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Music for the end of time

Über Richard Powers „Orfeo"

Ja, das mag sein, vielleicht trägt Richard Powers in seinem neuesten Roman „Orfeo“ zu dick auf. Und ja- es ist dieselbe alte Geschichte - ein genialer moderner Komponist -Peter Els- trifft auf die amerikanische Wirklichkeit nach dem 9/11, geht beinahe daran zugrunde und schreibt am Ende die beste Musik seines Lebens. Und ja, er hat einen guten Freund - einen genial- getriebenen Regisseur - und eine beste Frau, die ihn mitsamt gemeinsamer Tochter verlässt, weil das Künstlerleben nicht ihren Vorstellungen entspricht. Und ja, sie sprechen sich am Ende, nach Jahrzehnten, wenigstens aus, nachdem dieses Leben von Richard Powers auserzählt worden ist.
Bildschirmfoto 2014-11-18 um 17.32.09

Aber dennoch- wenn auch kaum ein Klischee ausgelassen wird - Richard Powers ist eben ein kraftvoller Schriftsteller, der mit dem Quast arbeitet, nicht mit der kalligraphischen Feder. Seine Personen werden in 3d und in Farbe ausgemalt. Bei einem, der Musik liebt wie die Protagonisten dieses Buches, liegt der Friede schon im Hören von Musik: „Wordless peace fills him at the sight of his own crumpled, listening body. And pity for anyone who mistakes this blinkered life for the real deal. (..) Lines echo and overlap, revealing where the music has been heading from the opening Do. They plait together too tightly for Peter’s ear to make out everything that happens inside the five-way weave. The sound surrounds him, and Peter is immanent, inside it all, a small but crucial part of everywhere.

Musik öffnet hier - in zahllosen intimen Schilderungen - ein inneres Auge, um in ihr in einer bewussten Transzendenz aufzugehen: "Only keep still, wait, and hear, and the world will open.“ Dies ist der Punkt, das innere Anliegen, das den Komponisten umtreibt, das aber sprachlich - etwa gegenüber seiner Frau - nicht vermittelbar ist: "Music, he’ll tell anyone who asks over the next fifty years, doesn’t mean things. It is things.“ So kommt es zur Erfahrung eines unsterblich- Existentiellen: "Perhaps we all know deep down . . . that we are immortal.

Die Unsterblichkeit schützt unseren Helden allerdings nicht vor unfassbaren Dummheiten. In seiner Suche nach dem Immanenten verwirklicht er sich nicht nur in der Komposition, sondern überträgt seinen Wissensdurst auf die Chemie. Nicht im alchemistischen Sinn, sondern ganz handgreiflich in Versuchen der Manipulation von DNA. Das Labor weckt das Misstrauen von Mitbürgern und Institutionen wie dem amerikanischen Heimatschutz; es kommt durch eine Medien- Kampagne sogar zur öffentlichen Hexenjagd, da der verrückte Künstler, der den Klang und die Komposition in den Stammbaum von Bakterien bringen will, als Terrorist verdächtigt wird. Er versteckt sich im Ferienhaus seiner Therapeutin, mit der er einmal eine Affäre gehabt hat, und pflegt seine einsamen Obsessionen: "His whole history, recorded in a few haphazard splashes of water: the idea was mad. But music itself—the pointless power of it—was mad, too. A six-chord sequence could chill a soul or make it see God.“ Während wir doch alle umgeben sind von einem Schwall sinnlosen, entrückten Wall von Geräuschen und Informationsbits ("The air fills with trivial ecstasies.“) findet der verfolgte, verlassene und von der menschlichen Gemeinschaft ausgestossene Komponist Kraft für einen musikalischen Durchbruch: "music for the end of time."
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