem Archiv auf- nach dem umfangreichen Neustart vor etwa 4 Wochen. Letzterer war auch deshalb nötig geworden, weil die Seite unter ihrem Umfang buchstäblich in die Knie ging- es gab immer mehr schwere technische Probleme. Um solche Probleme geht es auch in dem Text „Cyborgs“- um Technik und Mensch, um Menschmaschinen und Ersatzteillager in uns- und um die unvermeidlichen kulturellen Clashs:

„Über kabellose Verbindungen von einem Ende der Welt zum andern. Edda Pulst ist weit gereist: Mit abenteuerlichen Jeeps, über Hängebrücken und durch Gebirge quer durch Indien bis nach Nepal. In Katmandu begegneten ihr jede Menge „Verkabelung, Faxbuden, Mobilfunk und Satellitenkommunikationsanlagen“, die „mehr und mehr (..) Mystik, Exotik und Spiritualität“ durchdringen. Das ganze Hinterland Nepals ist weitgehend frei von befestigten Straßen. Aber es gibt selbst noch in den winzigsten Lokalen Coca-Cola-light- Dosen, die zwar mit Handy bestellt, aber von Trägern zu Fuß herbeigeschleppt werden. Dringt man tiefer ins Gebirge ein, entdeckt man Tagesmärsche von aller Zivilisation entfernt auf 3600 Meter Höhe „The Worlds Highest Cyber-Cafe“. Die Sherpas können hier zwar meist weder lesen noch schreiben, aber sie diktieren dem Inhaber des Cafes ihre E-Mails, mit denen sie Kunden in Japan ihr Trekking-Angebot unterbreiten. Im Kloster Tengboche haben die Mönche gerade Computer bestellt, die von Trägern herbeigeschleppt werden. Auch hier geht man mit Word und Power-Point um und verkauft den Wandern in der Einsamkeit elektronischen Kontakt nach Hause.“
zum ganzen Text..

„Über kabellose Verbindungen von einem Ende der Welt zum andern. Edda Pulst ist weit gereist: Mit abenteuerlichen Jeeps, über Hängebrücken und durch Gebirge quer durch Indien bis nach Nepal. In Katmandu begegneten ihr jede Menge „Verkabelung, Faxbuden, Mobilfunk und Satellitenkommunikationsanlagen“, die „mehr und mehr (..) Mystik, Exotik und Spiritualität“ durchdringen. Das ganze Hinterland Nepals ist weitgehend frei von befestigten Straßen. Aber es gibt selbst noch in den winzigsten Lokalen Coca-Cola-light- Dosen, die zwar mit Handy bestellt, aber von Trägern zu Fuß herbeigeschleppt werden. Dringt man tiefer ins Gebirge ein, entdeckt man Tagesmärsche von aller Zivilisation entfernt auf 3600 Meter Höhe „The Worlds Highest Cyber-Cafe“. Die Sherpas können hier zwar meist weder lesen noch schreiben, aber sie diktieren dem Inhaber des Cafes ihre E-Mails, mit denen sie Kunden in Japan ihr Trekking-Angebot unterbreiten. Im Kloster Tengboche haben die Mönche gerade Computer bestellt, die von Trägern herbeigeschleppt werden. Auch hier geht man mit Word und Power-Point um und verkauft den Wandern in der Einsamkeit elektronischen Kontakt nach Hause.“
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Zweiter Stock, sechster Stock
22.Apr.2012 21:03 Uhr
Das Mädchen war sieben Jahre alt, ein schönes kleines Wesen, gelegentlich offenherzig, von lebhaftem Temperament, gelegentlich verstockt, aber ich wusste nicht warum. Ich bekam bald heraus, dass sie kein Wort lesen oder schreiben konnte, bei schon offensichtlich hell wacher Intelligenz, und dass sie die Mitschüler mit Butterbroten bestach, um ihre Hausaufgaben zu erledigen. Wir mussten mit der Phonem- Graphem- Zuordnung ganz von vorne beginnen, ja sie musste überhaupt lernen, zu lernen, ohne sich durch zu tricksen. Das tat sie auch, ein Jahr lang, aber es blieb eine Unruhe und Wut in ihr, die ich mir nicht erklären konnte. Sie blieb in einem wesentlichen Bereich stumm, so weit wusste ich Bescheid. Aber als ich dann tatsächlich auf verzweigten Umwegen an das Problem heran kam, stand sie im zweiten Stock im Fenster und wollte springen. Ich war ganz ruhig, wie meist, wenn es darauf ankommt und machte nicht zu viel Druck. Sie könnte es mir sagen, sagte ich, ich wäre für sie da, aber ich müsste vielleicht etwas unternehmen. Dann nahm sie, als ich langsam aufstand, meine Hand und kam vom Fensterbrett herunter. Wie sich heraus stellte, wurde sie von ihrer Mutter, an einen gut angesehenen Herrn vermietet worden und musste diesem bei abendlichen Gelagen und mittags nach der Schule zu Diensten sein. Die Kripo und das Jugendamt waren zwei Stunden später vor Ort und entfernten das Mädchen aus allen weiteren Zugriffen - es bestand, da sie nun einmal das verzweifelte Schweigen gebrochen hatte, akuter Handlungsbedarf. Man befürchtete Gewalt vonseiten des ehrenwerten Herrn, der letztlich im übrigen bei der ganzen Angelegenheit nicht einmal vor Gericht erscheinen musste, da er sich als Opfer einer Erpressung darstellen konnte.
Der Junge war in der Schule nicht mehr zu fördern, da seine Gewalttätigkeit bereits im ersten Schuljahr jedes Mass überstieg. Es war eine dumpfe, verzweifelte Gewalt ohne sichtbaren Anlass, er versuchte unterschiedslos durch schwere Schläge zu verletzen- ob Kinder oder Erwachsene. Er verweigerte damit offensichtlich jede schulische Förderung und jede Entfernung von zu Hause. Es hieß, der Vater sei im Gefängnis, die Geschwister im Heim und die Mutter meistens alkoholisiert. Als ich in dem Abbruch- Hochhaus, das mehr einer Ruine glich und dessen Aufzug man lieber nicht vertraute (er war innen ausgebrannt) im sechsten Stock zum Hausunterricht kam, flüchtete der Junge in ein Zimmer, hantierte am Fenster, hüpfte in den offenen Rahmen und sagte: Ich springe. Ich ging ruhig Schritt für Schritt zurück, in die Küche, zur Mutter, die am Tisch saß. Ich rief: Ich bin schon weg, bei deiner Mutter. Nach einer Zeit kam er aus dem Zimmer und setzte sich vor den Fernseher. An diesem Tag lernten wir sonst nichts mehr, am nächsten Tag eine halbe Stunde, dann ging wieder nichts, aber am vierten Tag lasen wir ein wenig zusammen. Er war etwas aufgeräumter, die Wut hatte sich verflüchtigt- diese Wut, die schon in diesem Alter auch selbstmörderisch war. Ich verstand, dass die Mutter niemals trank, sie erschien den Behörden nur so, weil sie schon fortgeschrittenen Parkinson hatte. Es war niemand für sie da- der Junge hatte sich vorgenommen, sie zu beschützen. Der Rest der Welt war für ihn zu einem diffusen Feindgebiet geworden.
Diese Geschichten kann man herauf und herunter erzählen, sie klingen immer bizarr in den Ohren derer, die davon nicht berührt werden. Aber dort, wo diese Geschichten entspringen, gibt es viele davon. Daran ändert auch ein ganzer Helferapparat nur marginal etwas. Es ist keinesfalls nur ein Apparat, es gibt viele Grenzgänger, die als Personen wach und engagiert tätig sind. Natürlich ist es nie genug. Es ist immer nur das, was man schaffen kann. Die Perspektiven der Grenzgänger, die an den gesellschaftlichen Abgründen zu tun haben, ändern sich. Man wird immer konkreter und vertritt keine allgemeinen, abstrakten Standpunkte mehr. Man macht, was zu tun ist, was man kann, man nutzt die Netzwerke, das Gespräch, man kämpft gegen administrative Grobschlächtigkeit und institutionelle Gleichgültigkeit an. Es ist nie genug, und am Ende verliert man die Personen aus den Augen. Man hat immer nur eine gewisse Zeit zur Verfügung. An den Kern des Problems heran zu kommen, erklärt die Wunden, die geschlagen wurden, aber heilt sie nicht. Das, was man anstösst und bewegt, trägt den Fall meist in andere - vielleicht fachkundigere- Hände und man bleibt zurück mit diesen Fragezeichen, die später, endlos lang, ein Leben lang, durch die Träume wabern. Die Perspektiven ändern sich, die Probleme nicht.
Der Junge war in der Schule nicht mehr zu fördern, da seine Gewalttätigkeit bereits im ersten Schuljahr jedes Mass überstieg. Es war eine dumpfe, verzweifelte Gewalt ohne sichtbaren Anlass, er versuchte unterschiedslos durch schwere Schläge zu verletzen- ob Kinder oder Erwachsene. Er verweigerte damit offensichtlich jede schulische Förderung und jede Entfernung von zu Hause. Es hieß, der Vater sei im Gefängnis, die Geschwister im Heim und die Mutter meistens alkoholisiert. Als ich in dem Abbruch- Hochhaus, das mehr einer Ruine glich und dessen Aufzug man lieber nicht vertraute (er war innen ausgebrannt) im sechsten Stock zum Hausunterricht kam, flüchtete der Junge in ein Zimmer, hantierte am Fenster, hüpfte in den offenen Rahmen und sagte: Ich springe. Ich ging ruhig Schritt für Schritt zurück, in die Küche, zur Mutter, die am Tisch saß. Ich rief: Ich bin schon weg, bei deiner Mutter. Nach einer Zeit kam er aus dem Zimmer und setzte sich vor den Fernseher. An diesem Tag lernten wir sonst nichts mehr, am nächsten Tag eine halbe Stunde, dann ging wieder nichts, aber am vierten Tag lasen wir ein wenig zusammen. Er war etwas aufgeräumter, die Wut hatte sich verflüchtigt- diese Wut, die schon in diesem Alter auch selbstmörderisch war. Ich verstand, dass die Mutter niemals trank, sie erschien den Behörden nur so, weil sie schon fortgeschrittenen Parkinson hatte. Es war niemand für sie da- der Junge hatte sich vorgenommen, sie zu beschützen. Der Rest der Welt war für ihn zu einem diffusen Feindgebiet geworden.
Diese Geschichten kann man herauf und herunter erzählen, sie klingen immer bizarr in den Ohren derer, die davon nicht berührt werden. Aber dort, wo diese Geschichten entspringen, gibt es viele davon. Daran ändert auch ein ganzer Helferapparat nur marginal etwas. Es ist keinesfalls nur ein Apparat, es gibt viele Grenzgänger, die als Personen wach und engagiert tätig sind. Natürlich ist es nie genug. Es ist immer nur das, was man schaffen kann. Die Perspektiven der Grenzgänger, die an den gesellschaftlichen Abgründen zu tun haben, ändern sich. Man wird immer konkreter und vertritt keine allgemeinen, abstrakten Standpunkte mehr. Man macht, was zu tun ist, was man kann, man nutzt die Netzwerke, das Gespräch, man kämpft gegen administrative Grobschlächtigkeit und institutionelle Gleichgültigkeit an. Es ist nie genug, und am Ende verliert man die Personen aus den Augen. Man hat immer nur eine gewisse Zeit zur Verfügung. An den Kern des Problems heran zu kommen, erklärt die Wunden, die geschlagen wurden, aber heilt sie nicht. Das, was man anstösst und bewegt, trägt den Fall meist in andere - vielleicht fachkundigere- Hände und man bleibt zurück mit diesen Fragezeichen, die später, endlos lang, ein Leben lang, durch die Träume wabern. Die Perspektiven ändern sich, die Probleme nicht.
Netzkinder & Krise der Identität
18.Apr.2012 15:24 Uhr
Ich gehe noch einmal gern auf Piotr Czerskis Internet- und Generationenpamphlet "Wir, die Netzkinder" ein, weil ich es für so grundlegend halte. Es ist ein Pamphlet der jungen Leute, die die Welt, die sie vorfinden, als solche vorfinden, die digital vernetzt ist: "Wir benutzen das Internet nicht, wir leben darin und damit."
Es fällt den Nicht-Piraten, den „Analogen“ und Älteren schwer, allein in der Digitalisierung und Vernetzung einen politischen, weltanschaulichen oder gar emanzipatorischen Ansatz zu erkennen. Für Czerski besteht er sehr wohl:
"In uns steckt nichts mehr von jener aus Scheu geborenen Überzeugung unserer Eltern, dass Amtsdinge von überaus großer Bedeutung und die mit dem Staat zu regelnden Angelegenheiten heilig sind. Diesen Respekt, verwurzelt in der Distanz zwischen dem einsamen Bürger und den majestätischen Höhen, in denen die herrschende Klasse residiert, kaum sichtbar da oben in den Wolken, den haben wir nicht. Unser Verständnis von sozialen Strukturen ist anders als eures: Die Gesellschaft ist ein Netzwerk, keine Hierarchie. Wir sind es gewohnt, das Gespräch mit fast jedem suchen zu dürfen, sei er Journalist, Bürgermeister, Universitätsprofessor oder Popstar, und wir brauchen keine besonderen Qualifikationen, die mit unserem sozialen Status zusammenhängen. Der Erfolg der Interaktion hängt einzig davon ab, ob der Inhalt unserer Botschaft als wichtig und einer Antwort würdig angesehen wird."
Natürlich ist das ein Ideal. In unseren sozialen Systemen, im heutigen systemischen Denken überhaupt finden sich ähnliche Ansätze: Aus "Überprüfungen" innerhalb sozialer Systeme sind "Evaluationen" geworden. Der Gedanke, dass ein systemisches Konstrukt sich selbst fortentwickelt, sowohl zum Wohl der zu Betreuenden wie auch der Mitwirkenden, hat sich längst im Gesundheitssystem, in schulischen und anderen sozialen Verbänden durchgesetzt und wird praktiziert. "Fehler" sind nicht mehr etwas zu Ahndendes, sondern eher ein willkommener Ansatz zur Neujustierung von Zielen und Vereinbarungen. Zumindest wird - auch in Teilen der Wirtschaft - zu großen Teilen so gehandelt; der soziale Netzwerkgedanke setzt sich durch. Die individuelle Kompetenz verrutscht mehr in die Richtung, gut sozial vernetzt zu sein und konstruktiv systemisch zu denken und zu handeln.
Auch das individuelle Scheitern wird einerseits nicht mehr wie früher pathologisiert und mit "Schande" belegt- es wird z.B. im Begriff des Burn-Out zunehmend so verstanden, dass das Individuum im permanenten systemischen Wandel eben nicht mehr mithalten kann- und aus dem Prozess heraus fällt. Noch vor Kurzem war dasselbe Scheitern als "Depression" etwas, was man despektierlich als "Geistesgestörtheit" abqualifizierte. Was heute zählt, ist die persönliche Initiative, um den Entwicklungsprozess der Institution adäquat mit gestalten zu können. So wird "die persönliche Initiative zum Maß der Person" (1). Aber das Aufgehen in einem Entwicklungsprozess - sei er politisch, sozial oder wirtschaftlich - widerspricht unseren Konzepten von "Persönlichkeit". Wir sehen unsere Person als ein statisches Produkt, ein unverrückbares Wesen mit bestimmten Charakteristika, nicht als produktiver Teil einer Netzwerkgesellschaft. Das System sieht das "Persönliche" als "ein normatives Artefakt. Im Gegenteil, "in der Gruppe kann jeder seine eigene Individualität finden- sein "wahres Ich". Die Gruppe bildet die praktische Basis für die Anerkennung des Selbst durch die anderen." (Ehrenberg, S. 160f)
Aber die permanente Initiativfähigkeit des Individuums, der "souveräne Mensch, der sich selbst ähnlich ist (..)" und im Begriff steht, "en masse Wirklichkeit zu werden" (Ehrenberg, S. 155), soll sich keinesfalls - wie früher- selbst verwirklichen, sondern in seinem Tun im Rahmen seiner Netzwerkarbeit. Die frühere Trennung zwischen Arbeit und Freizeit verfällt. Das ist die Ursache des zu beobachtenden völligen Aufgehens von Individuen in der Arbeit, nicht die technischen Helfer wie Smartphone und Laptop, die die Verfügbarkeit rund um die Uhr lediglich realisieren. Es gibt allerlei Probleme: "Das immer schnellere Tempo der Veränderungen zwingt den Menschen, den Anpassungsprozess immer mehr zu beschleunigen. Der Mensch des 20. Jahrhunderts muss sich, um überleben zu können, an eine Gesellschaft anpassen, die sich im permanenten Wandel befindet…" (Ehrenberg, S. 152) Daher wird etwas wie eine Privatsphäre - wie die folgenlosen Diskussionen um Datenkraken wie Google und Facebook zeigen - immer mehr zu einem aussterbenden Konzept. Nicht jeder hält das aus. Daher "entsteht eine wahre Industrie von Beziehungsdienstleistungen mit einer eigenen Sprache (Lebenshilfe), eigenen Technologien (medikamentöse, psychologische), eigenen Berufen (Sexologen, Gruppentherapeuten usw.) und einer eigenen Literatur. Im Strudel der dauernden Verfügbarkeit und Optimierung greift man auch massenhaft zur beziehungs- (Partnersuche per Internet-) und zur sinnstiftenden (spirituellen) Beratung und Unterweisung im Netz. Ein moderner geistiger Lehrer wie Eckhart Tolle (2) gründete deshalb einen eigenen kostenpflichtigen Fernsehkanal im Netz, der auch dieses Bedürfnis abzudecken vorgibt. Ich finde interessant, dass Tolle nicht mehr von "Selbstverwirklichung" spricht, sondern von "Teachings and Tools to Support the Evolution of Human Consciousness". Auch den modernen Gurus geht es um einen Entwicklungsprozess.
Der Glaube an die Bedeutung der Entfaltung einer statischen Persönlichkeit verfällt, aber auch generell "die Opposition von Individuum und Gesellschaft". Das hat auch etwas entlastendes. Zunehmend geht die Vorstellung zurück, "man müsse ein Individuum disziplinieren, um es gesellschaftsfähig zu machen" (Ehrenberg, S155) - die Teilhabe an der Gesellschaft soll sich ja nun aus eigenem Antrieb und Initiative ergeben. Für die, die das nicht, nicht mehr oder nicht ausreichend erreichen, bietet sich die Depression (oder Burn-Out) "als Krankheit des modernen Lebens" (Ehrenberg, S. 183) an.
Die Depression wird zur Schattenseite der Netz- und Optimierungskultur: "Gleichzeitig geht das psychiatrische Denken immer mehr davon aus, dass die grundlegende Störung der Depression psychomotorisch ist: Das fehlerhafte Handeln entthront das gestörte Gemüt. Einen Fehler in Hinsicht auf die Norm zu machen, besteht nun weniger darin, ungehorsam als vielmehr unfähig zum Handeln zu sein. Darin liegt eine andere Auffassung von Individualität." (Ehrenberg, S. 220) Die neuen Modelle von Partizipation und Qualitätsmanagement brauchen nicht den gehorsamen Menschen in seiner ihm zugewiesenen Hierarchie, sondern den erreichbaren, sprungbereiten, verantwortlichen, motivierten und flexiblen Netzwerker. Immer häufiger entwickelt sich das vernetzte Leben für Individuen zu einer "chronischen Identitätskrankheit" (Ehrenberg, S. 252). Dementsprechend wird die nicht mehr tabuisierte und weniger pathologisierte Depression zu einem "Rückzug", der ein Schutzverhalten des Identitätsunsicheren darstellt- ein Schutzverhalten, "das dem Subjekt das Überleben sichert, wenn es nicht mehr kämpfen kann" (Ehrenberg, S. 224).
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1 Alain Ehrenberg, Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart. S. 24
2 www.eckharttolletv.co
Es fällt den Nicht-Piraten, den „Analogen“ und Älteren schwer, allein in der Digitalisierung und Vernetzung einen politischen, weltanschaulichen oder gar emanzipatorischen Ansatz zu erkennen. Für Czerski besteht er sehr wohl:
"In uns steckt nichts mehr von jener aus Scheu geborenen Überzeugung unserer Eltern, dass Amtsdinge von überaus großer Bedeutung und die mit dem Staat zu regelnden Angelegenheiten heilig sind. Diesen Respekt, verwurzelt in der Distanz zwischen dem einsamen Bürger und den majestätischen Höhen, in denen die herrschende Klasse residiert, kaum sichtbar da oben in den Wolken, den haben wir nicht. Unser Verständnis von sozialen Strukturen ist anders als eures: Die Gesellschaft ist ein Netzwerk, keine Hierarchie. Wir sind es gewohnt, das Gespräch mit fast jedem suchen zu dürfen, sei er Journalist, Bürgermeister, Universitätsprofessor oder Popstar, und wir brauchen keine besonderen Qualifikationen, die mit unserem sozialen Status zusammenhängen. Der Erfolg der Interaktion hängt einzig davon ab, ob der Inhalt unserer Botschaft als wichtig und einer Antwort würdig angesehen wird."
Natürlich ist das ein Ideal. In unseren sozialen Systemen, im heutigen systemischen Denken überhaupt finden sich ähnliche Ansätze: Aus "Überprüfungen" innerhalb sozialer Systeme sind "Evaluationen" geworden. Der Gedanke, dass ein systemisches Konstrukt sich selbst fortentwickelt, sowohl zum Wohl der zu Betreuenden wie auch der Mitwirkenden, hat sich längst im Gesundheitssystem, in schulischen und anderen sozialen Verbänden durchgesetzt und wird praktiziert. "Fehler" sind nicht mehr etwas zu Ahndendes, sondern eher ein willkommener Ansatz zur Neujustierung von Zielen und Vereinbarungen. Zumindest wird - auch in Teilen der Wirtschaft - zu großen Teilen so gehandelt; der soziale Netzwerkgedanke setzt sich durch. Die individuelle Kompetenz verrutscht mehr in die Richtung, gut sozial vernetzt zu sein und konstruktiv systemisch zu denken und zu handeln.
Auch das individuelle Scheitern wird einerseits nicht mehr wie früher pathologisiert und mit "Schande" belegt- es wird z.B. im Begriff des Burn-Out zunehmend so verstanden, dass das Individuum im permanenten systemischen Wandel eben nicht mehr mithalten kann- und aus dem Prozess heraus fällt. Noch vor Kurzem war dasselbe Scheitern als "Depression" etwas, was man despektierlich als "Geistesgestörtheit" abqualifizierte. Was heute zählt, ist die persönliche Initiative, um den Entwicklungsprozess der Institution adäquat mit gestalten zu können. So wird "die persönliche Initiative zum Maß der Person" (1). Aber das Aufgehen in einem Entwicklungsprozess - sei er politisch, sozial oder wirtschaftlich - widerspricht unseren Konzepten von "Persönlichkeit". Wir sehen unsere Person als ein statisches Produkt, ein unverrückbares Wesen mit bestimmten Charakteristika, nicht als produktiver Teil einer Netzwerkgesellschaft. Das System sieht das "Persönliche" als "ein normatives Artefakt. Im Gegenteil, "in der Gruppe kann jeder seine eigene Individualität finden- sein "wahres Ich". Die Gruppe bildet die praktische Basis für die Anerkennung des Selbst durch die anderen." (Ehrenberg, S. 160f)
Aber die permanente Initiativfähigkeit des Individuums, der "souveräne Mensch, der sich selbst ähnlich ist (..)" und im Begriff steht, "en masse Wirklichkeit zu werden" (Ehrenberg, S. 155), soll sich keinesfalls - wie früher- selbst verwirklichen, sondern in seinem Tun im Rahmen seiner Netzwerkarbeit. Die frühere Trennung zwischen Arbeit und Freizeit verfällt. Das ist die Ursache des zu beobachtenden völligen Aufgehens von Individuen in der Arbeit, nicht die technischen Helfer wie Smartphone und Laptop, die die Verfügbarkeit rund um die Uhr lediglich realisieren. Es gibt allerlei Probleme: "Das immer schnellere Tempo der Veränderungen zwingt den Menschen, den Anpassungsprozess immer mehr zu beschleunigen. Der Mensch des 20. Jahrhunderts muss sich, um überleben zu können, an eine Gesellschaft anpassen, die sich im permanenten Wandel befindet…" (Ehrenberg, S. 152) Daher wird etwas wie eine Privatsphäre - wie die folgenlosen Diskussionen um Datenkraken wie Google und Facebook zeigen - immer mehr zu einem aussterbenden Konzept. Nicht jeder hält das aus. Daher "entsteht eine wahre Industrie von Beziehungsdienstleistungen mit einer eigenen Sprache (Lebenshilfe), eigenen Technologien (medikamentöse, psychologische), eigenen Berufen (Sexologen, Gruppentherapeuten usw.) und einer eigenen Literatur. Im Strudel der dauernden Verfügbarkeit und Optimierung greift man auch massenhaft zur beziehungs- (Partnersuche per Internet-) und zur sinnstiftenden (spirituellen) Beratung und Unterweisung im Netz. Ein moderner geistiger Lehrer wie Eckhart Tolle (2) gründete deshalb einen eigenen kostenpflichtigen Fernsehkanal im Netz, der auch dieses Bedürfnis abzudecken vorgibt. Ich finde interessant, dass Tolle nicht mehr von "Selbstverwirklichung" spricht, sondern von "Teachings and Tools to Support the Evolution of Human Consciousness". Auch den modernen Gurus geht es um einen Entwicklungsprozess.
Der Glaube an die Bedeutung der Entfaltung einer statischen Persönlichkeit verfällt, aber auch generell "die Opposition von Individuum und Gesellschaft". Das hat auch etwas entlastendes. Zunehmend geht die Vorstellung zurück, "man müsse ein Individuum disziplinieren, um es gesellschaftsfähig zu machen" (Ehrenberg, S155) - die Teilhabe an der Gesellschaft soll sich ja nun aus eigenem Antrieb und Initiative ergeben. Für die, die das nicht, nicht mehr oder nicht ausreichend erreichen, bietet sich die Depression (oder Burn-Out) "als Krankheit des modernen Lebens" (Ehrenberg, S. 183) an.
Die Depression wird zur Schattenseite der Netz- und Optimierungskultur: "Gleichzeitig geht das psychiatrische Denken immer mehr davon aus, dass die grundlegende Störung der Depression psychomotorisch ist: Das fehlerhafte Handeln entthront das gestörte Gemüt. Einen Fehler in Hinsicht auf die Norm zu machen, besteht nun weniger darin, ungehorsam als vielmehr unfähig zum Handeln zu sein. Darin liegt eine andere Auffassung von Individualität." (Ehrenberg, S. 220) Die neuen Modelle von Partizipation und Qualitätsmanagement brauchen nicht den gehorsamen Menschen in seiner ihm zugewiesenen Hierarchie, sondern den erreichbaren, sprungbereiten, verantwortlichen, motivierten und flexiblen Netzwerker. Immer häufiger entwickelt sich das vernetzte Leben für Individuen zu einer "chronischen Identitätskrankheit" (Ehrenberg, S. 252). Dementsprechend wird die nicht mehr tabuisierte und weniger pathologisierte Depression zu einem "Rückzug", der ein Schutzverhalten des Identitätsunsicheren darstellt- ein Schutzverhalten, "das dem Subjekt das Überleben sichert, wenn es nicht mehr kämpfen kann" (Ehrenberg, S. 224).
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1 Alain Ehrenberg, Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart. S. 24
2 www.eckharttolletv.co
Nächtliche Krisengespräche vor dem Ouzo
18.Mär.2012 22:06 Uhr
Vielleicht liegt es ja an den Ärzten im Kreis der Freunde, an den Hospizmitarbeitern, oder einfach daran, dass wir alle langsam in ein etwas fortgeschritteneres Alter kommen- genauer gesagt, in ein Alter, das man bei unserer Geburt noch für "Alter" gehalten hat. In der Zeitung, die auf dem Tisch liegt, werden zwei hundertjährige Damen interviewt, die nicht im geringsten als dement erscheinen, ganz im Gegenteil. Deren Lebenserwartung lag bei ihrer Geburt noch bei fünfzig Jahren. Wen man heute als alt empfindet, hängt von der Perspektive ab. Natürlich finden Jugendliche alle über Dreißig ziemlich alt. Bei denen, die gerade Fünfzig werden, klingelt die innere Alarmglocke. Was ist alt?
Am Abend kommt die Rede auf den Freitod. Ab welcher Grenze würde man zu diesem Mittel greifen? Es kommt auf die Perspektive an. Die, die gesund sind, sehen die Grenze bei einer entwürdigenden Entstellung- etwa einem Krebs, dessen Geschwür nach außen aufbricht. Aber der Stand der heutigen palliativen Medizin macht ein bewusstes, schmerzfreies Leben selbst unter solchen extremen Bedingungen durchaus lebenswert. In den Schrecken eines Wegbrechens der körperlichen Integrität kann man sich durchaus auch einrichten- mit Einschränkungen, gewiß, aber nicht unter dem Zwang, diesen Zustand beenden zu wollen. Wenn das Flämmchen kleiner wird, hütet man es mehr denn je. Der Überschwang derer, die im Saft stehen und aus dem Überfluss leben, ist eine Sache. Aber die, die näher rücken an das Unvermeidliche, kosten doch im überwiegenden Maße die verbleibenden Tage bis an den Rand aus.
Und wie ist es mit den Dementen? Wenn das Gehirn sich mit Eiweiß- Verklumpungen verstockt und vernebelt: Welches Bewusstsein hat man da noch? Weiß man um die missliche Lage? Gibt es ein Bewusstsein, wenn es sich körperlich gar nicht mehr artikulieren kann? Jemand sagt, die Buddhisten hätten auch Flugangst, und was der Steiner sage, sei doch sehr theoretisch. Aber im Hirnscan von Meditierenden, die so weit entrückt seien, wären doch signifikante Wellen- und Aktivitätsmuster, die auf ein Bewusstsein deuteten, das für sich und aus sich bestünde und vermutlich wenig vergleichbar sei mit dem körpergebundenen Alltagsdenken. Vermutlich. Man ist sich einig, dass das die Fragen sind, die die Menschen seit Tausenden von Jahren begleiten. Es ist nicht so, dass man die Fragen unbedingt sucht, aber sie finden einen: Da ist ein Partner, der stirbt, da ist ein Junge im Wachkoma, da begleitet jemand Krebskranke im Endstadium, und eine sucht als Notärztin die Selbstmörder dieser Stadt auf, einer ist krank, und einer kommt nicht gut klar damit, jetzt über Fünfzig zu sein. Gut, jetzt haben wir das mal besprochen. Horst holt endlich den Ouzo aus dem Eisfach, und gegen drei Uhr morgens verrutscht die Diskussion vom Alter ins Nirgendwo, jedenfalls irgendwo jenseits der Eiweß- Verklumpungen.
Am Abend kommt die Rede auf den Freitod. Ab welcher Grenze würde man zu diesem Mittel greifen? Es kommt auf die Perspektive an. Die, die gesund sind, sehen die Grenze bei einer entwürdigenden Entstellung- etwa einem Krebs, dessen Geschwür nach außen aufbricht. Aber der Stand der heutigen palliativen Medizin macht ein bewusstes, schmerzfreies Leben selbst unter solchen extremen Bedingungen durchaus lebenswert. In den Schrecken eines Wegbrechens der körperlichen Integrität kann man sich durchaus auch einrichten- mit Einschränkungen, gewiß, aber nicht unter dem Zwang, diesen Zustand beenden zu wollen. Wenn das Flämmchen kleiner wird, hütet man es mehr denn je. Der Überschwang derer, die im Saft stehen und aus dem Überfluss leben, ist eine Sache. Aber die, die näher rücken an das Unvermeidliche, kosten doch im überwiegenden Maße die verbleibenden Tage bis an den Rand aus.
Und wie ist es mit den Dementen? Wenn das Gehirn sich mit Eiweiß- Verklumpungen verstockt und vernebelt: Welches Bewusstsein hat man da noch? Weiß man um die missliche Lage? Gibt es ein Bewusstsein, wenn es sich körperlich gar nicht mehr artikulieren kann? Jemand sagt, die Buddhisten hätten auch Flugangst, und was der Steiner sage, sei doch sehr theoretisch. Aber im Hirnscan von Meditierenden, die so weit entrückt seien, wären doch signifikante Wellen- und Aktivitätsmuster, die auf ein Bewusstsein deuteten, das für sich und aus sich bestünde und vermutlich wenig vergleichbar sei mit dem körpergebundenen Alltagsdenken. Vermutlich. Man ist sich einig, dass das die Fragen sind, die die Menschen seit Tausenden von Jahren begleiten. Es ist nicht so, dass man die Fragen unbedingt sucht, aber sie finden einen: Da ist ein Partner, der stirbt, da ist ein Junge im Wachkoma, da begleitet jemand Krebskranke im Endstadium, und eine sucht als Notärztin die Selbstmörder dieser Stadt auf, einer ist krank, und einer kommt nicht gut klar damit, jetzt über Fünfzig zu sein. Gut, jetzt haben wir das mal besprochen. Horst holt endlich den Ouzo aus dem Eisfach, und gegen drei Uhr morgens verrutscht die Diskussion vom Alter ins Nirgendwo, jedenfalls irgendwo jenseits der Eiweß- Verklumpungen.
Requiem auf Berlusconi
22.Feb.2012 22:08 Uhr

