Michael Eggert: Als ich einen Fisch vorbei brachte | EgoBlog | Die Egoisten

Michael Eggert: Als ich einen Fisch vorbei brachte

Nein, mit diesen Männern habe ich wenig gemein. Es gibt die mit den festen Schuhen und der atmungsaktiven Kunststoffwäsche, die fangen die buntesten und grössten Fische. Es gibt den Trinker, der einen widerlichen Fang am Haken hatte, ein mageres schwarzes Tier mit einer Art Laterne über dem grotesken Schädel. Dieser Kerl verwendet offenbar sehr lange Schnüre, um solche lemurischen Urtiere zu fangen. Es gibt die (wenn ich schon mal dabei bin), die immer mit leeren Netzen da stehen. Es scheint, als mache ihnen das nichts aus. Sie stehen da mit so leeren Gesichtern, als würde ihnen jemand jeden Ausdruck heraus waschen. Ich kenne aber auch Fischer, die jede Art und Unterart ihres Fanges mit lateinischer Bezeichnung benennen, die sich endlos darüber ausbreiten können, ohne jemals in ihrem Leben einen einzigen Fang getan zu haben. Würden sie das Blut, den Meergeruch überhaupt ertragen? Es hat etwas vom kühlen Duft des Geschlechtlichen, von salzigem Schleim, vielleicht mit einem eiskalten Weißwein, blauen Fensterläden, zwei durchscheinenden weißen Gardinen, hinter denen sich Schemen von Körpern verwischen und vermischen. Der Geruch von Austern; vielleicht schreckt sie das ab.

Du hättest mich haben können, damals.
Ich wäre gerne dein Junge gewesen.
Aber nein, du musstest ja wählerisch sein.


Mit diesen Fischern habe ich nichts gemein. Wir schützen uns mit extra breiten Hüten gegen die anbrandenden Brecher, zumindest die empfindlichen Augen. Unsere Gummianzüge und Kapuzen glänzen im perlenden Wasserfilm, in denen wir den Krebsen so sehr ähneln, die wir gerade fangen, wir sind ihre monströs vergrösserten Brüder. Ich finde nicht, dass Brüder immer friedlich sind.

Ich selber stehe schon lange am Fluss. Ich war, als ich damit anfing, in einer jugendlichen Krise, etwas überdreht, etwas leichtsinnig. So viel liegt einem in diesem Alter nicht am Leben. Man hat sich selbst ja auch erst als Idee. Man sucht und findet sich in der eigenen Vorstellung- als Konzept. Man muss das Selbstkonzept mit der Welt um sich herum irgendwie in Einklang bringen, und das ist schon deshalb schwierig, weil man sich ja noch nicht erprobt, weil man die Idee von sich selbst nicht einmal in Worte gefasst hat. Dann hatte ich das Gefühl, dass aus meiner Verwirrung heraus eine klare Stimme sagte: Sei Angler. Und seitdem bin ich das, obwohl ich die Ursache selbst etwas kindisch finde. Es hat sich eben dann so ergeben, vielleicht wurde ich schwach, vielleicht waren meine Fluchtbewegungen nur von kurzer Dauer, weil immer etwas dazwischen kam, und nun stehe ich hier, in der Gischt, schweigend wie alle.

Du hättest mich nehmen können, damals.
Ich wäre gerne dein Mann gewesen.
Aber nein, du musstest ja wählerisch sein.


Ich fange andere Sachen. Es hängt wohl vom Köder ab, vielleicht muss man ihn mit eigener Spucke bedecken, das hilft. Ich spucke den Köder immer an wie die Templer das Kreuz, das Bild Christi.. Wir können von Bildern nicht leben, wir brauchen den wirklichen Fang an unseren Leinen, in unseren Netzen, in unserem ganzen öligen Blut. Ich wäre sicher lieber unter Templern als unter diesen brütenden Fischern in ihren glänzenden schwarzen Überziehern, aber das sucht man sich nicht aus. Es gibt heute keine Templer mehr. Ich wäre auch gerne bei dir. Ich fange nur Aale, weißt du, aber die haben ja auch ihre Bedeutung und bringen gutes Geld. Ich weiß, dass sie Unrat fressen. Ich weiß, dass sie fettig sind. Ich weiß, dass die anderen Fischer mich deshalb verachten. Aber darauf kommt es nicht an. Wenn du das liest, wenn du dich erinnerst, wenn du Brot und Wein hast, dann bringe ich dir einen Fisch vorbei.
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