Das Ende der Welt. Inquisitorische Stereotypen und Verschwörungstheorien | EgoBlog | Die Egoisten

Das Ende der Welt. Inquisitorische Stereotypen und Verschwörungstheorien

Anzumerken ist hier noch, dass die Vorwürfe einer angeblichen Verschwörung mit den Sarazenen bereits im Prozess gegen die Templer erhoben worden waren. Nach einer Periode gewisser Ruhe, in der viel jüdische Kaufleute und Familien zurückgekehrt waren – in der trügerischen Hoffnung, der Wahnsinn sei vorbei -, wurden die Judenverfolgungen ab 1347 wieder virulent, da in diesem Jahr – nach sechshundert Jahren "Ruhe", aus den genuesischen Häfen und aus Sizilien kommend, eine große Pestepidemie Europa durchzog. In Südfrankreich starb daran etwa ein Viertel der gesamten Bevölkerung.

Für die Epidemie wurden die Juden verantwortlich gemacht, wiederum anhand der "Brunnentheorie". Aber auch die anderen Theorien, etwa die des rituellen Mordes durch Juden, wurden neu angefacht. Im Laufe des Jahrhunderts kamen allerdings wieder Gegenstimmen auf, die inmitten der Massaker feststellten, dass ja auch die Juden an der Pest starben. Die Verschwörungsobsession ebbte allmählich, im Laufe von dreissig Jahren, ab; zumindest vorerst. Sie sollte im letzten Jahrtausend wieder und wieder aufflammen.

Unter der Oberfläche waren aber bereits neue Verdächtigungen aufgeglommen. Man witterte, speziell auf Seiten der Inquisitoren, „neue Sekten und verbotene Riten". Es sah so aus, als sollte sich die Grundlage der Verfolgungen verbreitern; schließlich waren die Personengruppen der Ketzer, Juden und Aussätzigen doch begrenzt. Erst mit dem Vorwurf der Hexerei geriet nahezu jeder ins denunziatorische Sperrfeuer, wenn das Schicksal, der Nachbar oder die kirchliche Obrigkeit es so wollten. So publizierte Papst Alexander V. 1409 eine Bulle, die aussagte, dass viele „Christen und Juden, die Hexerei, Wahrsagerei, Dämonenbeschwörungen, magische Verwünschungen, Aberglauben, böse und verbotene Künste praktizierten", noch aufzufinden seien, um „unschuldige Christen" vor dem Unglück und Verderben zu bewahren.( Ginzburg, S. 83). Damit konnte nun die Christenheit selber in ihrer ganzen Breite, nicht nur überschaubare Randgruppen, "gereinigt" werden.

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