Irgendwo zwischen den Schweineohren, den Offiziersorden und den Abfalltüten gibt es auch eine Schublade in diesem Haus des Gedächtnisses, in der Berlusconi für die Ewigkeit und einen Tag aufbewahrt wird.
Es gibt ihn in allen möglichen Verpuppungen, die meisten davon aus Wachs, aber auch einige in Gold oder bunt angemaltem Blech. Er, der so auftrat, als stünde er in der dreissigsten Generation nach Klingsor, gehörte zu denen, die immer gewannen, außer in der einen Sache, auf die es ankommt. Das Gewinnen ist ihnen auf die Bahre gelegt, und es ist aus den Puppengesichtern auch nicht zu entfernen. Das Gewinnen ist ein Fluch so wie auch das Nicht- Vergessenkönnen. Es ist furchtbar, sich mit dem Schrott dieser Erde unentwegt füllen zu müssen, ohne dass je ein Ende abzusehen wäre. Es ist wie eine schwarze Sonne, die alle Kometen ohne Widerspruch in sich hinein saugt.
Die Brüder der Loge Progaganda Due stehen Spalier, wenn die riesigen Berlusconi- Puppen vorbei ziehen, eine Kette bis an den Rand der Milchstrasse. Der Erfolg hat sie anschwellen lassen, ihre Haare sind synthetisch, und sie tragen den Stolz auf sich selbst vor sich her wie eine Monstranz (lat: monstrare: „zeigen“). Es ist ein Rätsel, wie sie alle in die Schublade passen sollen, aber das ist gar kein Problem. Sind sie einmal im Dunkel ihrer Tiefe verschwunden, scheinen sie zu schrumpfen, ja, sie werden geradezu winzig. Wenn die Schublade geschlossen ist, stellen sie nicht viel mehr dar als vertrocknete Mehlwürmer auf dem hölzernen Boden.
Berlusconi ist wie Alice im Wunderland, nur umgekehrt: Die Geschichte beginnt, wenn er seinem Loch entsteigt. Aber nun, nun endlich, ist er zu einem Mehlwurm der Geschichte geworden.
Das Gesicht
14.Feb.2012 21:04 Uhr
Wie schon im Beitrag „Spiegelwesen“ angesprochen, geht es mir beim Thema Gesicht primär um unsere gespiegelte Existenz, um die emotionale Bestätigung durch den Anderen.
Jonathan Cole, der an der Universität Southampton lehrt, hat seinem nun auch schon etwas älteren Buch „Über das Gesicht. Naturgeschichte des Gesichts und unnatürliche Geschichte derer, die es verloren haben“, ein Zitat des Philosophen Maurice Merleau-Ponty voran gestellt, das das ganze Thema und Dilemma beleuchtet:
„Ich lebe im Gesichtsausdruck des anderen und fühle, wie er in meinem lebt.“
Diese ständige Feedback- Schleife konstituiert uns nicht nur ganz wesentlich; sie ist auch nicht selten - durch verschiedenste Behinderungen, Krankheiten und Unfallfolgen - unterbrochen. Die Reaktionen derer, die empfinden, dass das ihnen zustehende Feedback ausbleibt, sind selten selbst affektiv; meist wird beim „Verweigerer“ unwillkürlich eine Form von Demenz oder anderer geistiger Beeinträchtigung angenommen. Das geht, wie Cole bestätigt, auch Fachleuten und Ärzten so: „Die Ärzte hatten sie nicht deshalb für schwachsinnig gehalten, weil sie nicht reagieren konnte- sie hatte ja Körpersprache eingesetzt und angeboten, ihre Antworten aufzuschreiben-, sondern weil wir erwartet hatten, einen Großteil der Antwort in ihrem Gesicht zu finden. Ohne seine Mimik hatten wir durch dieses einfach hindurchgesehen und das Fehlen als Demenz gedeutet. Ohne Gesicht war ihre Person so gut wie nicht vorhanden. Ihre Krankheit hatte eine Naht zwischen Gesicht und Selbst aufgetrennt, deren Existenz ich nicht geahnt hatte.“
Die Dame, die in dieser Fallbesprechung thematisiert wurde, hatte einen leichten Schlaganfall gehabt, den sie eigentlich nicht bemerkt hatte. Auffällig war auch nicht ihre zunehmende, verstörende soziale Isolation, sondern ihr rapider Gewichtsverlust, da auch der Schluckreflex in Mitleidenschaft gezogen worden war. Die Dame war bald nur noch von ihrer Familie umgeben. Sie konnte auch nicht mehr sprechen und tippte eventuell notwendige Antworten auf ein technisches Hilfsmittel. Sie tippte: „Ich kann keine Miene verziehen“. Da sie kaum noch Reaktionen anderer Menschen erlebte, hatte sie das Gefühl, „ihres Charakters und ihrer Persönlichkeit beraubt“ zu sein; sie wünschte sich zu sterben. Sie erhielt kaum noch emotionales Feedback aus der Interaktion mit Anderen und hatte zunehmend das Empfinden, nicht mehr zu existieren. „Das Gespräch war zwar nicht unmöglich geworden, aber nur wenige Menschen nahmen sich Zeit dafür. Ohne das Feedback und die Bestätigung durch die Mimik gab es kaum noch Nähe und Anteilnahme. Der Verlust der mimischen Reaktionsfähigkeit hatte sie im Kern ihres Wesens beschädigt.“ Sie machte sich Sorgen, wie sie nach dem Tod aussehen würde. Sie wünschte sich nun dringlich, sterben zu können, und wog immer weniger. Nach einem weiteren Schlaganfall starb sie tatsächlich.
Wir können ein Gesicht nicht ohne Reaktion nehmen, „wie es ist“- starr oder bizarr, schön oder entstellt. Wir können uns auf Eigenheiten der Mimik einstellen oder auch auf tatsächliche emotionale Störungen. Einem Gesicht, das einer Maske gleicht, können wir nur schwer ohne innere Abwehr begegnen- wir nehmen ein Gesicht immer als einen Spiegel, hinter dem man glaubt, „Stimmung und Persönlichkeit ausfindig zu machen.“
Das „Schweigen“ eines Gesichts ist für uns, die wir Spiegelwesen sind, fast unerträglich.
Jonathan Cole, der an der Universität Southampton lehrt, hat seinem nun auch schon etwas älteren Buch „Über das Gesicht. Naturgeschichte des Gesichts und unnatürliche Geschichte derer, die es verloren haben“, ein Zitat des Philosophen Maurice Merleau-Ponty voran gestellt, das das ganze Thema und Dilemma beleuchtet:
„Ich lebe im Gesichtsausdruck des anderen und fühle, wie er in meinem lebt.“
Diese ständige Feedback- Schleife konstituiert uns nicht nur ganz wesentlich; sie ist auch nicht selten - durch verschiedenste Behinderungen, Krankheiten und Unfallfolgen - unterbrochen. Die Reaktionen derer, die empfinden, dass das ihnen zustehende Feedback ausbleibt, sind selten selbst affektiv; meist wird beim „Verweigerer“ unwillkürlich eine Form von Demenz oder anderer geistiger Beeinträchtigung angenommen. Das geht, wie Cole bestätigt, auch Fachleuten und Ärzten so: „Die Ärzte hatten sie nicht deshalb für schwachsinnig gehalten, weil sie nicht reagieren konnte- sie hatte ja Körpersprache eingesetzt und angeboten, ihre Antworten aufzuschreiben-, sondern weil wir erwartet hatten, einen Großteil der Antwort in ihrem Gesicht zu finden. Ohne seine Mimik hatten wir durch dieses einfach hindurchgesehen und das Fehlen als Demenz gedeutet. Ohne Gesicht war ihre Person so gut wie nicht vorhanden. Ihre Krankheit hatte eine Naht zwischen Gesicht und Selbst aufgetrennt, deren Existenz ich nicht geahnt hatte.“
Die Dame, die in dieser Fallbesprechung thematisiert wurde, hatte einen leichten Schlaganfall gehabt, den sie eigentlich nicht bemerkt hatte. Auffällig war auch nicht ihre zunehmende, verstörende soziale Isolation, sondern ihr rapider Gewichtsverlust, da auch der Schluckreflex in Mitleidenschaft gezogen worden war. Die Dame war bald nur noch von ihrer Familie umgeben. Sie konnte auch nicht mehr sprechen und tippte eventuell notwendige Antworten auf ein technisches Hilfsmittel. Sie tippte: „Ich kann keine Miene verziehen“. Da sie kaum noch Reaktionen anderer Menschen erlebte, hatte sie das Gefühl, „ihres Charakters und ihrer Persönlichkeit beraubt“ zu sein; sie wünschte sich zu sterben. Sie erhielt kaum noch emotionales Feedback aus der Interaktion mit Anderen und hatte zunehmend das Empfinden, nicht mehr zu existieren. „Das Gespräch war zwar nicht unmöglich geworden, aber nur wenige Menschen nahmen sich Zeit dafür. Ohne das Feedback und die Bestätigung durch die Mimik gab es kaum noch Nähe und Anteilnahme. Der Verlust der mimischen Reaktionsfähigkeit hatte sie im Kern ihres Wesens beschädigt.“ Sie machte sich Sorgen, wie sie nach dem Tod aussehen würde. Sie wünschte sich nun dringlich, sterben zu können, und wog immer weniger. Nach einem weiteren Schlaganfall starb sie tatsächlich.
Wir können ein Gesicht nicht ohne Reaktion nehmen, „wie es ist“- starr oder bizarr, schön oder entstellt. Wir können uns auf Eigenheiten der Mimik einstellen oder auch auf tatsächliche emotionale Störungen. Einem Gesicht, das einer Maske gleicht, können wir nur schwer ohne innere Abwehr begegnen- wir nehmen ein Gesicht immer als einen Spiegel, hinter dem man glaubt, „Stimmung und Persönlichkeit ausfindig zu machen.“
Das „Schweigen“ eines Gesichts ist für uns, die wir Spiegelwesen sind, fast unerträglich.
Auf den Busch des Zeitgeists geklopft
30.Nov.2011 22:39 Uhr
Klopfen wir doch einmal auf den Busch, legen wir das Ohr auf den breiten gurgelnden Bauch des Zeitgeistes und lauschen wir. Wir nutzen dazu „ngrams“ , eine sehr spezielle Suchmaschine des Google- Konzerns. Google ist ja vor einigen Jahren dazu übergegangen, weltweit und in der vollen Breite, die die Bibliotheken bieten können, Bücher zu digitalisieren. Der Scan- Vorgang ist bereits weit voran geschritten- so weit, dass diese Bücher in ihrer Masse im Internet verfügbar sind oder aber doch zumindest analysiert werden können. Es liegt daher nahe, diese Büchermengen aus inzwischen mehreren Jahrhunderten dahin gehend zu untersuchen, in wie weit bestimmte Begriffe in ihnen vorkommen. Man kann daraus schließen, welche Relevanz ein Begriff zu welchen Zeiten hat oder hatte. Denn eines ist ganz klar, wenn man damit anfängt: Auch Begriffe haben ihre Blüte- und Untergangszeiten. Manche stellen lediglich ein Hype dar, verschwinden also nach einigen Jahren wieder nahezu vollständig aus der öffentlichen Wahrnehmung- nicht selten nach kurzer, aber heftiger Karriere.

