Die Egoisten

Michael Eggert: Die wilde Waldorf- Puppenstube, Ein-Mann-Sekten & hermetische Weltbilder

Zu Christian Grauers Buch Es gibt keinen Gott, und das bin ich! Anthroposophie im Nadelöhr, Basel 2011

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Natürlich hatte ich schon von dem Buch gehört, und zwar in dem Sinne, dass da einer mit seinem anthroposophischen Elternhaus abrechnet. Der Rezensent bekennt, dass er beruflich mit allen möglichen familiären Traumata befasst war und war daher einigermaßen gespannt. Mir ist, glaube ich, wirklich jeder vorstellbare Abgrund bekannt, jedenfalls in dieser Hinsicht. Aber schon in dieser Hinsicht ist Grauers Buch eine Enttäuschung. Die geschilderten Traumata bestehen vor allem darin, dass es keine gab. Zwar litt der junge Grauer unter einem „extrem dogmatische(n), christlich- pietistische(n) anthroposophische(n)“ Elternhaus, bekennt aber selbst, dass er es im Jünglingsalter versäumt hatte, ordentlich dagegen zu opponieren, also z.B. nach Goa zu ziehen oder sich die Gespenster des Elternhaus in nächtelangen Partys in Ibiza aus dem Kopf zu tanzen. Vielmehr pflegte er dieses enge Weltbild „als junger Anthroposoph selbst“. Ich habe in Studentenzeiten staunend auf Tagungen der Christengemeinschaft und anderswo wilde Mädchen erlebt, die lieber auf Sex und Drogen setzten und nach Findhorn abhauten, als „diese bigotte Waldorf- Puppenstube“ noch länger zu ertragen. Grauer dagegen las im „christengemeinschaftlichen Religionsunterricht“ Bücher über das Leben nach dem Tod, formte sich die Welt „zu einer kompakten, geschlossenen Veranstaltung“ und erklärte für sich Steiner zu einem großen Boddhisattwa, einem „Propheten und Eingeweihten“. Die „geistige Welt“, die den Vorträgen Steiners als scheinbar geschlossenes Weltbild entsprang, wurde so für Grauer zu einem „Offenbarungsglauben“.

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Im folgenden Philosophie- Studium stellte Grauer fest, dass er „durchaus positiv voreingenommen gegen Publikationen aus anthroposophischen Verlagen“ war. Aber allmählich - endlich!- dämmerte auch die Erkenntnis, dass „der übermenschliche Anspruch, den ich selber an die Anthroposophie stellte, nicht haltbar war.“
Er erkannte, dass er sein hermetisches Weltbild durch Abschirmung „von allen Einflüssen der Wirklichkeit“ künstlich am Leben hielt, auch wenn er bemerkte, dass es vor allem eines, nämlich „langweilig" war. Sich aus der selbst geschaffenen Hermetik heraus zu manövrieren, kostete Grauer einige Jahre. Die Desillusionierung wurde dann so radikal, wie der naive Glaube vorher gewesen war- was einen nicht sehr überraschenden Reflex darstellt. Bei Grauer waren es dann der Nihilismus Nietzsches, der sich als „beste Medizin gegen dogmatische metaphysische Wahnvorstellungen“ erwies und (ausgerechnet!) die wachsende Freude an dem Komiker Helge Schneider. Aber auch heute noch grollt der Autor Grauer, seine „ästhetische Bewertungsneurose“ und der „Zwang, meine Mitmenschen zu beurteilen“, sei „anerzogen“. Die harten Schemata seiner Urteile bezeichnet er tief bis ins Erwachsenenalter hinein als „meine anthroposophischen Raster“. Das klingt allerdings in den Ohren des kritischen Lesers selbstbeschönigend- eine sehr verbreitete Art und Weise, Schuldzuschreibungen zu vergeben. Grauer beklagt an mehreren Stellen das Pathos und den mangelnden Raum für „Humor und Gelassenheit.“ Das Befolgen seiner virtuellen anthroposophischen „Mission“ bezeichnet er als „besonders gesteigerte Form von Egozentrik und Intoleranz.“ Dabei kommt dieses anklagende, sich über viele Seiten erstreckende Lamento selbst reichlich egozentrisch und pathetisch daher. Es ist halt das Klagelied des Klosterschülers, der seinen Glauben verloren hat und jetzt über die verpassten Jahre jammert.

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