Ein Beispiel für einen solchen Begriff mit kurzer, aber heftiger Halbwertzeit ist „Authentizität“ . Nach einer kurzen kleinen Blüte zu Rudolf Steiners Lebzeiten ist das Bedürfnis nach „Lebendigkeit“ und personeller „Echtheit“ eines vorgetragenen Sachverhalts 1970 geradezu explodiert, stürzte aber zwanzig Jahre später auch genauso drastisch wieder ab.

Dagegen befinden sich andere Begriffe in einer sich über viele Jahrzehnte stetig steigenden Agonie; sie werden quasi vom Zeitgeist allmählich ausgeschieden. Es wird nicht verwundern, dass man solche Begriffe im Umfeld des Religiösen findet. Nehmen wir als Beispiel für einen solchen sterbenden Begriff den des „Glaubens “.

Es wird uns nach den bisherigen Ausführungen nicht wundern, dass der Begriff, mit dem wir unsere Ausführungen im Beitrag „Der autonome Zeitgenosse im Spannungsfeld von Initialive, Konflikt und Ausgebranntsein“ begannen - nämlich der der „Depression“ dagegen einen gegenüber dem „Glauben“ gegensätzlichen, weil scheinbar unaufhaltsam Trend markiert, die „Depression“ ist ein Begriff, der Karriere macht, aber nicht im Sinne eines kurzen Frühlings, sondern kontinuierlich.

“Sozial“ bei Ngrams
Ein ähnliches Bild zeigt sich auch - somit unsere Thesen von der Zeitgeistigkeit bestätigend- beim Begriff des „Sozialen“ , der seinen Aufstieg mit einer Unterbrechung während des 2. Weltkrieges seit 1880 feiert, mit absoluten Höhepunkten um die Jahrtausendwende.

“Flexibilität“, das Zauberwort der letzten 20 Jahre
Natürlich ist bei diesen Betrachtungen die Mehrdeutigkeit von Begriffen ebenso wenig berücksichtigt wie die Quantität; zudem betrachten wir sie nur im deutschen Sprachraum. Was wir daher sehen, sind lediglich Trends. Aber auch bei weiteren Untersuchungen mit ähnlichen Begriffen bestätigen sich unsere Grundannahmen: Die Individualisierung - auch im Sinne des Authentischseins- ist heute eine selbstverständliche Konstante, die nicht mehr besonders hinterfragt wird. Das individualisierte Selbst befindet sich konfrontiert mit den Anforderungen eines sich dauernd wandelnden sozialen Umfeldes, in dem es sich zu bewähren hat. Fragen der Schuld belasten kaum, wohl die der Erfüllung inmitten eines gesellschaftlichen Kontextes, das keine moralischen und religiösen Normen mehr kennt. Anstelle dieser Normierung entstehen aber neue Anforderungen beruflicher, familiärer und sozialer Art, die eine Stabilität inmitten einer stetig wachsenden Flexibilisierung erfordern.

Ein Beispiel für einen solchen Begriff mit kurzer, aber heftiger Halbwertzeit ist „Authentizität“ . Nach einer kurzen kleinen Blüte zu Rudolf Steiners Lebzeiten ist das Bedürfnis nach „Lebendigkeit“ und personeller „Echtheit“ eines vorgetragenen Sachverhalts 1970 geradezu explodiert, stürzte aber zwanzig Jahre später auch genauso drastisch wieder ab.

Dagegen befinden sich andere Begriffe in einer sich über viele Jahrzehnte stetig steigenden Agonie; sie werden quasi vom Zeitgeist allmählich ausgeschieden. Es wird nicht verwundern, dass man solche Begriffe im Umfeld des Religiösen findet. Nehmen wir als Beispiel für einen solchen sterbenden Begriff den des „Glaubens “.

Es wird uns nach den bisherigen Ausführungen nicht wundern, dass der Begriff, mit dem wir unsere Ausführungen im Beitrag „Der autonome Zeitgenosse im Spannungsfeld von Initialive, Konflikt und Ausgebranntsein“ begannen - nämlich der der „Depression“ dagegen einen gegenüber dem „Glauben“ gegensätzlichen, weil scheinbar unaufhaltsam Trend markiert, die „Depression“ ist ein Begriff, der Karriere macht, aber nicht im Sinne eines kurzen Frühlings, sondern kontinuierlich.

“Sozial“ bei Ngrams
Ein ähnliches Bild zeigt sich auch - somit unsere Thesen von der Zeitgeistigkeit bestätigend- beim Begriff des „Sozialen“ , der seinen Aufstieg mit einer Unterbrechung während des 2. Weltkrieges seit 1880 feiert, mit absoluten Höhepunkten um die Jahrtausendwende.

“Flexibilität“, das Zauberwort der letzten 20 Jahre
Natürlich ist bei diesen Betrachtungen die Mehrdeutigkeit von Begriffen ebenso wenig berücksichtigt wie die Quantität; zudem betrachten wir sie nur im deutschen Sprachraum. Was wir daher sehen, sind lediglich Trends. Aber auch bei weiteren Untersuchungen mit ähnlichen Begriffen bestätigen sich unsere Grundannahmen: Die Individualisierung - auch im Sinne des Authentischseins- ist heute eine selbstverständliche Konstante, die nicht mehr besonders hinterfragt wird. Das individualisierte Selbst befindet sich konfrontiert mit den Anforderungen eines sich dauernd wandelnden sozialen Umfeldes, in dem es sich zu bewähren hat. Fragen der Schuld belasten kaum, wohl die der Erfüllung inmitten eines gesellschaftlichen Kontextes, das keine moralischen und religiösen Normen mehr kennt. Anstelle dieser Normierung entstehen aber neue Anforderungen beruflicher, familiärer und sozialer Art, die eine Stabilität inmitten einer stetig wachsenden Flexibilisierung erfordern.
Ludwig Wittgenstein: "Gut sterben"
25.Nov.2011 21:52 Uhr
„Lass mich dieses gestehen: Nach einem für mich schweren Tag kniete ich heute beim Abendessen & betete & sagte plötzlich kniend & in die Höhe blickend: „Es ist niemand hier.“ Dabei wurde mir wohl zu Mute als wäre ich in etwas Wichtigem aufgeklärt worden.
Was es aber eigentlich bedeutet, das weiss ich noch nicht. Ich fühle mich leichter. Aber das heisst nicht etwa: ich sei früher in einem Irrtum gewesen. (…)
Denn ich sagte ja auch dieses Wort nicht als ich gerade wollte, sondern es kam. Und wie es kam so kann etwas anderes kommen. - „Lebe so, dass du gut sterben kannst!“
_____
Ludwig Wittgenstein, Denkbewegungen Tagebücher 1930-1932 1936-1937, Frankfurt 1999, S. 84
Was es aber eigentlich bedeutet, das weiss ich noch nicht. Ich fühle mich leichter. Aber das heisst nicht etwa: ich sei früher in einem Irrtum gewesen. (…)
Denn ich sagte ja auch dieses Wort nicht als ich gerade wollte, sondern es kam. Und wie es kam so kann etwas anderes kommen. - „Lebe so, dass du gut sterben kannst!“
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Ludwig Wittgenstein, Denkbewegungen Tagebücher 1930-1932 1936-1937, Frankfurt 1999, S. 84
Der autonome Zeitgenosse im Spannungsfeld von Initiative, Konflikt und Ausgebranntsein
18.Nov.2011 22:13 Uhr
Die grassierende Diagnose von Burnout und Depressionen wirft die Frage auf, ob die westlichen Kulturen viele ihrer Bürger in einer permanenten Überforderungssituation an innere Grenzen treibt oder welche Umstände sich eventuell grundlegend geändert haben könnten. Alain Ehrenberg, ein französischer Soziologe, ruft in seinem Buch „Das erschöpfte Selbst “(1) u.a. auch diese Frage auf: „Die Depression ist eine Krankheit, die sich außerordentlich für das Verständnis der zeitgenössischen Individualität eignet, das heißt der neuen Dilemmata, in denen sie steckt. In der Psychiatrie hat die Depression die Rolle eines vagen Sammelbegriffs, und das aus gutem Grund: Die Psychiater können sie nach wie vor nicht definieren. Daher kann der Begriff sehr flexibel verwendet werden.“ (2)
Die Krankheit erweist sich zu weiten Teilen daher auch als so schwer greifbar, weil sie die Schattenseite spezifischer neuer Anforderungen an das Individuum darstellt - eines Individuums, dessen gelungene Individuation heute in allen möglichen Rollen - beruflich, medial, privat- vorausgesetzt wird und dessen neue Norm vor allem darin besteht, sich flexibel an sich ständig und schnell wandelnde Umstände anzupassen. Diese Anpassung wird nicht nur in passivem Sinne verstanden, sondern so, dass diese einer persönlichen Initiative entspringen soll; neue Rollen, Aufgaben, Definitionen müssen erkannt und ausgefüllt werden, nicht nur erfüllt: „Die Karriere der Depression beginnt in dem Augenblick, in dem das disziplinarische Modell der Verhaltenssteuerung, das autoritär und verbietend den sozialen Klassen und den beiden Geschlechtern ihre Rolle zuwies, zugunsten einer Norm aufgegeben wird, die jeden zu persönlicher Initiative auffordert: ihn dazu verpflichtet, er selbst zu werden. Die Konsequenz dieser neuen Norm ist, dass die Verantwortung für unser Leben nicht nur in uns selbst liegt, sondern auch im kollektiven Zwischenmenschlichen.“ Die Depression wird so zu einer „Krankheit der Verantwortlichkeit“. (3) Der Depressive kann mit dem Tempo und dem Druck ständiger Wandelbarkeit, Verantwortlichkeit und Initiative nicht mehr mithalten, „er ist erschöpft von der Anstrengung, er selbst werden zu müssen.“ (4)
Dieses „Selbst-Sein“ hat aber wenig mit dem zu tun, was man noch im letzten Jahrhundert als „Persönlichkeit“ verstanden hat- eine in sich „gefestigte“ seelisch- geistige Formation. Aus der Sicht des den alten autoritären Normen folgenden Individuums ergibt sich heute ein nicht unerheblicher möglicher „Orientierungsverlust“, eine galoppierende „Privatisierung der Existenz“, ein „Niedergang des öffentlichen Lebens“ und nicht selten auch berufliche und soziale Isolation. In den Zeiten des „Massenindividualismus“ (sic!), in der Grenzen der persönlichen und nationalen Identität zerbrechen (oder überwunden werden), setzt auch, frei geworden aus dem „disziplinierenden Kerker der alten Gesellschaftsordnung“, eine neue Suchbewegung des Individuums ein, ein allgemeiner Hunger nach Sinnstiftung, der weniger religiös- normativ, sondern mehr aktiv- spirituell erfüllt werden soll- passend zu den allgemein geltenden neuen Normen, die in einer Individuation durch permanente Initiative bestehen: „Das Recht, sich sein Leben zu wählen, und der Auftrag, man selbst zu werden, verorten das Individuum in einer ständigen Bewegung. Damit stellt sich das Problem der regulierenden Grenzen zur Aufrechterhaltung der inneren Ordnung anders: Die Grenze zwischen dem Erlaubten und dem Verbotenen schwindet zugunsten der Spannung zwischen dem Möglichen und dem Unmöglichen.“ (5)
Der starre Kanon dessen, was man als „moralisch“, als integer und „reif“ ansieht, hat sich zugunsten der Entscheidungsfreude und Anpassungsfähigkeit in sozialen Kontexten gewandelt: „Die Person wird nicht länger durch eine äußere Ordnung (..) bewegt, sie muss sich auf ihre inneren Antriebe stützen, auf ihre geistigen Fähigkeiten zurückgreifen. (..) Das ideale Individuum wird nicht mehr an seiner Gefügigkeit gemessen, sondern an seiner Initiative.“ (6)
Depression oder - als eine Sonderform- Burnout sind in diesem Sinne nicht mehr „schuldhaft“ im Sinne der Verletzung von Konformismen im Denken und Handeln, sondern sie sind eher eine „Krankheit der Unzulänglichkeit“: Die Person ist in ihren eigenen Konformismen gefangen. Sie kann sich in dem Spannungsfeld zwischen den Anforderungen einer globalisierten Massengesellschaft und der Zumutung, auch im Älterwerden permanent initiativer Souverän zu sein, nicht mehr flexibel und anpassungsfähig zeigen; sie verholzt in einer abgegrenzten Selbstbezüglichkeit. In diesem Spannungsfeld zwischen Individualismus und Gesellschaftswesen gibt es keinen gegebenen Sinn mehr - diesen muss der moderne Souverän inmitten der Widersprüche selbst erschaffen-; wir „werden weder von einer Religion geführt, noch unterstehen wir einem Souverän, der für alle entscheidet.“ Es bleibt nicht aus, dass die Widersprüche, in denen wir uns bewegen, dass die Vielzahl von Rollen, die wir übernehmen müssen und die Selbstinszenierungen, die von uns abverlangt werden, nicht nur nicht ohne Konflikte, sondern eben gerade durch die Bewältigung von Konflikten erst aufgelöst werden können. Auf ein wie auch immer geartetes „Inneres“ im Sinne einer Seelenlandschaft kommt es weniger an, sondern auf die Konfliktfähigkeit, die Belastbarkeit und Lernfähigkeit, um jeweils „akzeptable Kompromisse“ (S. 21) aushandeln zu können. In diesem Sinne ist der „psychische Konflikt“ nicht mehr ein Tabu, sondern im Gegenteil „die Bedingung der Selbstbegründung, die die moderne Individualität auszeichnet“ (ebenda).
Der „Verstandessseelenmensch“, der sich durch Lebensklugheit, Persönlichkeit und gesunden rationalen Egoismus auszeichnet, hat schon im 20. Jahrhundert ein Waterloo nach dem anderen erlebt- die tatsächlichen politischen, wirtschaftlichen und moralischen Exzesse haben ihm den Boden unter den Füßen entzogen. Die Vernunft bestand zuletzt zumindest auch in einem Gleichgewicht des Schreckens, in einer atomaren erstarrten Dauerbedrohung, in Systemen der Massenvernichtung und in einer Krise der Ideologien, die sich selbst durch Extreme des Inhumanismus jede Legitimation entzogen. Die großen traditionellen Religionen konnten durch moralisierende Normen die Krise des Individuums, das sein eigener Souverän sein muss, nicht mehr erreichen- außer als Rückzugsort. Die „innere Unsicherheit“ dieses von eben diesen Normen befreiten Individuums erfordert neue Antworten, denn starre Normen behindern eher ein Individuum, bei dem „die persönliche Initiative zum Maß der Person“ (S. 24) geworden ist.
________
1 Alain Ehrenberg, Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart. Frankfurt 2008
2 Ehrenberg, S. 14
3 Ehrenberg, S. 14 ff
4 Ehrenberg, S. 15
5 Ehrenberg, S. 19
6 Ehrenberg, S. 19
Die Krankheit erweist sich zu weiten Teilen daher auch als so schwer greifbar, weil sie die Schattenseite spezifischer neuer Anforderungen an das Individuum darstellt - eines Individuums, dessen gelungene Individuation heute in allen möglichen Rollen - beruflich, medial, privat- vorausgesetzt wird und dessen neue Norm vor allem darin besteht, sich flexibel an sich ständig und schnell wandelnde Umstände anzupassen. Diese Anpassung wird nicht nur in passivem Sinne verstanden, sondern so, dass diese einer persönlichen Initiative entspringen soll; neue Rollen, Aufgaben, Definitionen müssen erkannt und ausgefüllt werden, nicht nur erfüllt: „Die Karriere der Depression beginnt in dem Augenblick, in dem das disziplinarische Modell der Verhaltenssteuerung, das autoritär und verbietend den sozialen Klassen und den beiden Geschlechtern ihre Rolle zuwies, zugunsten einer Norm aufgegeben wird, die jeden zu persönlicher Initiative auffordert: ihn dazu verpflichtet, er selbst zu werden. Die Konsequenz dieser neuen Norm ist, dass die Verantwortung für unser Leben nicht nur in uns selbst liegt, sondern auch im kollektiven Zwischenmenschlichen.“ Die Depression wird so zu einer „Krankheit der Verantwortlichkeit“. (3) Der Depressive kann mit dem Tempo und dem Druck ständiger Wandelbarkeit, Verantwortlichkeit und Initiative nicht mehr mithalten, „er ist erschöpft von der Anstrengung, er selbst werden zu müssen.“ (4)
Dieses „Selbst-Sein“ hat aber wenig mit dem zu tun, was man noch im letzten Jahrhundert als „Persönlichkeit“ verstanden hat- eine in sich „gefestigte“ seelisch- geistige Formation. Aus der Sicht des den alten autoritären Normen folgenden Individuums ergibt sich heute ein nicht unerheblicher möglicher „Orientierungsverlust“, eine galoppierende „Privatisierung der Existenz“, ein „Niedergang des öffentlichen Lebens“ und nicht selten auch berufliche und soziale Isolation. In den Zeiten des „Massenindividualismus“ (sic!), in der Grenzen der persönlichen und nationalen Identität zerbrechen (oder überwunden werden), setzt auch, frei geworden aus dem „disziplinierenden Kerker der alten Gesellschaftsordnung“, eine neue Suchbewegung des Individuums ein, ein allgemeiner Hunger nach Sinnstiftung, der weniger religiös- normativ, sondern mehr aktiv- spirituell erfüllt werden soll- passend zu den allgemein geltenden neuen Normen, die in einer Individuation durch permanente Initiative bestehen: „Das Recht, sich sein Leben zu wählen, und der Auftrag, man selbst zu werden, verorten das Individuum in einer ständigen Bewegung. Damit stellt sich das Problem der regulierenden Grenzen zur Aufrechterhaltung der inneren Ordnung anders: Die Grenze zwischen dem Erlaubten und dem Verbotenen schwindet zugunsten der Spannung zwischen dem Möglichen und dem Unmöglichen.“ (5)
Der starre Kanon dessen, was man als „moralisch“, als integer und „reif“ ansieht, hat sich zugunsten der Entscheidungsfreude und Anpassungsfähigkeit in sozialen Kontexten gewandelt: „Die Person wird nicht länger durch eine äußere Ordnung (..) bewegt, sie muss sich auf ihre inneren Antriebe stützen, auf ihre geistigen Fähigkeiten zurückgreifen. (..) Das ideale Individuum wird nicht mehr an seiner Gefügigkeit gemessen, sondern an seiner Initiative.“ (6)
Depression oder - als eine Sonderform- Burnout sind in diesem Sinne nicht mehr „schuldhaft“ im Sinne der Verletzung von Konformismen im Denken und Handeln, sondern sie sind eher eine „Krankheit der Unzulänglichkeit“: Die Person ist in ihren eigenen Konformismen gefangen. Sie kann sich in dem Spannungsfeld zwischen den Anforderungen einer globalisierten Massengesellschaft und der Zumutung, auch im Älterwerden permanent initiativer Souverän zu sein, nicht mehr flexibel und anpassungsfähig zeigen; sie verholzt in einer abgegrenzten Selbstbezüglichkeit. In diesem Spannungsfeld zwischen Individualismus und Gesellschaftswesen gibt es keinen gegebenen Sinn mehr - diesen muss der moderne Souverän inmitten der Widersprüche selbst erschaffen-; wir „werden weder von einer Religion geführt, noch unterstehen wir einem Souverän, der für alle entscheidet.“ Es bleibt nicht aus, dass die Widersprüche, in denen wir uns bewegen, dass die Vielzahl von Rollen, die wir übernehmen müssen und die Selbstinszenierungen, die von uns abverlangt werden, nicht nur nicht ohne Konflikte, sondern eben gerade durch die Bewältigung von Konflikten erst aufgelöst werden können. Auf ein wie auch immer geartetes „Inneres“ im Sinne einer Seelenlandschaft kommt es weniger an, sondern auf die Konfliktfähigkeit, die Belastbarkeit und Lernfähigkeit, um jeweils „akzeptable Kompromisse“ (S. 21) aushandeln zu können. In diesem Sinne ist der „psychische Konflikt“ nicht mehr ein Tabu, sondern im Gegenteil „die Bedingung der Selbstbegründung, die die moderne Individualität auszeichnet“ (ebenda).
Der „Verstandessseelenmensch“, der sich durch Lebensklugheit, Persönlichkeit und gesunden rationalen Egoismus auszeichnet, hat schon im 20. Jahrhundert ein Waterloo nach dem anderen erlebt- die tatsächlichen politischen, wirtschaftlichen und moralischen Exzesse haben ihm den Boden unter den Füßen entzogen. Die Vernunft bestand zuletzt zumindest auch in einem Gleichgewicht des Schreckens, in einer atomaren erstarrten Dauerbedrohung, in Systemen der Massenvernichtung und in einer Krise der Ideologien, die sich selbst durch Extreme des Inhumanismus jede Legitimation entzogen. Die großen traditionellen Religionen konnten durch moralisierende Normen die Krise des Individuums, das sein eigener Souverän sein muss, nicht mehr erreichen- außer als Rückzugsort. Die „innere Unsicherheit“ dieses von eben diesen Normen befreiten Individuums erfordert neue Antworten, denn starre Normen behindern eher ein Individuum, bei dem „die persönliche Initiative zum Maß der Person“ (S. 24) geworden ist.
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1 Alain Ehrenberg, Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart. Frankfurt 2008
2 Ehrenberg, S. 14
3 Ehrenberg, S. 14 ff
4 Ehrenberg, S. 15
5 Ehrenberg, S. 19
6 Ehrenberg, S. 19
Michael Eggert: Die falschen Gottheiten
16.Okt.2011 19:33 Uhr
Nein, hier geht es nicht um Religion, um Rechthaberei oder ideologische Abgrenzungen, es geht mir nur um mich selbst. Und um mich selbst auch nur in dem Maß, in dem dies in gewisser Weise „typisch“ ist, in dem Maß, wie Andere sich eventuell darin wieder finden könnten. Die falschen Gottheiten sind die Ziele, denen wir folgen, die nicht infrage zu stellen sind, die wir als unsere persönlichen Maximen verstehen. Sie sind damit unmittelbar mit unserem Selbstkonzept verbunden. Sie in Frage zu stellen, hieße, uns selbst zur Disposition zu stellen. Was bliebe dann von uns übrig? Mein Traum vom Leben, meine Ideale haben sich etwa mit acht Jahren heraus gebildet, ganz unter der Glocke des Elternhauses. Ich glaube, es kostete mich Mühe, meine Eltern zu verstehen, ihnen emotional zu folgen, und ich habe daher die Antennen weiter und weiter ausgebaut, Andere generell „zu verstehen“.
Alice Miller schrieb von diesen frühen Selbstkonzepten in „Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst“: Das Kind, das sich „gebraucht“ fühlt von seinen emotional unsicheren Eltern und damit unter einer „narzisstischen Besetzung“ durch die Eltern leidet, bildet dieses emotionale Sensorium weiter und weiter aus: „Diese Fähigkeit wird ausgebaut und perfektioniert, und diese Kinder werden nicht nur zu Müttern (Vertrauten, Tröstern, Ratgebern, Stützen) ihrer Mütter, sondern übernehmen auch Verantwortung für ihre Geschwister und bilden schließlich ein ganz besonderes Sensorium für unbewusste Signale der Bedürfnisse des Anderen aus. Kein Wunder, wenn sie später oft den Beruf des Psychoanalytikers wählen.“ Nun, Analytiker muss es nicht sein, es gibt ja im familiären Rahmen oder in den zahlreichen sozialen Berufen genügend andere Positionierungen ähnlicher Art. Man kann diese Art von erworbenem Narzissmus auch in Erfolgsstrategien jeglicher Art ummünzen. Man kann es - um zu unserem Thema zu kommen- auch in spiritueller Entwicklung zu verwirklichen suchen. Man muss nur bedenken, dass alle diese emotional- narzisstischen Antriebe absolut sakrosankt sind; es gibt eine ausgebaute Phalanx von Verteidigungsstrategien, die dieses Eine, diese unseren inneren Antriebe, unantastbar machen. Der Spiritualist wird z.B. bestimmte innere Erfahrungen machen, die diese Grundtendenz immer nur bestätigen und weiter überhöhen; womöglich wird sich die ersehnte Bestätigung in Christus- Erfahrungen oder Erleuchtungen einstellen - Erlebnisse, die sich jeder Kritik entziehen und das Sakrosankte auf die Ebene der Unendlichkeit verschieben, gestützt von Evidenz- Erfahrungen.
All das, was auf der körperlichen Ebene, den Emotionen oder in den sozialen Begegnungen dieser Grundlinie, dieser privaten Teleologie widerspricht, wird damit relativiert, dass wir selbst oder (meistens) Andere und „die Verhältnisse“ eben "noch nicht so weit" sind. Womöglich hetzen wir die, denen wir angeblich hilfreich sein wollen, in eine Abhängigkeit von uns hinein, womöglich muten wir uns selbst und Anderen viel zu viel zu, womöglich leben wir an unseren eigenen Bedürfnissen vorbei, womöglich landen wir in Isolation oder massiven inneren Widersprüchen. Es kann zum Drama kommen, wenn wir aufgrund der inneren traumatischen Zwangslage, die wir idealisieren, auf einem dauernden Crash- Kurs gegen uns selbst fahren, der unweigerlich irgendwann zum Zusammenbruch führen muss.
Das „innere Drama“, das uns fast alle in der einen oder anderen Form beherrscht, inszeniert die Persona, die unter der striktesten Selbstkontrolle steht und deren Infragestellung das ganze Kartenhaus des Ego ins Wanken bringt:
„In der Tat können wir die spirituelle Psychologie als Psychologie der Selbsttäuschung bezeichnen, weil das, was wir oft als Funktionen unserer Psyche bezeichnen, in Wirklichkeit eine Lüge ist. Die Frage ist, welche Geschichten wir uns erzählen und aus welchen Lügen wir leben.“ Es sind natürlich weniger aktive „Lügen“, sondern meist selektive Erinnerungen: Die Dinge, die nicht in unser Selbstkonzept passen, werden nicht wahrgenommen oder sofort „vergessen“. Was nicht passt, wird passend gemacht. Die Illusion, die trotz allem, was schief gehen mag, was an uns unangenehm ist und was letztendlich auch karmisch Last auf Last anhäuft, ist die, dass „wir immer noch das Steuer in der Hand haben“ (Ezry Bayda, Zen Herz, S. 44).
Der Praktizierende kommt an den Punkt der Selbstbegegnung. Unser intimster „Hüter der Schwelle“ ist nun einmal das illusorische, zwanghafte Gefühlsleben mitsamt dem, was wir als heilig und unantastbar ansehen. Dabei hilft es keinesfalls, sich einzubilden, dass wir aus der Lage heraus kämen, „wenn wir mit großer Anstrengung praktizieren“ (Bayda). Je größer die Anstrengungen, je verbissener das Streben, je triumphaler die Erkenntnisse, desto mehr entfernen wir uns möglicherweise von der Stille. Die Dinge, die zählen und bestehen, benötigen keine Anstrengung. Im Gegenteil: Jenseits aller Anstrengung kann erst das entspringen, was lebendig ist und nicht aus uns heraus gepresst. Der „Abgrund“ sind unsere neurotischen Verkrampfungen, unsere Verteidigungs- und Angriffsmechanismen. Das „Nichts“, das wir lernen müssen auszuhalten, liegt jenseits unserer emotionalen und intellektuellen Reflexe. Es beginnt dort, wo unser aufgeregtes Hantieren und Geschnatter schweigt. Dort, wo unsere Selbstgewissheiten und Selbstbeschwichtigungen, ja auch die dauernden Selbstvorwürfe an ein erstes Ende kommen.
Bis dahin wird aber einiges an Munition aufgefahren: Erzengel, Christus, Erleuchtung, sagenhafte Erfolge, weltweite Konspirationen- alles, was wir projizieren können, um uns nur nicht dort zu rühren, wo es wirklich weh tut. Auf unseren Illusionen bauen wir ganze Welten auf und scheuen keine Anstrengung. So lange halten uns die falschen Gottheiten fest in ihrem Griff.
Alice Miller schrieb von diesen frühen Selbstkonzepten in „Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst“: Das Kind, das sich „gebraucht“ fühlt von seinen emotional unsicheren Eltern und damit unter einer „narzisstischen Besetzung“ durch die Eltern leidet, bildet dieses emotionale Sensorium weiter und weiter aus: „Diese Fähigkeit wird ausgebaut und perfektioniert, und diese Kinder werden nicht nur zu Müttern (Vertrauten, Tröstern, Ratgebern, Stützen) ihrer Mütter, sondern übernehmen auch Verantwortung für ihre Geschwister und bilden schließlich ein ganz besonderes Sensorium für unbewusste Signale der Bedürfnisse des Anderen aus. Kein Wunder, wenn sie später oft den Beruf des Psychoanalytikers wählen.“ Nun, Analytiker muss es nicht sein, es gibt ja im familiären Rahmen oder in den zahlreichen sozialen Berufen genügend andere Positionierungen ähnlicher Art. Man kann diese Art von erworbenem Narzissmus auch in Erfolgsstrategien jeglicher Art ummünzen. Man kann es - um zu unserem Thema zu kommen- auch in spiritueller Entwicklung zu verwirklichen suchen. Man muss nur bedenken, dass alle diese emotional- narzisstischen Antriebe absolut sakrosankt sind; es gibt eine ausgebaute Phalanx von Verteidigungsstrategien, die dieses Eine, diese unseren inneren Antriebe, unantastbar machen. Der Spiritualist wird z.B. bestimmte innere Erfahrungen machen, die diese Grundtendenz immer nur bestätigen und weiter überhöhen; womöglich wird sich die ersehnte Bestätigung in Christus- Erfahrungen oder Erleuchtungen einstellen - Erlebnisse, die sich jeder Kritik entziehen und das Sakrosankte auf die Ebene der Unendlichkeit verschieben, gestützt von Evidenz- Erfahrungen.
All das, was auf der körperlichen Ebene, den Emotionen oder in den sozialen Begegnungen dieser Grundlinie, dieser privaten Teleologie widerspricht, wird damit relativiert, dass wir selbst oder (meistens) Andere und „die Verhältnisse“ eben "noch nicht so weit" sind. Womöglich hetzen wir die, denen wir angeblich hilfreich sein wollen, in eine Abhängigkeit von uns hinein, womöglich muten wir uns selbst und Anderen viel zu viel zu, womöglich leben wir an unseren eigenen Bedürfnissen vorbei, womöglich landen wir in Isolation oder massiven inneren Widersprüchen. Es kann zum Drama kommen, wenn wir aufgrund der inneren traumatischen Zwangslage, die wir idealisieren, auf einem dauernden Crash- Kurs gegen uns selbst fahren, der unweigerlich irgendwann zum Zusammenbruch führen muss.
Das „innere Drama“, das uns fast alle in der einen oder anderen Form beherrscht, inszeniert die Persona, die unter der striktesten Selbstkontrolle steht und deren Infragestellung das ganze Kartenhaus des Ego ins Wanken bringt:
„In der Tat können wir die spirituelle Psychologie als Psychologie der Selbsttäuschung bezeichnen, weil das, was wir oft als Funktionen unserer Psyche bezeichnen, in Wirklichkeit eine Lüge ist. Die Frage ist, welche Geschichten wir uns erzählen und aus welchen Lügen wir leben.“ Es sind natürlich weniger aktive „Lügen“, sondern meist selektive Erinnerungen: Die Dinge, die nicht in unser Selbstkonzept passen, werden nicht wahrgenommen oder sofort „vergessen“. Was nicht passt, wird passend gemacht. Die Illusion, die trotz allem, was schief gehen mag, was an uns unangenehm ist und was letztendlich auch karmisch Last auf Last anhäuft, ist die, dass „wir immer noch das Steuer in der Hand haben“ (Ezry Bayda, Zen Herz, S. 44).
Der Praktizierende kommt an den Punkt der Selbstbegegnung. Unser intimster „Hüter der Schwelle“ ist nun einmal das illusorische, zwanghafte Gefühlsleben mitsamt dem, was wir als heilig und unantastbar ansehen. Dabei hilft es keinesfalls, sich einzubilden, dass wir aus der Lage heraus kämen, „wenn wir mit großer Anstrengung praktizieren“ (Bayda). Je größer die Anstrengungen, je verbissener das Streben, je triumphaler die Erkenntnisse, desto mehr entfernen wir uns möglicherweise von der Stille. Die Dinge, die zählen und bestehen, benötigen keine Anstrengung. Im Gegenteil: Jenseits aller Anstrengung kann erst das entspringen, was lebendig ist und nicht aus uns heraus gepresst. Der „Abgrund“ sind unsere neurotischen Verkrampfungen, unsere Verteidigungs- und Angriffsmechanismen. Das „Nichts“, das wir lernen müssen auszuhalten, liegt jenseits unserer emotionalen und intellektuellen Reflexe. Es beginnt dort, wo unser aufgeregtes Hantieren und Geschnatter schweigt. Dort, wo unsere Selbstgewissheiten und Selbstbeschwichtigungen, ja auch die dauernden Selbstvorwürfe an ein erstes Ende kommen.
Bis dahin wird aber einiges an Munition aufgefahren: Erzengel, Christus, Erleuchtung, sagenhafte Erfolge, weltweite Konspirationen- alles, was wir projizieren können, um uns nur nicht dort zu rühren, wo es wirklich weh tut. Auf unseren Illusionen bauen wir ganze Welten auf und scheuen keine Anstrengung. So lange halten uns die falschen Gottheiten fest in ihrem Griff.
Michael Eggert: Neunzig
30.Sep.2011 20:05 Uhr
Was macht man in so einem Fall den ganzen Tag? Dass er auf die Neunzig zuging, tat nichts zur Sache, erleichterte es vielleicht sogar, da selbst die einfachen Handreichungen einiger Vor- und Nachbereitung bedurften, wohl überlegt sein mussten, schon allein wegen der Sturzgefahr.
Es gab Zeiten, in denen er einen Beruf ausgeübt hatte, verheiratet gewesen war und täglich betrunken gewesen war. Das hatte ihn, von außen betrachtet, alles gleichermaßen in Beschlag genommen. Aber die berufliche Arbeit war seit dreissig Jahren beendet, er war seit zwanzig Jahren Witwer und hatte, das Alter im Auge, vor zwölf Jahren abrupt mit dem Alkohol aufgehört. Er kochte nicht, las keine Bücher und Zeitschriften, arbeitete nie in seinem großen Garten und hatte keinerlei erkennbare Interessen. Früher hatte er gern und laut politisch räsoniert und dabei vor allem im Auge gehabt, Recht zu behalten oder zumindest das letzte Wort, aber die Politiker, deren Gesichter ihm vertraut, deren Gesichter, Tonfall, Gestik und Erscheinung die seiner Generation waren, lebten nicht mehr oder befanden sich längst im Ruhestand: Es interessierte ihn nicht mehr, was die heute diskutierten. Die Probleme, die diese Leute anhäuften, beschäftigten ihn auch nicht mehr, denn er würde das nicht mehr bezahlen müssen, das überließ er gern den Kommenden.
In Gesprächen kam er stets nach wenigen höflichen Worten auf seine Gesundheit zu sprechen. Dass das Alter ein Massaker war, wusste er nur zu gut, und er berichtete gern davon. Die Kurzatmigkeit, die Pigmentflecken auf der Haut, das Haar wie Stroh und der nächtliche Harndrang. Er sprach davon, als sei das alles eine Zumutung, die ihm persönlich angetan wurde, ein Unrecht, gegen das er ständig opponierte.
Lange Tage, endlose Nächte: Was macht einer wie er die ganze Zeit? Bewegte er sein Leben hin und her wie einen Klumpen Ton und versuchte, eine Form darin zu entdecken? War er als Archäologe seiner Tage, Monate und Jahre beschäftigt? Suchte er geheime Spuren im Fels, die vielleicht erklärten, wie es verlaufen war? Spürte er seinen Irrtümern nach? Nein, dazu hatte er kaum die Mittel. Seine Erinnerungen, so weit er sie aussprach, erschienen stets wie ein glatt geschliffener Stein: Ohne jeden Riss, aus einem Guss. Er war sich an keinem erkennbaren Punkt fremd. An Widrigkeiten oder gar Widersprüchlichkeiten konnte er sich nicht erinnern, so wie er überhaupt Widerspruch oder Zweifel nicht duldete. Um sich in seiner Zeit anschauen zu können, muss man sich ein kleines Stück aus seinem biografischen Kontext heraus lösen können, um einen Blick auf diese Landschaft zu haben, die man selbst ist.
Außerdem hatte er keine Zeit. Obwohl sie ihm im Überfluss zur Verfügung zu stehen schien, war Zeit für ihn wie für viele alte Menschen ein knappes Gut. Er führte einen strikten Terminkalender und war inzwischen froh um Tage, an denen keine Termine lauerten wie boshafte Allesfresser. Er mochte keine Löcher im gut abgewogenen, eisernen Rhythmus seiner Tage. Je hinfälliger er körperlich wurde, desto mehr versteifte er sich auf diese Strukturen. Die Zeit hatte Bestand und Verlass, der Rhythmus hatte das Regiment übernommen, Stäbe, Stützen, Rituale. Ihr vertraute er, ihr vertraute er sich an, denn sie allein versprach ihm nicht nur eine Art von persönlicher Signatur, sie war die Spur, die er jetzt zog, sie war die Grundlage seiner verbliebenen Autonomie.
Was macht man in einem solchen Fall den ganzen Tag? Man macht es so wie gestern und - vielleicht- wie morgen.
Es gab Zeiten, in denen er einen Beruf ausgeübt hatte, verheiratet gewesen war und täglich betrunken gewesen war. Das hatte ihn, von außen betrachtet, alles gleichermaßen in Beschlag genommen. Aber die berufliche Arbeit war seit dreissig Jahren beendet, er war seit zwanzig Jahren Witwer und hatte, das Alter im Auge, vor zwölf Jahren abrupt mit dem Alkohol aufgehört. Er kochte nicht, las keine Bücher und Zeitschriften, arbeitete nie in seinem großen Garten und hatte keinerlei erkennbare Interessen. Früher hatte er gern und laut politisch räsoniert und dabei vor allem im Auge gehabt, Recht zu behalten oder zumindest das letzte Wort, aber die Politiker, deren Gesichter ihm vertraut, deren Gesichter, Tonfall, Gestik und Erscheinung die seiner Generation waren, lebten nicht mehr oder befanden sich längst im Ruhestand: Es interessierte ihn nicht mehr, was die heute diskutierten. Die Probleme, die diese Leute anhäuften, beschäftigten ihn auch nicht mehr, denn er würde das nicht mehr bezahlen müssen, das überließ er gern den Kommenden.
In Gesprächen kam er stets nach wenigen höflichen Worten auf seine Gesundheit zu sprechen. Dass das Alter ein Massaker war, wusste er nur zu gut, und er berichtete gern davon. Die Kurzatmigkeit, die Pigmentflecken auf der Haut, das Haar wie Stroh und der nächtliche Harndrang. Er sprach davon, als sei das alles eine Zumutung, die ihm persönlich angetan wurde, ein Unrecht, gegen das er ständig opponierte.
Lange Tage, endlose Nächte: Was macht einer wie er die ganze Zeit? Bewegte er sein Leben hin und her wie einen Klumpen Ton und versuchte, eine Form darin zu entdecken? War er als Archäologe seiner Tage, Monate und Jahre beschäftigt? Suchte er geheime Spuren im Fels, die vielleicht erklärten, wie es verlaufen war? Spürte er seinen Irrtümern nach? Nein, dazu hatte er kaum die Mittel. Seine Erinnerungen, so weit er sie aussprach, erschienen stets wie ein glatt geschliffener Stein: Ohne jeden Riss, aus einem Guss. Er war sich an keinem erkennbaren Punkt fremd. An Widrigkeiten oder gar Widersprüchlichkeiten konnte er sich nicht erinnern, so wie er überhaupt Widerspruch oder Zweifel nicht duldete. Um sich in seiner Zeit anschauen zu können, muss man sich ein kleines Stück aus seinem biografischen Kontext heraus lösen können, um einen Blick auf diese Landschaft zu haben, die man selbst ist.
Außerdem hatte er keine Zeit. Obwohl sie ihm im Überfluss zur Verfügung zu stehen schien, war Zeit für ihn wie für viele alte Menschen ein knappes Gut. Er führte einen strikten Terminkalender und war inzwischen froh um Tage, an denen keine Termine lauerten wie boshafte Allesfresser. Er mochte keine Löcher im gut abgewogenen, eisernen Rhythmus seiner Tage. Je hinfälliger er körperlich wurde, desto mehr versteifte er sich auf diese Strukturen. Die Zeit hatte Bestand und Verlass, der Rhythmus hatte das Regiment übernommen, Stäbe, Stützen, Rituale. Ihr vertraute er, ihr vertraute er sich an, denn sie allein versprach ihm nicht nur eine Art von persönlicher Signatur, sie war die Spur, die er jetzt zog, sie war die Grundlage seiner verbliebenen Autonomie.
Was macht man in einem solchen Fall den ganzen Tag? Man macht es so wie gestern und - vielleicht- wie morgen.
Ruth Bamberg: Blackbox & kaltes Licht
19.Aug.2011 21:14 Uhr
„Der rasante technische Fortschritt seit etwa 100 Jahren ist schlussendlich Ausdruck menschlichen Vermögens. Nimmt man eine geisteswissenschaftliche Perspektive ein, kann man eine Metamorphose dieser Erscheinung und der ihr innewohnenden Idee ausmachen. Was an dieser Stelle auszuführen zu viel Raum einnähme. Nur soviel: die heute 20 jährigen blicken anders als „die Alten“ auf einen Globus der sehr klein geworden ist, auf dem es auf jeden einzelnen ankommt und nur gemeinsam etwas zu bewirken ist. Diese neue innere Gewissheit ist den Erfahrungen mit den neuen Medien geschuldet. Das Bild der Welt ist auf eine überschaubare Größe zusammen geschrumpft. E-mails rund um den Globus werden in beinahe Lichtgeschwindigkeit verschickt, Kommunikation über vormals unüberwindlich scheinende Strecken täglich geführt, die virtuelle Community vermag Diktatoren zu stürzen - Libyen, Ägypten, innere Angelegenheiten von Konzernen und Regierungen werden öffentlich - wikileaks.“
Zum ganzen Artikel von Ruth Bamberg als PDF- Download
Zum ganzen Artikel von Ruth Bamberg als PDF- Download
Ariel
17.Aug.2011 22:07 Uhr
Manche sind luftiger gebaut als andere- leichter, ohne etwas leicht zu nehmen. Die Begüterten, die Gesetzten, die Stumpfen: Das war seine Sache nicht. Er hat ein Leben lang Kunst geschaffen, gerne aus Fundstücken, gerne Gefundenes ausdehnend, auswälzend, aber stets mit leichtem Federstrich. War es ein Glück oder Unglück, dass er stets im Haus der Mutter wohnte, auch nach deren Tod, stets in den Zimmern, in denen wir schon als Jugendliche rauchten, tranken, redeten? Ein Zimmer war für seine Kunst reserviert, die sich über Tische, Schränke und ein Bett ergoss, ein Leben lang ansammelte, wenn es nicht verkauft oder verschenkt war.
Mancher Ariel orientiert sich am umtriebigen Schützen, er aber war ein Luftgeist im Sternbild des Krebses: Mager, empfindlich, zart, aber im Kern verschlossen. Man kam an ihn und seine wunde Empfindsamkeit nicht heran, auch nicht über Jahrzehnte. Er hatte, wie jeder Luftgänger, leichte und schnelle Beine. Er schien immer auf dem Sprung zu sein, vielleicht jetzt auf die schnellst mögliche Art zu entkommen. Aber dazu kam es ja nie. Es ist aber das und die schlaksige Art seiner Bewegungen, an der ich ihn stets und überall erkennen würde. Vielleicht züchtete er seinen Dämon, der Alkohol hieß, auch deshalb, um dieses Wundsein wie ein Balsam zu füllen und zu durchdringen. Es ging damit viel leichter unter Leuten und leichter auch in der Kunst. Aber mit der Zeit wiederholten sich seine Arbeiten. Man könnte sagen, er habe seine Handschrift gefunden. Man könnte auch sagen, dass er sich nicht mehr erfand. Die Ausstellungen der letzten Jahre bestanden mehr und mehr aus Fundstücken, aber aus solchen, die sich in alten und uralten eigenen Arbeiten fanden. Er erfand sich nicht mehr, er grub sich aus. Man sah ihm an, dass er den Alltag mit Mühe bestand. Jetzt ist er gestorben.
Mancher Ariel orientiert sich am umtriebigen Schützen, er aber war ein Luftgeist im Sternbild des Krebses: Mager, empfindlich, zart, aber im Kern verschlossen. Man kam an ihn und seine wunde Empfindsamkeit nicht heran, auch nicht über Jahrzehnte. Er hatte, wie jeder Luftgänger, leichte und schnelle Beine. Er schien immer auf dem Sprung zu sein, vielleicht jetzt auf die schnellst mögliche Art zu entkommen. Aber dazu kam es ja nie. Es ist aber das und die schlaksige Art seiner Bewegungen, an der ich ihn stets und überall erkennen würde. Vielleicht züchtete er seinen Dämon, der Alkohol hieß, auch deshalb, um dieses Wundsein wie ein Balsam zu füllen und zu durchdringen. Es ging damit viel leichter unter Leuten und leichter auch in der Kunst. Aber mit der Zeit wiederholten sich seine Arbeiten. Man könnte sagen, er habe seine Handschrift gefunden. Man könnte auch sagen, dass er sich nicht mehr erfand. Die Ausstellungen der letzten Jahre bestanden mehr und mehr aus Fundstücken, aber aus solchen, die sich in alten und uralten eigenen Arbeiten fanden. Er erfand sich nicht mehr, er grub sich aus. Man sah ihm an, dass er den Alltag mit Mühe bestand. Jetzt ist er gestorben.
Michael Eggert: Generationen
16.Aug.2011 20:47 Uhr
Jede Generation hat das Recht, sich den Träumen der vorigen zu verweigern.
Deren Alpträumen allerdings kann sie sich nicht entziehen.
(Ups. Wohl zu viel Elias Canetti gelesen.)
Deren Alpträumen allerdings kann sie sich nicht entziehen.
(Ups. Wohl zu viel Elias Canetti gelesen.)
Radiologische Mysterien
26.Jul.2011 18:45 Uhr
Die weißhaarige Frau war nicht sehr groß, aber flink. Alleine von diesem einen Wartezimmer gingen zwei Flure und elf Türen ab, wovon neun mit den Ziffern 1 bis 9 beschriftet waren. Sie ging, obwohl sie immer wieder sanft von dem Personal aus den Räumen entfernt wurde, durch jede einzelne dieser Türen, aber auch auf die Toiletten und in die als „Privat“ gekennzeichneten Zimmer. „Ich suche doch nur meine Tasche,“ seufzte sie. „Du hattest doch gar keine Tasche dabei“, entgegnete ihr Mann, der ebenso alt schien wie sie, aber sich geradezu grotesk verkrümmt hielt- seine Wirbelsäule sollte offenbar, sicherlich nicht zum ersten Mal, untersucht werden. „Sie hat Alzheimer, wissen Sie,“ sagte er in den Raum. „Ich suche doch nur meine Tasche.“
Hinter den Wänden knackte und knatterte es, ein wummernder Gesang von mechanischen Walen, die auf Namen wie CT oder MRT hörten. Der alte Mann wurde in eine dieser nummerierten Türen gerufen, während seine Frau weiter unruhig suchte. Man hörte seine Gürtelschnalle auf den Boden fallen und seinen erschreckten Ausruf, „Früher wäre mir das nicht passiert!“ In der Kakophonie der Geräusche blieb sein Ausruf ungehört.
Im Wartezimmer wischten fast alle Anwesenden, wenn sie denn unter 50 Jahren alt waren, auf ihren Smartphones herum. Vor zwei Jahrzehnten hat man von PCs als „Wunschmaschinen“ und „Projektionsapparaten“ des Selbst gesprochen. Heute trägt man die Projektoren und Kommunikatoren mit sich herum und sie sind auf Handflächenformat geschrumpft. Man wischt von oben nach unten oder von links nach rechts. Die ganz Jungen haben dazu Innenohr- Earphones dabei und schotten sich fast völlig ab. Die Alten wissen nicht einmal, was die Jungen da machen. Wenn das Smartphone ein Geräusch machte, fragte der Alte: „Was hat er jetzt?“ - „Das war eine Email.“ „Das war eine Twitternachricht.“ „Das war mein Facebook- Account.“
Der Alte nickte mit leeren Augen. Er hatte keine Ahnung, wovon ich sprach. Dann wandte er sich mit einer kindlichen Stimme zu mir und fragte, „Wenn man mal Pipi muss, wohin muss man da gehen?“
Offenbar fürchtete er, auch die Toiletten könnten inzwischen zu Mysterien ausgewachsen sein und man müsste ihnen, womöglich, etwas zutwittern. Vielleicht fragte er deshalb auf dem Gang und an der Rezeption noch mehrmals nach, um ganz sicher zu gehen.
Am Ende fuhr ich die Beiden nach Hause. Es war nicht weit. Der Alte saß neben mir und erschrak, als eine Stimme aus dem Navigationsgerät ertönte. „Das ist eine Computerstimme“, sagte ich. „Das Gerät ist mit sechs Satelliten verbunden.“ „Ach,“ sagte der Alte, „mit sechs. Zuhause habe ich noch einen Stadtplan liegen.“
„Den braucht man jetzt nicht mehr,“ sagte ich, „und überhaupt, die Stadt wird doch gerade völlig umgebaut.“
„Ja,“ seufzte er, „ es wird alles völlig umgebaut.“
Hinter den Wänden knackte und knatterte es, ein wummernder Gesang von mechanischen Walen, die auf Namen wie CT oder MRT hörten. Der alte Mann wurde in eine dieser nummerierten Türen gerufen, während seine Frau weiter unruhig suchte. Man hörte seine Gürtelschnalle auf den Boden fallen und seinen erschreckten Ausruf, „Früher wäre mir das nicht passiert!“ In der Kakophonie der Geräusche blieb sein Ausruf ungehört.
Im Wartezimmer wischten fast alle Anwesenden, wenn sie denn unter 50 Jahren alt waren, auf ihren Smartphones herum. Vor zwei Jahrzehnten hat man von PCs als „Wunschmaschinen“ und „Projektionsapparaten“ des Selbst gesprochen. Heute trägt man die Projektoren und Kommunikatoren mit sich herum und sie sind auf Handflächenformat geschrumpft. Man wischt von oben nach unten oder von links nach rechts. Die ganz Jungen haben dazu Innenohr- Earphones dabei und schotten sich fast völlig ab. Die Alten wissen nicht einmal, was die Jungen da machen. Wenn das Smartphone ein Geräusch machte, fragte der Alte: „Was hat er jetzt?“ - „Das war eine Email.“ „Das war eine Twitternachricht.“ „Das war mein Facebook- Account.“
Der Alte nickte mit leeren Augen. Er hatte keine Ahnung, wovon ich sprach. Dann wandte er sich mit einer kindlichen Stimme zu mir und fragte, „Wenn man mal Pipi muss, wohin muss man da gehen?“
Offenbar fürchtete er, auch die Toiletten könnten inzwischen zu Mysterien ausgewachsen sein und man müsste ihnen, womöglich, etwas zutwittern. Vielleicht fragte er deshalb auf dem Gang und an der Rezeption noch mehrmals nach, um ganz sicher zu gehen.
Am Ende fuhr ich die Beiden nach Hause. Es war nicht weit. Der Alte saß neben mir und erschrak, als eine Stimme aus dem Navigationsgerät ertönte. „Das ist eine Computerstimme“, sagte ich. „Das Gerät ist mit sechs Satelliten verbunden.“ „Ach,“ sagte der Alte, „mit sechs. Zuhause habe ich noch einen Stadtplan liegen.“
„Den braucht man jetzt nicht mehr,“ sagte ich, „und überhaupt, die Stadt wird doch gerade völlig umgebaut.“
„Ja,“ seufzte er, „ es wird alles völlig umgebaut.“
Blor: Youngster setzt BND weiter unter Druck
20.Jun.2011 00:10 Uhr
Es ist Sonntag – der letzte Konferenztag der „International Intelligence History Association“.
Seit Freitag setzte sich die Konferenz mit der „German Intelligence from Bismarck to Present“ auseinander.
Wolfgang Krieger, führender Kopf der Unabhängigen Historikerkommission zur Aufarbeitung der Geschichte des BND und zugleich Vorstandvorsitzender des „Arbeitskreises Geschichte der Nachrichtendienste“ hatte bereits vor Monaten das Who-is-Who der internationalen Geheimdienst-Elite ins oberhessische Marburg geladen: Spezialisten aus Israel, Slowenien, Deutschland und den USA sind seinem Ruf gefolgt – darunter unter anderem Michael Herman (Oxford), Shpiro Shlomo (Bar Ilan University), Kristie Macrakis (Atlanta) oder Matitiahu Mayzel (Cummings Center for Russian and Eurasian Studies, Tel Aviv University)
Unter den heutigen Referenten ist auch der erst 24 jährige Mainzer Student Peter Hammerschmidt, der im vergangenen Jahr im Rahmen seinen Recherchen erstmals im Archiv des Bundesnachrichtendienstes Akten zu Klaus Barbie, dem „Schlächter von Lyon“, einsehen durfte.
Seine exklusiven Recherchen belegten: Barbie war Agent des BND von Mai bis Dezember 1966. Für seine Arbeit erhielt der Kriegsverbrecher insgesamt 5300 DM aus dem Topf bundesdeutscher Steuergelder.
Und Hammerschmidt? Der Youngster, der in wenigen Wochen sein erstes Staatsexamen ablegen wird, rückte innerhalb weniger Wochen ins mediale und fachwissenschaftliche Rampenlicht, trieb mit seinen Forschungen gar die Bundesregierung vor sich her (Internationale Medien berichteten).
Es verwundert daher nicht, dass sein Vortrag mit dem Thema „The Butcher of Lyon on BND and CIC/CIA Payroll“ mit Spannung erwartet wurde.
Nach Hammerschmidts Recherchen steht nunmehr fest: Die Waffenhandelsfirma „MEREX“ vertrieb 1966 überschüssiges Bundeswehrmaterial an lateinamerikanische Staaten. Unterstützt wurde das Unternehmen direkt vom BND, der dabei half, die Waffendeals an südamerikanische Militärdiktaturen mit dem Verteidigungsministerium abzuwickeln. Brisant ist, dass die MEREX – mit Unterstützung des BND - in Lateinamerika auf ein etabliertes Netzwerk ehemaliger SS-Kameraden zurückgriff: Bereits zu Beginn der 1960er Jahre hatten Barbie, Friedrich Schwend (während des Krieges: Unternehmen Bernhard) und das Flieger-Ass Hans-Ulrich Rudel „La Estrella“ (Der Stern“ gegründet – ein Netzwerk, mit Hilfe dessen sich ehemalige NS-Verbrecher unterstützten. Die Merex trat an Rudel heran, wurde daraufhin an Schwend und von diesem dann an Barbie vermittelt. Auf der Merex-Tour durch Lateinamerika, wo die Firma nach verlässlichen Repräsentanten des Unternehmens suchte, kam man auch mit anderen Mitgliedern von La Estrella in Kontakt: Willem Sassen und Otto Skorzeny. Beide wurden als Repräsentanten für die MEREX geworben und fanden anschließend, so Hammerschmidts These, ebenso wie Barbie, Schwend und Rudel, den Weg auf die Soldliste des westdeutschen Geheimdienstes. (vgl. Taz)
Die Analysen, die Hammerschmidt auf einer Power-Point beeindruckend zusammenfasst, scheinen in Konkurrenz zu dem offiziellen Forschungsvorhaben der UHK zu stehen – enthüllt der Junghistoriker mit seinen mühevoll aus US-amerikanischen Archiven doch Ergebnisse, mit denen er den Forschungen der Kommission vorausgreift.
Dabei scheint klar: Sollte die Kommission einen der Forschungsschwerpunkte auf das Beziehungsgeflecht des BND mit den in Südamerika untergetauchten NS-Eliten legen, wird sie ohne Hammerschmidts Vorarbeit nicht auskommen. Längst ist der Mainzer in diesem Sujet zum Experten avanciert.
Bleibt abzuwarten, inwiefern sich die Kommission auch der Kollaboration des BND mit NS-Eliten in Südamerika widmen – dass dieser Schwerpunkt ein besonders düsteres Kapitel der BND-Geschichte offenbart ist nunmehr von Hammerschmidt deutlich belegt worden.
Blor
Hinweis: Weiterer Beitrag zum Thema bei der TAZ
Seit Freitag setzte sich die Konferenz mit der „German Intelligence from Bismarck to Present“ auseinander.
Wolfgang Krieger, führender Kopf der Unabhängigen Historikerkommission zur Aufarbeitung der Geschichte des BND und zugleich Vorstandvorsitzender des „Arbeitskreises Geschichte der Nachrichtendienste“ hatte bereits vor Monaten das Who-is-Who der internationalen Geheimdienst-Elite ins oberhessische Marburg geladen: Spezialisten aus Israel, Slowenien, Deutschland und den USA sind seinem Ruf gefolgt – darunter unter anderem Michael Herman (Oxford), Shpiro Shlomo (Bar Ilan University), Kristie Macrakis (Atlanta) oder Matitiahu Mayzel (Cummings Center for Russian and Eurasian Studies, Tel Aviv University)
Unter den heutigen Referenten ist auch der erst 24 jährige Mainzer Student Peter Hammerschmidt, der im vergangenen Jahr im Rahmen seinen Recherchen erstmals im Archiv des Bundesnachrichtendienstes Akten zu Klaus Barbie, dem „Schlächter von Lyon“, einsehen durfte.
Seine exklusiven Recherchen belegten: Barbie war Agent des BND von Mai bis Dezember 1966. Für seine Arbeit erhielt der Kriegsverbrecher insgesamt 5300 DM aus dem Topf bundesdeutscher Steuergelder.
Und Hammerschmidt? Der Youngster, der in wenigen Wochen sein erstes Staatsexamen ablegen wird, rückte innerhalb weniger Wochen ins mediale und fachwissenschaftliche Rampenlicht, trieb mit seinen Forschungen gar die Bundesregierung vor sich her (Internationale Medien berichteten).
Es verwundert daher nicht, dass sein Vortrag mit dem Thema „The Butcher of Lyon on BND and CIC/CIA Payroll“ mit Spannung erwartet wurde.
Nach Hammerschmidts Recherchen steht nunmehr fest: Die Waffenhandelsfirma „MEREX“ vertrieb 1966 überschüssiges Bundeswehrmaterial an lateinamerikanische Staaten. Unterstützt wurde das Unternehmen direkt vom BND, der dabei half, die Waffendeals an südamerikanische Militärdiktaturen mit dem Verteidigungsministerium abzuwickeln. Brisant ist, dass die MEREX – mit Unterstützung des BND - in Lateinamerika auf ein etabliertes Netzwerk ehemaliger SS-Kameraden zurückgriff: Bereits zu Beginn der 1960er Jahre hatten Barbie, Friedrich Schwend (während des Krieges: Unternehmen Bernhard) und das Flieger-Ass Hans-Ulrich Rudel „La Estrella“ (Der Stern“ gegründet – ein Netzwerk, mit Hilfe dessen sich ehemalige NS-Verbrecher unterstützten. Die Merex trat an Rudel heran, wurde daraufhin an Schwend und von diesem dann an Barbie vermittelt. Auf der Merex-Tour durch Lateinamerika, wo die Firma nach verlässlichen Repräsentanten des Unternehmens suchte, kam man auch mit anderen Mitgliedern von La Estrella in Kontakt: Willem Sassen und Otto Skorzeny. Beide wurden als Repräsentanten für die MEREX geworben und fanden anschließend, so Hammerschmidts These, ebenso wie Barbie, Schwend und Rudel, den Weg auf die Soldliste des westdeutschen Geheimdienstes. (vgl. Taz)
Die Analysen, die Hammerschmidt auf einer Power-Point beeindruckend zusammenfasst, scheinen in Konkurrenz zu dem offiziellen Forschungsvorhaben der UHK zu stehen – enthüllt der Junghistoriker mit seinen mühevoll aus US-amerikanischen Archiven doch Ergebnisse, mit denen er den Forschungen der Kommission vorausgreift.
Dabei scheint klar: Sollte die Kommission einen der Forschungsschwerpunkte auf das Beziehungsgeflecht des BND mit den in Südamerika untergetauchten NS-Eliten legen, wird sie ohne Hammerschmidts Vorarbeit nicht auskommen. Längst ist der Mainzer in diesem Sujet zum Experten avanciert.
Bleibt abzuwarten, inwiefern sich die Kommission auch der Kollaboration des BND mit NS-Eliten in Südamerika widmen – dass dieser Schwerpunkt ein besonders düsteres Kapitel der BND-Geschichte offenbart ist nunmehr von Hammerschmidt deutlich belegt worden.
Blor
Hinweis: Weiterer Beitrag zum Thema bei der TAZ
German Angst
15.Mai.2011 22:41 Uhr

Der Deutsche, denkt man vor allem in den USA, neigt kollektiv einerseits zur ängstlichen Zögerlichkeit, andererseits zur Überheblichkeit: „Mit den komplementären Begriffen German Angst (englisch, etwa: „typisch deutsche Zögerlichkeit“) und German assertiveness (etwa: „typisch deutsche Überheblichkeit“) werden im angelsächsischen Sprachraum als charakteristisch empfundene, gesellschaftliche und politische, kollektive Verhaltensweisen der Deutschen bezeichnet. Die Begriffe werden im Deutschen verwendet, um derartige – reale oder vermeintliche – Einschätzungen aus dem Ausland zu kolportieren.“ (Wikipedia) In letzter Zeit - nach Fukushima- hat man den Begriff wieder einmal strapaziert, um die als überzogen empfundene Sorge der Deutschen vor der Atomkraft zu charakterisieren: „Verstrahlt in Fukushima ein Atomkraftwerk die Umgebung, setzt im neuntausend Kilometer entfernten Deutschland ein Run auf Geigerzähler ein, verbunden mit dem Rat, japanischen Grüntee zu meiden, riecht das verdächtig nach Überreaktion.“ (NZZ) Die Sorge vor dem Tee mag so übertrieben sein wie die Befürchtung, einem Forellenteich im Bergischen Land könne ein Tsunami entspringen (das obere Foto ist keine Fotomontage). Dennoch empfinde ich die Besorgnis angesichts der Risiken der Atomkraft nicht als archaischen Fluchtreflex, sondern als rationale Distanzierung gegenüber einer Technologie, die Risiken für viele folgende Generationen in sich birgt. Irrational erscheinen mir die Wahrscheinlichkeitsrechnungen, die eine Havarie in den Bereich eines Lottogewinns mit umgekehrten Vorzeichen verbannen- die Realität sieht nun einmal anders aus. Angst ist angesichts der realen und möglichen Folgen dieser Technologie kein schlechter Ratgeber.
Angst ist sowohl eine Überlebenshilfe als auch - in der irrlichternden Variante- ein Mittel zur Realitätsflucht: „Angst verleiht Flügel. Angst ist ein schlechter Ratgeber. Angst ist für die Seele ebenso gesund wie ein Bad für den Körper. Blinder als blind ist der Ängstliche. Wer keine Angst hat, hat keine Phantasie. Und so weiter und so fort, Spruchweisheit reiht sich an Spruchweisheit, zu jedem Lob findet sich ein Verdikt. Das Reden über Angst steckt voller Ambivalenz. Angst ist eine evolutionäre Mitgift, unentbehrlich als Überlebenshilfe. Aber sie kann selbstreferenziell und phantasmagorisch werden, «grundlos» im doppelten Sinn von «unbegründet» und «bodenlos». (NZZ)
Angst ist aber auch ein Aspekt des Ego, das sich nicht von ungefähr fürchtet, angegriffen, in Frage gestellt, überrumpelt zu werden. Das Ego befindet sich in einem dauernden Abwehrgefecht gegen die eigene In-Frage-Stellung- nicht zuletzt deshalb, weil es spätestens mit dem Tod tatsächlich seine Existenz beenden wird. Die drohende existentielle Nicht- Existenz mobilisiert einen Großteil der Kräfte, die bewirken, dass wir tätig sind, dass wir uns bewahren, dass wir etwas schaffen, was vielleicht Bestand hat. In diesem Sinne ist Angst ein Konstitutivum unseres Daseins. Aber die Angst vor dem nächsten Tag, vor einer kommenden Aufgabe, vor Überraschungen, die Angst vor der In-Frage-Stellung kann uns auch zugleich lähmen. Daher gilt es -nicht nur in der Anthroposophie- als ein wesentliches Merkmal in der spirituellen Entwicklung, eine existentielle Gelassenheit zu entwickeln. In dem Augenblick, in dem eine tiefere Seinsebene zur Erfahrung wird, löst sich die dauernde Sorge vor dem Nicht- Bestehen als irrelevant auf.
Aber Angst hat, so Rudolf Steiner, noch eine Ebene, die noch tiefer gründet und bis in den physischen Leib hinein reicht: „Wir Menschen haben auch die Angst in uns. In unserer Zehe, in den Beinen, in dem Bauche, überall steckt die Angst. Nur über das Zwerchfell traut sie sich nicht herauf, kommt nur herauf, wenn wir Angstträume haben. Aber in uns steckt die Angst. Doch die Angst hat ihren guten Zweck; sie hält unseren Organismus zusammen. Und in den Knochen, da steckt die allermeiste Angst. Die Knochen sind so fest, weil da eine furchtbare Angst drinnen steckt. Die Angst ist es, die die Knochen fest hält.“ (R. Steiner, GA 350, Seite 192)
In diesem Sinne ist die Angst die Grundlage unserer leiblichen Existenz überhaupt- die Kraft, die uns im Kern zusammen hält und zu körperlichen Geschöpfen macht. Wir spüren sie in dieser Dimension nur, wenn es tatsächlich ums Ganze geht, wenn uns der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Das ist die Ebene, die nicht zu lösen und zu lindern ist, sondern nur zu ertragen, wenn es so weit ist. Es ist das „Kreuz“ im tiefsten und im weitesten Sinne- dasselbe Kreuz, derselbe Weg, der von Christus so weit erfahren werden musste, dass selbst er sich von Gott verlassen fühlte..
Klaus Barbie wird Thema in Deutschland
19.Jan.2011 20:42 Uhr
Aufgeschreckt durch die Recherchen des jungen Historikers Peter Hammerschmidt, der hier im Blog in einem Interview vom 8. Januar dieses Jahres davon berichtet hat, sind dem SPIEGEL offenbar durch den BND Information über dessen Zusammenarbeit mit Klaus Barbie („Nazi- Verbrecher Barbie war BND- Agent“) zugespielt worden. Der SPIEGEL brachte die Nachricht am 15. Januar- ohne die Arbeit von Hammerschmidt zu erwähnen. Inzwischen berichten - die Arbeit des Historikers anerkennend- die Berliner Zeitung darüber, Portal Amerika, Prensa Latina, Telepolis und The Telegraph: „Der Spiegel berichtet, Barbie sei im Frühjahr 1966 vom BND angeworben worden. Der Kriegsverbrecher, der damals unter dem Namen Klaus Altmann in der bolivianischen Hauptstadt La Paz lebte, werde in der BND-Akte als ein Mann „kerndeutscher Gesinnung“ und „entschiedener Kommunistengegner“ beschrieben. Barbie alias Altmann soll als Agent „Adler“ mit der Registriernummer V-43118 Berichte über politische Entwicklungen in Südamerika geliefert haben.
Auf die Akte Barbies war der Historiker Peter Hammerschmidt von der Uni Mainz im September gestoßen. Sein Antrag auf Akteneinsicht hatte der BND zunächst abgelehnt, nach einer Beschwerde beim Kanzleramt jedoch bewilligt. Laut Hammerschmidt lege die Akte den Verdacht nahe, dass dem Dienst zumindest bei der Anwerbung des Exildeutschen im Jahre 1966 gar nicht bewusst gewesen sei, in Wirklichkeit Barbie vor sich zu haben. Erst im Dezember 1966, als man den Agenten zu Schulungszwecken nach Deutschland holen wollte, seien die Geheimdienstler stutzig geworden: Altmann habe gesagt, dass seit Kriegsende in Ludwigsburg Ermittlungen gegen ihn laufen würden und er daher nicht einreisen könne. Wegen „erheblicher Sicherheitsgefährdung für den BND“ wurde die Quelle umgehend abgeschaltet – als Abfindung erhielt Barbie 1.000 DM in bar.“ (Berliner Zeitung)
Die Arbeit von Peter Hammerschmidt - "Der Schlächter von Lyon" im Sold der USA - Über die Beziehungen zwischen Klaus Barbie und dem amerikanischen Geheimdienst- wird im Laufe des Jahres erscheinen.
Offenbar möchte sich der BND ein transparenteres Image geben- weitere Akten- Offenlegungen sind angekündigt. Vielleicht wollte auch nur der Recherche von Hammerschmidt zuvor kommen. Eigentlich sind Hammerschmidt und ich nur deshalb bekannt geworden, weil ich öffentlich fragte, warum in Deutschland eigentlich so wenig über Barbie publiziert und geforscht worden sei. Die Frage ist nun so weit beantwortet- der BND hatte offenbar den Daumen darauf. Nun also kommen die Karten aber auf den Tisch.
Auf die Akte Barbies war der Historiker Peter Hammerschmidt von der Uni Mainz im September gestoßen. Sein Antrag auf Akteneinsicht hatte der BND zunächst abgelehnt, nach einer Beschwerde beim Kanzleramt jedoch bewilligt. Laut Hammerschmidt lege die Akte den Verdacht nahe, dass dem Dienst zumindest bei der Anwerbung des Exildeutschen im Jahre 1966 gar nicht bewusst gewesen sei, in Wirklichkeit Barbie vor sich zu haben. Erst im Dezember 1966, als man den Agenten zu Schulungszwecken nach Deutschland holen wollte, seien die Geheimdienstler stutzig geworden: Altmann habe gesagt, dass seit Kriegsende in Ludwigsburg Ermittlungen gegen ihn laufen würden und er daher nicht einreisen könne. Wegen „erheblicher Sicherheitsgefährdung für den BND“ wurde die Quelle umgehend abgeschaltet – als Abfindung erhielt Barbie 1.000 DM in bar.“ (Berliner Zeitung)
Die Arbeit von Peter Hammerschmidt - "Der Schlächter von Lyon" im Sold der USA - Über die Beziehungen zwischen Klaus Barbie und dem amerikanischen Geheimdienst- wird im Laufe des Jahres erscheinen.
Offenbar möchte sich der BND ein transparenteres Image geben- weitere Akten- Offenlegungen sind angekündigt. Vielleicht wollte auch nur der Recherche von Hammerschmidt zuvor kommen. Eigentlich sind Hammerschmidt und ich nur deshalb bekannt geworden, weil ich öffentlich fragte, warum in Deutschland eigentlich so wenig über Barbie publiziert und geforscht worden sei. Die Frage ist nun so weit beantwortet- der BND hatte offenbar den Daumen darauf. Nun also kommen die Karten aber auf den Tisch.
Michael Eggert: Ein Lob der Zeitverschwendung
18.Jan.2011 23:38 Uhr
In letzter Zeit habe ich mich gern auf den satanischen Facebook (auch satanisch!) -Seiten der Marx- Brothers der Anthroposophischen Bewegung (Felix, Ansgar, Christoph, Christian) herum getrieben und auch ungefragt Tipps zur anstehenden Publikation von deren Buch „Endstation Dornach“ gegeben; Motto: Wenn schon satanisch, dann richtig - denn zu revolutionären Inhalten gehört ein revolutionäres Layout. Bei dieser Gelegenheit habe ich auch den Cartoon „Kamaloka“ hoch geladen und wurde darob von dritter Seite schwer gerügt. Denn erstens gehöre sich Sarkasmus nicht und zweitens sei das „Zeitverschwendung“. Ich antwortete, ich fände Zeitverschwendung geil, worauf sich der (offensichtlich anthroposophische) Kritiker mit verächtlichem Schulterzucken von mir abwandte.
Luxus und Zeitverschwendung- geht das nicht Hand in Hand? Der wahre Luxus ist natürlich ein meditatives Leben, ein kontemplativer Lebensstil. Man fällt dadurch nicht nur aus nahezu allen Ideologien der Gegenwart hinaus, die stets das Mehr und Besser propagieren. Man frönt eben auch dem Luxus Zeit schlechthin. Wie viele Menschen unter den Milliarden Erdbewohnern können sich einen solchen Luxus leisten, sind sie doch gebeutelt von prekären Geld- und Arbeitsverhältnissen? Diese Website heisst auch deshalb „Egoisten“, weil hier der Luxus der Zeitverschwendung propagiert wird- sofern man es sich leisten kann und will.
In die Fluten des reinen Denkens einzutauchen, ist ja immer auch eine Übung in Absichtslosigkeit. Zwar lässt man sich - hoch konzentriert- ganz und gar nicht treiben, taucht aber so tief, dass man in der Situation zwar jederzeit voll bewusst und wach ist. Aber im Strom der Absichtslosigkeit und reinen Gegenwärtigkeit zu stehen bedeutet auch, dass man sich auf einer Ebene bewegt, die dem Tiefschlaf ähnelt- man kann sich hinterher kaum an etwas Konkretes erinnern. Man fühlt sich zwar erfrischt, als hätte man einen Jungbrunnen aufgesucht, weiss aber nicht genau, was man da gemacht hat. Allerdings kommt man an den Rändern der meditativen Versenkung in einen Zwischenbereich, der dem Träumen ähnelt. Wie im Traum kommen auch die konkreten Alltagsprobleme auf einen zu. Man umkreist sie, schaut sie von allen Seiten an. Anders als im Traum ist man Herr des Geschehens- es entwickeln sich keine unwillkürlichen Bilderfolgen. Vielmehr wird einem in dieser imaginativen Situation klar, wie man dem Problem begegnen kann. Es ist ein Missverständnis, zu glauben, Imaginationen müssten bildhafter Natur im engeren Sinne sein. Die Konzentration der gedanklichen Lösungsansätze ist aber ganz anders; man hat Gedanken nicht nacheinander, sondern „in einem“, als wäre es ein Paket, das man erst später aufschnüren kann.
Hinterher, im diskursiven Alltagsbewusstsein, entfaltet man das „Paket“ in eine logische und zeitliche Folge. Oft sieht man, dass das, was eben noch so kompakt erschien, sich in eine Fülle von Ideen entblättert. In dieser Hinsicht ist Imagination ein Denken in dreidimensionaler Art und Weise, nicht in linearer. Am besten schreibt man das alles auf. Es erweist sich meist als relevant und fruchtbar.
Die „Zeitverschwendung“, die praktizierte Absichtslosigkeit kürzt in Wirklichkeit die Wege ab. Vielleicht wäre man auch anders auf die Lösungswege gekommen, aber es hätte viel Zeit gekostet. In der Zeitlosigkeit dagegen wachsen die Ideen wie eine Wiese voller Blumen. Man kommt mit einer leeren Vase zu Besuch, und kehrt mit einem überreichen Strauß zurück.
Luxus und Zeitverschwendung- geht das nicht Hand in Hand? Der wahre Luxus ist natürlich ein meditatives Leben, ein kontemplativer Lebensstil. Man fällt dadurch nicht nur aus nahezu allen Ideologien der Gegenwart hinaus, die stets das Mehr und Besser propagieren. Man frönt eben auch dem Luxus Zeit schlechthin. Wie viele Menschen unter den Milliarden Erdbewohnern können sich einen solchen Luxus leisten, sind sie doch gebeutelt von prekären Geld- und Arbeitsverhältnissen? Diese Website heisst auch deshalb „Egoisten“, weil hier der Luxus der Zeitverschwendung propagiert wird- sofern man es sich leisten kann und will.
In die Fluten des reinen Denkens einzutauchen, ist ja immer auch eine Übung in Absichtslosigkeit. Zwar lässt man sich - hoch konzentriert- ganz und gar nicht treiben, taucht aber so tief, dass man in der Situation zwar jederzeit voll bewusst und wach ist. Aber im Strom der Absichtslosigkeit und reinen Gegenwärtigkeit zu stehen bedeutet auch, dass man sich auf einer Ebene bewegt, die dem Tiefschlaf ähnelt- man kann sich hinterher kaum an etwas Konkretes erinnern. Man fühlt sich zwar erfrischt, als hätte man einen Jungbrunnen aufgesucht, weiss aber nicht genau, was man da gemacht hat. Allerdings kommt man an den Rändern der meditativen Versenkung in einen Zwischenbereich, der dem Träumen ähnelt. Wie im Traum kommen auch die konkreten Alltagsprobleme auf einen zu. Man umkreist sie, schaut sie von allen Seiten an. Anders als im Traum ist man Herr des Geschehens- es entwickeln sich keine unwillkürlichen Bilderfolgen. Vielmehr wird einem in dieser imaginativen Situation klar, wie man dem Problem begegnen kann. Es ist ein Missverständnis, zu glauben, Imaginationen müssten bildhafter Natur im engeren Sinne sein. Die Konzentration der gedanklichen Lösungsansätze ist aber ganz anders; man hat Gedanken nicht nacheinander, sondern „in einem“, als wäre es ein Paket, das man erst später aufschnüren kann.
Hinterher, im diskursiven Alltagsbewusstsein, entfaltet man das „Paket“ in eine logische und zeitliche Folge. Oft sieht man, dass das, was eben noch so kompakt erschien, sich in eine Fülle von Ideen entblättert. In dieser Hinsicht ist Imagination ein Denken in dreidimensionaler Art und Weise, nicht in linearer. Am besten schreibt man das alles auf. Es erweist sich meist als relevant und fruchtbar.
Die „Zeitverschwendung“, die praktizierte Absichtslosigkeit kürzt in Wirklichkeit die Wege ab. Vielleicht wäre man auch anders auf die Lösungswege gekommen, aber es hätte viel Zeit gekostet. In der Zeitlosigkeit dagegen wachsen die Ideen wie eine Wiese voller Blumen. Man kommt mit einer leeren Vase zu Besuch, und kehrt mit einem überreichen Strauß zurück.
Echsen
16.Jan.2011 23:15 Uhr
Am Ende lässt man es vielleicht nur deshalb sein, dieser Eine zu sein, zu dem man neigte, weil es so anstrengend ist. Es ist eine Mischung zwischen Schwäche und Begabung, dann treibt einen etwas, so wie bei dem, den ich jetzt meine- ein Genuss an sich, eine tiefe Selbstzufriedenheit, es so weit gebracht zu haben. Natürlich zieht man ab und zu Bilanz, und das sind selten die angenehmsten Momente.
Bei diesem, den ich meine, aber schon. Er war jetzt ein angesehner Heilpraktiker mit einem einzigen Präparat, das er erfolgreich gegen alles Mögliche einsetzte. Er half manchen gebeutelten Patienten wirklich und war beinahe überlaufen. Ich glaube, er war auch ein wenig überrascht über sich selbst. Gediegene Praxis in bester Villenlage, eine jüngere Frau, die eindeutige Signale sendete, sich zur örtlichen Schickeria hinzuzählen zu dürfen. Ich denke, früher, am Anfang, hat nicht einmal er selbst sich etwas zugetraut. Aber er wuchs quasi mit den Jahren und durch glückliche Fügung (Beziehungen, väterliches Erbe) in sein selbst zufriedenes Lächeln hinein, das irgendwann mal unangebracht war, jetzt aber in Ordnung. Er ließ es sich gut gehen und drehte immer geschickter an den Schrauben und Rädchen, die es brauchte, um so eine Position auszubauen. Er war immer auf dem Sprung. Er war nicht dumm.
Aber auch nicht ganz frei in seinem Blick auf die Klienten. Natürlich lag es in seinem Interesse, Anzeichen in Krankheitsbildern zu entdecken, die zum langfristigen Gebrauch seines Präparates geradezu verpflichteten. Er fand ununterbrochen dafür gute Gründe. Er war auch so teuer und ausgebucht, dass eine Verbesserung der Symptome der Klienten sich schon allein deshalb einstellte. Er war, mit einem Wort, sehr erfolgreich.
Wie kommt es, dass man manchmal mitten im Lauf, wenn sich Eins ans Andere reiht, dennoch und gegen jede Vernunft, die Lust verspürt, daraus auszubrechen? Es hängt so vieles daran, nicht nur die eigene Existenz, auch Ehe und Familie und der ganze soziale Kontext. Manchen greift es kalt ans Herz, wenn alles so läuft, wie es läuft. Man greift wenigstens zu Fantasien. Ein anderes Leben. Man romantisiert die Zeit, als die Bindungen noch nicht so zwingend waren, als die Wahl noch offen stand. Man ist nicht identisch mit dem, was man lebt. In sich bewegt man andere mögliche Existenzformen. Es ist nicht immer leicht, sich in das zu fügen, was man hat, und darin das zu entdecken, was sich entwickeln kann. Es ist schwierig, die Entdeckungslust lebendig zu halten, wenn man einmal eine Form gefunden hat.
Manche wirft es auch einfach aus der Bahn. Unversehens, und ohne bemerkbare Vorzeichen. Man war gewissermaßen geblendet von der scheinbaren Sicherheit des eingeschlagenen Weges. Es war nicht damit zu rechnen, und es war auch nicht besonders fair, dass etwas einem plötzlich einfach den Teppich unter den Füßen wegzog. Natürlich ist es blöd, zu hadern, aber es ist auch schwierig, es nicht zu tun. Auch das Hadern kann zu einer festen Persona werden, in die man erst hinein wächst, und die sich dann um einen verschliesst wie eine Dornenhecke aus dem Märchen. Am Ende sitzt man fest wie dieser, den ich vorhin meinte. Vielleicht nicht selbstzufrieden, sondern das Gegenteil davon. Vielleicht auch, heimlich, zufrieden in der Unzufriedenheit.
Es ist schwer, zwischen den Formen die innere Freiheit - wenigstens in Momenten - zu wahren und zu pflegen. Man wächst immer in die Formen hinein. Wir sind wie Echsen, denen stets ein Panzer wächst.
Bei diesem, den ich meine, aber schon. Er war jetzt ein angesehner Heilpraktiker mit einem einzigen Präparat, das er erfolgreich gegen alles Mögliche einsetzte. Er half manchen gebeutelten Patienten wirklich und war beinahe überlaufen. Ich glaube, er war auch ein wenig überrascht über sich selbst. Gediegene Praxis in bester Villenlage, eine jüngere Frau, die eindeutige Signale sendete, sich zur örtlichen Schickeria hinzuzählen zu dürfen. Ich denke, früher, am Anfang, hat nicht einmal er selbst sich etwas zugetraut. Aber er wuchs quasi mit den Jahren und durch glückliche Fügung (Beziehungen, väterliches Erbe) in sein selbst zufriedenes Lächeln hinein, das irgendwann mal unangebracht war, jetzt aber in Ordnung. Er ließ es sich gut gehen und drehte immer geschickter an den Schrauben und Rädchen, die es brauchte, um so eine Position auszubauen. Er war immer auf dem Sprung. Er war nicht dumm.
Aber auch nicht ganz frei in seinem Blick auf die Klienten. Natürlich lag es in seinem Interesse, Anzeichen in Krankheitsbildern zu entdecken, die zum langfristigen Gebrauch seines Präparates geradezu verpflichteten. Er fand ununterbrochen dafür gute Gründe. Er war auch so teuer und ausgebucht, dass eine Verbesserung der Symptome der Klienten sich schon allein deshalb einstellte. Er war, mit einem Wort, sehr erfolgreich.
Wie kommt es, dass man manchmal mitten im Lauf, wenn sich Eins ans Andere reiht, dennoch und gegen jede Vernunft, die Lust verspürt, daraus auszubrechen? Es hängt so vieles daran, nicht nur die eigene Existenz, auch Ehe und Familie und der ganze soziale Kontext. Manchen greift es kalt ans Herz, wenn alles so läuft, wie es läuft. Man greift wenigstens zu Fantasien. Ein anderes Leben. Man romantisiert die Zeit, als die Bindungen noch nicht so zwingend waren, als die Wahl noch offen stand. Man ist nicht identisch mit dem, was man lebt. In sich bewegt man andere mögliche Existenzformen. Es ist nicht immer leicht, sich in das zu fügen, was man hat, und darin das zu entdecken, was sich entwickeln kann. Es ist schwierig, die Entdeckungslust lebendig zu halten, wenn man einmal eine Form gefunden hat.
Manche wirft es auch einfach aus der Bahn. Unversehens, und ohne bemerkbare Vorzeichen. Man war gewissermaßen geblendet von der scheinbaren Sicherheit des eingeschlagenen Weges. Es war nicht damit zu rechnen, und es war auch nicht besonders fair, dass etwas einem plötzlich einfach den Teppich unter den Füßen wegzog. Natürlich ist es blöd, zu hadern, aber es ist auch schwierig, es nicht zu tun. Auch das Hadern kann zu einer festen Persona werden, in die man erst hinein wächst, und die sich dann um einen verschliesst wie eine Dornenhecke aus dem Märchen. Am Ende sitzt man fest wie dieser, den ich vorhin meinte. Vielleicht nicht selbstzufrieden, sondern das Gegenteil davon. Vielleicht auch, heimlich, zufrieden in der Unzufriedenheit.
Es ist schwer, zwischen den Formen die innere Freiheit - wenigstens in Momenten - zu wahren und zu pflegen. Man wächst immer in die Formen hinein. Wir sind wie Echsen, denen stets ein Panzer wächst.
Es wikileakt an allen Ecken und Enden
14.Dez.2010 20:22 Uhr
Falls Sie zufällig ein abgehalfteter Topspion, pensionierter Bundeswehrstratege oder frustrierter CDU- Pressesprecher sein sollten, gibt es nun endlich im Bann von WikiLeaks Gelegenheit, sich an Ihrem Arbeitgeber zu rächen. Nein, Sie müssen nicht Kontakt mit Herrn Assange aufnehmen, denn auch die ganz normale Presse möchte ein Stück vom geheimen Kuchen abbekommen. Daher hat die WAZ- Gruppe ein Portal eröffnet, auf dem Sie Ihre Informationen anonym loswerden können:
"Die Essener WAZ-Mediengruppe hat ein Portal eingerichtet, über das anonym Informationen hochgeladen werden können. "Wir wissen, dass es viele Menschen gibt, die Zeugen zweifelhafter Vorgänge sind", steht auf der Seite zu lesen. "Wir wissen genauso, dass es viele Menschen gibt, die über Dokumente, Filme oder Verträge verfügen, die sie veröffentlicht sehen wollen, um Missstände zu offenbaren und Diskussionen anzuregen."
Das Hochladen und Versenden von Material sowie das Schreiben einer E-Mail erfolgt dabei SSL-verschlüsselt von Ende zu Ende. Die Sitzungsdaten werden zudem automatisch anonymisiert."
Sie empfinden ein solches Angebot als Armutszeichen für den klassischen Journalismus? Sind die "investigativen" Journalisten seit den legendären Zeiten der Washington Post ausgestorben und haben ihren Platz 400-Euro-Jobbern überlassen? Diese Vermutung hat etwas für sich. Das Zuspielen von Datenlöchern gewinnt gegenüber der umfassenden Recherche immer mehr Raum: "Die eingereichten Unterlagen sollen als Quellen für Geschichten dienen, die journalistisch aufgearbeitet werden." Aufgearbeitet, ach so. Neudeutsch bedeutet das: Verwurstet.
Natürlich gibt es den seriösen Journalismus, aber er ist in einer verzweifelten Defensive. So darf man jedenfalls die in Niggemeiers Blog dargestellten Zustände bei GEO verstehen. In dieser einst erfolgreichen Zeitschrift werden Artikel der eigenen Autoren massentauglich frisiert und derartig entstellt, dass zumindest ein Autor dagegen klagte - und gewann" "Der 67-jährige Jungblut schreibt seit Jahrzehnten als freier Autor für „Geo” und andere Magazine. Einige seiner Reportagen, zum Beispiel undercover als Steuermann auf einem Supertanker, sind als Bücher erschienen. Früher, sagt er, sei „Geo” ein ausgesprochenes Autorenblatt gewesen, in dem die Schreiber und ihre spezielle Schreibe weit mehr respektiert wurden als bei anderen Zeitschriften. Heute seien extensive Textänderungen die Regel. Dadurch seien sogar so renommierte Autoren wie Horst Stern und die spätere Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller vergrault worden."
Die Hintergründe für diese hektische Betriebsamkeit dieser Zeitschrift kann man im selben Ursprung sehen wie das genannte Angebot der WAZ: Es muss Quote gemacht werden, da der Umsatz kontinuierlich sinkt. Man kann das bei MEEDIA überprüfen. GEO z.B. hat in den letzten Jahren etwa 30% seiner Leser verloren, und der Trend hält an.
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Kommentare ggf im Egoistenblog hinterlassen
"Die Essener WAZ-Mediengruppe hat ein Portal eingerichtet, über das anonym Informationen hochgeladen werden können. "Wir wissen, dass es viele Menschen gibt, die Zeugen zweifelhafter Vorgänge sind", steht auf der Seite zu lesen. "Wir wissen genauso, dass es viele Menschen gibt, die über Dokumente, Filme oder Verträge verfügen, die sie veröffentlicht sehen wollen, um Missstände zu offenbaren und Diskussionen anzuregen."
Das Hochladen und Versenden von Material sowie das Schreiben einer E-Mail erfolgt dabei SSL-verschlüsselt von Ende zu Ende. Die Sitzungsdaten werden zudem automatisch anonymisiert."
Sie empfinden ein solches Angebot als Armutszeichen für den klassischen Journalismus? Sind die "investigativen" Journalisten seit den legendären Zeiten der Washington Post ausgestorben und haben ihren Platz 400-Euro-Jobbern überlassen? Diese Vermutung hat etwas für sich. Das Zuspielen von Datenlöchern gewinnt gegenüber der umfassenden Recherche immer mehr Raum: "Die eingereichten Unterlagen sollen als Quellen für Geschichten dienen, die journalistisch aufgearbeitet werden." Aufgearbeitet, ach so. Neudeutsch bedeutet das: Verwurstet.
Natürlich gibt es den seriösen Journalismus, aber er ist in einer verzweifelten Defensive. So darf man jedenfalls die in Niggemeiers Blog dargestellten Zustände bei GEO verstehen. In dieser einst erfolgreichen Zeitschrift werden Artikel der eigenen Autoren massentauglich frisiert und derartig entstellt, dass zumindest ein Autor dagegen klagte - und gewann" "Der 67-jährige Jungblut schreibt seit Jahrzehnten als freier Autor für „Geo” und andere Magazine. Einige seiner Reportagen, zum Beispiel undercover als Steuermann auf einem Supertanker, sind als Bücher erschienen. Früher, sagt er, sei „Geo” ein ausgesprochenes Autorenblatt gewesen, in dem die Schreiber und ihre spezielle Schreibe weit mehr respektiert wurden als bei anderen Zeitschriften. Heute seien extensive Textänderungen die Regel. Dadurch seien sogar so renommierte Autoren wie Horst Stern und die spätere Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller vergrault worden."
Die Hintergründe für diese hektische Betriebsamkeit dieser Zeitschrift kann man im selben Ursprung sehen wie das genannte Angebot der WAZ: Es muss Quote gemacht werden, da der Umsatz kontinuierlich sinkt. Man kann das bei MEEDIA überprüfen. GEO z.B. hat in den letzten Jahren etwa 30% seiner Leser verloren, und der Trend hält an.
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Wikirebels
10.Dez.2010 21:08 Uhr
Eine umfangreiche (englischsprachige) Dokumentation. Inmitten dieser beispiellosen Ereignisse, in denen die westlichen Nationen in Sachen Pressefreiheit nicht gerade eine gute Figur machen, sondern primitive Attacken gegen Assange starten und damit eine Art Cyberwar auslösen, muss man auch den Preis beachten, der für diese Transparanz zu zahlen ist. Denn die Arbeit der Diplomaten - beispielsweise in Ost-Timor- ist akut bedroht, weil ihre Informanten durch solche Indiskretionen um ihr Leben fürchten müssen. Hier ein Artikel zu diesem Thema, der die Schattenseite von Wikileaks beleuchtet: „Allow me to illustrate with an example. Every few months, I would visit a little whitewashed school in the hills of Indonesian-occupied East Timor. The young teacher who ran the school would cheerfully bring me into her office, and we would chat about small things while her uniformed students would serve us homemade buns and strong coffee in chipped porcelain. Once the students left and the office door closed, the teacher would open her desk drawer and with a shaking hand give me horrifying photos of disinterred bodies. The Timorese resistance would dig up the fresh graves of torture victims, take photos for evidence, and pass them through their underground networks to this teacher, who would then get them out of the country through me and other diplomats. With that information we knew what the Indonesian military was doing in secret. We could better confront Jakarta, and we could assert more pressure on them to stop.“
Assange ist der Robin Hood unserer Tage. Er verteilt nicht Geld, sondern Informationen. Die Folgen des politischen Vertrauensverlusts, der durch diese Diebstähle angerichtet wird, zeigen sich in der Provinz, in Jakarta und anderswo- eben dort, wo wir es kaum wahrnehmen.
"Eine Frage noch.."
08.Dez.2010 20:07 Uhr
„Entschuldigung“ sagt man meistens, wenn man unvermittelt einen Passanten anspricht, um nach dem weg oder der Uhrzeit zu fragen. Man entschuldigt sich - so Jürgen Kaube in der kleinen Reflektion „Sich melden“ (FAZ, Nr. 286, Seite N3)- für die Kontaktaufnahme. Im Gegensatz dazu steht die Interruption des „Eine Frage noch..“ („Eine Frage noch, wie lange geht das denn noch heute Abend?“). In diesem Fall entschuldigt man sich nicht unbedingt, überschreitet aber dennoch Grenzen, weil man aus dem zu erwartenden Ablauf oder Kontext ausschert. Es geht keine Entschuldigung voraus, aber man kündigt vorsichtshalber die eventuell ungebührliche, persönliche Frage an. Man fordert damit quasi einen Freiraum ein, etwas Unerwartetes zu fragen, und in diesem Zusammenhang eine gewisse „außerplanmäßige Zuwendung“ zu verlangen. Es gibt Leute, die haben dieses Außerplanmäßige gewissermaßen zum Prinzip erhoben und nerven auf der Studienreise damit geradezu planmäßig.
Jürgen Kaube will nun auf etwas Bestimmtes hinaus, nämlich auf den Einsatz solcher „außerplanmäßigen Zuwendung“ auf Schüler in ihrem Unterricht. Er bezieht sich auf eine neue Studie des Erziehungswissenschaftlers Thomas Wenzl („Sich melden“). Darin wird festgestellt, dass die Schulneulinge zunächst lernen, Melderegeln zu beachten, indem sie möglichst nicht in die Klasse rufen und möglichst mit ihren Beiträgen im Thema bleiben. In der vierten Klasse halten Schüler diese Regeln meist einigermaßen ein, schnipsen aber, rudern mit den Armen und machen Geräusche, um drangenommen zu werden, wenn sie sich melden. In der fünften Klasse kommt dann das „situative Brechen der Melderegel“ durch das „Ich hab da mal eine Frage“. Dies ist zwar das Einfordern von Zuwendung und Redezeit, weicht auch vom zu erwartenden Ablauf ab, tut dies nach der Studie nicht mit privaten Anliegen. Ihr Anliegen nimmt einen anderen Standpunkt ein, bleibt aber im thematischen Kontext und bereichert diesen mit einem unkonventionellen Blickwinkel. Die Schüler haben dies zu unterscheiden gelernt; ihr Fragestandpunkt beleuchtet das Thema von außen, bereichert es aber. Dieser besondere Sichtwinkel erfordert eine gewisse Ankündigung.
Die Pointe dieser Studie liegt darin, dass in der Studie gerade das Fragen im sozialen Kontext betrachtet wird. Das lange verbreitete Ideal möglichst individuellen Unterrichts wird hier nicht vertreten, sondern eine Haltung, die aus der individuellen Fragehaltung heraus dennoch orientiert ist an der Bedeutung für alle. Das ist eine Grundkompetenz, die sonst in den pädagogischen Zielsetzungen nicht beachtet wird. Es ist auch dies eine Zielsetzung, die originär in den schulischen Kontext hinein gehört- in der Familie, in der Peergroup geht es selten darum, sich an einem thematischen Kontext zu orientieren. Die Fokussierung darauf ist gerade Sache von Schule. Unsachliche und allzu persönliche Anliegen wirken im Fluss der Beiträge, Diskussionen und Arbeiten eher störend. Es wird also gerade gelehrt, durch den individuellen Beitrag im Kontext zu verbleiben und das Ganze zu bereichern- in dieser Hinsicht also von der Individualität abzusehen und darüber hinaus zu gehen. Den „Fluss“ des Gesprächs zu beachten, ist eine grundlegende soziale Variante des Abstraktionsvermögens. Es handelt sich um die Fähigkeit, konstruktiv zu handeln. Individualität im sozialen Kontext und im gedanklichen Zusammenhang- wer das vermag, wird für jeden Zusammenhang eine Bereicherung sein. „Eine Frage noch“ ist dann kein nervendes Vortragen persönlicher Anliegen, sondern ein planmäßiger Anstoss zur Klärung des Zusammenhangs.
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Beitrag und eventuelle Diskussion auch im neuen Egoistenblog
Jürgen Kaube will nun auf etwas Bestimmtes hinaus, nämlich auf den Einsatz solcher „außerplanmäßigen Zuwendung“ auf Schüler in ihrem Unterricht. Er bezieht sich auf eine neue Studie des Erziehungswissenschaftlers Thomas Wenzl („Sich melden“). Darin wird festgestellt, dass die Schulneulinge zunächst lernen, Melderegeln zu beachten, indem sie möglichst nicht in die Klasse rufen und möglichst mit ihren Beiträgen im Thema bleiben. In der vierten Klasse halten Schüler diese Regeln meist einigermaßen ein, schnipsen aber, rudern mit den Armen und machen Geräusche, um drangenommen zu werden, wenn sie sich melden. In der fünften Klasse kommt dann das „situative Brechen der Melderegel“ durch das „Ich hab da mal eine Frage“. Dies ist zwar das Einfordern von Zuwendung und Redezeit, weicht auch vom zu erwartenden Ablauf ab, tut dies nach der Studie nicht mit privaten Anliegen. Ihr Anliegen nimmt einen anderen Standpunkt ein, bleibt aber im thematischen Kontext und bereichert diesen mit einem unkonventionellen Blickwinkel. Die Schüler haben dies zu unterscheiden gelernt; ihr Fragestandpunkt beleuchtet das Thema von außen, bereichert es aber. Dieser besondere Sichtwinkel erfordert eine gewisse Ankündigung.
Die Pointe dieser Studie liegt darin, dass in der Studie gerade das Fragen im sozialen Kontext betrachtet wird. Das lange verbreitete Ideal möglichst individuellen Unterrichts wird hier nicht vertreten, sondern eine Haltung, die aus der individuellen Fragehaltung heraus dennoch orientiert ist an der Bedeutung für alle. Das ist eine Grundkompetenz, die sonst in den pädagogischen Zielsetzungen nicht beachtet wird. Es ist auch dies eine Zielsetzung, die originär in den schulischen Kontext hinein gehört- in der Familie, in der Peergroup geht es selten darum, sich an einem thematischen Kontext zu orientieren. Die Fokussierung darauf ist gerade Sache von Schule. Unsachliche und allzu persönliche Anliegen wirken im Fluss der Beiträge, Diskussionen und Arbeiten eher störend. Es wird also gerade gelehrt, durch den individuellen Beitrag im Kontext zu verbleiben und das Ganze zu bereichern- in dieser Hinsicht also von der Individualität abzusehen und darüber hinaus zu gehen. Den „Fluss“ des Gesprächs zu beachten, ist eine grundlegende soziale Variante des Abstraktionsvermögens. Es handelt sich um die Fähigkeit, konstruktiv zu handeln. Individualität im sozialen Kontext und im gedanklichen Zusammenhang- wer das vermag, wird für jeden Zusammenhang eine Bereicherung sein. „Eine Frage noch“ ist dann kein nervendes Vortragen persönlicher Anliegen, sondern ein planmäßiger Anstoss zur Klärung des Zusammenhangs.
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Wie man einen Krieg verliert
22.Aug.2010 19:51 Uhr
Visualisation of Activity in Afghanistan using the Wikileaks data from Mike Dewar on Vimeo.
Das Video von Mike Dewar basiert auf den strategischen Daten, die bei Wikileaks publiziert worden sind und zeigt die kriegerischen Aktivitäten in Afghanistan. Man ahnt auch, warum Wikileaks derartig angefeindet wird. Durch die Visualisierung von Daten, die über Jahre hinweg reichen, wird deutlich, dass dieser Krieg verloren ist:
„The intensity of the heatmap represents the number of events logged. The colour range is from 0 to 60+ events over a one month window. We cap the colour range at 60 events so that low intensity activity involving just a handful of events can be seen - in lots of cases there are many more than 60 events in one particular region. The heatmap is constructed for every day in the period from 2004-2009, and the movie runs at 10 days per second. The orange lines represent the major roads in Afghanistan, and the black outlines are the individual administrative regions.“ (Quelle)
Die ungedeckten Worte
19.Aug.2010 20:49 Uhr
Die wunderbare schöne neue Welt kommt heute im Reiseblatt der FAZ (Nr 191, Seite R1) daher als ein Bericht über Abu Dhabi. Auch hier werden virtuelle, aber dennoch real zu bereisende Urlaubsfantasien wahr, und zwar in einem riesigen Freizeitpark von 200000 Quadratmetern- alles unter einer roten Zeltplane und klimatisiert. Momentan wird gerade gebaut: „Wir besehen uns die Menschen, die über, unter, links und rechts von uns an der Arbeit sind. Sie bilden lange Ketten und reichen sich Materialien an. Sie entstauben und streichen. Sie sitzen auf künstlichen Ahornbäumen und montieren Zweige.“
Aber montierte Ahornzweige gibt es natürlich nicht nur in Golfstaaten mit bizarrem Reichtum, nicht nur in Hollywood- Blockbustern und Spielhallen. So etwas bringen in übertragenem Sinne auch Anthroposophen zustande, die sich pseudo- okkultistisch mit ungedeckten Worten umgeben. So formulierte Georg Kühlewind jedenfalls in seinem kaum verklausulierten Zorn:
„Über die Erfahrungen eines Geistesforschers zu sprechen, wenn man sie nicht selbst vollziehen kann, ist nur in dem Sinne berechtigt, dass man sie als den Bericht eines Geistesforschers auffasst, nicht aber sich so auf sie beruft, als wären sie für mich Wirklichkeit. Die ungedeckten Worte, das Reden über Nicht- Erfahrenes, die Verstandeskombinationen von Erfahrungselementen, die keine eigenen Erfahrungen sind, all dies bildet eine isolierende Schicht von unrichtigen Vorstellungen, denen die Wahrnehmungsseite fehlt, die durch Vorstellungselemente aus der Sinnes- oder Vergangenheitswelt ersetzt wird, eine isolierende Schicht, die den so Sprechenden und meistens seine Zuhörer immer mehr von der Realität trennt: von der Realität der Gegenwärtigkeit, des Geistes, von der äußeren und inneren Realität.
Der Missbrauch des Wortes führt zu einem Illusionismus, der das hervorstechende Merkmal hat, das, was nur als Illusion gegeben ist, zu behaupten, wodurch wiederum die Illusion verdeckt und ihre Verwirklichung verhindert wird. Das gilt für die Beteuerung des „esoterischen“ Charakters, der „Wichtigkeit“, der „Weltbedeutung“ usw. Gäbe es das alles, würde man es nicht beteuern müssen. Die Beteuerung ist gerade das Zeichen für die Irrealität der Behauptung.“ (Kühlewind, Die Diener des Logos, 1981, S. 92)
Derlei Illusionismus begegnet einem in der Szene auch heute noch auf Schritt und Tritt- in den Sonntagsansprachen der diversen Breviere, aber auch in Büchern anerkannter Repräsentanten. Die neuen Medien tragen ihren Anteil dazu bei, dass die frohe Kunde des ungedeckten Worts sich quer durchs Internet verbreitet und durchaus wesentlich mehr Anhänger findet als nüchterne Recherchen. So schart eine Enddreissigerin bei Facebook 360 Anhänger um sich, die an ihren Lippen hängen, weil oder obwohl sie behauptet, die Reinkarnation Rudolf Steiners zu sein. Von den blutenden Wundmalen einer Judith von Halle und ihren visionären Eingebungen ganz zu schweigen. Wir sind heute -technologisch, medial, aber auch spirituell - noch einen Schritt tiefer gesunken als zu Kühlewinds Zeiten vor vielleicht dreissig Jahren. Heute werden vielfach nicht nur Bände mit geraunten „Geheimnissen“, Verschwörungen und geheimen Logen gefüllt, heute bekommt die Ungedecktheit eine eigene Dynamik und nimmt visionären Charakter an. Dort wo das auftritt, taumelt stets eine Gemeinschaft von Gläubigen hinterher. Offensichtlich folgt der illusionären Ungedecktheit eine Art Gärung, der immer fantastischere Erfahrungen und Behauptungen entspringen.
Abu Dhabi ist überall.
Aber montierte Ahornzweige gibt es natürlich nicht nur in Golfstaaten mit bizarrem Reichtum, nicht nur in Hollywood- Blockbustern und Spielhallen. So etwas bringen in übertragenem Sinne auch Anthroposophen zustande, die sich pseudo- okkultistisch mit ungedeckten Worten umgeben. So formulierte Georg Kühlewind jedenfalls in seinem kaum verklausulierten Zorn:
„Über die Erfahrungen eines Geistesforschers zu sprechen, wenn man sie nicht selbst vollziehen kann, ist nur in dem Sinne berechtigt, dass man sie als den Bericht eines Geistesforschers auffasst, nicht aber sich so auf sie beruft, als wären sie für mich Wirklichkeit. Die ungedeckten Worte, das Reden über Nicht- Erfahrenes, die Verstandeskombinationen von Erfahrungselementen, die keine eigenen Erfahrungen sind, all dies bildet eine isolierende Schicht von unrichtigen Vorstellungen, denen die Wahrnehmungsseite fehlt, die durch Vorstellungselemente aus der Sinnes- oder Vergangenheitswelt ersetzt wird, eine isolierende Schicht, die den so Sprechenden und meistens seine Zuhörer immer mehr von der Realität trennt: von der Realität der Gegenwärtigkeit, des Geistes, von der äußeren und inneren Realität.
Der Missbrauch des Wortes führt zu einem Illusionismus, der das hervorstechende Merkmal hat, das, was nur als Illusion gegeben ist, zu behaupten, wodurch wiederum die Illusion verdeckt und ihre Verwirklichung verhindert wird. Das gilt für die Beteuerung des „esoterischen“ Charakters, der „Wichtigkeit“, der „Weltbedeutung“ usw. Gäbe es das alles, würde man es nicht beteuern müssen. Die Beteuerung ist gerade das Zeichen für die Irrealität der Behauptung.“ (Kühlewind, Die Diener des Logos, 1981, S. 92)
Derlei Illusionismus begegnet einem in der Szene auch heute noch auf Schritt und Tritt- in den Sonntagsansprachen der diversen Breviere, aber auch in Büchern anerkannter Repräsentanten. Die neuen Medien tragen ihren Anteil dazu bei, dass die frohe Kunde des ungedeckten Worts sich quer durchs Internet verbreitet und durchaus wesentlich mehr Anhänger findet als nüchterne Recherchen. So schart eine Enddreissigerin bei Facebook 360 Anhänger um sich, die an ihren Lippen hängen, weil oder obwohl sie behauptet, die Reinkarnation Rudolf Steiners zu sein. Von den blutenden Wundmalen einer Judith von Halle und ihren visionären Eingebungen ganz zu schweigen. Wir sind heute -technologisch, medial, aber auch spirituell - noch einen Schritt tiefer gesunken als zu Kühlewinds Zeiten vor vielleicht dreissig Jahren. Heute werden vielfach nicht nur Bände mit geraunten „Geheimnissen“, Verschwörungen und geheimen Logen gefüllt, heute bekommt die Ungedecktheit eine eigene Dynamik und nimmt visionären Charakter an. Dort wo das auftritt, taumelt stets eine Gemeinschaft von Gläubigen hinterher. Offensichtlich folgt der illusionären Ungedecktheit eine Art Gärung, der immer fantastischere Erfahrungen und Behauptungen entspringen.
Abu Dhabi ist überall.
Kreuz net hat wieder Schaum vor dem Mund
17.Aug.2010 00:00 Uhr

Die ziemlich fundamentalistische Katholiken- Website kreuz.net erregt sich unter dem Titel „Sie hassen die Familie“ wieder einmal über Schwule, die in diesem Bericht offenbar gefährlich mittels „Regenschirmen und Luftballons“ gegen eine Veranstaltung demonstriert hatten:
„Die Zusammenkunft war Teil der Kampagne „Summer for Marriage Tour“ – Sommerrundfahrt für die Ehe. Sie fand beim Capitol-Gebäude im Zentrum der Stadt Albany statt. Während einer Ansprache marschierten plötzlich mehrere militante Homo-Aktivisten mit farbigen Regenschirmen und Luftballons zum Rednerpult.
Sie wiesen sich als Apologeten des unmoralischen Homo-Konkubinats aus. Die Polizei wies sie darauf hin, daß die Veranstaltung eine reguläre Erlaubnis besaß. Doch die Homo-Fanatiker weigerten sich, das Feld zu räumen. Zugleich versuchten sie, die Anwesenden mit ihren Homo-Symbolen zu provozieren.“
Furchtbar!
Klaus Barbie, neue historische Forschungen
04.Aug.2010 15:29 Uhr

Nun arbeitet Peter Hammerschmidt in seiner Examensarbeit am Thema „„Der Schlächter von Lyon“ im Sold der USA – Über die Beziehungen zwischen Klaus Barbie und dem amerikanischen Geheimdienst“ und schreibt in einem Expose:
„Klaus Barbie, der sich ab November 1942 in seiner Rolle als Gestapo-Chef im besetzten Frankreich und als Leiter der IV. Sektion der Sicherheitspolizei und des SD einen Namen als „Schlächter von Lyon“ machte, wurde nach Kriegsende, 1952, von der französischen Regierung in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Bereits 5 Jahre zuvor, als der „Eiserne Vorhang“ über Europa niederging, war Barbie zum Agenten des US-amerikanischen Geheimdienst (CIC) geworden. Im Sold der USA und unter dem Schutzmantel des CIC gelang es Barbie schließlich, ausgestattet mit gefälschten Papieren des Internationalen Komitee des Roten Kreuzes, 1951 nach Bolivien zu emigrieren, ehe er zu Beginn der 1970er Jahre von den Eheleuten Klarsfeld aufgespürt, am 11.Mai 1987 angeklagt und schließlich am 4. Juli 1987 wegen der ihm angelasteten Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. 1991 starb Barbie im Alter von 77 Jahren in Haft.“
Hammerschmidt bemüht sich in seiner Arbeit darum, „eine Antwort auf die Frage zu liefern, welche Motive den amerikanischen Geheimdienst dazu trieben, den ab 1945 auf der Central Registry of War Crimes and Security Suspects (CROWCASS) stehenden Kriegsverbrecher in den Sold der USA zu nehmen und diesen in seiner Rolle als Agent vor der Auslieferung an die französischen Behörden zu schützen. In einem weiteren Schritt sollen schließlich die Mechanismen dargestellt werden, die der CIC bemühte, um den Agenten Barbie 1951, mit einer falschen Identität ausgestattet, unerkannt auf der so genannten „Rattenlinie“ nach Südamerika zu schleusen.
Die Forschungslage zu diesem komplexen Thema ist dabei sehr überschaulisch. Abgesehen von einer 1984 erschienen Barbie-Biographie von Tom Bower1 und dem von der amerikanischen Regierung in Auftrag gegebenen und 1983 veröffentlichten sog. „Ryan-Report“2, der die Beziehungen zwischen Barbie und den USA erstmals zu analysieren versuchte, ist keine wissenschaftliche Aufarbeitung verfügbar. Die geplante Examensarbeit erhebt demnach den Anspruch, einen ersten umfassenden Forschungsbeitrag zum „Fall Barbie“ zu leisten.“
Zurzeit ist Hammerschmidt dabei, „die entsprechenden CIC-,CIA-, DOJ- und FBI-Akten zu sichten. Die seit 2000 zugänglichen Bestände können im National Archive Washington eingesehen werden.“
Ich hoffe, dass wir zu gegebener Zeit von den Ergebnissen dieser Arbeit weiter berichten können.
Nebukadnezar
13.Jul.2010 14:18 Uhr
Octavio Paz beschreibt den inneren Zustand Mexikos vor der Revolution von 1910:
„Mexiko blieb, was es gewesen war, aber ohne jeden Glauben mehr an sich selbst. Die alten Werte waren nichtig geworden, nicht aber die alten Wirklichkeiten. Schnell haben neue progressistische und liberale Werte sie überlagert.
Die maskierte Wirklichkeit war der Anfang der Unechtheit und der Lüge- endemische Übel der lateinamerikanischen Länder. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren wir höchst pseudomodern. Wir hatten Eisenbahnen, aber auch Großgrundbesitz, eine demokratische Verfassung, aber auch einen Caudillo aus bester hispano- arabischer Tradition, positivistische Philosophen, aber auch präkolumbianische Kaziken, eine symbolistische Dichtung, aber auch den Analphabetismus.
Die Übernahme des nordamerikanischen Vorbildes trug zur Auflösung der traditionellen Werte zwar bei, aber die politischen und wirtschaftlichen Aktionen des nordamerikanischen Imperialismus stärkten zugleich die archaischen sozialen und politischen Strukturen. Dieser Widerspruch zeigt deutlich, dass die Ambivalenz dieses Giganten nicht imaginärer, sondern realer Natur war. Die Heimat Thoreaus war auch die Heimat Roosevelt- Nebukadnezars.“ (O.P., „Der menschenfreundliche Menschenfresser. Geschichte und Politik 1971-1980, S. 57, Frankfurt 1981)
Die zerfallenen „alten Werte“ kann man schwer beurteilen, die Analyse einer moralisch- geistigen Ambivalenz und Indifferenz zu Beginn des 20. Jahrhunderts dagegen schon. Sie trifft sicherlich nicht nur auf Mexiko zu. Wie aber sieht die Lage heute aus, 100 Jahre später und 12 Jahre nach Octavio Pazs Tod?
Politik, Kultur und Gesellschaft werden von der krankhaften Überspitzung der kapitalistischen Geschäftsidee, den Drogenkartellen, determiniert. Die „alten Werte“, die Paz beschreibt, sind nicht nur nicht mehr existent- selbst die „liberalen Werte“ sind gleichsam implodiert. Das ist eine politische und gesellschaftliche Degeneration, die anscheinend ständig wechselnde Länder befällt und von innen her zerstört: „Mehrere Drogenkartelle liefern sich in Mexiko eine blutige Auseinandersetzung um die lukrativen Schmuggelrouten in die USA. Seit 2006 fielen dem Drogenkrieg fast 23'000 Menschen zum Opfer. Die mexikanische Regierung setzt mehr als 50'000 Polizisten und Soldaten im Kampf gegen die Drogenbanden ein. Der Urnengang galt auch als inoffizielle Abstimmung über die Politik von Präsident Calderón im Kampf gegen den Drogenkrieg.“ (Quelle)
So werden Wahlen zur lebensgefährlichen Angelegenheit; Politik wird zum Spielball zersetzender Machtkämpfe von Kartellen. Natürlich schwingen im geschichtlichen Hintergrund religiöse Motive mit- nicht zuletzt das Ringen um politisch- geistigen Einfluss zwischen Franziskanern und Jesuiten. Letztere wurden getreu ihrer damaligen Strategie zum „Sprachrohr der Beschwerden, Hoffnungen und Bestrebungen der Kreolen, aus Neuspanien das andere Spanien zu machen“ (Paz, S. 26) und postulierten zu diesem Zweck die „Identität Quetzalcoatls mit dem Apostel Thomas“. Gleichzeitig erodierte jeder Zusammenhalt der Bevölkerungsgruppen. Die religiöse „Identität“ lag ohnehin mehr im „Hass gegen die Spanier“, denen man mit schwarzmagischen Ritualen Zu Leibe rücken wollte: „Bei der Reinigung eines Kanals von Mexiko- Stadt.. (fand man) eine riesige Anzahl von kleinen Zaubergegenständen..., Figürchen und Lehmpuppen..., die Spanier darstellten, die alle von Messern und Lanzen aus demselben Material durchstochen...“ gewesen seien (Paz, S. 33).
Auch Carlos Castaneda, zwielichtiger und umstrittener Fürsprecher neo- magischer Rituale, berichtete verschiedentlich in seinen Büchern, die aztekische Religion hätte in der Form überlebt, dass sich deren Hohepriester vornehmlich durch das Gewand des katholischen Priesters getarnt hätten („Und die geschichtliche Wirklichkeit kennt viele Arten, sich zu verbergen. Eine der wirksamsten ist die, sich dem Blick aller auszusetzen.“ -Paz, S. 22).
Heute ist das Opfern von Menschen anscheinend profanisiert- es dient nicht mehr quasi- religiösen und magischen Machtstrukturen, sondern der Gewinnmaximierung der Kartelle.
„Mexiko blieb, was es gewesen war, aber ohne jeden Glauben mehr an sich selbst. Die alten Werte waren nichtig geworden, nicht aber die alten Wirklichkeiten. Schnell haben neue progressistische und liberale Werte sie überlagert.
Die maskierte Wirklichkeit war der Anfang der Unechtheit und der Lüge- endemische Übel der lateinamerikanischen Länder. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren wir höchst pseudomodern. Wir hatten Eisenbahnen, aber auch Großgrundbesitz, eine demokratische Verfassung, aber auch einen Caudillo aus bester hispano- arabischer Tradition, positivistische Philosophen, aber auch präkolumbianische Kaziken, eine symbolistische Dichtung, aber auch den Analphabetismus.
Die Übernahme des nordamerikanischen Vorbildes trug zur Auflösung der traditionellen Werte zwar bei, aber die politischen und wirtschaftlichen Aktionen des nordamerikanischen Imperialismus stärkten zugleich die archaischen sozialen und politischen Strukturen. Dieser Widerspruch zeigt deutlich, dass die Ambivalenz dieses Giganten nicht imaginärer, sondern realer Natur war. Die Heimat Thoreaus war auch die Heimat Roosevelt- Nebukadnezars.“ (O.P., „Der menschenfreundliche Menschenfresser. Geschichte und Politik 1971-1980, S. 57, Frankfurt 1981)
Die zerfallenen „alten Werte“ kann man schwer beurteilen, die Analyse einer moralisch- geistigen Ambivalenz und Indifferenz zu Beginn des 20. Jahrhunderts dagegen schon. Sie trifft sicherlich nicht nur auf Mexiko zu. Wie aber sieht die Lage heute aus, 100 Jahre später und 12 Jahre nach Octavio Pazs Tod?
Politik, Kultur und Gesellschaft werden von der krankhaften Überspitzung der kapitalistischen Geschäftsidee, den Drogenkartellen, determiniert. Die „alten Werte“, die Paz beschreibt, sind nicht nur nicht mehr existent- selbst die „liberalen Werte“ sind gleichsam implodiert. Das ist eine politische und gesellschaftliche Degeneration, die anscheinend ständig wechselnde Länder befällt und von innen her zerstört: „Mehrere Drogenkartelle liefern sich in Mexiko eine blutige Auseinandersetzung um die lukrativen Schmuggelrouten in die USA. Seit 2006 fielen dem Drogenkrieg fast 23'000 Menschen zum Opfer. Die mexikanische Regierung setzt mehr als 50'000 Polizisten und Soldaten im Kampf gegen die Drogenbanden ein. Der Urnengang galt auch als inoffizielle Abstimmung über die Politik von Präsident Calderón im Kampf gegen den Drogenkrieg.“ (Quelle)
So werden Wahlen zur lebensgefährlichen Angelegenheit; Politik wird zum Spielball zersetzender Machtkämpfe von Kartellen. Natürlich schwingen im geschichtlichen Hintergrund religiöse Motive mit- nicht zuletzt das Ringen um politisch- geistigen Einfluss zwischen Franziskanern und Jesuiten. Letztere wurden getreu ihrer damaligen Strategie zum „Sprachrohr der Beschwerden, Hoffnungen und Bestrebungen der Kreolen, aus Neuspanien das andere Spanien zu machen“ (Paz, S. 26) und postulierten zu diesem Zweck die „Identität Quetzalcoatls mit dem Apostel Thomas“. Gleichzeitig erodierte jeder Zusammenhalt der Bevölkerungsgruppen. Die religiöse „Identität“ lag ohnehin mehr im „Hass gegen die Spanier“, denen man mit schwarzmagischen Ritualen Zu Leibe rücken wollte: „Bei der Reinigung eines Kanals von Mexiko- Stadt.. (fand man) eine riesige Anzahl von kleinen Zaubergegenständen..., Figürchen und Lehmpuppen..., die Spanier darstellten, die alle von Messern und Lanzen aus demselben Material durchstochen...“ gewesen seien (Paz, S. 33).
Auch Carlos Castaneda, zwielichtiger und umstrittener Fürsprecher neo- magischer Rituale, berichtete verschiedentlich in seinen Büchern, die aztekische Religion hätte in der Form überlebt, dass sich deren Hohepriester vornehmlich durch das Gewand des katholischen Priesters getarnt hätten („Und die geschichtliche Wirklichkeit kennt viele Arten, sich zu verbergen. Eine der wirksamsten ist die, sich dem Blick aller auszusetzen.“ -Paz, S. 22).
Heute ist das Opfern von Menschen anscheinend profanisiert- es dient nicht mehr quasi- religiösen und magischen Machtstrukturen, sondern der Gewinnmaximierung der Kartelle.
